Macbeth

4. August 2016 at 23:24

 

 

© Studio Canal/The Weinstein Company

 

 

 

„Life’s but a walking shadow. Honor. Love. Friends. But in there’s death. Curses.“

 

 

 

Die an dieser Stelle für gewöhnlich übliche, kurze Inhaltsangabe spare ich mir dieses Mal, denn Shakespeares Tragödie über Machtgier, Liebe und Wahnsinn, der heimtückische Aufstieg durch Meuchelmord und der dann folgende tiefe Sturz des Macbeth sollte zumindest in groben Zügen bekannt sein. Bereits so große Namen wie Orson Welles, Akira Kurosawa oder Roman Polanski, aber auch unzählige andere Regisseure haben sich, mal mehr, mal weniger erfolgreich, an einer Adaption des zweifellos zeitlosen Stoffes versucht. Nun gesellt sich auch der noch verhältnismäßig unbekannte australische Regisseur Justin Kurzel dazu, der bisher mit dem durchaus gelungenen Snowtown erst einen Spielfilm vorzuweisen hat, sich mit Macbeth aber gleich für die anstehende Videospielverfilmung Assassin`s Creed empfehlen konnte. Inhaltlich orientiert sich Kurzel letztlich bis auf einige wenige filmisch bedingte Raffungen und Auslassungen dann auch weitestgehend am Originalstück von Shakespeare. Mit den Dialogen verhält es sich dann konsequenterweise auch ganz ähnlich, bleiben diese doch überwiegend unberührt und Kurzel macht sie sich keineswegs zu eigen, sondern übernimmt sie größtenteils aus der originalen Vorlage und belässt sie in ihrer ursprünglichen Form. Atmosphärisch verwandelt er das Drama um den Abstieg des Macbeth in den Wahnsinn in ein unglaublich dichtes und geradezu erdrückendes Werk, das zwar enorm minimalistisch inszeniert ist, aber dennoch sehr bildgewaltig und brachial daherkommt. Dieser Spagat zwischen nicht allzu sklavischer Werktreue und fulminanter Visualisierung gelingt Kurzel erstaunlich gut, ist sein Macbeth doch visuell und akustisch sehr beeindruckend und die Erzählstrukter beschränkt sich bei weitem nicht nur auf Handlung und Dialog, sondern erstreckt sich über zahlreiche Ebenen und bezieht darüber hinaus auch noch die Bildkomposition, die Bildtiefe, die Farbgebung und vor allem auch die Musik mit ein. Dazu reduziert das Drehbuch die ohnehin schon nicht sonderlich komplexe Handlung auf ihre rudimentärsten Bestandteile und fokussiert sich stattdessen lieber voll und ganz auf die Figuren, wodurch diese und vor allem die Inszenierung deutlich in den Vordergrund rücken, was aber letztlich nie zu Lasten des Inhaltes oder der Dialoge geht. Gerade in der eröffnenden Schlachtszene wird deutlich, wie Kurzel geschickt mit Stilmitteln wie Zeitraffer, Sprüngen, Superzeitlupen, teilweise sogar Standbilder und Overvoices arbeitet und so einen ganz eigenen, geradezu hypnotischen Bilderrausch aus beinahe alptraumhafter Ästhetik und mitreißender Dynamik erzeugt, sich massentauglicher Zugeständnisse konsequent verweigert und stattdessen lieber sperrig bleibt. Gelegentlich lässt sich ein Hauch von Style over Substance nicht immer leugnen, aber Kurzel verfällt nie in selbstverliebte Effekthascherei, um zu zeigen was er kann, und meistens ist seine moderne Art der Inszenierung ein interessanter und spannender Gegenpol zum altmodischen Ursprung der Vorlage und enorm bereichernd für die Erzählstruktur. Unbedingt erwähnenswert sind in jedem Fall noch die schauspielerischen Leistungen von Michael Fassbender als Macbeth und Marion Cotillard als dessen Frau Lady Macbeth. Sind die beiden ohnehin schon herausragende Darsteller mit Ausnahmequalitäten, übertreffen sie sich in Macbeth ohne jeden Zweifel selbst und bieten eine fantastische Performance. Wie Fassbender nur mit seiner Mimik oder winzigen Gesten den ohnehin schon schweren Worten nochmals mehr Gewicht zu verleihen mag, das ist enorm faszinierend. Im Zusammenspiel mit der kaum weniger beeindruckenden Marion Cotillard verstehen es beide hervorragend, sich gegenseitig immer wieder zu Höchstleistungen vor der Kamera anzutreiben. Beide tragen einen wesentlichen Teil zu der insgesamt sehr fesselnden Wirkung von Macbeth bei, die mit anderen Darstellern so vermutlich nicht zu stande gekommen wäre.

 

Justin Kurzel gelingt mit der jüngsten Verfilmung einer der wohl bekanntesten Tragödien von William Shakespeare der heikle Spagat zwischen Werktreue und Modernisierung. Den Kern des Stückes versteht er zu erhalten, überträgt diesen aber durch seine Art der Inszenierung gleichzeitig auch in die Neuzeit. Macbeth ist visuell und akustisch zweifellos großartig, geprägt von einem Minimalismus, der dennoch ausgesprochen bildgewaltig daherkommt, und erzeugt einen brachialen wie düsteren und bedrückenden Bilderreigen, dem man sich nur schwerlich entziehen kann. Allerdings sollte gesagt werden, dass sich Kurzel schon eher in Arthouse-Gefilden bewegt, sich dem Mainstream nie auch nur ansatzweise anbiedert und eingefahrene Sehgewohnheiten gezielt unterwandert. Das Ergebnis ist wahrlich schwere Kost, die sicherlich nicht jedermanns Geschmack trifft, ein intensiver und zuweilen anstrengender Filmgenuss, wenn man denn dazu bereit ist, sich darauf einzulassen. Ein Film, den man gesehen haben sollte, den man danach aber auch vielleicht so schnell nicht noch einmal wird sehen wollen. Zumindest geht es mir so damit.

 

8 von 10 Königsmördern