Knock Knock

6. August 2016 at 22:31

 

 

© Lionsgate Premiere

 

 

 

„This is what happens when you break the rules of the game, Evan. We have to punish you!“

 

 

 

Der liebende Familienvater und erfolgreiche Architekt Evan hat ein arbeitsreiches Wochenende daheim vor sich. Seine Frau und Kinder sind für ein paar Tage ans Meer gefahren und Evan nutzt die Zeit für sein neuestes Projekt. Bei Musik und einer kleinen Pfeife Gras macht er sich ans Werk, doch als es in einer regnerischen Nacht an seiner Tür klopft und zwei durchnässte junge Frauen vor ihm stehen, die offenbar auf dem Weg zu einer Party vom Taxi in der völlig falschen Gegend abgesetzt wurden, bietet Evan bereitwillig Hilfe an, bittet die beiden herein, gibt ihnen Handtücher und ruft ein neues Taxi. Während der 45 minütigen Wartezeit jedoch werden die Gespräche immer offenherziger, die Atmosphäre sexuell immer aufgeladener und letztlich landen die drei im Bett. Doch am nächsten Morgen beginnt der Leidensweg des Evan erst so richtig, denn die beiden jungen Frauen denken gar nicht daran, das Haus wieder zu verlassen.

 

Was stimmt eigentlich nicht mit Regisseur Eli Roth? Knock Knock wirkt stellenweise so, als hätte er sich seine geheimsten sexuellen Fantasien erfüllt und auf Zelluloid gebannt. Eine sehr seltsam schmierige Atmosphäre wird hier aufgebaut und kaum ein Klischee ausgelassen. Ich glaube, seine Filme und ich werden wohl keine Freunde mehr, obwohl ich seinen Erstling Cabin Fever bis heute sehr mag. Aber weder Hostel und Hostel 2, noch The Green Inferno oder nun Knock Knock konnten mich ernsthaft von den Fähigkeiten des einstigen Wunderkindes des Horrors und Protegé von Quentin Tarantino überzeugen. Immerhin versprühten Thanksgiving, sein Beitrag zu dem Sammelsurium an gefakten Trailern für das Tarantino/Rodriguez-Projekt Grindhouse, sowie sein Kurzfilm Stolz der Nation im Film Inglourious Basterds einen gewissen Charme und ließen durchaus Kenntnis der Materie erkennen. Mit seinem neuesten Werk wendet sich Roth nun dem Home Invasion-Thriller zu und die Klaviatur des Genres beherrscht er durchaus, aber darüber hinaus versucht er, in seinem Film einen Subtext zu etablieren, welchen Handlung und Inszenierung gar nicht tragen können. Es ist überdeutlich, was das Ziel ist, indem er die üblichen und meist standardisierten Geschlechterrollen in Horrorfilmen auf links krempeln und dem Genre so seine eigenen Mechanismen vorhalten will. Ein durchaus löblicher Ansatz mit Potential, weshalb es dann auch umso ärgerlicher ist, dass es Roth nicht gelingt diesen frischen Weg konsequent über lediglich rund 100 Minuten Laufzeit aufrecht zu erhalten, weil er immer wieder in genau jene Mechanismen verfällt, die Knock Knock eigentlich aufbrechen möchte, wenn er seine beiden weiblichen Hauptfiguren Genesis und Bell in einem hochgradig sexualisierten Kontext geradezu voyeuristisch inszeniert und ihnen einige Male zu oft buchstäblich unter den Rock schaut. An diesem Punkt kann ich dann auch Knock Knock nicht mehr nur auf der reinen Unterhaltungsebene wahrnehmen, welche dem Film sicherlich sehr viel besser gestanden hätte. Ein hübscher, kleiner Home Invasion-Thriller hätte das sein können, vielleicht nicht allzu überraschend und dadurch vorhersehbar, dem Genre nichts neues abgewinnend, aber unterhaltsam, wenn Roth nicht unbedingt so inkonsequent mit den Geschlechterrollen hätte spielen müssen. Darüber hinaus orientiert sich Knock Knock phasenweise doch arg an dem ungleich stärkeren Funny Games von Michael Haneke, dessen Qualitäten Roth aber nie auch nur ansatzweise zu erreichen vermag und höchstens ins stumpfe Kopieren verfällt. Schade, denn das hätte Knock Knock bei einer konsequenteren Umsetzung gar nicht nötig gehabt. Im übrigen gibt sich Eli Roth hier für seine Verhältnisse erstaunlich wenig zeigefreudig und explizit, bluttriefende Gewaltorgien sucht man vergeblich und Torture Porn-artige Ausbrüche erst recht, den roten Lebenssaft gibt es wenn überhaupt nur ganz kurz zu sehen und eine Gabel in einer Schulter ist das höchste der Gefühle. Was mir dann aber letztlich wirklich auch noch den letzten Spaß an dem Film verdirbt, ist die Tatsache, dass Roth zwar immer mal wieder Hinweise auf mögliche Motive der beiden jungen Damen streut, aber keinen einzigen davon weiter verfolgt und sie alle ins Leere führen. Stattdessen präsentiert er uns dann am Ende (Achtung: Spoiler!) die wohl einfachste, dümmste und dermaßen banale Motivation für all das, dass es schon wirklich frech und ärgerlich wird, wenn Genesis und Bell sich nämlich im Grunde nur auf einem persönlichen, ausgesprochen willkürlichen und vom Zufall geprägten Rachefeldzug gegen alle Männer befinden, denn diese sind ohnehin alles Arschlöcher und gehören per se bestraft. Eine eigenartig pervertierte Form von Emanzipation und Feminismus präsentiert Roth letztlich, und das ist dann einfach nur noch sehr, sehr ärgerlich.

 

Eli Roth verspielt mit Knock Knock die Chance, einen vielleicht nur durchschnittlichen, dafür aber immerhin solide und routiniert inszenierten und unterhaltsamen Home Invasion-Thriller abzuliefern, indem er seinem Film lieber einen Anstrich mit auf dem Weg gibt, der ihm so gar nicht steht und einen Überbau konstruiert, den er sich allein durch seine Inszenierung gleich wieder einreißt. Er verfällt immer wieder in genau die selben Mechanismen, die er eigentlich aufzuzeigen versucht und das ist höchst ärgerlich, aber den Gipfel erreicht er mit seiner finalen Auflösung in Bezug auf die Motivation von Genesis und Belle. Logikfehler und zahlreiche Ungereimtheiten lasse ich mal ganz außen vor. Darüber hinaus hat Knock Knock schauspielerisch relativ wenig zu bieten und Keanu Reeves, der zuletzt mit John Wick noch wieder zu begeistern wusste, begibt sich zum Ende hin in die Over Acting-Sphären eines Nicholas Cage in Bestform. Unterm Strich ein verzichtbarer Film.

 

3,5 von 10 Gabeln in der Schulter