The Green Inferno

2. März 2016 at 1:38

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„You know what this is? You know what they’re doing to us?“

 

 

 

Eine kleine Gruppe junger Studenten und Öko-Aktivisten macht sich auf in den peruanischen Regenwald, um dort gegen die Abholzung bisher unberührter Landstriche und die Zerstörung des Lebensraumes der dortigen Ureinwohner zu protestieren. Ihre Aktion ist zwar erfolgreich, doch auf dem Rückweg stürzt ihr Flugzeug ab und ehe sich die Überlebenden versehen, geraten sie in die Fänge eben jener Ureinwohner, deren Dorf sie ironischerweise kurz zuvor noch vor der Zerstörung bewahrten. Schnell wird klar, dass dieser indigene Stamm auch heute noch nach uralten Riten Kannibalismus betreibt und die Gruppe junger Leute ganz oben auf dem Speiseplan steht…

 

Das ist er also, der neueste Film von Eli Roth. Der Kannibalenschocker geistert nun schon seit geraumer Zeit phantomartig durch die Filmwelt, lief auf diversen Festivals, manchmal auch in Kinos, aber eine wirkliche Auswertung fand zumindest hierzulande bisher höchstens halbherzig statt. Obwohl bereits 2013 fertig gestellt, entbrannte danach ein schier unglaubliches Hickhack der Veröffentlichungspolitik. Starttermine wurden bekannt gegeben, verschoben, neu angesetzt und immer wieder verschoben. Für gewöhnlich sind derartige Probleme im Vorfeld einer Veröffentlichung meist kein besonders gutes Zeichen und leider trifft das auch auf The Green Inferno zu. Roth selbst gab in einem Interview zu, dass sein Film ebenso sehr der Ästhetik eines Werner Herzog oder Terrence Malick huldigen sollte wie auch dem italienischen Exploitationkino der späten 70er und frühen 80er, allen voran berüchtigte Kannibalenfilme (auch Mondofilme genannt) wie Cannibal Holocaust (Nackt und zerfleischt) von Ruggero Deodato oder Cannibal Ferox (Die Rache der Kannibalen) von Umberto Lenzi. Tatsächlich doch ein sehr ambitioniertes Vorhaben für das einst von Genrefans geradezu frenetisch gefeierte Wunderkind des Horrors. Splatter inszenieren, das kann Eli Roth, das muss man ihm lassen, aber wo sein Cabin Fever noch originell und voller schwarzem Humor war und Hostel und dessen Fortsetzung wenigstens noch die Grenzen des Zeigbaren verschoben, da ist The Green Inferno langweilig und nur wenig kreativ geraten. Sicher, zwei oder drei Szenen sind doch arg explizit und grausam, zeigen aber auch nichts, was man in der Form nicht schon einmal woanders gesehen hätte. Zudem scheitert der Film an seinen Charakteren, die allesamt dermaßen unsympathisch, aufgeblasen und überheblich angelegt sind und letztlich doch nur von ihren niedersten Beweggründen wie Gier und Geltungssucht angetrieben werden, dass man mit ihnen und ihrem selbstverschuldeten Schicksal nicht nur nicht mitfiebern kann, sondern es einigen von ihnen sogar geradezu gönnt. Der gesellschaftskritische Ansatz dahinter ist nur allzu offensichtlich und herzlich wenig subtil, die Arroganz der selbstgerechten Weltenretter, ihre kulturelle Überheblichkeit, die buchstäblich zerlegt wird durch den naiven Atavismus der Kannibalen. Aber Roth übertreibt es dermaßen, dass dieser Effekt sich nicht ernsthaft entfalten kann und schlicht und ergreifend einfach im leeren Raum verpufft. Es gibt eine Szene kurz vor dem Ende von The Green Inferno, wenn Roth dort mutig und konsequent gewesen wäre, dann hätte er seine geistlose Replik eines auch schon recht geistlosen Genres enden lassen wie einst George A. Romero seinen Film Night of the Living Dead, doch dazu kommt es leider nicht. Das Wunderkind muss nun bald mal ernsthaft liefern, sonst verliert es noch seinen Nimbus und entschwindet vollends in Mittelmäßigkeit.

 

Letztlich muss man feststellen, dass The Green Inferno zu lang, zu arm an Spannung und vor allem auch zu zahm und harmlos geraten ist, um innerhalb seines Genre als wirklich gelungen betrachtet werden zu können. Gerade was die vermeintlich angekündigte Härte angeht enttäuscht der Film. Eli Roth hält sich viel zu lang mit der Exposition einer ohnehin schon sehr simplen Story auf und vergeudet zu viel Zeit auf Figuren, die nicht viel hergeben und schon gar nicht erst Projektionsflächen bieten. Dazu gesellen sich zum Teil haarsträubende Dialoge und dümmliche Witze sowie äußerst deplatzierte Durchfallattacken und ein doch arg alberner Twist im weiteren Verlauf der Handlung. Zudem irritiert und stört die Hochglanzoptik des Films, die so gar nicht zu seinen offensichtlichen Vorbildern passen will, denn für eine Hommage an das dreckige, italienische Exploitationkino der 70er und 80er ist The Green Inferno viel zu sauber und glatt geraten. Auch die, zugegeben zwei oder drei doch sehr harten Splatterszenen können da nichts mehr rausreißen, sind sie doch erschreckend ideenlos umgesetzt und es mangelt ihnen einfach an Originalität. Am Ende bleibt die Erkenntnis: wenn schon ein Kannibalenfilm, dann vielleicht doch lieber eines der italienischen Originale, die zwar ebenfalls ihre offensichtlichen Schwächen haben, aber zumindest einen seltsam eigenwilligen und rotzigen Charme versprühen.

 

3 von 10 abgehackten Gliedmaßen