Assassin´s Creed

20. Oktober 2017 at 19:43

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

Der zum Tode verurteilte Callum Lynch soll durch die Giftspritze hingerichtet werden, erwacht jedoch kurz darauf in einer merkwürdigen Forschungseinrichtung. Diese ist Teil der ominösen Abstergo Foundation und befindet sich mittels einer futuristischen Apparatur namens Animus auf der Suche dem letzten Nachkommen einer uralten Blutlinie, die bis auf den Assassinen Aguilar de Nerha im Spanien des 15. Jahrhunderts zurückgeht, und scheint diesen in Lynch gefunden zu haben. Denn allein de Nerha weiß, wo ein mysteriöses Artefakt namens Apfel von Eden von ihm selbst während der Spanischen Inquisition versteckt wurde. Die Macht des Apfels von Eden soll den Schlüssel zum freien Willen der Menschheit enthalten und die Abstergo Foundation will ihn um jeden Preis.

 

Die Spiele aus der Assassin´s Creed-Reihe und deren Welten kenne ich allenfalls bruchstückhaft, ich bin da also alles andere als ein Experte und will vielmehr den Film an sich bewerten und so wenig Bezug zu den Spielen wie möglich miteinbeziehen. Nach seiner Verfilmung von Macbeth arbeitet Justin Kurzel nun für Assassin´s Creed erneut sowohl mit Michael Fassbender als auch mit Marion Cotillard zusammen, und beschreitet dennoch ganz andere Wege als noch mit seiner visuell eindrucksvoll wie gleichermaßen karg geratenen Shakespeare-Verfilmung. Von Shakespeare zu einer Videospiel-Reihe von Ubisoft, das muss man erstmal machen. Fassbender – nach eigener Aussage selbst großer Fan der Spiele – spielt als Callum Lynch/Aguilar de Nerha nicht nur die Hauptrolle, er hat auch kräftig mit produziert und den Film in seiner Entwicklungsphase immer wieder angeschoben. Ubisoft zu Folge wollte man mit Assassin´s Creed einen Film in die Kinos bringen, welcher sich eben gerade nicht ausschließlich an die Fans richtet, sondern auch ein Publikum zu erreichen vermag, das dieser Welt fremd ist. Allerdings funktioniert das für mich nicht und ich fühlte mich so gar nicht abgeholt, eher im Gegenteil, hatte ich doch immer mal wieder das Gefühl, dass der Film mich aus seiner Welt geradezu ausschließt anstatt mich als Nicht-Fan willkommen zu heißen. Auf der erzählerischen Ebene hastet Assassin´s Creed in großem Tempo manchmal bis an die Grenze der Orientierungslosigkeit durch ein konfuses Wirrwarr aus oft nur angerissenen Subplots und rätselhaften Figuren. Eine stellenweise geradezu kryptisch erzählte Story verhindert das Eintauchen in diese auf dem Papier ja durchaus interessante Welt. Mir stellten sich da echt Fragen, obwohl der Film oberflächlich betrachtet nicht sonderlich komplex strukturiert ist.

 

Zudem beweist mir Assassin´s Creed erneut, dass es sehr schwer ist, die Ästhetik von Videospielen in das Medium Film zu übersetzen. Was in Spielen oft wirklich gut wirkt, das erscheint mir in Filmen dann meist zu artifiziell. Solche Szenen hatte ich in Kurzels Film nur all zu oft, wenn man gerade in Actionsequenzen beispielsweise Abläufe zu sehen bekommt, die geradezu 1:1 einem Videospiel entsprungen zu sein scheinen, innerhalb der Struktur des Filmes aber nicht so recht funktionieren wollen. Dazu hat Assassin´s Creed eine ganz eigenartige Ästhetik und wirkt wie mit einem merkwürdigen digitalen Weichzeichner nachbearbeitet, ein visueller Aspekt, welcher mir nicht wirklich zusagt. Der Cast liest sich fantastisch, wenn sich um Michael Fassbender Schauspieler wie Jeremy Irons, Marion Cotillard und (wenn auch nur sehr kurz) Brendan Gleeson dazu gesellen, doch leider wird hier selten mehr als darstellerisches Mittelmaß abgeliefert und vieles wirkt wie auf Autopilot dargeboten. Selbst Fassbender erscheint sowohl als Mörder Callum Lynch wie auch als Assassine Aguilar de Nerha mehr profillos anstatt mysteriös. Die überraschend wenigen, dafür recht langen Actionszenen sind zwar meist recht hübsch anzusehen, bleiben letztlich aber ohne die nötige Wirkung und arm an Druck und Wucht. Parkour spielt da oftmals eine nicht unbedeutende Rolle, doch auf Dauer sind die Actionsequenzen zu repetitiv, wirken ermüdend und nutzen sich dadurch recht schnell ab. Wie eingangs erwähnt: zum Bezug zu der Spielereihe kann ich kaum etwas bis gar nichts sagen, aber Assassin´s Creed als reiner Film konnte mich nicht nur nicht erreichen, ich hatte auch das Gefühl, ausgegrenzt zu sein und kaum mehr als oberflächlich in diese Welt eindringen zu können. Das ist eigentlich schade, denn das erzählerische Potential mit all seinen Möglichkeiten ist enorm. In dieser Form allerdings funktioniert das für mich nicht wirklich und lässt mich mit reichlich Fragen zurück, welche mehr Kontext in Form der Spielewelten eventuell beantwortet hätten. Und vielleicht ging es nur mir so, aber ich fand den Abspann mit beinahe 15 Minuten sehr lang und dachte nach dem eher plötzlichen Ende des Filmes, da müsse doch noch was kommen. Kam aber nicht. Merkwürdig.

 

5 von 10 Assassinen-Klingen, die Hälse durchbohren

 

 

 

 

Macbeth

4. August 2016 at 23:24

 

 

© Studio Canal/The Weinstein Company

 

 

 

„Life’s but a walking shadow. Honor. Love. Friends. But in there’s death. Curses.“

 

 

 

Die an dieser Stelle für gewöhnlich übliche, kurze Inhaltsangabe spare ich mir dieses Mal, denn Shakespeares Tragödie über Machtgier, Liebe und Wahnsinn, der heimtückische Aufstieg durch Meuchelmord und der dann folgende tiefe Sturz des Macbeth sollte zumindest in groben Zügen bekannt sein. Bereits so große Namen wie Orson Welles, Akira Kurosawa oder Roman Polanski, aber auch unzählige andere Regisseure haben sich, mal mehr, mal weniger erfolgreich, an einer Adaption des zweifellos zeitlosen Stoffes versucht. Nun gesellt sich auch der noch verhältnismäßig unbekannte australische Regisseur Justin Kurzel dazu, der bisher mit dem durchaus gelungenen Snowtown erst einen Spielfilm vorzuweisen hat, sich mit Macbeth aber gleich für die anstehende Videospielverfilmung Assassin`s Creed empfehlen konnte. Inhaltlich orientiert sich Kurzel letztlich bis auf einige wenige filmisch bedingte Raffungen und Auslassungen dann auch weitestgehend am Originalstück von Shakespeare. Mit den Dialogen verhält es sich dann konsequenterweise auch ganz ähnlich, bleiben diese doch überwiegend unberührt und Kurzel macht sie sich keineswegs zu eigen, sondern übernimmt sie größtenteils aus der originalen Vorlage und belässt sie in ihrer ursprünglichen Form. Atmosphärisch verwandelt er das Drama um den Abstieg des Macbeth in den Wahnsinn in ein unglaublich dichtes und geradezu erdrückendes Werk, das zwar enorm minimalistisch inszeniert ist, aber dennoch sehr bildgewaltig und brachial daherkommt. Dieser Spagat zwischen nicht allzu sklavischer Werktreue und fulminanter Visualisierung gelingt Kurzel erstaunlich gut, ist sein Macbeth doch visuell und akustisch sehr beeindruckend und die Erzählstrukter beschränkt sich bei weitem nicht nur auf Handlung und Dialog, sondern erstreckt sich über zahlreiche Ebenen und bezieht darüber hinaus auch noch die Bildkomposition, die Bildtiefe, die Farbgebung und vor allem auch die Musik mit ein. Dazu reduziert das Drehbuch die ohnehin schon nicht sonderlich komplexe Handlung auf ihre rudimentärsten Bestandteile und fokussiert sich stattdessen lieber voll und ganz auf die Figuren, wodurch diese und vor allem die Inszenierung deutlich in den Vordergrund rücken, was aber letztlich nie zu Lasten des Inhaltes oder der Dialoge geht. Gerade in der eröffnenden Schlachtszene wird deutlich, wie Kurzel geschickt mit Stilmitteln wie Zeitraffer, Sprüngen, Superzeitlupen, teilweise sogar Standbilder und Overvoices arbeitet und so einen ganz eigenen, geradezu hypnotischen Bilderrausch aus beinahe alptraumhafter Ästhetik und mitreißender Dynamik erzeugt, sich massentauglicher Zugeständnisse konsequent verweigert und stattdessen lieber sperrig bleibt. Gelegentlich lässt sich ein Hauch von Style over Substance nicht immer leugnen, aber Kurzel verfällt nie in selbstverliebte Effekthascherei, um zu zeigen was er kann, und meistens ist seine moderne Art der Inszenierung ein interessanter und spannender Gegenpol zum altmodischen Ursprung der Vorlage und enorm bereichernd für die Erzählstruktur. Unbedingt erwähnenswert sind in jedem Fall noch die schauspielerischen Leistungen von Michael Fassbender als Macbeth und Marion Cotillard als dessen Frau Lady Macbeth. Sind die beiden ohnehin schon herausragende Darsteller mit Ausnahmequalitäten, übertreffen sie sich in Macbeth ohne jeden Zweifel selbst und bieten eine fantastische Performance. Wie Fassbender nur mit seiner Mimik oder winzigen Gesten den ohnehin schon schweren Worten nochmals mehr Gewicht zu verleihen mag, das ist enorm faszinierend. Im Zusammenspiel mit der kaum weniger beeindruckenden Marion Cotillard verstehen es beide hervorragend, sich gegenseitig immer wieder zu Höchstleistungen vor der Kamera anzutreiben. Beide tragen einen wesentlichen Teil zu der insgesamt sehr fesselnden Wirkung von Macbeth bei, die mit anderen Darstellern so vermutlich nicht zu stande gekommen wäre.

 

Justin Kurzel gelingt mit der jüngsten Verfilmung einer der wohl bekanntesten Tragödien von William Shakespeare der heikle Spagat zwischen Werktreue und Modernisierung. Den Kern des Stückes versteht er zu erhalten, überträgt diesen aber durch seine Art der Inszenierung gleichzeitig auch in die Neuzeit. Macbeth ist visuell und akustisch zweifellos großartig, geprägt von einem Minimalismus, der dennoch ausgesprochen bildgewaltig daherkommt, und erzeugt einen brachialen wie düsteren und bedrückenden Bilderreigen, dem man sich nur schwerlich entziehen kann. Allerdings sollte gesagt werden, dass sich Kurzel schon eher in Arthouse-Gefilden bewegt, sich dem Mainstream nie auch nur ansatzweise anbiedert und eingefahrene Sehgewohnheiten gezielt unterwandert. Das Ergebnis ist wahrlich schwere Kost, die sicherlich nicht jedermanns Geschmack trifft, ein intensiver und zuweilen anstrengender Filmgenuss, wenn man denn dazu bereit ist, sich darauf einzulassen. Ein Film, den man gesehen haben sollte, den man danach aber auch vielleicht so schnell nicht noch einmal wird sehen wollen. Zumindest geht es mir so damit.

 

8 von 10 Königsmördern