Ex Machina

28. Dezember 2015 at 19:58

 

 

 

Ex Machina (2015)
Ex Machina poster Rating: 7.7/10 (194,256 votes)
Director: Alex Garland
Writer: Alex Garland
Stars: Domhnall Gleeson, Corey Johnson, Oscar Isaac, Alicia Vikander
Runtime: 108 min
Rated: R
Genre: Drama, Mystery, Sci-Fi
Released: 24 Apr 2015
Plot: A young programmer is selected to participate in a groundbreaking experiment in artificial intelligence by evaluating the human qualities of a breathtaking female A.I.

 

 

 

„One day the AIs are going to look back on us the same way we look at fossil skeletons on the plains of Africa. An upright ape living in dust with crude language and tools, all set for extinction.“

 

 

 

Der junge Programmierer Caleb gewinnt eine interne Lotterie seiner Firma. Sein Preis: sieben Tage Aufenthalt im sehr abgelegenen Haus seines zurückgezogen lebenden Chefs Nathan. Was Caleb zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß, ist, dass er dort eigentlich an einem großen Experiment teilnehmen und mit der ersten, wahren künstlichen Intelligenz der Welt interagieren soll, um herauszufinden, ob sie wirklich ein Bewusstsein entwickelt hat. Schnell werden tiefgehende Fragen aufgeworfen und schon bald entwickelt sich eine eigenartige Beziehung zwischen den Dreien…

 

Ex Machina ist das Regiedebüt des Schriftstellers und Drehbuchautos Alex Garland, der hauptsächlich bekannt ist für seine Arbeiten mit dem Regisseur Danny Boyle, für den er die Drehbücher zu The Beach (basierend auf seinem eigenen Roman), 28 Days Later… und Sunshine schrieb. Nun verfilmt er für Ex Machina also gleich sein eigenes Skript selbst. Es ist immer etwas heikel, wenn sich Leute hinter die Kamera begeben, die eigentlich aus anderen Bereichen kommen. So hat beispielsweise letztes Jahr selbst Wally Pfister den Schritt vom Kameramann zum Regisseur gewagt und seinen Transcendence mit Johnny Depp in der Hauptrolle gewaltig an die Wand gefahren, weil er den Stoff einfach nicht in den Griff bekam. Ironischerweise ist Ex Machina thematisch zwar ähnlich gelagert, aber der bei weitem bessere Film geworden und benötigt mit seinen Produktionskosten von rund 11 Millionen Dollar lediglich ein gutes Zehntel des Budgets von Transcendence. Und tatsächlich ist Garland ein beinahe makelloser Film gelungen, ein brillantes Kammerspiel, intelligent, düster und pessimistisch, mit unglaublich klugen Dialogen gespickt mit lauter Anspielungen und Verweisen auf Kunst, Kultur, Philosophie, Religion, Musik, Film und Literatur, voller wunderbaren Ideen und Gedankenspielen. Das prometheische Thema mitsamt dem zugehörigen Gottkomplex ist gewiss nichts neues, aber indem Garland die Interaktion nur auf Caleb, Nathan und die K.I. Ava beschränkt, entwickelt sich ein faszinierendes und soghaftes Zusammenspiel, angetrieben von den sehr starken Leistungen seiner Darsteller und dem überraschend ausgeklügelten Drehbuch. Dazu ist der Look des Films unglaublich gelungen, zurückhaltend, aber ästhetisch bis ins allerkleinste Detail durchdacht, gleichzeitig kühl und modern und dennoch immer wieder auch warm und mit fantastischen Bildern ausgestattet. Das beginnt schon bei Nathan´s Haus, abgeschieden in mitten einer atemberaubend schönen Naturkulisse, auf den ersten Blick scheinbar sehr strukturiert, aber auch voller Ungereimtheiten, wenn man genauer hinsieht. Eine seltsam fremdartige Konstruktion aus Stahl, Glas und Holz, die fasziniert und gleichzeitig Unbehagen verströmt. Permanent ist da dieses unterschwellige Gefühl, das irgendetwas dort nicht stimmt, und von Beginn an ist Ex Machina beherrscht von einer ganz eigenartigen Atmosphäre, beunruhigend und bedrohlich, aber auch seltsam unfokussiert, denn es lässt sich nur schwerlich ausmachen, was genau denn nun nicht stimmt.

 

 

 

„Isn’t it strange, to create something that hates you?“

 

 

 

Braucht es überhaupt einen weiteren Film, der sich mit dem Thema künstlicher Intelligenz auseinandersetzt? Nach 2001, nach Blade Runner, nach A.I., nach Her, Transcendence und vielen anderen? Ich kann nur sagen: wenn er uns so sehr zum selbstständigem Denken anregt wie Ex Machina, dann unbedingt! Der Film stellt nicht nur immer wieder wichtige Fragen rund um das Thema Mensch und künstliche Intelligenz, er stellt vor allem immer auch genau die richtigen Fragen, geht sogar noch sehr geschickt auch auf sexuelle Komponenten dieser Fragen ein. Thematisch geht das über die üblichen Gedankenspiele weit hinaus, es geht eben nicht nur um Fragen, die andere Filme auch schon gestellt haben. Was macht uns menschlich? Was unterscheidet unsere Schöpfung von uns? Wo sind die Grenzen? Was ist Bewusstsein? Vielmehr stellt der Film die Frage, warum wir solche Angst davor haben? Vielleicht, weil wir unbewusst wissen, dass eine Ava der erste Schritt in unsere Auslöschung ist? Die nächste Stufe der Evolution? Das schöne ist, der Film stellt all diese Fragen, aber er beantwortet sie nicht für uns. Das muss der Zuschauer ganz allein für sich selbst übernehmen und sich zu dem Thema positionieren, Antworten vorgekaut bekommt man hier zu keiner Sekunde. Was harmlos als gedankliches Experiment beginnt, entwickelt sich schnell zu einem aufreibenden und verzehrenden Konflikt zwischen allen drei Charakteren um Lug, Betrug, Arglist, Täuschung und Manipulation. Sehr elegant gelingt es Alex Garland, den Zuschauer bis zum ausgesprochen zynischen Schluss im Unklaren darüber zu lassen, was sich nun eigentlich genau vor dessen Augen abspielt, mehr noch, er spielt mit dieser Idee, wenn er das sogar Thema des Films werden lässt, Täuschung durch Ablenkung, der profane Trick eines Zauberers. Darüber hinaus wird Ex Machina getragen von seinen Figuren und deren Zusammenspiel untereinander, die Charakterentwicklung erfolgt wunderbar schlüssig beinahe überwiegend durch die Dialoge, und die schauspielerische Leistung ist schlicht weg grandios. Egal, ob Oscar Isaac als Nathan, Domhnall Gleeson als Caleb oder die wunderbare Alicia Vikander als Ava, alle drei tragen das so komplexe wie fragile Konstrukt des Drehbuchs mühelos auf ihren Schultern. Isaac ist schwer zu durchschauen und spielt geradezu rätselhaft, irgendwo zwischen seltsam zugänglich und rüde abweisend. Nathan ist zweifellos ein absolutes Genie auf seinem Gebiet, aber auch genauso ein menschlicher Totalausfall, arrogant, selbstverliebt, cholerisch, unberechenbar. Genie und Wahnsinn gehen bei ihm Hand in Hand, manchmal wirkt er regelrecht schizophren und ist zu allem Überfluss mit einem handfesten Alkoholproblem gesegnet. Oscar Isaac treibt seinen kometenhaften Aufstieg seit seiner Hauptrolle in Inside Llewyn Davis von den Coen-Brüdern immer weiter voran, allein in diesem Jahr zeigte er exzellente Leistungen in A Most Violent Year, Ex Machina und The Force Awakens. Er ist extrem vielseitig und kann immer auch seinen Rollen seine individuelle Note aufdrücken. Für mich ohne jeden Zweifel der Mann des Jahres 2015. Domhnall Glesson (der mit Isaac zusammen auch in The Force Awakens spielte) liefert auch eine starke Leistung als junger Programmierer Caleb, der totale Gegenentwurf zu Nathan, eher ruhig und besonnen, ebenfalls hoch intelligent, vielleicht ein bisschen naiv, einsam und verletzlich, aber seinem Chef keineswegs immer einfach nur unterlegen. Sein Spiel ist ebenso unaufdringlich wie sein Charakter und es ist wunderbar mit anzusehen, wie Isaac und Gleeson sich perfekt ergänzen. Trotz sehr starker Leistungen wird den beiden dennoch von Alicia Vikander hemmungslos die Show gestohlen. Als Ava ist sie atemberaubend und den sehr, sehr schwierigen Drahtseilakt zwischen der kalten Berechnung einer K.I. und gleichzeitig menschlicher Wucht meistert sie mühelos und beeindruckend. Nie ist wirklich sicher, was nun genau in ihr vorgeht, was man von ihr halten soll, weiß man einfach nicht. Sie lässt sich kaum einordnen, ist rätselhaft und anziehend zu gleich, extrem faszinierend und dennoch irgendwie abstoßend.

 

So geht intelligente Science Fiction und Alex Garland erschafft mit seinem Regiedebüt Ex Machina den vielleicht besten Vertreter dieses Genre der letzten zehn Jahre oder mehr. Ein minimalistisches Kammerspiel, das gekonnt die richtigen Fragen aufwirft, es dem Zuschauer aber selbst überlässt, die Antworten dazu zu finden. Extrem intelligent geschrieben und visuell einfach nur atemberaubend bebildert, hinterfragt Ex Machina elegant die menschliche Existenz und lotet all ihre hellen und dunklen Seiten aus. Garlands Art der Inszenierung erinnert stellenweise an Stanley Kubrick, visionär, innovativ, ebenso mutig wie intellektuell, kühl und gleichzeitig menschlich in seiner Ästhetik und zutiefst moralisch. Ex Machina ist kein Film für zwischendurch, keiner zur bloßen Berieselung, er zwingt zum Zuhören und Nachdenken gleichermaßen und belohnt mit einer fantastisch umgesetzten Geschichte, die noch lange nachhallt und beschäftigen wird. Faszinierend, erschreckend, berauschend und verstörend zugleich. Ein Meisterwerk mindestens innerhalb der Grenzen seines Genre, und immer noch ein herausragender Film darüber hinaus, der, hätte ich ihn vielleicht etwas früher in diesem Jahr sehen können, mein Film des Jahres hätte werden können. So aber muss sich dieser Monolith erst noch vollständig setzen bei mir, zu sehr beschäftigt mich all das immer noch und will verarbeitet werden. Abschließend bleibt nur noch eine Frage zu stellen: sind es letztlich wirklich nur Lug und Betrug, die uns zum Menschen machen? Ihr ahnt es, Antworten darauf liefert uns Ex Machina jedenfalls nicht…

 

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