Wind River (2017)

3. Oktober 2018 at 14:06

 

 

© The Weinstein Company/Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

Well, you know, luck don’t live out here. Luck lives in the city. Out here, you survive or you surrender. Period. That’s determined by your strength and by your spirit. Wolves don’t kill unlucky deer. They kill the weak ones. You fought for your life. Now you get to walk away with it.“

 

 

 

Als der staatliche Wildtierjäger Corey Lambert im winterlichen Wyoming auf der Suche nach einem Puma ist, findet er stattdessen die Leiche der jungen Ureinwohnerin Natalie. In Folge dessen reist die junge und unerfahrene FBI-Agentin Jane Banner an um den Fall von der überforderten Reservatspolizei zu übernehmen, doch sie ist auf die Hilfe des ortskundigen Lambert angewiesen. Gemeinsam nehmen die beiden die Ermittlungen auf.

 

Wind River ist nach dem Horrorfilm Vile (2011) die zweite Regiearbeit des Drehbuchautors Taylor Sheridan und zugleich nach seinen Büchern zu Sicario und Hell or High Water der Abschluss seiner American-Frontier-Trilogie. Und auch hier zeichnet er erneut eine raue, geradezu archaische Welt mit ihren ganz eigenen Regeln und Gesetzen und fängt diese in präzisen wie kargen und kalten Bildern ein. Atmosphärisch ist Wind River ein absolutes Brett, sehr dicht und drückend, überaus fokussiert erzählt und auf das absolut Nötigste reduziert. Was als herkömmlicher Krimiplot beginnt und erzählerisch bewusst geradlinig angelegt ist, das nimmt schnell größere Dimensionen an und kippt schließlich vollkommen unerwartet und ohne jede Vorwarnung in ein knüppelhartes und brachiales Finale, welches man in seiner grimmigen Konsequenz so eher selten zu Gesicht bekommt.

 

Auge um Auge, Zahn um Zahn – das alles ist letztlich von einer kompromisslosen, geradezu alttestamentarischen Wucht geprägt, welche ganz hervorragend zum archaischen Ton des Filmes passt. Dazu gesellt sich thematisch dann noch der Rückgriff auf den wohl niedersten wie ursprünglichsten menschlichen Instinkt überhaupt: Überleben, egal wie. Einfach nur überleben. Besonders überrascht hat mich das erstaunlich nuancierte Schauspiel von Jeremy Renner und Elizabeth Olsen, deren Figuren darüber hinaus noch sehr angenehm klischeefrei und vielschichtiger angelegt sind als man vielleicht vermuten würde. Gerade Renner überzeugt mit einer sehr fragilen, verletzlichen Seite seiner sonst eher betont männlich und abgeklärt angelegten Figur des Jägers, immerzu im Kampf mit den Dämonen seiner Vergangenheit.

 

Letztlich erfindet Wind River sein Genre gewiss nicht neu, vermag aber in seiner fokussierten und zugleich sehr dichten Inszenierung einen bockstarken und vor allem bleibenden Eindruck zu hinterlassen und überzeugt auf ganzer Linie. Einfach gehalten, aber unglaublich packend und spannend und dennoch auf hohem Niveau das wohl schwächste Glied in Sheridans American-Frontiers-Trilogie.

 

8 von 10 die Stille zerfetzenden Schüssen

 

 

Arrival

28. März 2017 at 11:51

 

 

  © Paramount Pictures

 

 

 

„Language is the foundation of civilization. It is the glue that holds people together. It is the first weapon drawn in a conflict.“

 

 

 

Eines Tages landen urplötzlich zwölf riesige, außerirdische Raumschiffe an zwölf verschiedenen Orten überall auf der Erde, doch was sie wollen oder woher sie kommen, das ist vollkommen unklar. Nachdem erste Kontaktversuche scheitern, engagiert das US-Militär die renommierte Linguistin Dr. Louise Banks und den Physiker Dr. Ian Donnelly, um die Sprache der Außerirdischen zu entschlüsseln und somit auch ihre Absichten zu offenbaren. Da diese Wesen auf einer vollkommen anderen Grundlage kommunizieren als der Mensch, ist die sprachliche Annäherung ein ausgesprochen mühsames Unterfangen, welches nur sehr langsam vor sich geht. Doch da sich global die politische Lage mehr und mehr verschärft, läuft den beiden Wissenschaftlern zusehends die Zeit davon.

 

Ich werde nicht müde, immer und immer wieder zu betonen, was für ein talentierter wie spannender Regisseur Denis Villeneuve doch ist. Polytechnique, Incendies, Prisoners, Enemy und Sicario sprechen da in meinen Augen für sich und nun, nach Arrival, habe ich auch keine Angst mehr um seine Fortsetzung eines meiner absoluten Lieblingsfilme und sehe Blade Runner 2049 nun deutlich gelassener entgegen. Sein Arrival beruht auf der Kurzgeschichte Story of Your Life von Ted Chiang, welche sich der Frage widmet, was wirklich passieren würde, wenn plötzlich außerirdische Wesen unseren Planeten besuchen würden, und verknüpft diese Gedanken mit einem emotionalen Subplot. Arrival greift das auf und entwickelt diese Ideen weiter. Thematisch steht ganz eindeutig sogar in zweifacher Hinsicht Kommunikation im Vordergrund. Zunächst auf der eher kleineren Ebene um die Kontaktaufnahme selbst, das grundlegende Verstehen und das Verständnis zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Was ist Sprache? Welche Bedeutung hat sie? Wie wird kommuniziert? Wörtlich oder bildlich? Können elementare Konzepte des jeweils anderen überhaupt verstanden werden? Diesem weiten und auch spannendem Feld widmet sich die rund erste Hälfte von Arrival, ohne dabei zu trocken zu wirken, denn die Faszination der Fremdartigkeit überwiegt. Im weiteren Verlauf verlagert sich die Kommunikation dann auch auf eine weitere Ebene, wenn es um Diplomatie, um Vertrauen und Kompromisse sowie um Fähigkeit geht, die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten übergeordneter Ziele zurückstellen zu können. Betrachtet man die Geschichte des Science-Fiction-Filmes im allgemeinen und die des Invasions-Filmes im besonderen, dann überrascht es schon ein wenig, dass sich Villeneuve gerade eben nicht gleich in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Neuankömmlingen stürzt, sondern vor allem den Konflikt innerhalb der menschlichen Spezies befeuert, welche sich, unwissend ob Herkunft oder Intention der Außerirdischen, in Unruhen, Aufstände und Plünderungen immer weiter hinein steigert.

 

Arrival kommt erzählerisch ungemein langsam daher, ist sehr reduziert, nicht so sehr thrillerartig spannungsgeladen wie Prisoners oder Sicario, aber dennoch auf seine ganz eigene Art und Weise spannend und für seine Thematik erstaunlich intim inszeniert. Deswegen aber ist Arrival keineswegs weniger dramatisch oder gar langweilig, wirft der Film doch geradezu essentielle Fragen über die menschliche Existenz auf, ohne dabei allzu oberlehrerhaft zu wirken, und verknüpft gekonnt das Schicksal der Menschheit mit dem persönlichen Schicksal seiner Protagonistin. Villeneuve aber lässt seine Erzählstruktur immer wieder brüchig werden und streut losgelöst vom Geschehen mehrfach hineinragende Sequenzen ein, welche aus dem Inneren von Louise zu kommen scheinen – Flashbacks, Visionen, Einbildung oder Erinnerungsfetzen, die sich immer wieder um ein zu Beginn des Filmes in bester Terrence Malick-Manier etabliertes Motiv drehen: den frühen Tod ihrer Tochter. So erzählt Arrival auch nur vordergründig eine Geschichte über den Besuch von Außerirdischen auf der Erde, wendet sich zusehends anderen, viel intimeren Themen zu, zeigt sich in seiner Gesamtheit deutlich vielschichtiger als ursprünglich gedacht und offenbart eine klug durchdachte und zunehmend packende Geschichte innerhalb seiner Geschichte, die am Ende jede Menge Diskussionspotential bieten wird und aktueller kaum sein könnte, soviel ist gewiss. Arrival ist zwar überwiegend in vielen eher dunklen Grau – und Blautönen gehalten, dennoch aber visuell absolut umwerfend. Allein das Design der außerirdischen Raumschiffe zeigt, dass Villeneuve sein Thema doch grundlegend anders angeht als dies bisher so oft der Fall war. Sind doch oft sowohl die Außerirdischen als auch deren Technik nur unschwer als denkbare Variante des uns bereits Bekannten zu identifizieren, erscheinen hingegen die Raumschiffe in Arrival wie die Manifestation eines fundamental Anderem fernab jeglichen bekannten Designs und erinnert am ehesten noch an den schwarzen Monolithen aus Stanley Kubricks Film 2001. Konsequenter Weise verweigern sich diese Flugkörper dann zunächst auch jeder rationalen Ergründung, wenn sogar die uns bekannten Gesetze der Physik in deren Innern keine Anwendung mehr finden. In diesem Kontext müssen auch unbedingt noch der Soundtrack und das Sounddesign erwähnt werden, die beide zusammen mit dem Look des Filmes Hand in Hand gehen und eine überwältigende Symbiose hervorbringen, die große Teile der fremdartigen Atmosphäre bestimmt. Die Filmmusik stammt erneut aus der Feder des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson, der zuvor bereits Prisoners und Sicario mit seinen dröhnenden und wabernden Klängen zu veredeln wusste, und in Kombination mit dem Sounddesign von Sylvain Bellemare und seinem Team – insbesondere die Akustik der Außerirdischen ist beeindruckend –  ensteht eine unwirkliche, fremde und rätselhafte Stimmung, die nochmals sehr schön unterstreicht, wie sehr sich die Außerirdischen in allen Belangen von allem unterscheiden, was uns bekannt ist.

 

Insgesamt ist Denis Villeneuve mit Arrival erneut ein sehr guter Film gelungen und bietet dem geneigten wie aufgeschlossenem Zuschauer intelligentes wie gleichermaßen emotionales Science-Fiction-Kino der etwas besonderen Art. Nicht alles ist perfekt und gerade zum Ende hin tappt das Drehbuch in die eine oder andere Klischeefalle (Stichwort: ausgelutschte Feindbilder) und zieht vielleicht etwas zu sehr das Tempo in Richtung zugespitztem Konflikt an, aber das sind dann auch nur Abzüge in der B-Note, denn Arrival macht sehr viel anders als gewohnt und trotzdem richtig. Leider habe ich den Film (wie schon Sicario) nicht im Kino erleben können, doch da gehört er zweifellos hin, auf die große Leinwand, um seine Pracht vollends entfalten zu können. Arrival ist Kino für die Sinne, für den Kopf und für das Herz gleichermaßen, wirkt zwar bedrückend und düster, aber keineswegs hoffnungslos, und ist auch ein Plädoyer für Solidarität, Einigkeit und Zusammenhalt. Eine zwar sehr offensichtliche, in der heutigen Zeit aber kaum weniger wichtige Botschaft. Oder um Wittgenstein zu zitieren: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

 

9 von 10 Hektapoden

 

 

Mission Impossible: Rogue Nation

20. Dezember 2015 at 19:07

 

 

 

Mission: Impossible - Rogue Nation (2015)
Mission: Impossible - Rogue Nation poster Rating: 7.5/10 (160,094 votes)
Director: Christopher McQuarrie
Writer: Christopher McQuarrie (screenplay), Christopher McQuarrie (story), Drew Pearce (story), Bruce Geller (television series)
Stars: Tom Cruise, Jeremy Renner, Simon Pegg, Rebecca Ferguson
Runtime: 131 min
Rated: PG-13
Genre: Action, Adventure, Thriller
Released: 31 Jul 2015
Plot: Ethan and team take on their most impossible mission yet, eradicating the Syndicate - an International rogue organization as highly skilled as they are, committed to destroying the IMF.

 

 

 

„Desperate times, desperate measures.“

 

 

 

Nach der, wenn auch unfreiwilligen Beteiligung an der Zerstörung des Kremls in Moskau und einigen anderen Vorfällen ist der IMF auch intern schwer unter Beschuss geraten und wird aufgelöst. Alle noch sich im Einsatz befindlichen Agenten werden zurück beordert und sämtlich laufenden Operationen vorläufig der CIA übertragen. Nur Ethan Hunt ist nicht gewillt dem nachzugeben, ist er doch inzwischen so nah an der als Syndikat bekannten Organisation aus Terroristen und Ex-Agenten heran gekommen wie noch nie zuvor, an deren Existenz außer ihm jedoch kaum jemand glaubt. Hunt muss handeln, taucht unter und operiert allein weiter. Ohne Unterstützung, staatenlos und nun gejagt von Freund und Feind gleichermaßen, kann er sich nur noch auf einige sehr wenige alte Wegbegleiter verlassen…

 

Über die Mission Impossible-Reihe kann ja denken was man will, den einen unterhalten die Agentenabenteuer rund um Superspion Ethan Hunt, der andere findet das alles viel zu übertrieben und stumpf. Ich persönlich halte die Reihe mal mehr, mal weniger eigentlich immer für einen relativ sicheren Garanten für gute Unterhaltung garniert mit eindrucksvoller Action. Es muss ja nicht immer anspruchsvoll sein, man will auch mal nicht allzu viel denken müssen. Tatsache jedoch ist, dass die Mission Impossible-Filme zu den ganz wenigen großen Reihen gehören, die nicht immer unbedingt kohärent ausfallen, denn jedem bisherigen Regisseur ist es auch immer gelungen, dem jeweiligen Film seine ganz eigene, individuelle Handschrift aufzudrücken. Egal, ob Brian De Palma 1996 mit dem noch am ehesten als Agententhriller angelegten ersten Film, den ich persönlich auch immer noch für den besten von allen halte, John Woo vier Jahre später mit Teil 2, der durch und durch ein reiner Actionfilm und das schwächste Glied der Kette ist, J.J. Abrams 2006 mit Mission Impossible III, der beide Welten schon deutlich besser zu vermischen wusste, oder ob Brad Bird mit Ghost Protocol dann 2011 genau diese Rezeptur weiter verfeinerte und mit der Kletterszene an einem Wolkenkratzer in Dubai den vielleicht eindrucksvollsten Moment der ganzen Reihe inszeniert hat, alle Filme unterschieden sich doch recht deutlich in ihrer Machart und waren immer dem Stil ihrer jeweiligen Regisseure unterworfen. Nun also inszeniert Christopher McQuarrie mit Mission Impossible: Rogue Nation die neueste Agentenhatz über die halbe Weltkugel rund um Ethan Hunt und sein Team, mit dem Tom Cruise bereits für Jack Reacher zusammengearbeitet hat, und als erstes sticht ins Auge: dieses Mal fällt der Sprung im Vergleich zu Ghost Protocol nicht so deutlich auf wie bei den anderen Teilen. McQuarrie gelingt es nicht wirklich, dem Film etwas von seiner Eigenständigkeit mitzugeben und Rogue Nation erinnert oftmals stark an seinen Vorgänger. Das stört allerdings kaum, denn beide Filme bauen auch aufeinander auf, das zuvor angedeutete Syndikat wird nun weiter ausgebaut und endgültig etabliert und man knüpft genau dort an, wo der Vorgänger aufhörte. Überhaupt scheint man mit Abstrichen schon in Teil 3, spätestens aber seit Ghost Protocol auf größere Zusammenhänge zu setzen. Da konnten die ersten beiden Filme durchaus noch alleine und für sich stehen.

 

Mission Impossible: Rogue Nation führt uns von Weissrussland über London nach Wien, Casablanca und schließlich wieder zurück nach London. Vor allem Casablanca weiß als exotischer Drehort zu bestechen, aber das prachtvolle Herzstück des Films ist wohl die ungemein clever angelegte und ausgesprochen spannend inszenierte Jagd auf einen Attentäter in der Wiener Staatsoper, während dort Puccini´s Turandot aufgeführt wird. Ein ausgedehntes Katz – und Mausspiel mit gleich mehreren doppelten Böden und während die Oper sich mit der Arie Nessun Dorma ihrem Höhepunkt nähert, spitzen sich auch hinter den Kulissen die Ereignisse dramatisch zu, da wird auch schon mal eine Querflöte zur tödlichen Waffe. Die ganze Szenerie ist enorm akribisch und sehr umsichtig aufgebaut und erinnert dabei beinahe schon an Hitchcock und seinen The Man Who Knew Too Much, auch wenn dessen spannungsgeladene Qualitäten dann doch nicht ganz erreicht werden können. Die Verbeugung vor dem Großmeister der Spannung ist jedoch mehr als nur deutlich zu erkennen und McQuarrie liefert hier eine der interessantesten Actionszenen des Kinojahres 2015. Darauf folgt eine ganz stark an den ersten Film erinnernde Heist-Szene, wenn es darum geht in eine Art mehr als nur schwer gesicherten Serverraum einzudringen, um entscheidende Daten auszutauschen, die allerdings längst nicht mehr so überzeugen kann wie die voran gegangene Opernsequenz oder gar die erwähnte Szene aus dem ersten Mission Impossible-Film. Zu übertrieben und aufgeblasen kommt das alles daher und genau an dem Punkt verlässt sich Rogue Nation dann auch viel zu sehr auf CGI und verliert stark an Glaubwürdigkeit. Die darauffolgende Verfolgungsjagd in Casablanca jedoch weiß dann wieder völlig zu überzeugen, angefangen von den engen Gassen der Altstadt raus auf den Highway und in staubigen Serpentinen des nordafrikanischen Gebirges endend, wimmelt es hier nur so von winzigen und sehr gelungenen Ideen und Einfällen. Einzig eine Szene kann nicht überzeugen, aber das ist dann schon wieder fast Jammern auf hohem Niveau.

 

Gelungen ist auch wieder das Zusammenspiel der einzelnen Team-Mitglieder, auch wenn es schade ist, dass diese Interaktion untereinander in Rogue Nation nicht mehr ganz so sehr im Vordergrund steht wie noch in Ghost Protocol und es auch einige Zeit in Anspruch nimmt, bis das Team um Hunt mit Benji Dunn, William Brandt und Luther Stickell dann endlich vollzählig ist. Dafür stimmt die Chemie unter den Charakteren dann aber wieder genauso, wie man es inzwischen gewohnt ist und Timing und Witz passen wie die Faust aufs Auge. Zudem wird Ethan Hunt mit der mysteriösen und kaum zu durchschauenden Ilsa Faust (nur eine von diversen Anspielungen auf den Klassiker Casablanca!) endlich mal eine weibliche Figur an die Seite gestellt, die nicht nur mit ihm völlig auf Augenhöhe agieren darf, sondern die auch zum bisher interessantesten und komplexesten Charakter der ganzen Filmreihe überhaupt zählt. Sie hat dem Film weit mehr zu bieten als einfach nur ihre optischen Reize wie sonst eigentlich immer ihre Vorgängerinnen Thandie Newton, Paula Patton oder Michelle Yeoh, die selten durch mehr beeindrucken konnten als ihre aufwendige Abendgarderobe. Rebecca Ferguson verkörpert diese Rolle dann auch wirklich gut und versteht es, viel aus der doch überraschend komplex angelegten Ilsa Faust herauszuholen, in ihrer Schlagkraft nicht weniger als ein weibliches Pendant zu Ethan Hunt, das ihm aber auch taktisch und strategisch mühelos das Wasser reichen kann und nie wirklich unterlegen ist. Auch ist lange nicht wirklich klar, auf welcher Seite die Dame denn nun tatsächlich spielt, und eine Aura des Mysteriösen umweht sie. Auf der Seite der Bösewichte jedoch wird meist nur schurkische Standardkost geboten, ein Problem, mit dem eigentlich alle Teile der Reihe zu kämpfen haben. Die Gegenspieler haben meist zu wenig screen time und leben irgendwie immer mehr von der bloßen Behauptung ihres Bedrohungspotentials, denn von ihrer tatsächlichen Präsenz, und ja, auch der große Phillip Seymour Hoffman als Waffenhändler Owen Davian in Mission Impossible III bildet da keine Ausnahme. Nun geht es aber in Rogue Nation mit dem Syndikat um ein großes, überwiegend aus bestens ausgebildeten Ex-Agenten und Berufskillern bestehendes, weltweit verdeckt operierendes und ultrageheimes Netzwerk aus Terror und Verbrechen, eine Art Anti-IMF, wie der Film es nennt, dann aber bietet der neue Mission Impossible einfach viel zu wenig auf der Seite der Bösewichte, die trotz ihres Backgrounds kaum mehr sind als Handlanger und Kanonenfutter. Und auch der Chef des ganzen bleibt sehr blass und nichtssagend, Sean Harris als der fiese und sinistre Kopf des Syndikats Salomon Lane, kann nicht wirklich überzeugen, und so gesellt er sich munter in die illustre Runde all der wenig bedrohlichen Bösewichte und Gegenspieler der Mission Impossible-Reihe.

 

Am Ende macht Mission Impossible: Rogue Nation genau das, was er im Grunde soll, nämlich unterhalten. Das Tempo ist gewohnt hoch und die Action meist einfallsreich und spektakulär. Die Chemie im Cast stimmt und mit Ilsa Faust gewinnt das Zusammenspiel der Figuren an Qualität, zumal die meisten Charaktere in der Reihe ja doch eher flach und eindimensional ausfallen. Trotz der für alle Filme typischen Krankheiten wie beispielsweise die blassen und wenig bedrohlichen Gegenspieler, weiß Rogue Nation größtenteils zu gefallen, auch wenn der Vorgänger Ghost Protocol qualitativ nicht ganz erreicht werden kann.

 

7 von 10 Besuchen in der Wiener Staatsoper

 

 

The Avengers: Age of Ultron

30. September 2015 at 12:33

 

 

 

Avengers: Age of Ultron (2015)
Avengers: Age of Ultron poster Rating: 7.8/10 (282,723 votes)
Director: Joss Whedon
Writer: Joss Whedon, Stan Lee (based on the Marvel comics by), Jack Kirby (based on the Marvel comics by)
Stars: Robert Downey Jr., Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Chris Evans
Runtime: 141 min
Rated: PG-13
Genre: Action, Adventure, Sci-Fi
Released: 01 May 2015
Plot: When Tony Stark and Bruce Banner try to jump-start a dormant peacekeeping program called Ultron, things go horribly wrong and it's up to Earth's Mightiest Heroes to stop the villainous Ultron from enacting his terrible plans.

 

 

 

„I once had strings, but now I’m free… There are no strings on me!“

 

 

 

Nachdem der Angriff der Chitauri New York in Schutt und Asche gelegt hatte, sind die Menschen nicht sonderlich gut zu sprechen auf Superhelden und eine gewisse Ablehnung gegenüber solch mächtiger Geschöpfe macht sich in der Bevölkerung breit. Tony Stark hingegen hält weiterhin an seinem Plan vom ewigem Frieden fest und erschafft mehr oder weniger eigenmächtig ein globales Schutzprogramm, eine Künstliche Intelligenz namens Ultron. Kaum aktiviert stellt sich Ultron jedoch schnell die Frage nach seiner Existenz, entwickelt einen stark ausgeprägten Gottkomplex und schon bald seine ganz eigenen Vorstellungen davon, wie Frieden auf der Welt geschaffen werden kann…

 

Das also ist er, der, wenn auch nicht formelle (das ist Ant-Man), wohl aber doch gefühlte Abschluss der zweiten Phase des Marvel Cinematic Universe (MCU), diesem mehr als nur ehrgeizigen Großprojekt aus dem Hause Disney. Man sollte Großes erwarten dürfen. Wird der Film dem gerecht? Ja und Nein. Einerseits bedient der Film natürlich all die Mechanismen des modernen Blockbuster. Das Tempo ist ungemein hoch, Verschnaufpausen gibt es wenige, ständig passiert irgendetwas vor dem Auge des Zuschauers und Joss Whedon erhebt den Exzess regelrecht zum Erzählprinzip. Das ist in großen Teilen durchaus beeindruckend, mitunter allerdings auch erdrückend. Es gibt viel zu sehen, doch nur wenig bleibt im Gedächtnis. Macht das Age of Ultron weniger unterhaltsam? Nicht wirklich, zu unterhalten weiß der Film schon, das alles macht durchaus Spaß, wenn man sich zurücklehnt, den Kopf ausschaltet und sich dem bunten Treiben hingibt. Also alles gut? Naja…

 

So unterhaltsam The Avengers: Age of Ultron phasenweise auch daherkommt, so seltsam substanzlos wirkt er über seine gesamte Laufzeit von 141 Minuten, oftmals sogar regelrecht inhaltslos. Der gesamte Plot rund um Ultron, seine Schöpfung, seine Bewusstwerdung, seine Pläne, bemüht sich stellenweise nicht mal um Relevanz, es wird nicht wirklich eine kohärente Geschichte erzählt und große Teile sind nicht mehr als Augenwischerei und Blendwerk. Joss Whedon täuscht geschickt mit allerhand Spektakel darüber hinweg, dass sein Film auf der erzählerischen Ebene oftmals versagt und seine eigentliche Intention an anderer Stelle liegt, nämlich einzig und allein den Weg zu ebnen für die kommenden Ereignisse in Captain America: Civil War und später dann in The Avengers: Infinity War. Age of Ultron ist ein Brückenfilm wie er im Buche steht, in dessen Laufzeit nur eine handvoll Minuten und wenige Ereignisse wirklich zur Weiterentwicklung des MCU beitragen, und existiert im Grunde nur als Füllmaterial und Weichenstellung für das große Finale. Statt seine eigene Geschichte konsequent auszuformulieren, rast der Film lieber von bombastischer Actionsequenz zu Actionsequenz, rauscht förmlich an einem vorbei und wirkt dadurch manchmal gehetzt. Das alles ist zwar, wie bereits erwähnt, spektakulär und eindrucksvoll umgesetzt, aber aufgrund des hohen Tempos bleibt kaum Zeit zum Genießen im Dauerfeuer der Effekte, und so fehlt dann letztlich auch irgendwie der eine große Actionhöhepunkt, der hervorzustechen weiß.

 

 

 

„I know you’re good people. I know you mean well. But you just didn’t think it through. There is only one path to peace… your extinction.“

 

 

 

Ein weiteres Problem ist der Bösewicht selbst. Die Idee hinter Ultron als Künstliche Intelligenz mit Gottkomplex ist jetzt zwar nicht wahnsinnig neu oder innovativ, aber doch durchaus interessant in ihrem Ansatz, wenn sie entsprechend umgesetzt wird. Leider gelingt es dem Film nie, seinen Antagonisten wirklich bedrohlich erscheinen zu lassen, vielmehr wirkt Ultron oftmals wie ein Kind, dem sein Spielzeug weggenommen wurde, gibt sich theatralisch und exaltiert, wenn er Pinocchio zitierend durch die Gegend stapft. Was in den Trailern noch wunderbar Gänsehaut auszulösen wusste, funktioniert im Film dann gar nicht mehr. Zudem scheint er in keiner physischen Konfrontation den Avengers wirklich Paroli bieten zu können und verschanzt sich lieber hinter seiner Armee aus Drohnen (und noch mehr Drohnen… und Drohnen) und den beiden Maximoff-Zwillingen Pietro und Wanda ( Quicksilver und Scarlet Witch), selbst ähnlich wie Ultron fast noch Kinder, ausgestattet mit einer doch arg konstruierten Motivation, um sich dem Kampf gegen die Avengers anzuschließen. Das man Ultron nie wirklich als ernsthafte Bedrohung wahrnehmen kann (noch weniger übrigens Baron von Strucker zu Beginn des Films), ist dann auch nur ein weiterer Hinweis darauf, dass der Film seine Geschichte nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit erzählt. Wie man Quicksilver übrigens deutlich eindrucksvoller und memorabler in Szene setzt, hat Bryan Singer in X-Men: Days of Future Past gezeigt.

 

Insgesamt ist The Avengers: Age of Ultron am Ende ein unterhaltsames Megaspektakel und weiß durchaus Spaß zu machen, trotz seiner offensichtlichen Mängel. Weder die kaum ausformulierte und substanzlose Story, noch Ultrons Mangel an ernsthafter Bedrohung für die Helden wiegen so schwer, dass es einem den Spaß an all dem Budenzauber nehmen könnte, vorausgesetzt, man weiß sich darauf einzulassen und geht nicht allzu kritisch mit Joss Whedon ins Gericht. Ein wenig erschreckend aber ist dann doch der stellenweise eklatant schlechte Umgang mit den CGI-Effekten, vergleichbar dilettantische Szenen wie beispielsweise zu Beginn des Films beim Sturm auf die Hydra-Festung findet man in ähnlich großen und hoch budgetierten Filmen kaum. Das ist schlicht und ergreifend schlampig inszeniert, zumal der Film eben bis auf jene, wenige Ausnahmen sehr gut aussieht, der Zweikampf zwischen Ironman und Hulk in Afrika beispielsweise ist einwandfrei umgesetzt. Unterm Strich also ist Age of Ultron auf seine größenwahnsinnige Art und Weise durchaus unterhaltsam, aber zu seinem Leidwesen auch lediglich ein Lückenbüßer für das große Finale, ein Platzhalter und Wegbereiter. Da wäre auf jeden Fall mehr drin gewesen, dennoch wurde ich besser unterhalten als beim Vorgänger. Würde der Film seine Figuren und seine Story insgesamt etwas wichtiger nehmen und nicht ständig das Gefühl von inhaltlicher Leere vermitteln, dann hätte ich mich durchaus zu einer etwas besseren Bewertung hinreißen lassen, so aber sind es nur…

 

5,5 von 10 zerschmetterten Drohnen