Arrival

28. März 2017 at 11:51

 

 

  © Paramount Pictures

 

 

 

„Language is the foundation of civilization. It is the glue that holds people together. It is the first weapon drawn in a conflict.“

 

 

 

Eines Tages landen urplötzlich zwölf riesige, außerirdische Raumschiffe an zwölf verschiedenen Orten überall auf der Erde, doch was sie wollen oder woher sie kommen, das ist vollkommen unklar. Nachdem erste Kontaktversuche scheitern, engagiert das US-Militär die renommierte Linguistin Dr. Louise Banks und den Physiker Dr. Ian Donnelly, um die Sprache der Außerirdischen zu entschlüsseln und somit auch ihre Absichten zu offenbaren. Da diese Wesen auf einer vollkommen anderen Grundlage kommunizieren als der Mensch, ist die sprachliche Annäherung ein ausgesprochen mühsames Unterfangen, welches nur sehr langsam vor sich geht. Doch da sich global die politische Lage mehr und mehr verschärft, läuft den beiden Wissenschaftlern zusehends die Zeit davon.

 

Ich werde nicht müde, immer und immer wieder zu betonen, was für ein talentierter wie spannender Regisseur Denis Villeneuve doch ist. Polytechnique, Incendies, Prisoners, Enemy und Sicario sprechen da in meinen Augen für sich und nun, nach Arrival, habe ich auch keine Angst mehr um seine Fortsetzung eines meiner absoluten Lieblingsfilme und sehe Blade Runner 2049 nun deutlich gelassener entgegen. Sein Arrival beruht auf der Kurzgeschichte Story of Your Life von Ted Chiang, welche sich der Frage widmet, was wirklich passieren würde, wenn plötzlich außerirdische Wesen unseren Planeten besuchen würden, und verknüpft diese Gedanken mit einem emotionalen Subplot. Arrival greift das auf und entwickelt diese Ideen weiter. Thematisch steht ganz eindeutig sogar in zweifacher Hinsicht Kommunikation im Vordergrund. Zunächst auf der eher kleineren Ebene um die Kontaktaufnahme selbst, das grundlegende Verstehen und das Verständnis zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Was ist Sprache? Welche Bedeutung hat sie? Wie wird kommuniziert? Wörtlich oder bildlich? Können elementare Konzepte des jeweils anderen überhaupt verstanden werden? Diesem weiten und auch spannendem Feld widmet sich die rund erste Hälfte von Arrival, ohne dabei zu trocken zu wirken, denn die Faszination der Fremdartigkeit überwiegt. Im weiteren Verlauf verlagert sich die Kommunikation dann auch auf eine weitere Ebene, wenn es um Diplomatie, um Vertrauen und Kompromisse sowie um Fähigkeit geht, die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten übergeordneter Ziele zurückstellen zu können. Betrachtet man die Geschichte des Science-Fiction-Filmes im allgemeinen und die des Invasions-Filmes im besonderen, dann überrascht es schon ein wenig, dass sich Villeneuve gerade eben nicht gleich in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Neuankömmlingen stürzt, sondern vor allem den Konflikt innerhalb der menschlichen Spezies befeuert, welche sich, unwissend ob Herkunft oder Intention der Außerirdischen, in Unruhen, Aufstände und Plünderungen immer weiter hinein steigert.

 

Arrival kommt erzählerisch ungemein langsam daher, ist sehr reduziert, nicht so sehr thrillerartig spannungsgeladen wie Prisoners oder Sicario, aber dennoch auf seine ganz eigene Art und Weise spannend und für seine Thematik erstaunlich intim inszeniert. Deswegen aber ist Arrival keineswegs weniger dramatisch oder gar langweilig, wirft der Film doch geradezu essentielle Fragen über die menschliche Existenz auf, ohne dabei allzu oberlehrerhaft zu wirken, und verknüpft gekonnt das Schicksal der Menschheit mit dem persönlichen Schicksal seiner Protagonistin. Villeneuve aber lässt seine Erzählstruktur immer wieder brüchig werden und streut losgelöst vom Geschehen mehrfach hineinragende Sequenzen ein, welche aus dem Inneren von Louise zu kommen scheinen – Flashbacks, Visionen, Einbildung oder Erinnerungsfetzen, die sich immer wieder um ein zu Beginn des Filmes in bester Terrence Malick-Manier etabliertes Motiv drehen: den frühen Tod ihrer Tochter. So erzählt Arrival auch nur vordergründig eine Geschichte über den Besuch von Außerirdischen auf der Erde, wendet sich zusehends anderen, viel intimeren Themen zu, zeigt sich in seiner Gesamtheit deutlich vielschichtiger als ursprünglich gedacht und offenbart eine klug durchdachte und zunehmend packende Geschichte innerhalb seiner Geschichte, die am Ende jede Menge Diskussionspotential bieten wird und aktueller kaum sein könnte, soviel ist gewiss. Arrival ist zwar überwiegend in vielen eher dunklen Grau – und Blautönen gehalten, dennoch aber visuell absolut umwerfend. Allein das Design der außerirdischen Raumschiffe zeigt, dass Villeneuve sein Thema doch grundlegend anders angeht als dies bisher so oft der Fall war. Sind doch oft sowohl die Außerirdischen als auch deren Technik nur unschwer als denkbare Variante des uns bereits Bekannten zu identifizieren, erscheinen hingegen die Raumschiffe in Arrival wie die Manifestation eines fundamental Anderem fernab jeglichen bekannten Designs und erinnert am ehesten noch an den schwarzen Monolithen aus Stanley Kubricks Film 2001. Konsequenter Weise verweigern sich diese Flugkörper dann zunächst auch jeder rationalen Ergründung, wenn sogar die uns bekannten Gesetze der Physik in deren Innern keine Anwendung mehr finden. In diesem Kontext müssen auch unbedingt noch der Soundtrack und das Sounddesign erwähnt werden, die beide zusammen mit dem Look des Filmes Hand in Hand gehen und eine überwältigende Symbiose hervorbringen, die große Teile der fremdartigen Atmosphäre bestimmt. Die Filmmusik stammt erneut aus der Feder des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson, der zuvor bereits Prisoners und Sicario mit seinen dröhnenden und wabernden Klängen zu veredeln wusste, und in Kombination mit dem Sounddesign von Sylvain Bellemare und seinem Team – insbesondere die Akustik der Außerirdischen ist beeindruckend –  ensteht eine unwirkliche, fremde und rätselhafte Stimmung, die nochmals sehr schön unterstreicht, wie sehr sich die Außerirdischen in allen Belangen von allem unterscheiden, was uns bekannt ist.

 

Insgesamt ist Denis Villeneuve mit Arrival erneut ein sehr guter Film gelungen und bietet dem geneigten wie aufgeschlossenem Zuschauer intelligentes wie gleichermaßen emotionales Science-Fiction-Kino der etwas besonderen Art. Nicht alles ist perfekt und gerade zum Ende hin tappt das Drehbuch in die eine oder andere Klischeefalle (Stichwort: ausgelutschte Feindbilder) und zieht vielleicht etwas zu sehr das Tempo in Richtung zugespitztem Konflikt an, aber das sind dann auch nur Abzüge in der B-Note, denn Arrival macht sehr viel anders als gewohnt und trotzdem richtig. Leider habe ich den Film (wie schon Sicario) nicht im Kino erleben können, doch da gehört er zweifellos hin, auf die große Leinwand, um seine Pracht vollends entfalten zu können. Arrival ist Kino für die Sinne, für den Kopf und für das Herz gleichermaßen, wirkt zwar bedrückend und düster, aber keineswegs hoffnungslos, und ist auch ein Plädoyer für Solidarität, Einigkeit und Zusammenhalt. Eine zwar sehr offensichtliche, in der heutigen Zeit aber kaum weniger wichtige Botschaft. Oder um Wittgenstein zu zitieren: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

 

9 von 10 Hektapoden

 

 

Rogue One: A Star Wars Story

18. Dezember 2016 at 17:49

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„They call it the Death Star. There’s no better name. And the days coming soon, when it will be unleashed.“

 

 

 

Das Imperium baut seine Schreckensherrschaft immer weiter aus, doch in den Reihen der ehemaligen Allianz machen Gerüchte den Umlauf, der Imperator hätte den Bau einer gewaltigen Waffe veranlasst, deren Konstruktion bereits weit fortgeschritten sein soll. Durch ein Netz aus Spionen und Kollaborateuren gelingt es der Rebellion schließlich, an entscheidende Informationen zu gelangen und irgendwie scheint das alles mit der Vergangenheit von Jyn Erso  zusammen zu hängen, die sich jedoch in imperialer Gefangenschaft befindet.

 

Das wichtigste vorweg: dieser Text ist aus offensichtlichen Gründen vollkommen frei von Spoilern, denn ich möchte niemanden um sein Vergnügen im Kino bringen. Ihr könnt also ganz beruhigt meinen Gedanken zum Film folgen ohne Angst haben zu müssen, danach Dinge zu wissen, die ihr vielleicht gar nicht wissen wolltet. Also gut, dann wollen wir mal. Plötzlich ist schon wieder ein Jahr vorbei und da ist er nun, der erste von drei Ablegern aus dem Star Wars-Universum, der sich nur am Rande mit der großen Rahmenhandlung befasst und stattdessen eine eher kleine Geschichte rund um eine Gruppe Rebellen in den Fokus rückt, deren Bedeutung im großen Kontext aber kaum wichtiger sein könnte. Rogue One: A Star Wars Story fungiert als eine Art Bindeglied zwischen neu und alt, ist er inhaltlich doch angesiedelt zwischen Episode III und IV und erzählt, wie es der Rebellion gelungen ist an die Baupläne des Todessterns zu gelangen, eine bisher allenfalls sehr vage und schwammig gehaltene Geschichte, die höchstens mit einem Nebensatz abgekanzelt wurde. Nun hat sich also Gareth Edwards nach Monsters und Godzilla eben jener Geschichte angenommen und sich vorgenommen, sie mehr in den Vordergrund zu rücken. Was kursierte nicht wieder alles an Meldungen seit der Bekanntgabe von Rogue One. Massive Nachdrehs hätte es gegeben, weil Disney der Film zu düster und humorlos sei. Aber trotz aller Unkenrufe, Panikmache und Franchise-Pessimisten im Vorfeld, die den Tod der Reihe gefühlt alle zehn Minuten prophezeiten: Rogue One ist letzten Endes verdammt gut geworden. Und das trotz der immensen Bürde, als Brückenfilm eine spannende und packende Geschichte erzählen zu müssen, deren Ausgang altbekannt ist. Edwards meistert diesen Spagat nicht nur ganz hervorragend, er schließt sogar buchstäblich sehr schlüssig und sinnvoll eine erzählerische Lücke im Konstrukt, die seit 1977 Star Wars-Fans dieser Welt beschäftigt.

 

Der Einstieg in das neueste Star Wars-Abenteuer gestaltet sich allerdings zunächst erzählerisch etwas holprig und unübersichtlich, wenn in kurzer Zeit relativ viele neue Figuren und Namen eingeführt werden und zahlreiche Ortswechsel ein wenig Verwirrung stiften. Das gibt sich aber schnell und nimmt die Geschichte erst einmal an Tempo auf, dann gewinnt Rogue One auch erzählerisch deutlich an Qualität dazu, nimmt immer weiter Fahrt auf und mündet schließlich in einem wahrlich phänomenalen letzten Drittel, welches mit zu dem Besten gehört, was ich dieses Jahr sehen durfte. Atmosphärisch ist Edwards Film sehr dicht geraten und besticht durch eine gerade für Star Wars überraschend düstere und martialische Grundstimmung. Rogue One platziert sich dabei erstaunlich weit weg vom gewohnt allgegenwärtigen Mystizismus der Hauptfilme und ist deutlich mehr Kriegsfilm als Fantasy (denn nichts anderes ist Star Wars, waren die Science Fiction-Elemente doch immer schon nicht viel mehr als Beiwerk). Sicher, Krieg herrschte in Star Wars immer schon (steht ja so auch im Namen), aber noch nie zuvor wurde das so greifbar dargestellt wie in Rogue One. Wir sehen eine von Sturmtruppen besetzte Stadt, militärische Hardliner auf Seiten des Imperiums und der Rebellen, Terrorismus und Guerilla-Taktiken. Edwards zeigt unnötiges Leid, Kollateralschäden, Attentate, Folter, Sprengstofffallen, Graben- und Häuserkämpfe, schmerzhafte Opfer und vor allem eine Gruppe von Rebellen, die für ihr Ziel auch vor schmutzigen Methoden nicht zurückschreckt, denn auch die Freiheit hat ihren Preis und will blutig erkämpft werden. Es ist keine klassische Abenteuerreise mehr, auch wenn deren Essenz durchaus noch rudimentär vorhanden ist. Wenn jedoch das erste Gefecht zwischen Rebellen und Sturmtruppen ausbricht, dann breitet sich recht schnell ein ganz anderes Gefühl aus. Das ist Krieg. Gerade im letzten Szenario auf dem Planeten Scarif wird das deutlich wie nie zuvor und so manche Szene erinnert durchaus auch an den einen oder anderen Vietnam-Kriegsfilm, wenn sich versprengte Rebellen ihren Weg durch dschungelartiges Unterholz bahnen, immer den Tod als ständigen Begleiter im Gepäck. Es gibt auch keine strahlenden Helden, die alleine das Imperium besiegen, und jeder noch so kleine Erfolg ist mit Aufopferung und Verlust verbunden und teuer erkauft. Man könnte zwar argumentieren, dass einige der Charaktere allenfalls nur schwach ausgearbeitet sind, sehr schablonenhaft wirken und austauschbar sind, aber in meinen Augen funktionieren sie gerade deswegen besonders gut. Sie sind eben keine mächtigen Jedi mit vorher bestimmtem Schicksal, sie verfügen auch über keine besonderen Kräfte, sondern sind einfach nur durchschnittliche Typen, die für eine Sache einstehen, an die sie bedingungslos glauben, und das um jeden Preis. Damit verweigert sich Rogue One angenehm dem Trend der Superhelden, Zauberer und Übermenschen, die zuletzt die Kinokassen beherrschten, und bietet eine deutlich stärkere Projektionsfläche.

 

Natürlich bietet der Film neben all der drückenden Düsternis auch wieder spektakuläre Schauwerte im Minutentakt, ist visuell eine regelrechte Offenbarung und zeigt sich technisch bis auf zwei leider völlig unnötige und überflüssige digitale Verjüngungen, die doch sehr deplatziert und störend wirken (und vor allem auch viel eleganter hätten gelöst werden können), auf aller höchstem Niveau. Eine wahre Pracht sind einige der Schauplätze und wunderschön anzusehen. Zudem hält sich Edwards zu Gunsten seiner ganz eigenen Dramaturgie mit Anspielungen auf die alten Filme sowie übermäßigen Zitaten angenehm zurück. Natürlich gibt es einiges zu entdecken und immer mal wieder kleine Verbeugungen oder bekannte Motive und Kameraeinstellungen, auch die eine oder andere bekannte Figur darf mal durchs Bild laufen, aber von dem geradlinigen Fanservice aus Episode VII ist Rogue One meilenweit entfernt und verliert niemals seine kompakte und inhaltlich geschlossene Kernhandlung aus dem Blick. So sehr J.J. Abrams mit Episode VII auf Nummer sicher ging und den geneigten Fan nicht verprellen wollte, so sehr emanzipiert sich Gareth Edwards mit seiner erstaunlich selbstbewussten und stilsicheren Inszenierung vom bisherigen Kanon. Zudem legt der Mann erneut ein unglaublich präzises visuelles Gespür an den Tag und erschafft immer wieder fulminante Kampfszenen und teils epische Schlachten, ohne dabei jemals den Überblick zu verlieren oder gar in Hektik zu verfallen. Seine Bilder bleiben immer übersichtlich und für den Zuschauer geht im Kampfgetümmel nie die Orientierung verloren. Überhaupt beweist Edwards nach Monsters und Godzilla nun zum dritten Mal in Folge eindrucksvoll, wozu er fähig ist und dass er es wie kein anderer versteht, das Maximum aus seinen Budgets herauszuholen ohne abzudriften und sich in megalomanischen Ideen zu verirren.

 

Rogue One: A Star Wars Story ist atmosphärisch düster und dreckig geraten und packend wie mitreißend inszeniert. Gareth Edwards gelingt es ganz hervorragend, seinen Film bis zum Schluss spannend zu halten, obwohl der Ausgang der Geschichte nur allzu bekannt ist. Der Film unterscheidet sich sehr vom Stil der letztjährigen Episode VII, die für mich inzwischen nach der abgeebbten Euphorie ein wenig an Qualität eingebüßt hat und deren strukturellen Schwächen etwas in den Vordergrund rückten, und hebt sich bewusst vom bisherigen Star Wars-Universum ab, in dem er das Element Krieg deutlich in den Vordergrund rückt. Aus dem Bauch heraus gefällt mir Rogue One besser als Episode VII und ich vermute einfach mal, dass ich den Film mittel –bis langfristig als gehaltvoller und gewichtiger empfinden werde, hat er doch mehr Substanz zu bieten. Die Einordnung in den Kanon gestaltet sich noch als schwierig, direkte Vergleiche lassen sich nur schwerlich und allenfalls sehr oberflächlich ziehen und das inzwischen häufig vernommene Label „besser als Das Imperium schlägt zurück“ kann man in meinen Augen zu diesem Zeitpunkt unmöglich in den Mund nehmen. Da sollten wir vielleicht einfach 25 Jahre vergehen lassen und dann ein Urteil fällen, zumal die Faszination für Star Wars in meiner Generation ja ohnehin auch immer romantisch verklärt ist. Rogue One jedenfalls ist über weite Strecken trotz der anfänglichen Probleme ganz hervorragend geworden und auch wenn die eine oder andere kleine Kritik durchaus berechtigt und der Film nicht immer perfekt funktioniert, so ist er doch absolut sehenswert und sollte unbedingt im Kino erlebt werden.

 

8,5 von 10 umprogrammierten Kampfrobotern des Imperiums

 

 

Southpaw

3. Januar 2016 at 18:56

 

 

 

Southpaw (2015)
Southpaw poster Rating: 7.5/10 (98,250 votes)
Director: Antoine Fuqua
Writer: Kurt Sutter
Stars: Jake Gyllenhaal, Rachel McAdams, Forest Whitaker, Oona Laurence
Runtime: 124 min
Rated: R
Genre: Action, Drama, Sport
Released: 24 Jul 2015
Plot: Boxer Billy Hope turns to trainer Tick Wills to help him get his life back on track after losing his wife in a tragic accident and his daughter to child protection services.

 

 

 

„A fighter knows only one way to work.“

 

 

 

Billy Hope hat es geschafft. Vom ungebildeten Waisenjungen aus der Gosse zum Weltmeister im Halbschwergewicht mit einer beeindruckenden Bilanz von 43 Siegen, weltbekannt und Millionen schwer. Als jedoch seine Frau Maureen durch einen tragischen Unfall ums Leben kommt, bricht für Billy eine Welt zusammen. Er stürzt in ein tiefes Loch aus Wut, Trauer, Selbsthass, Alkohol und Drogen und verliert alles, sein Geld, sein bisheriges Leben, sogar das Sorgerecht für seine kleine Tochter Leila. Erst als der Boxtrainer Tick Wills ihn unter seine Fittiche nimmt, besinnt sich Billy wieder auf das wesentliche und beginnt, sich Stück für Stück wieder nach oben zu kämpfen…

 

Keine Sportart ist enger mit dem amerikanischen Traum verknüpft als das Boxen. Vom Außenseiter zum Millionär, du musst es nur wollen und dir hart genug mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpfen. Und genau dieser Gedanke ist es, den Regisseur Antoine Fuqua und Drehbuchautor Kurt Sutter hier aufgreifen und auf die Leinwand bringen. Wobei Southpaw zunächst noch recht ungewöhnlich inszeniert ist, verzichtet er doch eingangs auf den sonst üblichen, harten und entbehrungsreichen Weg seines Protagonisten bis ganz nach oben, denn Billy Hope ist bereits dort angekommen, als das Schicksal zuschlägt. Dann erst beginnt sein eigentlicher Kampf, der Kampf um sein Leben, seine Tochter, seine Karriere. Insofern verschiebt Southpaw lediglich altbekannte strukturelle Ansätze, bietet jedoch keine neuen und vermag es zu keiner Sekunde, sich aus dem engen erzählerischen Korsett des Sportdramas zu befreien. Was ja auch überhaupt nicht schlimm wäre, könnte sich doch der Film wenigstens innerhalb dieser starren Strukturen vernünftig bewegen, doch leider sind sowohl Fuqua´s Inszenierung als auch Sutters Drehbuch bestenfalls mittelmäßig, schablonenhaft, formal und stilistisch einfältig und voller gängiger Bilder und leerer Plattitüden. Es überkommt einen das Gefühl, Sutter hätte für das Drehbuch sämtliche Klischees niedergeschrieben, die ihm so eingefallen sind zum Thema Boxen. Überhaupt haben sich da zwei gefunden, die bestens zusammen passen, Antoine Fuqua und Kurt Sutter, der überwiegend bekannt dafür ist, die Serie Sons Of Anarchy erschaffen und geschrieben zu haben. Ihr Schaffen ist doch sehr geprägt von erdrückender Maskulinität und daraus resultierender Gewalt und beide zelebrieren mit Vorliebe ganz besonders männliche Attitüden und Einstellungen. Mit Southpaw erschaffen Fuqua und Sutter nun zusammen ein absolut Testosteron getränktes Boxer-Melodram voller klischeehafter und eindimensionaler Figuren direkt aus dem Sportdrama/Boxfilm-Baukasten, das zu allem Überfluss auch nicht verbergen kann, wie sehr es darum bemüht ist, den Zuschauer emotional zu manipulieren. So weit das Auge reicht nur flache Abziehbilder, eine seltsam verzerrte Vorstellung von Männlichkeit und vorgegaukelte Gefühle. Wirklich zu berühren vermag Southpaw dementsprechend auch nur in den allerwenigsten Momenten. Dennoch ist nicht alles schlecht, was Fuqua und Sutter uns hier auftischen, so viel muss schon um der Fairness willen gesagt werden. Jake Gyllenhaal ist ohne jeden Zweifel ein absolutes Tier, eine Bestie innerhalb und außerhalb des Rings. Seine Performance ist jeglicher Hinsicht herausragend und er reißt den Film definitiv an sich, dominiert jede Szene, erdrückt aber auch beinahe alle anderen Darsteller. Sein Spiel ist fraglos das beeindruckenste am ganzen Film und einzig Forest Whitaker als der in die Jahre gekommene und väterliche Boxtrainer Tick Wills weiß noch zu überzeugen, wenn auch kaum zu glänzen. Ein gelungener und auch nötiger, weil angenehm ruhiger Gegenentwurf zu Gyllenhaals impulsiver und einnehmender Darbietung, dennoch ist auch diese Figur vollkommen durchdrungen von Klischees und Allgemeinplätzen und kommt etwas zu spät zum Zuge, um den Film noch in eine andere Richtung lenken zu können. Der Rest des Cast versinkt in Beliebigkeit und ist sowohl für die Entwicklung der Story als auch schauspielerisch vollkommen belanglos, kaum mehr als simple Stichwortgeber und Erfüllungsgehilfen. In den Boxkämpfen setzt Fuqua auf maximale Dynamik und inszeniert sie sehr direkt und unmittelbar, hart, blutig und verschwitzt. Zwar dominieren schnelle Schnitte, dennoch wirken die Ringszenen immer auch sehr druckvoll und wuchtig, sind aber eher medienartig im Stile von Sportübertragungen gehalten und daher weniger emotional angelegt.

 

Southpaw ist zu jeder Sekunde absolut dominiert von der beinahe schon erdrückenden Präsenz von Jake Gyllenhaal, der zweifellos abermals eine beeindruckend starke Leistung zeigt, hat zu seinem Leidwesen jedoch darüber hinaus bis auf gelungen inszenierte Boxkämpfe relativ wenig zu bieten. Auch Forest Whitaker vermag gerade auch im Zusammenspiel mit Gyllenhaal noch kleinere Glanzpunkte setzen, kann letztlich aber auch nicht mehr aus dem Film heraus holen. Zu sehr reihen Fuqua und Sutter hier Klischee an Klischee an Klischee und versinken in Allgemeinplätzen und Beliebigkeit. Selbst einige wenige durchaus interessante Ansätze verpuffen in zu viel Testosteron und Einfälltigkeit und Southpaw gerät viel zu formelhaft in seiner Erzählstruktur, um dem Genre des Sportdramas neue Aspekte abgewinnen zu können. Muss der Film im Grunde ja auch gar nicht, aber ein bisschen weniger Klischee, emotionale Manipulation und regelrecht ausgequetschte Tränendrüsen wären auch ganz schön gewesen. Dann doch lieber zum x-ten Mal Rocky oder lieber gleich den ungeschlagenen König des Genres, Raging Bull.

 

5,5 von 10 tiefen Cuts über dem Auge