Spotlight

9. November 2016 at 17:28

 

 

© Open Road Films

 

 

 

„If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one.“

 

 

 

Als Martin Baron 2001 den Posten des Chefredakteurs beim Boston Globe antritt und auf einen Fall von Kindesmissbrauch durch einen katholischen Priester aufmerksam wird, erahnt er das große Ganze dahinter und setzt das sogenannte Spotlight-Team unter der Führung des renommierten Journalisten Walter Robinson auf die Story an. Das auf investigativen Journalismus spezialisierte Spotlight macht sich an die langwierige Arbeit und Mike Rezendes, Sacha Pfeiffer und Matt Carroll befragen Anwälte, machen Opfer ausfindig und versuchen unter Verschluss gehaltene Akten einsehen zu dürfen. Schnell wird deutlich, dass noch sehr viel mehr dahinter steckt und sich ein riesiger Skandal abzuzeichnen droht.

 

Spotlight von Regisseur Tom McCarthy fand in der letzten Oscar-Saison mit sechs Nominierungen und zwei Auszeichnungen (Bester Film und bestes Originaldrehbuch) trotz erdrückender Konkurrenz durchaus Beachtung. Seine strikte Orientierung an den Abläufen journalistischer Arbeit rückt Spotlight in die Nähe des sogenannten Procedural-Genre und damit natürlich auch in die von Alan J. Pakula´s Klassiker All the President´s Men (Die Unbestechlichen) über die Watergate-Enthüller Bob Woodward und Carl Bernstein, dem vielleicht besten Film dieser Art, sowie in die von David Fincher´s Zodiac, der sich zwar dem Police Procedural widmet, aber dennoch ganz ähnlich in seiner Erzählweise gelagert ist. Spotlight ist kein Missbrauchsdrama wie beispielsweise Sleepers von Barry Levinson, sondern beleuchtet vielmehr die Prozesse journalistischer Arbeit in all ihren oft auch drögen Facetten. Die Ermittlungen sind langwierig, zeitintensiv, anstrengend, zermürbend und frustrierend für alle Beteiligten und so wird von ruhiger Hand und mit leisen Tönen, vollkommen ohne Effekthascherei, die Geschichte dieser Aufdeckung erzählt, die nach und nach immer größere Kreise zieht und erst langsam ihr ganzes Ausmaß offenbart. So entrollen sich immer mehr all die Verstrickungen von Kirche, Politik, Justiz, Presse und Opfern, offenbaren ein gewaltiges, scheinbar kaum zu durchdringendes Netz aus Korruption, Vertuschung und Einschüchterung. So thematisiert Spotlight auch eine tief verwurzelte Kultur des Wegschauens und des Nicht-Wissen-Wollens, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und wenn doch, dann sind es traurige Einzelfälle, die selbstverständlich entfernt werden. Der Schlüssel dazu liegt nicht nur, aber eben gerade auch in der vom Film sehr deutlich aufgezeigten Bedeutung der Katholischen Kirche für die vor allem arme und gläubige Bevölkerung Bostons. So ist auch Martin Baron im Grunde der entscheidende Faktor, denn seine Devise lautet: eine Zeitung arbeitet dann am besten, wenn sie für sich allein steht. In Boston aber ist alles miteinander vernetzt und verfilzt. Der von Liev Schreiber sehr ruhig, beinahe schon introvertiert gespielte Baron kommt von außen, aus Florida, als er Chefredakteur des Boston Globe wird, ist Jude, und kennt niemanden in der Stadt. Nicht aus der Nachbarschaft, nicht aus der Schule, nicht aus dem College, nicht aus der Kirche, nicht aus dem Messdienst und schon gar nicht aus dem Klüngel der höheren Gesellschaft. Ihn braucht es als treibende Kraft von außen, um diesen Skandal aufdecken und den Filz durchdringen zu können, denn mit einem weiteren Eigengewächs auf seinem Posten hätte sich vermutlich nichts geändert.

 

 

 

„It could’ve been you, it could’ve been me, it could’ve been any of us.“

 

 

 

Die aber wohl größte Stärke von Spotlight liegt vor allem auch darin verborgen, dass McCarthy das Thema nämlich keineswegs reißerisch ausschlachtet, was ein leichtes gewesen wäre. Bei all der vollkommen berechtigten Empörung und Wut über die Ereignisse ist Spotlight gerade kein blinder Kreuzzug gegen die Katholische Kirche geworden, der mit wild fuchtelndem, moralischem Zeigefinger verdammt und dämonisiert. Stattdessen legt der Film viel Wert darauf, sich seinem Sujet aus vielen verschiedenen Richtungen zu nähern und entblättert beinahe schon subtil Stück für Stück all die Strukturen und Mechanismen innerhalb der Bevölkerung Bostons, welche die Ereignisse überhaupt erst möglich gemacht haben. Ein sehr feines, engmaschiges und komplexes Netz liegt all dem nämlich zu Grunde, dass es zu aller erst zu verstehen gilt und dann erst durchschnitten werden kann. Darüber hinaus ist Spotlight nicht nur bis in die kleinsten Rollen exzellent besetzt, sondern auch durch die Bank weg hervorragend gespielt. Tom McCarthy findet eine sehr feine Balance rund um schauspielerische Schwergewichte wie Michael Keaton oder Mark Ruffalo, niemand drängt sich zu sehr in den Vordergrund und jeder bekommt einen glaubwürdigen Moment, dem es Ausdruck zu verleihen gilt. So hat Ruffalo´s Mike Rezendes im letzten Drittel den vielleicht emotionalsten Moment im Film und Stanley Tucci als Anwalt für die Opfer kombiniert in seiner Figur des Mitchell Garabedian leidenschaftliches Engagement und Überzeugung mit einer Spur Desillusionierung und Verdrossenheit. Der von Brian d´Arcy James verkörperte Matt Carroll muss im Zuge der Recherchen erkennen, dass es in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ein sogenanntes Trainingszentrum für auffällig gewordene Priester gibt und kann niemandem davon erzählen. Seine Kollegin Sacha Pfeiffer, die von Rachel McAdams mit sehr viel Feingefühl versehen wird, bringt es fortan nicht mehr übers Herz, mit ihrer Großmutter auch noch weiterhin regelmäßig in die Kirche zu gehen, und der Kopf des Spotlight-Teams, Michael Keatons Walter Robinson, muss eine wichtige und langjährige Freundschaft für bedeutende Informationen opfern. Ihre Arbeit verändert eben nicht nur das Leben der Opfer und Täter, das der Leser, das der Kirchgänger und vielleicht auch der zuständigen Kontrollinstanzen, es verändert gerade auch ihr eigenes Leben. Letztlich erzählt Spotlight aber nicht nur von einem Skandal unfassbaren Ausmaßes, sondern ist auch ein Plädoyer für die Kraft und Macht einer starken, unabhängigen Presse, wenn sie fundiert und an journalistischer Ethik gemessen ihre Arbeit verrichten kann.

 

Ob Spotlight seinen Oscar als bester Film letztlich verdient hat oder nicht, das kann und will ich nicht beurteilen, zumal Bedeutung, Wert und Aussagekraft solcher Preisverleihungen ohnehin in Frage gestellt gehören. Aber Tom McCarthy hat einen sehr ruhig erzählten Film geschaffen, der sich einem hoch komplexen und schwierigen Thema annimmt, dabei nicht in blinde Beißreflexe verfällt und stattdessen auch die Ursachen innerhalb der Bevölkerung Bostons versucht offen zulegen. Zusammen mit einem toll besetzten und stark, aber dennoch zurückhaltend aufspielenden Cast, gelingt es McCarthy mit Spotlight ein auf dem Papier eigentlich eher dröges Thema sehr spannend und packend umzusetzen. Absolut sehenswert.

 

8 von 10 Pulitzer-Preisen für Dienste an der Öffentlichkeit

 

 

Doctor Strange

2. November 2016 at 13:42

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„This doesn’t make any sense. – Not everything does. Not everything has to.“

 

 

 

Dr. Stephen Strange ist ein brillanter wie arroganter und überheblicher Neurochirurg, der nach einem schweren Autounfall irreparable Nervenschäden an seinen Händen davon trägt und seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Nachdem er jede noch so experimentelle Behandlungsform traditioneller, westlicher Medizin ausgeschöpft hat und ihm keine helfen konnte, sucht er verzweifelt sein Heil in fernöstlichen Praktiken und reist nach Nepal. Dort wird er nicht nur geheilt, sondern auch eingeweiht in die Geheimnisse uralter magischer Künste, denn was er anfangs noch herablassend als Humbug abtut, dient einem erlesenen Kreis mächtiger Magier zur Verteidigung der Menschheit….

 

Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk produziert Disney Film um Film für sein Megaprojekt MCU, erweitert eifrig seinen filmischen Kosmos und beginnt nun langsam aber sicher Phase 3 seines Masterplans auszubauen. Abermals muss mit Doctor Strange nach den Guardians of the Galaxy und Ant-Man nun eine weitere Figur aus der zweiten, nicht ganz so bekannten Reihe herhalten, und erstaunlicherweise kann auch diese deutlich besser überzeugen als viele der bereits etablierten Figuren. Überraschend dabei ist neben der mit Benedict Cumberbatch, Mads Mikkelsen und Tilda Swinton wohl hochkarätigsten Besetzung bisher im MCU überhaupt vor allem auch die Wahl von Scott Derrickson als Regisseur, der zumindest mir vorher kein Begriff war. Eine kurze Recherche ergab mit Hellraiser: Inferno, The Exorcism of Emily Rose, Sinister und Deliver Us from Evil eine handvoll überwiegend aus dem Horror stammende, allenfalls mittelmäßige Filme, zu denen sich dann noch das vergessenswerte Remake von The Day the Earth Stood Still gesellt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen, wer vermag das schon so genau zu beurteilen, ist Doctor Strange als inzwischen bereits vierzehnter Beitrag im MCU und zweiter in dessen Phase 3 erfrischend genug anders geraten als die meisten übrigen Filme des Universums, bedient sich dabei aber immer noch dessen typischen erzählerischen Duktus, der ihn ganz klar als Marvelfilm kennzeichnet. Allerdings sollte man auf der erzählerischen Charakterebene keine Innovationen erwarten, denn hier bedient Doctor Strange die klassischste von allen nur denkbaren Origin Stories und deckt sich überwiegend mit der von Tony Stark/Iron Man, wenn das arrogante und überhebliche Genie durch ein einschneidendes Ereignis seine Läuterung erfährt und fortan seine eigentliche Bestimmung findet. Nennenswerte erzählerische Neuerungen oder Risiken, die eingegangen werden, gibt es nicht, und der Rhythmus ist klar vorgegeben und beschreitet gewohnte Wege. Mit dem Einführen der Magie und dem damit verknüpften Konzept der multiplen Universen und Dimensionen jedoch stößt Marvel die Tür zu ungeahnten Möglichkeiten weit auf und fügt seinem Kosmos einige ganz wunderbare Ideen hinzu, mit denen nicht nur Doctor Strange auf faszinierende Art und Weise umzugehen weiß, sondern die darüber hinaus noch spannende Gedankenspiele für die Zukunft implizieren. So ist Doctor Strange dann auch visuell buchstäblich atemberaubend und zelebriert ein überwältigendes Feuerwerk an Effekten, erschafft einen regelrecht psychedelischen und rauschhaften Wirbelsturm von Bildern und Eindrücken, von denen ich einige in solcher Form noch nie zuvor gesehen habe. Wer mich kennt, der weiß, dass ich alles andere als ein Freund des 3D bin, aber ich muss zugeben: für diesen Film lohnt sich das wirklich sehr, zumal es Regisseur Derrickson hin und wieder sogar gelingt, dieser eigentlich nur als Gimmick dienenden technischen Spielerei einen erzählerischen Mehrwert abzuringen. Dazu gesellt sich der bereits erwähnte starke Cast rund um Benedict Cumberbatch, der seinen Dr. Stephen Strange zwar nicht so herausragend spielt wie seinen Sherlock, aber dennoch eindrucksvoll genug auftritt, um der Mischung aus Tony Stark und Dr. House charismatisch Ausdruck zu verleihen und eine glaubwürdige, leicht gebrochene Heldenwerdung zu zeigen. Tilda Swinton fängt mit einer geradezu androgynen Vorstellung ganz hervorragend den mystisch-rätselhaften Geist von Strange´s Lehrmeister The Ancient One ein und die ganze Diskussion um das leidige Thema white washing hab ich sowieso nie verstanden. Die geradezu sklavische Ergebenheit gegenüber den Comicvorlagen vieler Hardcorefans und Liebhaber der bunten Seiten empfinde ich in Bezug auf die filmischen Umsetzungen doch eher als störend und limitierend, sind Film und Comic letztlich doch verschiedene Medien, die sich nicht 1:1 aufeinander übertragen lassen. Aber wieder zurück zum Film: auch Chwitel Ejiofor (einigen vielleicht eher bekannt als „der Typ aus 12 Years a Slave„) als Baron Mordo weiß mit seiner ruhig zurückhaltenden Art, unter deren Oberfläche es allerdings zunehmend brodelt, zu überzeugen, und inhaltlich löst der Film seine Entwicklung sehr schön auf und deutet schon auf Zukünftiges hin. Dem tollen Mads Mikkelsen kommt dann der Part des Bösewichts Kaecilius zu als ehemaliger brillanter wie arroganter Schüler von The Ancient One, der ihre Lehren nicht länger anerkennen, sich ihren Regeln nicht länger unterwerfen wollte und ihr letztlich mit seinen Jüngern den Rücken kehrte. Zwar lässt sich seine Motivation durchaus verstehen und beschränkt sich nicht einfach nur auf stumpfe Allmachtsfantasien und Weltzerstörungspläne, dennoch bleibt die Figur erstaunlich eindimensional und blaß. Und der B-Movie Action-Mime Scott Adkins ist leider Gottes in seiner Funktion als eine Art Henchman von Kaecilius vollkommen verschenkt und bekommt kaum Gelegenheit seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ein inzwischen alt bekanntes Problem des MCU, dass die Bösewichte meist nichts taugen. Kurioserweise gelingt es den Marvel-Serien wie Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage um Längen besser glaubwürdige und vielschichtige Bösewichte zu erschaffen.

 

Doctor Strange ist ein ausgesprochen unterhaltsamer Beitrag zum MCU geworden, der auf erfrischende Art und Weise durchaus auch vom üblichen erzählerischen Korsett abweicht, dieser stetig wachsenden Welt neue, spannende Facetten verleihen kann und auch mühelos als Film für sich allein stehen kann. In Bezug auf die Origin Story des Helden gibt es zwar keine nennenswerten Neuerungen, aber die elegante Inszenierung, die überwältigenden visuellen Schauwerte, der angenehm auflockernde Humor und starke Darsteller wissen das mühelos zu kompensieren. Es ist bezeichnend, dass mit den Guardians of the Galaxy, Ant-Man und jetzt auch Doctor Strange die Figuren aus der zweiten Reihe des MCU mir dann doch meist besser gefallen als die der ersten Reihe rund um Captain America und Iron Man. So darf das gerne weitergehen.

 

8 von 10 flatterhaften Umhängen

 

 

True Detective – Staffel 2

21. März 2016 at 17:39

 

 

© HBO

 

 

 

„We get the world we deserve.“

 

 

 

Als Ben Caspere, der City Manager der fiktiven kalifornischen Kleinstadt Vinci, ermordet aufgefunden wird, werden gleich drei verschiedene Dienststellen mit dem Fall betraut. Detective Ray Velcoro von der Polizei Vinci, Detective Ani Bezzerides aus Ventura County und Paul Woodraugh von der California Highway Patrol müssen nun gemeinsam ermitteln. Zudem hat auch noch der Gangster Frank Semyon großes Interesse an dem Mord, denn ihn verbindet mit Caspere ein großer Immobiliendeal, der Semyon viel Geld gebracht und den Weg in die Legalität geebnet hätte, nun aber zu platzen droht und ihn ruinieren könnte. Je weiter die drei Polizisten und mit seinen Mitteln auch Semyon in diesem Fall vordringen, so größer scheint sich ein komplexes Gewirr aus Politik, Korruption, Gier und Mord nach und nach auszubreiten. Schnell kommt die Frage auf, ob überhaupt jemand ernsthaft Interesse daran hat, den Mord aufzuklären…

 

Wagen wir doch einmal einen Ausflug in die Welt der Serien. Ich bekenne mich dazu, dass ich die hochgelobte und preisgekrönte erste Staffel von True Detective annähernd perfekt finde und diese acht Episoden für mich das beste sind, das seit langer Zeit über den Bildschirm flimmerte. Inhaltlich hin und wieder vielleicht mit der einen oder anderen Länge versehen, stilistisch aber zweifellos überragend und Maßstäbe setzend, wie gute und intelligente TV-Unterhaltung aussehen kann. Dazu noch zwei schauspielerische Hochkaräter als Darsteller, eine morbid-düstere, drückende Atmosphäre mit frischem Südstaatenszenario, das Drehbuch von Nic Pizzolatto, ein exzellenter Soundtrack und das (rückblickend ohne jeden Zweifel geniale) Wagnis, alle acht Episoden mit Cary Fukunaga durchgängig von nur einem Regisseur inszenieren zu lassen, und schon war die Fernsehlandschaft um eine wahre Perle reicher. Nun also haben wir Staffel 2 im Handel, ich konnte es mir natürlich nehmen lassen, sie mir anzusehen und möchte nun ein klein wenig Bilanz ziehen.

 

Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass True Detective von Anfang an als Anthologie gedacht war und jede Staffel in sich abgeschlossen sein und für sich selbst stehen würde. Insofern ist es im Grunde nicht gerecht, beide Staffeln direkt miteinander zu vergleichen, aber ich bin da ehrlich und gebe zu, dass das nur schwer bis gar nicht möglich ist, auch wenn wirklich nichts außer dem Drehbuchautor  beide miteinander verbindet. Regie, Schauspieler, Setting, Story, alles ist anders, alles ist neu. Trotzdem will ich versuchen, Staffel 2 so neutral wie möglich und losgelöst von ihrer Vorgängerin zu betrachten, auch wenn mir das vermutlich nicht immer ganz gelingen wird und der geradezu monolithische Schatten der ersten Staffel kaum zu leugnen ist. Alles neu also, alles auf Anfang, alles auf Null. Die offensichtlich größten Neuerungen betreffen Cast und Setting. Nach Detective Rust Cohle und Detective Marty Hart, den beiden Hauptfiguren der ersten Staffel, wurde der Cast nun auf vier handlungsrelevante Figuren aufgestockt. Zudem entführt uns Staffel 2 von dem mythisch-entrückten Setting der Südstaaten hinein in den schmutzigen, urbanen Realismus des Molochs L.A. und dessen fiktiver Anliegerstadt Vinci. Bedingt durch die zahlenmäßige Vergrößerung der Protagonisten wird zwangsläufig auch die Story deutlich komplexer. Da wird es auch schon einmal recht schnell in den ersten ein oder zwei Episoden zu einem Problem, dass dem geneigten Zuschauer in der Etablierung des Szenarios sehr viele Informationen auf einmal auf sehr engem Raum präsentiert werden und gerne mal die Übersicht verloren geht. Namen, Orte, Beziehungen, Ereignisse, gerade zu Beginn ist der Plot doch sehr verdichtet und kompakt und die erzählerische Balance stimmt noch nicht so ganz, was sich jedoch im weiteren Verlauf der Handlung ein wenig relativiert. Auch fällt auf, dass sich die Figuren charakterlich sehr gleichen, alles sind ähnlich traumatisiert, haben ähnliche tiefe Narben in ihren Seelen und Leichen im Keller. Egal, ob Velcoro, Bezzerides oder Woodraugh, alle haben das eine oder andere finstere Geheimnis, welches sie mit sich herum schleppen müssen und das sie früher oder später einholen wird. Selbst oder gerade Frank Semyon ist da keine Ausnahme, den zudem noch eine alte Geschichte mit Velcoro verbindet.

 

 

 

„Pain is inexhaustible. It´s only people that get exhausted.“

 

 

 

Inszenatorisch ist das alles auf hohem Niveau, da kann man kaum meckern, und obwohl insgesamt sechs Regisseure die acht Episoden unter sich aufteilen, ist eine erzählerische Stringenz klar erkennbar. Zahlreiche Motive und Anklänge an die Welt des (Neo) Noir sind nur allzu offensichtlich und werden mit einem guten Schuss David Lynch-Ästhetik vermischt, was an und für sich gut funktioniert und einen eigenständigen Look kreiert. Allerdings fehlt es mir ein wenig an dieser morbiden Faszination, die das Setting der ersten Staffel noch auf mich ausübte, was aber natürlich rein subjektives Empfinden und meiner grundsätzlichen Vorliebe für die Südstaaten als Szenario geschuldet ist. Das Finale der vierten Episode ist ganz ähnlich dem in Staffel 1 ein wenn auch nicht ganz so eindrucksvoll inszeniertes, aber doch sehr starkes Stück Serie, dessen Qualität die gesamte Staffel nicht immer halten kann. Allerdings gibt es dann erst einmal einen irgendwie eigenartig harten Schnitt und die Ereignisse machen zeitlich einen guten Sprung nach vorne. Schon wieder sieht man sich mit allerhand neuen Informationen konfrontiert und muss erst einmal all das inhaltlich einordnen. Wohin die Reise nun hingehen soll ist zunächst einmal nicht ganz klar, zumal unsere vier Hauptfiguren versetzt, nicht mehr im Dienst oder im Falle von Frank Semyon doch wieder in alte Verhaltensweisen verfallen sind und der eigentlich ursprüngliche Mordfall eine Zeit lang kaum bis gar nicht mehr Thema ist. Das Tempo wird bis kurz vor Schluss ein wenig raus genommen und gerade das Staffelfinale in Form von Folge acht ist mit einer Laufzeit von rund 90 Minuten dann doch zu lang geraten, bietet zuviel unnützes Füllmaterial und schleppt allerhand unnötigen Ballast mit sich herum. Überhaupt ist das eines von in meinen Augen zwei ganz großen Problem der zweiten Staffel von True Detective, dass der Zuschauer beinahe über die gesamte Laufzeit mit Informationen gefüttert wird, bei denen nie wirklich klar ist, ob sie nun relevant und wichtig sind für den weiteren Handlungsverlauf oder eben nicht. Zudem ist die Story an sich einfach ein bisschen zu umständlich konstruiert und um eine oder zwei Ecken zuviel gedacht, wodurch immer wieder der Fokus verloren geht. Nie kann man als Zuschauer sicher sein, ob das aktuelle Geschehen nun von Bedeutung ist oder nicht, aber das Drehbuch nutzt das nicht als bewusst irreführendes Element, es ist einfach zu voll gestopft mit Nebensächlichkeiten, legt permanent Fährten aus, die schnell wieder in Vergessenheit geraten und ist zumindest in dieser Hinsicht oftmals seltsam schwammig inszeniert, so als hätte sich Nic Pizzolatto bis zum Schluss noch alle Optionen offen halten wollen. Ich selbst empfand es als ein wenig frustrierend, wenn ich Folge für Folge am dem Fall mitdenke, versuche, alle Puzzleteile einzusammeln und zusammenzusetzen, um das Gesamtbild zu enthüllen, und am Ende feststellen muss, dass drei Viertel der Puzzleteile wertlos waren und die eigentliche Auflösung verhältnismäßig banal und eher zufällig um die Ecke kommt. Ein in meinen Augen weiteres, recht schwerwiegendes Problem der zweiten Staffel sind die enorm klischeehaft geschriebenen Charaktere. Ich werde da jetzt nicht ins Detail gehen, das müsst ihr schon selbst erledigen, aber allein die Figur des Paul Woodraugh ist buchstäblich ein Klischee auf zwei Beinen in nahezu jeglicher Hinsicht und zudem noch inhaltlich weitestgehend absolut nutzlos. Und auch Velcoro, Bezzerides und Semyon sind mal mehr, mal weniger doch arg klischeebelastet. Von diversen völlig überzeichneten Nebenfiguren mal ganz zu schweigen, das grenzt phasenweise schon auch ans Lächerliche. Auch die Figurenentwicklung an sich empfinde ich nicht immer als gelungen und gänzlich konsequent und die Auflösung aller Ereignisse konnte mich auch nur bedingt befriedigen. Oberflächlich erscheint das Ende als zynisch und stimmig, aber genauer betrachtet war mir der Schluss bei mindestens einer Figur schlichtweg zu dumm und bei einer anderen einfach nicht konsequent genug.

 

Unterm Strich liest sich das jetzt vielleicht wie ein Verriss, aber das soll es nun auch nicht sein. Die zweite Staffel von True Detective bietet solide inszenierte Krimikost, die wohl überwiegend darunter zu leiden hat, dass True Detective drauf steht. Allerdings sollte man vielleicht für eine weitere, dritte Staffel Drehbuchautor Nic Pizzolatto den einen oder anderen Co-Autor an die Seite stellen, der ihn zu Gunsten der erzählerischen Balance ein wenig bremst. Schon in Staffel eins war so manches plump geschrieben, aber dort konnte Cary Fukunaga als Regisseur noch so einiges wieder ausbügeln. Letztlich will der Plot der zweiten Staffel zuviel und bietet zu wenig, verliert sich allzu oft in Nebensächlichkeiten und streut Hinweise, die ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten wie sie urplötzlich auf der Bildfläche erscheinen. Grundsätzlich sind Story, Setting und Figuren durchaus interessant, aber Pizzolatto denkt einfach zu umständlich und konstruiert einen riesigen Überbau, der für den Kern der Handlung unnötig ist. Kurz noch zur besseren Einordnung meiner Gewichtung: die erste Staffel bekommt von mir trotz einiger Längen und Makel dennoch 10 von 10, die zweite ist immer noch gute Unterhaltung, aber auch nicht annähernd in den Sphären ihrer Vorgängerin, denn insgesamt fiel es mir schwerer in die zwar komplexe, aber mitunter auch verworrene Story hinein zukommen und auch diese sogartige Faszination der ersten Staffel wollte sich nicht bei mir einstellen.

 

7 von 10 Lektionen in Kindererziehung

 

 

Southpaw

3. Januar 2016 at 18:56

 

 

 

Southpaw (2015)
Southpaw poster Rating: 7.5/10 (98,250 votes)
Director: Antoine Fuqua
Writer: Kurt Sutter
Stars: Jake Gyllenhaal, Rachel McAdams, Forest Whitaker, Oona Laurence
Runtime: 124 min
Rated: R
Genre: Action, Drama, Sport
Released: 24 Jul 2015
Plot: Boxer Billy Hope turns to trainer Tick Wills to help him get his life back on track after losing his wife in a tragic accident and his daughter to child protection services.

 

 

 

„A fighter knows only one way to work.“

 

 

 

Billy Hope hat es geschafft. Vom ungebildeten Waisenjungen aus der Gosse zum Weltmeister im Halbschwergewicht mit einer beeindruckenden Bilanz von 43 Siegen, weltbekannt und Millionen schwer. Als jedoch seine Frau Maureen durch einen tragischen Unfall ums Leben kommt, bricht für Billy eine Welt zusammen. Er stürzt in ein tiefes Loch aus Wut, Trauer, Selbsthass, Alkohol und Drogen und verliert alles, sein Geld, sein bisheriges Leben, sogar das Sorgerecht für seine kleine Tochter Leila. Erst als der Boxtrainer Tick Wills ihn unter seine Fittiche nimmt, besinnt sich Billy wieder auf das wesentliche und beginnt, sich Stück für Stück wieder nach oben zu kämpfen…

 

Keine Sportart ist enger mit dem amerikanischen Traum verknüpft als das Boxen. Vom Außenseiter zum Millionär, du musst es nur wollen und dir hart genug mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpfen. Und genau dieser Gedanke ist es, den Regisseur Antoine Fuqua und Drehbuchautor Kurt Sutter hier aufgreifen und auf die Leinwand bringen. Wobei Southpaw zunächst noch recht ungewöhnlich inszeniert ist, verzichtet er doch eingangs auf den sonst üblichen, harten und entbehrungsreichen Weg seines Protagonisten bis ganz nach oben, denn Billy Hope ist bereits dort angekommen, als das Schicksal zuschlägt. Dann erst beginnt sein eigentlicher Kampf, der Kampf um sein Leben, seine Tochter, seine Karriere. Insofern verschiebt Southpaw lediglich altbekannte strukturelle Ansätze, bietet jedoch keine neuen und vermag es zu keiner Sekunde, sich aus dem engen erzählerischen Korsett des Sportdramas zu befreien. Was ja auch überhaupt nicht schlimm wäre, könnte sich doch der Film wenigstens innerhalb dieser starren Strukturen vernünftig bewegen, doch leider sind sowohl Fuqua´s Inszenierung als auch Sutters Drehbuch bestenfalls mittelmäßig, schablonenhaft, formal und stilistisch einfältig und voller gängiger Bilder und leerer Plattitüden. Es überkommt einen das Gefühl, Sutter hätte für das Drehbuch sämtliche Klischees niedergeschrieben, die ihm so eingefallen sind zum Thema Boxen. Überhaupt haben sich da zwei gefunden, die bestens zusammen passen, Antoine Fuqua und Kurt Sutter, der überwiegend bekannt dafür ist, die Serie Sons Of Anarchy erschaffen und geschrieben zu haben. Ihr Schaffen ist doch sehr geprägt von erdrückender Maskulinität und daraus resultierender Gewalt und beide zelebrieren mit Vorliebe ganz besonders männliche Attitüden und Einstellungen. Mit Southpaw erschaffen Fuqua und Sutter nun zusammen ein absolut Testosteron getränktes Boxer-Melodram voller klischeehafter und eindimensionaler Figuren direkt aus dem Sportdrama/Boxfilm-Baukasten, das zu allem Überfluss auch nicht verbergen kann, wie sehr es darum bemüht ist, den Zuschauer emotional zu manipulieren. So weit das Auge reicht nur flache Abziehbilder, eine seltsam verzerrte Vorstellung von Männlichkeit und vorgegaukelte Gefühle. Wirklich zu berühren vermag Southpaw dementsprechend auch nur in den allerwenigsten Momenten. Dennoch ist nicht alles schlecht, was Fuqua und Sutter uns hier auftischen, so viel muss schon um der Fairness willen gesagt werden. Jake Gyllenhaal ist ohne jeden Zweifel ein absolutes Tier, eine Bestie innerhalb und außerhalb des Rings. Seine Performance ist jeglicher Hinsicht herausragend und er reißt den Film definitiv an sich, dominiert jede Szene, erdrückt aber auch beinahe alle anderen Darsteller. Sein Spiel ist fraglos das beeindruckenste am ganzen Film und einzig Forest Whitaker als der in die Jahre gekommene und väterliche Boxtrainer Tick Wills weiß noch zu überzeugen, wenn auch kaum zu glänzen. Ein gelungener und auch nötiger, weil angenehm ruhiger Gegenentwurf zu Gyllenhaals impulsiver und einnehmender Darbietung, dennoch ist auch diese Figur vollkommen durchdrungen von Klischees und Allgemeinplätzen und kommt etwas zu spät zum Zuge, um den Film noch in eine andere Richtung lenken zu können. Der Rest des Cast versinkt in Beliebigkeit und ist sowohl für die Entwicklung der Story als auch schauspielerisch vollkommen belanglos, kaum mehr als simple Stichwortgeber und Erfüllungsgehilfen. In den Boxkämpfen setzt Fuqua auf maximale Dynamik und inszeniert sie sehr direkt und unmittelbar, hart, blutig und verschwitzt. Zwar dominieren schnelle Schnitte, dennoch wirken die Ringszenen immer auch sehr druckvoll und wuchtig, sind aber eher medienartig im Stile von Sportübertragungen gehalten und daher weniger emotional angelegt.

 

Southpaw ist zu jeder Sekunde absolut dominiert von der beinahe schon erdrückenden Präsenz von Jake Gyllenhaal, der zweifellos abermals eine beeindruckend starke Leistung zeigt, hat zu seinem Leidwesen jedoch darüber hinaus bis auf gelungen inszenierte Boxkämpfe relativ wenig zu bieten. Auch Forest Whitaker vermag gerade auch im Zusammenspiel mit Gyllenhaal noch kleinere Glanzpunkte setzen, kann letztlich aber auch nicht mehr aus dem Film heraus holen. Zu sehr reihen Fuqua und Sutter hier Klischee an Klischee an Klischee und versinken in Allgemeinplätzen und Beliebigkeit. Selbst einige wenige durchaus interessante Ansätze verpuffen in zu viel Testosteron und Einfälltigkeit und Southpaw gerät viel zu formelhaft in seiner Erzählstruktur, um dem Genre des Sportdramas neue Aspekte abgewinnen zu können. Muss der Film im Grunde ja auch gar nicht, aber ein bisschen weniger Klischee, emotionale Manipulation und regelrecht ausgequetschte Tränendrüsen wären auch ganz schön gewesen. Dann doch lieber zum x-ten Mal Rocky oder lieber gleich den ungeschlagenen König des Genres, Raging Bull.

 

5,5 von 10 tiefen Cuts über dem Auge