Avengers: Infinity War (2018)

25. November 2018 at 18:26

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

So this is it? It’s all been leading to this.“

 

 

 

Der Weltenzerstörer Thanos schickt sich an seinen Masterplan endgültig in die Tat umzusetzen und entsendet seine Handlanger auf die Suche den ihm noch fehlen Infinity Stones. Die Avengers sind immer noch über das Universum verteilt und alte Konflikte müssen überwunden werden, denn Thanos kann nur unter Aufbringung aller gemeinsamen Kräfte bezwungen werden. Doch die Zeit drängt, denn Thanos wird mit jedem weiteren Stein, der ihm in die Hände fällt, zusehends mächtiger.

 

Vorab: ich bin weder glühender Verehrer des MCU, noch bin ich voller Ablehnung diesem gegenüber, sondern eher neutral positioniert. Im besten Fall bekomme ich einen unterhaltsamen Film zu sehen, im schlimmsten Fall einen meist egalen und beinahe nie ärgerlichen. Nun also kommt es mit Avengers: Infinity War nach bisher achtzehn Filmen in zehn Jahren zum vorerst großen Höhepunkt und erneut sitzen nach Captain America: The Winter Soldier und Captain America: Civil War die Russo-Brüder auf den Regiestühlen. Abermals nach Civil War jonglieren sie mit einer verblüffenden Leichtigkeit mit einer Vielzahl an Helden und zähmen gekonnt das beinahe schon megalomanische Figuren-Setup. Fast jeder bekommt mit mal mehr, mal etwas weniger Screen Time versehen seinen verdienten Moment. Trotz des gigantischen Ensembles und obwohl nun unzählige erzählerische Pfade aus den letzten zehn Jahren zusammengeführt werden, fühlt sich Infinity War erstaunlich homogen an, statt überladen oder überfrachtet zu wirken. Bereits die Exposition gibt die tonale Ausrichtung vor und die Atmosphäre ist durchgehend düster, oftmals hoffnungslos und selbst der immer wieder aufblitzende Humor funktioniert meist und steht keinesfalls im Kontrast zur Ernsthaftigkeit, sondern lädt als willkommene Pause immer mal wieder zum Durchatmen ein.

 

Thanos ist dann das Herzstück des Filmes, der vielleicht ambivalenteste und interessanteste Schurke des MCU bisher und sowohl erzählerische Konstante als auch emotionaler Ankerpunkt. Ein wirklich großartig geschriebener Bösewicht, der eigentlich gar nicht so böse ist, und dessen Agenda weder von abgrundtiefer Bösartigkeit oder größenwahnsinnigen Allmachtsphantasien angetrieben wird, sondern auf der rein rationalen Ebene absolut nachvollziehbar ist. Sicher sind seine gewählten Mittel und Methoden äußerst radikal und mögen grausam anmuten, doch tief in seinem Innern ist seine Motivation beinahe schon human. Die erzählerische Struktur gerät zwar manchmal ein wenig ins Wackeln, wirkt gelegentlich etwas ungelenk episodenhaft und ist vor allem durch und durch der seit nun mehr zehn Jahren perfektionierten Formelhaftigkeit des MCU unterworfen (warum auch nicht, großartig nennenswerte Innovationen erwarte ich ohnehin an anderer Stelle), unterm Strich jedoch wurde ich als weder Fanboy noch Hater dieses filmischen Universums von Infinity War überraschend gut unterhalten. Die durchgehend düstere Ernsthaftigkeit steht dem Film wirklich gut, wäre zumindest für mich allerdings ohne die nun nötige wie konsequente Standhaftigkeit rückblickend wertlos.

 

7,5 von 10 Infinity Stones in falschen Händen

 

 

Doctor Strange

2. November 2016 at 13:42

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„This doesn’t make any sense. – Not everything does. Not everything has to.“

 

 

 

Dr. Stephen Strange ist ein brillanter wie arroganter und überheblicher Neurochirurg, der nach einem schweren Autounfall irreparable Nervenschäden an seinen Händen davon trägt und seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Nachdem er jede noch so experimentelle Behandlungsform traditioneller, westlicher Medizin ausgeschöpft hat und ihm keine helfen konnte, sucht er verzweifelt sein Heil in fernöstlichen Praktiken und reist nach Nepal. Dort wird er nicht nur geheilt, sondern auch eingeweiht in die Geheimnisse uralter magischer Künste, denn was er anfangs noch herablassend als Humbug abtut, dient einem erlesenen Kreis mächtiger Magier zur Verteidigung der Menschheit….

 

Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk produziert Disney Film um Film für sein Megaprojekt MCU, erweitert eifrig seinen filmischen Kosmos und beginnt nun langsam aber sicher Phase 3 seines Masterplans auszubauen. Abermals muss mit Doctor Strange nach den Guardians of the Galaxy und Ant-Man nun eine weitere Figur aus der zweiten, nicht ganz so bekannten Reihe herhalten, und erstaunlicherweise kann auch diese deutlich besser überzeugen als viele der bereits etablierten Figuren. Überraschend dabei ist neben der mit Benedict Cumberbatch, Mads Mikkelsen und Tilda Swinton wohl hochkarätigsten Besetzung bisher im MCU überhaupt vor allem auch die Wahl von Scott Derrickson als Regisseur, der zumindest mir vorher kein Begriff war. Eine kurze Recherche ergab mit Hellraiser: Inferno, The Exorcism of Emily Rose, Sinister und Deliver Us from Evil eine handvoll überwiegend aus dem Horror stammende, allenfalls mittelmäßige Filme, zu denen sich dann noch das vergessenswerte Remake von The Day the Earth Stood Still gesellt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen, wer vermag das schon so genau zu beurteilen, ist Doctor Strange als inzwischen bereits vierzehnter Beitrag im MCU und zweiter in dessen Phase 3 erfrischend genug anders geraten als die meisten übrigen Filme des Universums, bedient sich dabei aber immer noch dessen typischen erzählerischen Duktus, der ihn ganz klar als Marvelfilm kennzeichnet. Allerdings sollte man auf der erzählerischen Charakterebene keine Innovationen erwarten, denn hier bedient Doctor Strange die klassischste von allen nur denkbaren Origin Stories und deckt sich überwiegend mit der von Tony Stark/Iron Man, wenn das arrogante und überhebliche Genie durch ein einschneidendes Ereignis seine Läuterung erfährt und fortan seine eigentliche Bestimmung findet. Nennenswerte erzählerische Neuerungen oder Risiken, die eingegangen werden, gibt es nicht, und der Rhythmus ist klar vorgegeben und beschreitet gewohnte Wege. Mit dem Einführen der Magie und dem damit verknüpften Konzept der multiplen Universen und Dimensionen jedoch stößt Marvel die Tür zu ungeahnten Möglichkeiten weit auf und fügt seinem Kosmos einige ganz wunderbare Ideen hinzu, mit denen nicht nur Doctor Strange auf faszinierende Art und Weise umzugehen weiß, sondern die darüber hinaus noch spannende Gedankenspiele für die Zukunft implizieren. So ist Doctor Strange dann auch visuell buchstäblich atemberaubend und zelebriert ein überwältigendes Feuerwerk an Effekten, erschafft einen regelrecht psychedelischen und rauschhaften Wirbelsturm von Bildern und Eindrücken, von denen ich einige in solcher Form noch nie zuvor gesehen habe. Wer mich kennt, der weiß, dass ich alles andere als ein Freund des 3D bin, aber ich muss zugeben: für diesen Film lohnt sich das wirklich sehr, zumal es Regisseur Derrickson hin und wieder sogar gelingt, dieser eigentlich nur als Gimmick dienenden technischen Spielerei einen erzählerischen Mehrwert abzuringen. Dazu gesellt sich der bereits erwähnte starke Cast rund um Benedict Cumberbatch, der seinen Dr. Stephen Strange zwar nicht so herausragend spielt wie seinen Sherlock, aber dennoch eindrucksvoll genug auftritt, um der Mischung aus Tony Stark und Dr. House charismatisch Ausdruck zu verleihen und eine glaubwürdige, leicht gebrochene Heldenwerdung zu zeigen. Tilda Swinton fängt mit einer geradezu androgynen Vorstellung ganz hervorragend den mystisch-rätselhaften Geist von Strange´s Lehrmeister The Ancient One ein und die ganze Diskussion um das leidige Thema white washing hab ich sowieso nie verstanden. Die geradezu sklavische Ergebenheit gegenüber den Comicvorlagen vieler Hardcorefans und Liebhaber der bunten Seiten empfinde ich in Bezug auf die filmischen Umsetzungen doch eher als störend und limitierend, sind Film und Comic letztlich doch verschiedene Medien, die sich nicht 1:1 aufeinander übertragen lassen. Aber wieder zurück zum Film: auch Chwitel Ejiofor (einigen vielleicht eher bekannt als „der Typ aus 12 Years a Slave„) als Baron Mordo weiß mit seiner ruhig zurückhaltenden Art, unter deren Oberfläche es allerdings zunehmend brodelt, zu überzeugen, und inhaltlich löst der Film seine Entwicklung sehr schön auf und deutet schon auf Zukünftiges hin. Dem tollen Mads Mikkelsen kommt dann der Part des Bösewichts Kaecilius zu als ehemaliger brillanter wie arroganter Schüler von The Ancient One, der ihre Lehren nicht länger anerkennen, sich ihren Regeln nicht länger unterwerfen wollte und ihr letztlich mit seinen Jüngern den Rücken kehrte. Zwar lässt sich seine Motivation durchaus verstehen und beschränkt sich nicht einfach nur auf stumpfe Allmachtsfantasien und Weltzerstörungspläne, dennoch bleibt die Figur erstaunlich eindimensional und blaß. Und der B-Movie Action-Mime Scott Adkins ist leider Gottes in seiner Funktion als eine Art Henchman von Kaecilius vollkommen verschenkt und bekommt kaum Gelegenheit seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ein inzwischen alt bekanntes Problem des MCU, dass die Bösewichte meist nichts taugen. Kurioserweise gelingt es den Marvel-Serien wie Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage um Längen besser glaubwürdige und vielschichtige Bösewichte zu erschaffen.

 

Doctor Strange ist ein ausgesprochen unterhaltsamer Beitrag zum MCU geworden, der auf erfrischende Art und Weise durchaus auch vom üblichen erzählerischen Korsett abweicht, dieser stetig wachsenden Welt neue, spannende Facetten verleihen kann und auch mühelos als Film für sich allein stehen kann. In Bezug auf die Origin Story des Helden gibt es zwar keine nennenswerten Neuerungen, aber die elegante Inszenierung, die überwältigenden visuellen Schauwerte, der angenehm auflockernde Humor und starke Darsteller wissen das mühelos zu kompensieren. Es ist bezeichnend, dass mit den Guardians of the Galaxy, Ant-Man und jetzt auch Doctor Strange die Figuren aus der zweiten Reihe des MCU mir dann doch meist besser gefallen als die der ersten Reihe rund um Captain America und Iron Man. So darf das gerne weitergehen.

 

8 von 10 flatterhaften Umhängen

 

 

Black Mass

7. März 2016 at 14:59

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„If nobody sees it, it didn´t happened.“

 

 

 

Black Mass beschreibt den rasanten Aufstieg des James „Whitey“ Bulger vom eher im kleinen Kreis operierenden Ganoven in South Boston hin zu einem der gefürchtetsten Verbrecher der ganzen Stadt. Als ihm das FBI in Gestalt eines alten Jugendfreundes eine Kooperation anbietet, um die italienische Mafia in Boston auszuschalten, geht er bereitwillig darauf ein, kann er so doch gezielt die lästige Komkurrenz loswerden und gleichzeitig die schützende Hand der Bundesbehörde genießen, um sein Netz aus kriminellen Machenschaften ungestört weiter ausbauen zu können…

 

Zugegeben, es fällt schwer, über einen Film mit Johnny Depp zu schreiben ohne auf seine bereits seit geraumer Zeit doch arg ins Trudeln geratene Karriere zu kommen. In diesem Kontext darf man getrost festhalten, dass Black Mass eine Abkehr von seinen zuletzt üblichen schauspielerischen Eskapaden und Zirkusnummern geworden ist. Ob der Film von Scott Cooper nun auch eine Trendwende für Johnny Depp bedeutet, das muss sich erst noch zeigen, aber so gut wie in Black Mass habe ich ihn schon sehr lange nicht mehr erlebt. Sehr eindringlich spielt er Whitey Bulger, der ebenso unbeherrscht wie unterschwellig bedrohlich sein kann. Allein sein durchdringender Blick kriecht immer mal wieder unter die Haut und trotz einer relativ umfangreichen Maske bleibt sein sparsames wie präzises Mienenspiel erhalten. Johnny Depp lässt sich also schon mal nicht als Schwachpunkt ausmachen im neuesten Film von Scott Cooper, der bereits mit seinen beiden Vorgängern Crazy Heart und Out of the Furnace durchaus eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte, dass er besonders gut darin ist, präzise zu beobachten und ausgefeilte Milieustudien auf die Leinwand zu bringen. Obwohl es Black Mass ein wenig an Milieu mangelt, zeigt der Film doch recht wenig von Whitey Bulgers Geschäften und Machenschaften, sein eigentlicher Wirkungskreis wird meist nur umrissen und angedeutet, nie aber auch ausformuliert. Bulger ist in South Boston geachtet und gefürchtet gleichermaßen, irgendwie auch ein Mann der kleinen Leute, einer, der sich von ganz unten nach oben gearbeitet hat. Ein Verbrecher, ja, aber eben auch einer von ihnen, des aus der gleichen Gosse stammt und seinen Weg aus ihr heraus konsequent verfolgt. Grundsätzlich betrachtet aber liegt das größte Problem von Black Mass an anderer Stelle. Scott Cooper inszeniert einen durchaus gelungenen Gangsterthriller, da ist tatsächlich nicht viel auszusetzen, aber Black Mass erschafft eben auch absolut nichts neues und orientiert sich gänzlich an den klassischen Koordinaten dieses Genre, vermengt bereits bekannte Versatzstücke miteinander und bedient Stereotypen. Nicht falsch verstehen, Black Mass ist bei weitem kein schlechter Film, aber er ist eben auch kein besonders eigenständiger Film und eifert seinen offensichtlichen Vorbildern nach ohne selbst etwas aus der Masse hervorstechendes zu kreieren. Dennoch punktet Black Mass durch seine düstere, dreckige und manchmal auch harte Atmosphäre und ein gelungen umgesetztes Setting, welches Scott Cooper angemessen einzufangen und wiederzugeben versteht. Auch ist es ein wenig schade, dass man der zweifellos spannenden und interessanten Figurenkonstellation um Whitey Bulger, seinen Bruder und Senator Billy Bulger und John Connolly, dem Jugendfreund und jetzigen FBI-Agenten, nicht mehr Raum gibt und deren Potential voll ausschöpft. Mit einer leicht anderen Gewichtung an dieser Stelle hätte sich Black Mass aus der Masse der durchschnittlichen Gangsterthriller deutlich hervorheben können. So aber bleibt ein solide inszenierter Film mit einem starken, aber stellenweise auch verschwendeten Cast, der es nur selten versteht, sich Alleinstellungsmerkmale zu erarbeiten und der Figur des Whitey Bulger nur wenig entlocken kann, um sich mit Größen wie De Niro, Pacino oder meinetwegen auch Jack Nicholson in The Departed messen zu können.

 

Scott Cooper liefert nach Crazy Heart und Out of the Furnace mit Black Mass einen gelungen inszenierten Beitrag zum Genre der Gangsterthriller, der zwar nicht herausragt und mit den großen Vertretern wie Good Fellas oder Casino mithalten kann, dafür aber mit einer düster-schmutzigen Atmosphäre unterhält und endlich wieder einen sehr gut agierenden Johnny Depp zu bieten hat. Mit einer leicht anderen Gewichtung seiner Erzählweise und einer besseren Ausleuchtung des grundsätzlich spannenden Beziehungsdreiecks zwischen Whitey Bulger, seinem Bruder Billy und John Connolly hätte man jedoch deutlich mehr Potential aus der Story kitzeln können. Am Ende bleibt ein durchaus sehenswerter Film, den sich Fans des Genre ohnehin nicht entgehen lassen dürfen und wohl kaum auch werden.

 

7 von 10 geheimen Familienrezepten

 

 

The Imitation Game

21. November 2015 at 22:11

 

 

 

The Imitation Game (2014)
The Imitation Game poster Rating: 8.1/10 (366,245 votes)
Director: Morten Tyldum
Writer: Graham Moore, Andrew Hodges (book)
Stars: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode, Rory Kinnear
Runtime: 114 min
Rated: PG-13
Genre: Biography, Drama, Thriller
Released: 25 Dec 2014
Plot: During World War II, mathematician Alan Turing tries to crack the enigma code with help from fellow mathematicians.

 

 

 

„Sometimes it’s the very people who no one imagines anything of who do the things no one can imagine.“

 

 

 

Das Biopic des norwegischen Regisseurs Morton Tyldum erzählt nicht linear überwiegend drei Abschnitte aus dem Leben des britischen Mathematikers und Informatikers Alan Turing, wobei der Schwerpunkt des Films ganz eindeutig auf seiner Arbeit für die britische Royal Navy und dem MI 6 während des Zweiten Weltkriegs liegt, als es vornehmlich Turing und einigen weiteren seiner Mitarbeiter gelang, den Enigma-Code zu knacken und somit die bis dahin kryptische Kommunikation der Deutschen zu entschlüsseln. Nicht nur ein essentieller Bestandteil auf dem Weg den Krieg zu gewinnen, Turings Arbeiten bilden auch die Grundlage heutiger Computer und dem Konzept einer Künstlichen Intelligenz.

 

Biopics haben so ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und kranken beinahe alle an den immer gleichen Problemen. The Imitation Game macht da keine Ausnahme. Das Problem ist, das Verlauf und Ausgang für den interessierten Zuschauer meist bereits bekannt sind und der Film über diesen Weg kaum bis gar keine Spannung mehr zu erzeugen vermag. Folglich müssen andere erzählerische Pfade beschritten werden, es kommt zu Überspitzungen und Auslassungen, Raffung der Ereignisse, Halbwahrheiten werden aufgebaut und eingestreut und manchmal sogar gänzlich neue Begebenheiten eingefügt. Das Ergebnis kann dann oft den tatsächlichen Personen und Ereignissen nicht mehr gerecht werden. The Imitation Game aber kommt es zumindest sehr zu gute, dass sich das Drehbuch auf drei sehr konkrete Abschnitte im Leben des Alan Turing beschränkt, auch wenn ich mir an dieser Stelle eine etwas andere Gewichtung gewünscht hätte. Auslassungen und Überspitzungen sowie zu Spannungszwecken eingestreute Halbwahrheiten gibt es allerdings auch hier zu finden. Diese müssen als Mechanismen des Genres einfach hingenommen und akzeptiert werden, können dem Film kaum zum Vorwurf gemacht werden und sollen auch gar nicht das Thema sein.

 

Denn handwerklich ist The Imitation Game durchgängig absolut gut gelungen, egal, ob Inszenierung oder Schauspiel, in diesen Bereichen bewegt sich der Film auf hohem Niveau, stellenweise vielleicht ein wenig zu pathetisch und dick aufgetragen, ansonsten aber gibt es da so gut wie nichts an der Arbeit von Morton Tyldum auszusetzen. Das Biopic ist die erste amerikanische Produktion für den Norweger, der bereits 2011 in seiner Heimat und dem Rest von Europa mit seinem etwas unkonventionellen Thriller Headhunters zu überzeugen wusste, und auch mit The Imitation Game leistet er gute Arbeit und empfiehlt sich zweifellos für weitere Regiearbeiten in Hollywood. Allerdings hat der Film in meinen Augen einen doch recht großen Makel: indem er sich überwiegend Turings Arbeit an der Enigma widmet, beraubt er sich selbst dem ungeheuren Potential, das in der Geschichte dieses Mannes schlummert. The Imitation Game ist zu wenig politisch, irgendwie seltsam vage liberal, aber nicht wirklich konsequent, nicht mutig genug, sondern hübsch angepasst und ohne die nötigen Ecken und Kanten. Das eigentliche Drama im Leben dieses Mannes, die Konflikte rund um Turings Homosexualität, seine Verurteilung zur chemischen Kastration, seine Depressionen und schließlich sein Selbstmord hätten durchaus mehr in den Fokus des Films geraten dürfen, stattdessen verkommt es beinahe zur Nebensache und wird schlussendlich mit einigen wenigen, lapidar eingefügten Texttafeln abgehandelt. Turings Persönlichkeit bleibt die ganze Zeit über im Schatten und an dieser Stelle versagt der Film als Biopic, The Imitation Game fühlt sich die meiste Zeit über mehr wie ein Thriller mit Weltkriegshintergrund an, Licht ins Dunkel dieses ambivalenten und faszinierenden Menschen bringt er jedenfalls nicht wirklich. So spielt Cumberbatch Turing zwar auch gewohnt großartig, aber auch sehr an seinen Sherlock aus der gleichnamigen Serie der BBC angelehnt, ähnlich genial, manisch, arrogant und im ursprünglichsten Sinne asozial, die Parallelen sind frappierend und kaum zu leugnen. Seine Präsenz auf der Leinwand füllt dann auch große Teile des Films und drängt den Rest des Cast, allen voran Keira Knightly und Mark Strong, an den Rand, da bleibt nicht mehr allzu viel Raum um sich zu entfalten.

 

Am Ende ist The Imitation Game ein handwerklich wirklich sehr gut gemachter Film, der sein ganzes Potential leider nicht völlig auszuschöpfen vermag, weil er schlicht und ergreifend zu glatt geraten ist und sich nicht wirklich positionieren will, um bloß nirgendwo anzuecken. Ein heikles Thema politisch korrekt umgesetzt ohne groß Stellung zu beziehen. Auch auf der emotionalen Ebene kann The Imitation Game letztlich nicht durchgängig überzeugen und schafft es nicht immer, den Zuschauer an seine Figuren und deren Konflikte zu binden. Das verschenkte Potential ist schade, denn angesichts der Geschichte hinter Alan Turing wäre da doch mehr drin gewesen, so bleibt ein zwar immer noch guter, aber auch vollkommen auf Sicherheit produzierter, typischer Oskarfilm.

 

7 von 10 Rechenmaschinen namens Christopher