Black Mass

7. März 2016 at 14:59

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„If nobody sees it, it didn´t happened.“

 

 

 

Black Mass beschreibt den rasanten Aufstieg des James „Whitey“ Bulger vom eher im kleinen Kreis operierenden Ganoven in South Boston hin zu einem der gefürchtetsten Verbrecher der ganzen Stadt. Als ihm das FBI in Gestalt eines alten Jugendfreundes eine Kooperation anbietet, um die italienische Mafia in Boston auszuschalten, geht er bereitwillig darauf ein, kann er so doch gezielt die lästige Komkurrenz loswerden und gleichzeitig die schützende Hand der Bundesbehörde genießen, um sein Netz aus kriminellen Machenschaften ungestört weiter ausbauen zu können…

 

Zugegeben, es fällt schwer, über einen Film mit Johnny Depp zu schreiben ohne auf seine bereits seit geraumer Zeit doch arg ins Trudeln geratene Karriere zu kommen. In diesem Kontext darf man getrost festhalten, dass Black Mass eine Abkehr von seinen zuletzt üblichen schauspielerischen Eskapaden und Zirkusnummern geworden ist. Ob der Film von Scott Cooper nun auch eine Trendwende für Johnny Depp bedeutet, das muss sich erst noch zeigen, aber so gut wie in Black Mass habe ich ihn schon sehr lange nicht mehr erlebt. Sehr eindringlich spielt er Whitey Bulger, der ebenso unbeherrscht wie unterschwellig bedrohlich sein kann. Allein sein durchdringender Blick kriecht immer mal wieder unter die Haut und trotz einer relativ umfangreichen Maske bleibt sein sparsames wie präzises Mienenspiel erhalten. Johnny Depp lässt sich also schon mal nicht als Schwachpunkt ausmachen im neuesten Film von Scott Cooper, der bereits mit seinen beiden Vorgängern Crazy Heart und Out of the Furnace durchaus eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte, dass er besonders gut darin ist, präzise zu beobachten und ausgefeilte Milieustudien auf die Leinwand zu bringen. Obwohl es Black Mass ein wenig an Milieu mangelt, zeigt der Film doch recht wenig von Whitey Bulgers Geschäften und Machenschaften, sein eigentlicher Wirkungskreis wird meist nur umrissen und angedeutet, nie aber auch ausformuliert. Bulger ist in South Boston geachtet und gefürchtet gleichermaßen, irgendwie auch ein Mann der kleinen Leute, einer, der sich von ganz unten nach oben gearbeitet hat. Ein Verbrecher, ja, aber eben auch einer von ihnen, des aus der gleichen Gosse stammt und seinen Weg aus ihr heraus konsequent verfolgt. Grundsätzlich betrachtet aber liegt das größte Problem von Black Mass an anderer Stelle. Scott Cooper inszeniert einen durchaus gelungenen Gangsterthriller, da ist tatsächlich nicht viel auszusetzen, aber Black Mass erschafft eben auch absolut nichts neues und orientiert sich gänzlich an den klassischen Koordinaten dieses Genre, vermengt bereits bekannte Versatzstücke miteinander und bedient Stereotypen. Nicht falsch verstehen, Black Mass ist bei weitem kein schlechter Film, aber er ist eben auch kein besonders eigenständiger Film und eifert seinen offensichtlichen Vorbildern nach ohne selbst etwas aus der Masse hervorstechendes zu kreieren. Dennoch punktet Black Mass durch seine düstere, dreckige und manchmal auch harte Atmosphäre und ein gelungen umgesetztes Setting, welches Scott Cooper angemessen einzufangen und wiederzugeben versteht. Auch ist es ein wenig schade, dass man der zweifellos spannenden und interessanten Figurenkonstellation um Whitey Bulger, seinen Bruder und Senator Billy Bulger und John Connolly, dem Jugendfreund und jetzigen FBI-Agenten, nicht mehr Raum gibt und deren Potential voll ausschöpft. Mit einer leicht anderen Gewichtung an dieser Stelle hätte sich Black Mass aus der Masse der durchschnittlichen Gangsterthriller deutlich hervorheben können. So aber bleibt ein solide inszenierter Film mit einem starken, aber stellenweise auch verschwendeten Cast, der es nur selten versteht, sich Alleinstellungsmerkmale zu erarbeiten und der Figur des Whitey Bulger nur wenig entlocken kann, um sich mit Größen wie De Niro, Pacino oder meinetwegen auch Jack Nicholson in The Departed messen zu können.

 

Scott Cooper liefert nach Crazy Heart und Out of the Furnace mit Black Mass einen gelungen inszenierten Beitrag zum Genre der Gangsterthriller, der zwar nicht herausragt und mit den großen Vertretern wie Good Fellas oder Casino mithalten kann, dafür aber mit einer düster-schmutzigen Atmosphäre unterhält und endlich wieder einen sehr gut agierenden Johnny Depp zu bieten hat. Mit einer leicht anderen Gewichtung seiner Erzählweise und einer besseren Ausleuchtung des grundsätzlich spannenden Beziehungsdreiecks zwischen Whitey Bulger, seinem Bruder Billy und John Connolly hätte man jedoch deutlich mehr Potential aus der Story kitzeln können. Am Ende bleibt ein durchaus sehenswerter Film, den sich Fans des Genre ohnehin nicht entgehen lassen dürfen und wohl kaum auch werden.

 

7 von 10 geheimen Familienrezepten

 

 

Tusk

9. September 2015 at 15:44

 

 

 

Tusk (2014)
Tusk poster Rating: 5.4/10 (23953 votes)
Director: Kevin Smith
Writer: Kevin Smith
Stars: Michael Parks, Justin Long, Genesis Rodriguez, Haley Joel Osment
Runtime: 102 min
Rated: R
Genre: Comedy, Drama, Horror
Released: 19 Sep 2014
Plot: When podcaster Wallace Bryton goes missing in the backwoods of Manitoba while interviewing a mysterious seafarer named Howard Howe, his best friend Teddy and girlfriend Allison team with an ex-cop to look for him.

 

 

 

„The walrus is far more evolved than any man I’ve ever known. Present company included.“

 

 

 

Wallace Bryton ist für seinen Podcast The Not-See Party (Anspielung und Anlass für den einen oder anderen Nazi-Witz), den er zusammen mit seinem Freund Teddy Craft betreibt, überall in den USA und in Kanada unterwegs, um vermeintliche Internetphänomene und deren 15 Minuten Ruhm aufzuspüren und zu interviewen. Natürlich nicht, ohne sich über sie lustig zu machen. Weil sich sein nächster Interviewpartner, das legendäre Kill Bill Kid (ein Teenie, der sich in der Garage seiner Eltern vor laufender Kamera beim Hantieren mit einem Katana versehentlich ein Bein abtrennt), dummerweise kurz vorher das Leben nimmt, hängt Bryton jetzt in Kanada fest. Er ist allerdings nicht gewillt, ohne eine brauchbare Story heimzukehren, und als er eher zufällig auf einen Aushang aufmerksam wird, in dem ein alter Seemann freie Kost und Logis in seinem Haus verspricht, wenn im Gegenzug anfallende häusliche Arbeiten verrichtet werden, ist sein Interesse geweckt. Obendrein verspricht der Mann spannende Geschichten aus seinem Leben auf See. Auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, sich dann kein Hotelzimmer nehmen zu müssen, ruft Bryton den Mann kurzerhand an und so macht er sich schließlich auf den Weg zu dem abgelegenen Haus, nicht ahnend, welch Schrecken ihn dort erwarten wird, denn sein Gastgeber ist besessen von der Idee, einen Menschen operativ in ein Walross zu verwandeln….

 

Jep…ihr habt richtig gelesen. Ein Walross. Die Ausgangslage des neuesten Films vom ehemaligen Regiewunderkind Kevin Smith ( Clerks, Mallrats, Dogma, Jay und Silent Bob in allen möglichen Variationen) liest sich nicht nur so, sie ist auch völlig absurd, und ebenso verrückt wie verstörend. Ob sich das Drehbuch als bewusste Anspielung auf die Human Centipede-Reihe (die ich nicht gesehen habe) versteht, vermag ich nicht zu sagen, gewisse Parallelen im Plot lassen sich jedoch nicht leugnen. Die Herangehensweise scheint mir jedoch ein gänzlich andere, ist Tusk doch zumindest bemüht, sich irgendwo zwischen Horrorkomödie und Groteske anzusiedeln, wohingegen die Human Centipede-Filme dem Vernehmen nach doch eher humorlos ans Werk gehen. Leider wirkt Tusk seltsam zerfasert und Smith scheint sich nicht so richtig entscheiden zu können, ob er nun eine völlig abgedrehte Komödie voller schwarzem Humor machen wollte, oder doch lieber psychologischen Horror. Ständig pendelt der Film zwischen durchaus ansehnlich bedrohlicher Atmosphäre und grotesken Absurditäten und gerade im letzten Drittel kippt dann alles einfach komplett ins gänzlich Bizarre. Wirklich gelungen ist das nicht immer, zumal ausschweifende Dialoge im Mittelteil den Film künstlich in die Länge ziehen und einzulullen beginnen. Smith überschüttet den Zuschauer hier regelrecht mit einem Flickenteppich aus Anspielungen, Zitaten und Querverweisen aus Film, Literatur und Musik, so dass schon bald das Interesse an der Geschichte auf der Strecke bleibt. Repetive Rückblenden und ein allenfalls notdürftig mit eingewobener Subplot blasen die eigentlich bizarr-interessante Ausgangslage so lange auf, bis die Blase platzt und nicht mehr viel davon übrig bleibt außer Langeweile. Als knackig inszenierter Kurzfilm mit einem leicht verlagerten Schwerpunkt würde Tusk vermutlich deutlich besser funktionieren. So aber bleibt die Idee letztlich größer als ihre Umsetzung und ab einem gewissen Punkt hat sich diese Idee schlicht und ergreifend verbraucht. Selbst der gut spielende Michael Parks als walrossbesessener Seemann kann im grotesken und geradezu lächerlichen Finale nichts mehr aus dem Stoff herausholen. Justin Long in der Opferrolle vermag seinem Schrecken kaum Ausdruck zu verleihen, und da sein Wallace Bryton ohnehin als arrogantes Hipster-Arschloch angelegt ist, verpufft schnell jegliches Mitleid mit seinem Schicksal. Der völlig exzentrische Gastauftritt von Johnny Depp als kaum wiederzuerkennender kanadischer Detektiv Guy Lapointe (soviel Spoiler muss sein) versprüht zunächst auch einen gewissen Reiz, und wäre das lediglich ein Cameo, würde es sogar funktionieren, doch dummerweise reißt der Mann beinahe das ganze letzte Drittel des Films an sich und wird schnell unerträglich.

 

Die grundlegende Idee von Tusk hat wegen ihrer hemmungslos ausufernden Absurdität einen gewissen Reiz, der jedoch schnell verpufft und einen Spielfilm kaum tragen kann. Eine handvoll Gags sind ganz gut platziert und funktionieren sogar, die meisten jedoch nicht. Die Spezialeffekte wirken (bewusst? Ich bin mir da nicht sicher…) billig und dadurch oft lächerlich. Als drastisch herunter gebrochener Kurzfilm könnte das Konzept vielleicht besser funktionieren, so aber holt Kevin Smith leider zu wenig heraus aus seiner Idee und streckt sie mit unnötigem Füllmaterial. Nach Filmen wie Cop Out und Red State leitet auch Tusk leider keinen erkennbaren Aufwärtstrend im Schaffen des einst gefeierten Independent-Regisseurs ein.

 

4 von 10 köstlichen Tassen Tee