Cop Car

3. Juli 2016 at 21:41

 

 

© Focus Films

 

 

 

„Boys I know you can hear me. You are in a whole lot of trouble.“

 

 

 

Die beiden zehnjährigen Ausreißer Travis und Harrison entdecken mitten im Nirgendwo von Colorado einen verlassenen Streifenwagen. Was anfangs noch Spannung und Abenteuer verspricht, wenn die beiden Cops spielen, was dann den Reiz des Verbotenen versprüht, wenn es den beiden gelingt, den Wagen nicht nur anzulassen, sondern auch eher schlecht als recht zu fahren, das alles schlägt ganz schnell in Gefahr um, denn Sheriff Kretzer hätte seinen Wagen liebend gern zurück, war er doch gerade dabei, eine Leiche zu entsorgen und hat noch Dinge im Kofferraum gelagert, die besser nicht gefunden werden sollten. Also heftet es sich an die Fersen der beiden Kinder und bietet in dem Versuch, seinen Streifenwagen zurück zu bekommen alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel auf, darf aber gleichzeitig kein Aufsehen bei seinen Kollegen erregen….

 

Cop Car von Jon Watts bildete den Abschlussfilm auf dem Fantasy Film Fest 2015. Ein Jahr zuvor noch führte Watts bei dem von Eli Roth produzierten Clown Regie und sein nächstes Projekt wird 2017 Spider Man: Homecoming sein. Inwieweit Clown und Cop Car nun Empfehlungen für Spider Man darstellen, bleibt erst einmal unklar, aber ein schlechter Film ist zumindest letzterer nicht, denn mit Cop Car liefert Jon Watts einen schnörkellos und kompakt erzählten Thriller, der das Rad sicher nicht neu erfindet, aber seinem Genre auch die eine oder andere neue Idee abgewinnen kann. Die Ausgangslage von Cop Car ist definitiv nicht neu und sehr wohl altbekannt, wenn ein junges Paar unbeabsichtigt und ahnungslos in die Geschäfte eines dreckigen und korrupten Polizisten stolpert und sich plötzlich zwischen allen Fronten wiederfindet. Der Kniff allerdings ist hier, dass es sich bei dem jungen Paar um zwei zehnjährige Jungen handelt, die zusammen von Zuhause ausgerissen sind. An diesem Punkt verschiebt sich die Perspektive dann doch um eine durchaus interessante Note und lässt einen neuen Blickwinkel zu, der dem im Grunde abgenutzten Konzept andere Facetten abgewinnen kann als man es gewohnt ist. So beginnt Cop Car auch durchaus atmosphärisch und stimmungsvoll, wenn der Film sein erstes Drittel den beiden Jungs widmet und sie den verlassenen Streifenwagen finden lässt, sie ihre Abenteuer zunächst im Kopf erleben lässt und auch ihre kindliche Neugierde entfacht, welche die beiden schnell jegliche Vorsicht und Skepsis in den Wind schlagen lässt. Leider beschreitet Watts diesen Weg der erfrischend neuen Perspektive ab dem Punkt nicht mehr weiter, an dem Sheriff Kretzer auf den Plan tritt und verschiebt seinen Blickwinkel weg von den beiden Kindern hin zu dem korrupten Cop, der allerhand Dreck am Stecken und Probleme zu lösen hat. In der Folge sind Travis und Harrison von da an nur noch Protagonisten einer immer finsterer werdenden Crime-Story, welche völlig auf den Motiven und Handlungen von Sheriff Kretzer aufbaut. Der Zuschauer kann zwar weiterhin verfolgen, was die beiden Jungs erleben und wie sie handeln, aber sie wirken fortan zunehmend weniger selbstbestimmt, entfernen sich dadurch als eigenständige Charaktere immer weiter aus dem Fokus des Films und verkommen letztlich nur noch zum bloßen Spielball in dem Interessenkonflikt der Erwachsenen innerhalb der Handlung. Somit zerfasert Cop Car nach seinem ersten Drittel zusehends in zwei verschiedene Handlungsstränge, welche erst gegen Ende in einem westernartigen Showdown wieder zusammen geführt werden, denn von nun an liegt der Blickwinkel ganz klar auf Sheriff Kretzer und seinen Bemühungen, den Streifenwagen wieder zu bekommen. Zudem ist die Figurenzeichnung ausgesprochen schwach ausgefallen und steht zu keiner Sekunde auch nur ansatzweise im Vordergrund. Der Zuschauer erfährt buchstäblich nichts über die Charaktere des Films. Nicht, wo sie herkommen. Nicht, wo sie hin wollen. Nicht, was sie antreibt. Auch nicht, was ihre Motivation ist oder wie ihre Handlungen legitimiert sind, ja, nicht einmal der Grund für all die Ereignisse wird deutlich, wodurch inhaltlich viel zu viele Fragen offen bleiben und der Zuschauer unnötig zu sehr auf Distanz gehalten wird.

 

Letztlich ist Cop Car ein solider Thriller geworden, der zumindest anfangs eine durchaus neue und interessante Perspektive mit seiner Erzählweise bedient, sein Niveau aber nicht durchgängig halten kann, denn zwischen dem atmosphärischen Beginn und dem westernartigen Showdown gerät die ansonsten kompakte erzählerische Struktur ins Schlingern und verliert spürbar an Zugkraft. Auch, weil der Film zu viele Fragen offen lässt und eine unbefriedigende Figurenzeichnung bietet. Jon Watts hat aber ein gutes Auge für Spannungsmomente und versteht es, immer mal wieder kleinere Wendungen zu setzen, welche die Handlung ein klein wenig unberechenbar machen. Optisch und inszenatorisch fühlte ich mich stellenweise immer mal wieder an den sehr gelungenen Rachethriller Blue Ruin von Jeremy Saulnier erinnert, Watts jedoch erreicht niemals dessen Grad erzählerischer Wucht und bleibt deutlich zurückhaltender in seiner Inszenierung.

 

6 von 10 Fahrten mit verlassenen Streifenwagen

 

 

Black Mass

7. März 2016 at 14:59

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„If nobody sees it, it didn´t happened.“

 

 

 

Black Mass beschreibt den rasanten Aufstieg des James „Whitey“ Bulger vom eher im kleinen Kreis operierenden Ganoven in South Boston hin zu einem der gefürchtetsten Verbrecher der ganzen Stadt. Als ihm das FBI in Gestalt eines alten Jugendfreundes eine Kooperation anbietet, um die italienische Mafia in Boston auszuschalten, geht er bereitwillig darauf ein, kann er so doch gezielt die lästige Komkurrenz loswerden und gleichzeitig die schützende Hand der Bundesbehörde genießen, um sein Netz aus kriminellen Machenschaften ungestört weiter ausbauen zu können…

 

Zugegeben, es fällt schwer, über einen Film mit Johnny Depp zu schreiben ohne auf seine bereits seit geraumer Zeit doch arg ins Trudeln geratene Karriere zu kommen. In diesem Kontext darf man getrost festhalten, dass Black Mass eine Abkehr von seinen zuletzt üblichen schauspielerischen Eskapaden und Zirkusnummern geworden ist. Ob der Film von Scott Cooper nun auch eine Trendwende für Johnny Depp bedeutet, das muss sich erst noch zeigen, aber so gut wie in Black Mass habe ich ihn schon sehr lange nicht mehr erlebt. Sehr eindringlich spielt er Whitey Bulger, der ebenso unbeherrscht wie unterschwellig bedrohlich sein kann. Allein sein durchdringender Blick kriecht immer mal wieder unter die Haut und trotz einer relativ umfangreichen Maske bleibt sein sparsames wie präzises Mienenspiel erhalten. Johnny Depp lässt sich also schon mal nicht als Schwachpunkt ausmachen im neuesten Film von Scott Cooper, der bereits mit seinen beiden Vorgängern Crazy Heart und Out of the Furnace durchaus eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte, dass er besonders gut darin ist, präzise zu beobachten und ausgefeilte Milieustudien auf die Leinwand zu bringen. Obwohl es Black Mass ein wenig an Milieu mangelt, zeigt der Film doch recht wenig von Whitey Bulgers Geschäften und Machenschaften, sein eigentlicher Wirkungskreis wird meist nur umrissen und angedeutet, nie aber auch ausformuliert. Bulger ist in South Boston geachtet und gefürchtet gleichermaßen, irgendwie auch ein Mann der kleinen Leute, einer, der sich von ganz unten nach oben gearbeitet hat. Ein Verbrecher, ja, aber eben auch einer von ihnen, des aus der gleichen Gosse stammt und seinen Weg aus ihr heraus konsequent verfolgt. Grundsätzlich betrachtet aber liegt das größte Problem von Black Mass an anderer Stelle. Scott Cooper inszeniert einen durchaus gelungenen Gangsterthriller, da ist tatsächlich nicht viel auszusetzen, aber Black Mass erschafft eben auch absolut nichts neues und orientiert sich gänzlich an den klassischen Koordinaten dieses Genre, vermengt bereits bekannte Versatzstücke miteinander und bedient Stereotypen. Nicht falsch verstehen, Black Mass ist bei weitem kein schlechter Film, aber er ist eben auch kein besonders eigenständiger Film und eifert seinen offensichtlichen Vorbildern nach ohne selbst etwas aus der Masse hervorstechendes zu kreieren. Dennoch punktet Black Mass durch seine düstere, dreckige und manchmal auch harte Atmosphäre und ein gelungen umgesetztes Setting, welches Scott Cooper angemessen einzufangen und wiederzugeben versteht. Auch ist es ein wenig schade, dass man der zweifellos spannenden und interessanten Figurenkonstellation um Whitey Bulger, seinen Bruder und Senator Billy Bulger und John Connolly, dem Jugendfreund und jetzigen FBI-Agenten, nicht mehr Raum gibt und deren Potential voll ausschöpft. Mit einer leicht anderen Gewichtung an dieser Stelle hätte sich Black Mass aus der Masse der durchschnittlichen Gangsterthriller deutlich hervorheben können. So aber bleibt ein solide inszenierter Film mit einem starken, aber stellenweise auch verschwendeten Cast, der es nur selten versteht, sich Alleinstellungsmerkmale zu erarbeiten und der Figur des Whitey Bulger nur wenig entlocken kann, um sich mit Größen wie De Niro, Pacino oder meinetwegen auch Jack Nicholson in The Departed messen zu können.

 

Scott Cooper liefert nach Crazy Heart und Out of the Furnace mit Black Mass einen gelungen inszenierten Beitrag zum Genre der Gangsterthriller, der zwar nicht herausragt und mit den großen Vertretern wie Good Fellas oder Casino mithalten kann, dafür aber mit einer düster-schmutzigen Atmosphäre unterhält und endlich wieder einen sehr gut agierenden Johnny Depp zu bieten hat. Mit einer leicht anderen Gewichtung seiner Erzählweise und einer besseren Ausleuchtung des grundsätzlich spannenden Beziehungsdreiecks zwischen Whitey Bulger, seinem Bruder Billy und John Connolly hätte man jedoch deutlich mehr Potential aus der Story kitzeln können. Am Ende bleibt ein durchaus sehenswerter Film, den sich Fans des Genre ohnehin nicht entgehen lassen dürfen und wohl kaum auch werden.

 

7 von 10 geheimen Familienrezepten