The Peanut Butter Falcon (2019)

18. Juni 2020 at 17:42

 

 

© Roadside Attractions/Quelle: IMDb

 

 

 

Zak ist 22 Jahre alt, hat das Down-Syndrom, keine Familie mehr und wurde daher vom Staat in einem Altenheim untergebracht. Sein größter Traum ist es, ein Wrestler zu werden, und so beschließt er abzuhauen und sich auf die Suche nach seinem großen Vorbild zu machen, dem Wrestler Salt Walter Redneck. Unterwegs trifft er auf den vor seiner Vergangenheit fliehenden Tyler, welcher Zak zunächst widerwillig dabei hilft, sein Ziel zu erreichen.

 

Friends are the family you choose. Mag abgedroschen klingen, lässt sich aber kaum leugnen. Was die beiden Regisseure Tyler Nilson und Michael Schwartz mit ihrem Debütfilm auf die Beine stellen, das ist durchaus bemerkenswert. Sicher, The Peanut Butter Falcon ist formelhaft erzählt und zu jedem Moment vorhersehbar, bedient er sich doch klar an den gängigen Strukturen eines Road-Movies mit ungleichem Paar. In den Details allerdings vermag diese warmherzige Südstaaten-Odyssee punktuell starke Akzente zu setzen. Da wären zum Beispiel die pointiert geschriebenen Dialoge. Der tolle Score und das wundervoll eingefangene Setting. Oder der entwaffnende Charme des unbekümmert und authentisch aufspielenden Zack Gottsagen, der von Nilson und Schwartz erstaunlich gut in Szene gesetzt wird, so dass sich der Film zu keiner Sekunde vorwerfen lassen muss, ihn als bloßes Gimmick zu nutzen oder gar der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein wirklich schmaler Grat, den die beiden Regisseure gefühlvoll meistern.

 

Dazu ist die Chemie zwischen Gottsagen und Shia Labeouf unglaublich stark. Die beiden harmonieren fantastisch miteinander, wirken vollkommen unverkrampft im Umgang und glücklicher Weise nimmt sich Labeouf angenehm zurück in seinem Spiel. The Peanut Butter Falcon ist ein Film über Freundschaft, über Familie, das Leben, aber auch über das Loslassen. Zak und Tyler haben mehr gemein als sie denken. Beide wurden ein Stück weit ihres Lebens beraubt und müssen sich nun erstmals ihrer gewählten und ungewollten Unabhängigkeit stellen. Da ist Zak, der das Abenteuer geradezu sucht und in seiner neu erworbenen Freiheit aufgeht, neue Eindrücke und Gefühle aufsaugt wie ein Schwamm und seinen Ballast abgeworfen hat. Und da ist Tyler, der mit den Dämonen seiner Vergangenheit kämpfen muss und ein gewaltiges Päckchen zu tragen hat. Mit dem fein austarierten Innenleben der beiden Männer kann die im letzten Drittel dazustoßende Eleanor leider nicht mithalten, ist ihre Figur doch spürbar eindimensionaler angelegt.

 

Im Schlussakt nimmt The Peanut Butter Falcon sogar leicht märchenhafte Züge an und vielleicht entlassen Nilson und Schwartz etwas zu einfach aus dem zuvor aufgebauten Dilemma, doch letztlich fällt das kaum ins Gewicht. Ihr Film ist eine liebevolle Ode an die Freundschaft, ist voller Wärme, aufrichtiger Empathie, und lebt durch das ungemein starke Spiel von Gottsagen und Labeouf.

 

7,5 von 10 weggeworfenen Autoschlüssel

 

 

Green Book (2018)

3. September 2019 at 12:11

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

You never win with violence. You only win when you maintain your dignity.“

 

 

 

Eigentlich arbeitet Tony Vallelonga als Türsteher und Rausschmeißer in einem Nachtclub, doch als dieser aufgrund einer Renovierung für zwei Monate schließen muss, da kommt ihm ein gut bezahlter Job nicht ungelegen. Er soll den begnadeten Pianisten Don Shirley auf einer Tournee durch die Südstaaten begleiten und als Fahrer für ihn arbeiten. Doch die beiden Männer könnten unterschiedlicher kaum sein und so gestaltet sich eine erste Annäherung als nicht sonderlich leicht.

 

Manchmal ist das Gegenteil von gut eben doch gut gemeint. Green Book von Regisseur Peter Farrelly gerät mit seinem Anspruch auf Versöhnung recht schnell an seine Grenzen, bleibt vieles doch bloß oberflächlich. Der Film ist so sehr darauf bedacht, nirgendwo anzuecken, dass er geradezu konturlos daherkommt. Ein vermeintliches Feel Good-Movie über den strukturellen Rassismus der frühen 60er, hübsch familienfreundlich verpackt und sehr gefällig in seiner Inszenierung, dafür aber auch bieder, seicht und zahm. Bloß nicht positionieren und es stattdessen lieber allen recht machen. Sicherlich hat das mitunter durchaus seine Momente, doch immer wenn der Blick in den Zwiespalt aus Rassismus und persönlicher Entfremdung ernsthaft zu fordern droht, eilt man schnell weiter zu nächsten Episode, zur nächsten Station auf dem Roadtrip durch die Südstaaten.

 

Dazu ist der Film von der ersten Minute an komplett vorhersehbar in seiner ganzen erzählerischen Struktur, wenn vieles an Filme wie Plaines, Traines & Automobiles oder Driving Miss Daisy angelehnt ist. Einzig die wahrlich herausragende darstellerische Leistung von Viggo Mortensen (A History of Violence, The Road, Lord of the Rings) und Mahershala Ali (Moonlight, True Detective, Hidden Figures) bewahrt Green Book vor dem Abgleiten in die vollkommene Belanglosigkeit. Die Chemie zwischen den beiden ist fantastisch und wie sich diese zarte Freundschaft langsam entwickelt, das ist schon toll zu sehen. Auf der schauspielerischen Ebene hervorragend, handwerklich okay, inhaltlich und inszenatorisch vor allem in seiner grundlegenden Botschaft erstaunlich naiv.

 

5 von 10 überwiegend dank Viggo Mortensen und Mahershala Ali, ohne diese beiden spürbar weniger.

 

 

The Hitcher (1986)

9. Juni 2019 at 17:22

 

 

© TriStar Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

You wanna know what happens to an eyeball when it gets punctured? Do you got any idea how much blood jets out of a guy’s neck when his throat’s been slit?“

 

 

 

Der junge Jim Halsey soll ein Auto nach Kalifornien überführen, begeht jedoch einen folgenschweren Fehler, indem er in einer regnerischen Nacht mitten in der Wüste den Anhalter John Ryder mitnimmt. Dieser entpuppt sich nämlich recht schnell als psychopathischer Killer, der ihm nach dem Leben trachtet. Zwar gelingt Jim die Flucht, doch damit soll sein Albtraum überhaupt erst beginnen.

 

The Hitcher trage ich schon sehr lange in meinem filmischen Gedächtnis mit mir herum, denn bestimmte Bilder haben sich seit meiner Kindheit bei mir eingebrannt, und doch bin ich alle paar Jahre immer wieder überrascht, wie ausnehmend gut das Regiedebüt von Robert Harmon geraten ist und besonders in Anbetracht seines weiteren Werdeganges vermag das ein wenig zu verwundern. Das Drehbuch von Eric Red macht sich das Auto als vermeintlichen Raum der Sicherheit und des Komforts sehr zu eigen, als persönlichen Rückzugsort vor der Welt da draußen, und lässt Angst, Schrecken und Hilflosigkeit genau dort Einzug halten, wo Flucht kleine Option mehr darstellt. Eine Mischung aus Horror und Roadmovie ist das, abgeschmeckt mit einer ordentlichen Portion grimmigem Realismus. Red, der auch das Drehbuch zu Near Dark von Kathryn Bigelow verfasste, scheint es sehr zu reizen, die besonders finsteren Abgründen dieses uramerikanischen Genre des Roadmovies bis auf den Grund auszuloten.

 

The Hitcher beginnt ganz unvermittelt und steigt ohne viele Worte mitten ins Geschehen ein, wenn sich der noch ahnungslose Jim gleich in der aller ersten Szene das fleischgewordene Grauen in der Gestalt des John Ryder ins Auto holt und sich dessen teuflischen Spielchen ausliefert. Rutger Hauer hat eine unfassbar starke Präsenz, wirkt beinahe schon dämonisch allgegenwärtig und geradezu mystisch überhöht, und bereits kleinste Gesten oder Gesichtsausdrücke lassen dem Zuschauer kalte Schauer über den Rücken jagen. Vor allem aber sind es die Ungewissheit der Motive und die vollkommene Willkür, die so furchterregend sind. Gerade weil Harmon und Red ihrem Killer keine nachvollziehbare Motivation mit auf dem Weg geben, wird der Schrecken nur noch weiter potenziert. Ob er einfach nur sein sadistisches Spiel liebt, in Jim vielleicht etwas erkennt und wecken möchte oder ob er wirklich von ihm aufgehalten werden will, wie er es selbst einmal sagt, das alles bleibt diffus im Unklaren, wenn The Hitcher so manche Deutungsebene offen lässt.

 

Auch formale Genrestrukturen interessieren Harmon herzlich wenig und so etwas wie Erlösung wird man hier vergeblich suchen. The Hitcher ist schmerzhaft und gönnt seinen Figuren keinen Moment der Ruhe oder gar Hoffnung, aber trotz ihrer eher dünnen Zeichnung ist der Film immer auch empathisch genug, so dass man mitleiden und bangen kann. Schmutz und Blessuren bleiben, werden nicht achtlos beiseite gewischt und hinterlassen dramatische Spuren bei allen Beteiligten, von den seelischen Wunden ganz zu schweigen. Jim jedenfalls ist am Ende ein gebrochener Mann und zieht zwischendurch zumindest in Betracht sich umzubringen. Und doch fällt The Hitcher weit weniger explizit aus als so mancher (inklusive mir) sich vielleicht zu erinnern glaubt, wenn Harmon auf perfide Art und Weise gar nicht mal so sehr exploitativ zeigefreudig ist und all die grausigen Details der Vorstellung des Zuschauers überlässt. Atmosphärisch wirkt all das seltsam entrückt und irgendwie unwirklich, zuweilen gar surreal, und gerade so mancher augenscheinlich unlogisch anmutender Moment verstärkt diese Wirkung nur noch weiter wie in einem fiebrigen Albtraum.

 

The Hitcher ist ein pulpiges B-Movie nahe an der Perfektion, an dem es wenig bis gar nichts zu bemängeln gibt. Regisseur Harmon und sein Drehbuchautor Red pendeln irgendwo zwischen grimmigen Realismus, überhöhtem Genre und einem beinahe schon nihilistischen Grundton, und erschaffen einen erzählerisch extrem dichten und packenden Film. Obwohl das Setting und das Ensemble der Figuren stark überschaubar bleibt, passiert in den rund 90 Minuten Laufzeit ungemein viel. Ein kleines Meisterwerk, böse wie eindrücklich, mit einem der faszinierendsten Killer der Filmgeschichte. Hört auf eure Mütter, manchmal haben sie nämlich recht.

 

9 von 10 blutigen Pommes

 

 

Cop Car

3. Juli 2016 at 21:41

 

 

© Focus Films

 

 

 

„Boys I know you can hear me. You are in a whole lot of trouble.“

 

 

 

Die beiden zehnjährigen Ausreißer Travis und Harrison entdecken mitten im Nirgendwo von Colorado einen verlassenen Streifenwagen. Was anfangs noch Spannung und Abenteuer verspricht, wenn die beiden Cops spielen, was dann den Reiz des Verbotenen versprüht, wenn es den beiden gelingt, den Wagen nicht nur anzulassen, sondern auch eher schlecht als recht zu fahren, das alles schlägt ganz schnell in Gefahr um, denn Sheriff Kretzer hätte seinen Wagen liebend gern zurück, war er doch gerade dabei, eine Leiche zu entsorgen und hat noch Dinge im Kofferraum gelagert, die besser nicht gefunden werden sollten. Also heftet es sich an die Fersen der beiden Kinder und bietet in dem Versuch, seinen Streifenwagen zurück zu bekommen alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel auf, darf aber gleichzeitig kein Aufsehen bei seinen Kollegen erregen….

 

Cop Car von Jon Watts bildete den Abschlussfilm auf dem Fantasy Film Fest 2015. Ein Jahr zuvor noch führte Watts bei dem von Eli Roth produzierten Clown Regie und sein nächstes Projekt wird 2017 Spider Man: Homecoming sein. Inwieweit Clown und Cop Car nun Empfehlungen für Spider Man darstellen, bleibt erst einmal unklar, aber ein schlechter Film ist zumindest letzterer nicht, denn mit Cop Car liefert Jon Watts einen schnörkellos und kompakt erzählten Thriller, der das Rad sicher nicht neu erfindet, aber seinem Genre auch die eine oder andere neue Idee abgewinnen kann. Die Ausgangslage von Cop Car ist definitiv nicht neu und sehr wohl altbekannt, wenn ein junges Paar unbeabsichtigt und ahnungslos in die Geschäfte eines dreckigen und korrupten Polizisten stolpert und sich plötzlich zwischen allen Fronten wiederfindet. Der Kniff allerdings ist hier, dass es sich bei dem jungen Paar um zwei zehnjährige Jungen handelt, die zusammen von Zuhause ausgerissen sind. An diesem Punkt verschiebt sich die Perspektive dann doch um eine durchaus interessante Note und lässt einen neuen Blickwinkel zu, der dem im Grunde abgenutzten Konzept andere Facetten abgewinnen kann als man es gewohnt ist. So beginnt Cop Car auch durchaus atmosphärisch und stimmungsvoll, wenn der Film sein erstes Drittel den beiden Jungs widmet und sie den verlassenen Streifenwagen finden lässt, sie ihre Abenteuer zunächst im Kopf erleben lässt und auch ihre kindliche Neugierde entfacht, welche die beiden schnell jegliche Vorsicht und Skepsis in den Wind schlagen lässt. Leider beschreitet Watts diesen Weg der erfrischend neuen Perspektive ab dem Punkt nicht mehr weiter, an dem Sheriff Kretzer auf den Plan tritt und verschiebt seinen Blickwinkel weg von den beiden Kindern hin zu dem korrupten Cop, der allerhand Dreck am Stecken und Probleme zu lösen hat. In der Folge sind Travis und Harrison von da an nur noch Protagonisten einer immer finsterer werdenden Crime-Story, welche völlig auf den Motiven und Handlungen von Sheriff Kretzer aufbaut. Der Zuschauer kann zwar weiterhin verfolgen, was die beiden Jungs erleben und wie sie handeln, aber sie wirken fortan zunehmend weniger selbstbestimmt, entfernen sich dadurch als eigenständige Charaktere immer weiter aus dem Fokus des Films und verkommen letztlich nur noch zum bloßen Spielball in dem Interessenkonflikt der Erwachsenen innerhalb der Handlung. Somit zerfasert Cop Car nach seinem ersten Drittel zusehends in zwei verschiedene Handlungsstränge, welche erst gegen Ende in einem westernartigen Showdown wieder zusammen geführt werden, denn von nun an liegt der Blickwinkel ganz klar auf Sheriff Kretzer und seinen Bemühungen, den Streifenwagen wieder zu bekommen. Zudem ist die Figurenzeichnung ausgesprochen schwach ausgefallen und steht zu keiner Sekunde auch nur ansatzweise im Vordergrund. Der Zuschauer erfährt buchstäblich nichts über die Charaktere des Films. Nicht, wo sie herkommen. Nicht, wo sie hin wollen. Nicht, was sie antreibt. Auch nicht, was ihre Motivation ist oder wie ihre Handlungen legitimiert sind, ja, nicht einmal der Grund für all die Ereignisse wird deutlich, wodurch inhaltlich viel zu viele Fragen offen bleiben und der Zuschauer unnötig zu sehr auf Distanz gehalten wird.

 

Letztlich ist Cop Car ein solider Thriller geworden, der zumindest anfangs eine durchaus neue und interessante Perspektive mit seiner Erzählweise bedient, sein Niveau aber nicht durchgängig halten kann, denn zwischen dem atmosphärischen Beginn und dem westernartigen Showdown gerät die ansonsten kompakte erzählerische Struktur ins Schlingern und verliert spürbar an Zugkraft. Auch, weil der Film zu viele Fragen offen lässt und eine unbefriedigende Figurenzeichnung bietet. Jon Watts hat aber ein gutes Auge für Spannungsmomente und versteht es, immer mal wieder kleinere Wendungen zu setzen, welche die Handlung ein klein wenig unberechenbar machen. Optisch und inszenatorisch fühlte ich mich stellenweise immer mal wieder an den sehr gelungenen Rachethriller Blue Ruin von Jeremy Saulnier erinnert, Watts jedoch erreicht niemals dessen Grad erzählerischer Wucht und bleibt deutlich zurückhaltender in seiner Inszenierung.

 

6 von 10 Fahrten mit verlassenen Streifenwagen