Doctor Strange

2. November 2016 at 13:42

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„This doesn’t make any sense. – Not everything does. Not everything has to.“

 

 

 

Dr. Stephen Strange ist ein brillanter wie arroganter und überheblicher Neurochirurg, der nach einem schweren Autounfall irreparable Nervenschäden an seinen Händen davon trägt und seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Nachdem er jede noch so experimentelle Behandlungsform traditioneller, westlicher Medizin ausgeschöpft hat und ihm keine helfen konnte, sucht er verzweifelt sein Heil in fernöstlichen Praktiken und reist nach Nepal. Dort wird er nicht nur geheilt, sondern auch eingeweiht in die Geheimnisse uralter magischer Künste, denn was er anfangs noch herablassend als Humbug abtut, dient einem erlesenen Kreis mächtiger Magier zur Verteidigung der Menschheit….

 

Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk produziert Disney Film um Film für sein Megaprojekt MCU, erweitert eifrig seinen filmischen Kosmos und beginnt nun langsam aber sicher Phase 3 seines Masterplans auszubauen. Abermals muss mit Doctor Strange nach den Guardians of the Galaxy und Ant-Man nun eine weitere Figur aus der zweiten, nicht ganz so bekannten Reihe herhalten, und erstaunlicherweise kann auch diese deutlich besser überzeugen als viele der bereits etablierten Figuren. Überraschend dabei ist neben der mit Benedict Cumberbatch, Mads Mikkelsen und Tilda Swinton wohl hochkarätigsten Besetzung bisher im MCU überhaupt vor allem auch die Wahl von Scott Derrickson als Regisseur, der zumindest mir vorher kein Begriff war. Eine kurze Recherche ergab mit Hellraiser: Inferno, The Exorcism of Emily Rose, Sinister und Deliver Us from Evil eine handvoll überwiegend aus dem Horror stammende, allenfalls mittelmäßige Filme, zu denen sich dann noch das vergessenswerte Remake von The Day the Earth Stood Still gesellt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen, wer vermag das schon so genau zu beurteilen, ist Doctor Strange als inzwischen bereits vierzehnter Beitrag im MCU und zweiter in dessen Phase 3 erfrischend genug anders geraten als die meisten übrigen Filme des Universums, bedient sich dabei aber immer noch dessen typischen erzählerischen Duktus, der ihn ganz klar als Marvelfilm kennzeichnet. Allerdings sollte man auf der erzählerischen Charakterebene keine Innovationen erwarten, denn hier bedient Doctor Strange die klassischste von allen nur denkbaren Origin Stories und deckt sich überwiegend mit der von Tony Stark/Iron Man, wenn das arrogante und überhebliche Genie durch ein einschneidendes Ereignis seine Läuterung erfährt und fortan seine eigentliche Bestimmung findet. Nennenswerte erzählerische Neuerungen oder Risiken, die eingegangen werden, gibt es nicht, und der Rhythmus ist klar vorgegeben und beschreitet gewohnte Wege. Mit dem Einführen der Magie und dem damit verknüpften Konzept der multiplen Universen und Dimensionen jedoch stößt Marvel die Tür zu ungeahnten Möglichkeiten weit auf und fügt seinem Kosmos einige ganz wunderbare Ideen hinzu, mit denen nicht nur Doctor Strange auf faszinierende Art und Weise umzugehen weiß, sondern die darüber hinaus noch spannende Gedankenspiele für die Zukunft implizieren. So ist Doctor Strange dann auch visuell buchstäblich atemberaubend und zelebriert ein überwältigendes Feuerwerk an Effekten, erschafft einen regelrecht psychedelischen und rauschhaften Wirbelsturm von Bildern und Eindrücken, von denen ich einige in solcher Form noch nie zuvor gesehen habe. Wer mich kennt, der weiß, dass ich alles andere als ein Freund des 3D bin, aber ich muss zugeben: für diesen Film lohnt sich das wirklich sehr, zumal es Regisseur Derrickson hin und wieder sogar gelingt, dieser eigentlich nur als Gimmick dienenden technischen Spielerei einen erzählerischen Mehrwert abzuringen. Dazu gesellt sich der bereits erwähnte starke Cast rund um Benedict Cumberbatch, der seinen Dr. Stephen Strange zwar nicht so herausragend spielt wie seinen Sherlock, aber dennoch eindrucksvoll genug auftritt, um der Mischung aus Tony Stark und Dr. House charismatisch Ausdruck zu verleihen und eine glaubwürdige, leicht gebrochene Heldenwerdung zu zeigen. Tilda Swinton fängt mit einer geradezu androgynen Vorstellung ganz hervorragend den mystisch-rätselhaften Geist von Strange´s Lehrmeister The Ancient One ein und die ganze Diskussion um das leidige Thema white washing hab ich sowieso nie verstanden. Die geradezu sklavische Ergebenheit gegenüber den Comicvorlagen vieler Hardcorefans und Liebhaber der bunten Seiten empfinde ich in Bezug auf die filmischen Umsetzungen doch eher als störend und limitierend, sind Film und Comic letztlich doch verschiedene Medien, die sich nicht 1:1 aufeinander übertragen lassen. Aber wieder zurück zum Film: auch Chwitel Ejiofor (einigen vielleicht eher bekannt als „der Typ aus 12 Years a Slave„) als Baron Mordo weiß mit seiner ruhig zurückhaltenden Art, unter deren Oberfläche es allerdings zunehmend brodelt, zu überzeugen, und inhaltlich löst der Film seine Entwicklung sehr schön auf und deutet schon auf Zukünftiges hin. Dem tollen Mads Mikkelsen kommt dann der Part des Bösewichts Kaecilius zu als ehemaliger brillanter wie arroganter Schüler von The Ancient One, der ihre Lehren nicht länger anerkennen, sich ihren Regeln nicht länger unterwerfen wollte und ihr letztlich mit seinen Jüngern den Rücken kehrte. Zwar lässt sich seine Motivation durchaus verstehen und beschränkt sich nicht einfach nur auf stumpfe Allmachtsfantasien und Weltzerstörungspläne, dennoch bleibt die Figur erstaunlich eindimensional und blaß. Und der B-Movie Action-Mime Scott Adkins ist leider Gottes in seiner Funktion als eine Art Henchman von Kaecilius vollkommen verschenkt und bekommt kaum Gelegenheit seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ein inzwischen alt bekanntes Problem des MCU, dass die Bösewichte meist nichts taugen. Kurioserweise gelingt es den Marvel-Serien wie Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage um Längen besser glaubwürdige und vielschichtige Bösewichte zu erschaffen.

 

Doctor Strange ist ein ausgesprochen unterhaltsamer Beitrag zum MCU geworden, der auf erfrischende Art und Weise durchaus auch vom üblichen erzählerischen Korsett abweicht, dieser stetig wachsenden Welt neue, spannende Facetten verleihen kann und auch mühelos als Film für sich allein stehen kann. In Bezug auf die Origin Story des Helden gibt es zwar keine nennenswerten Neuerungen, aber die elegante Inszenierung, die überwältigenden visuellen Schauwerte, der angenehm auflockernde Humor und starke Darsteller wissen das mühelos zu kompensieren. Es ist bezeichnend, dass mit den Guardians of the Galaxy, Ant-Man und jetzt auch Doctor Strange die Figuren aus der zweiten Reihe des MCU mir dann doch meist besser gefallen als die der ersten Reihe rund um Captain America und Iron Man. So darf das gerne weitergehen.

 

8 von 10 flatterhaften Umhängen

 

 

Der Marsianer

17. Januar 2016 at 16:57

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„In the face of overwhelming odds, I’m left with only one option, I’m gonna have to science the shit out of this.“

 

 

 

Mark Watney ist als Botaniker und Ingenieur Mitglied der Ares-III-Mission auf dem Mars. Als ein gewaltiger Sandsturm die sechsköpfige Crew aus Astronauten unterschiedlichster Nationalitäten zum Rückzug zwingt, wird Watney von umherfliegenden Trümmerstücken getroffen und von der Gruppe getrennt. In der Annahme, ihr Kollege sei tot, tritt die Ares-III dem Heimweg an ohne zu ahnen, dass Watney noch lebt. Allein und in dem Wissen, dass er mindestens vier Jahre ausharren muss, bis Ares-IV auf dem Mars landen soll, muss er sich auf seinen Einfallsreichtum und seine wissenschaftlichen Fähigkeiten besinnen…

 

Große Hollywood-Produktionen und der Mars, das war bisher keine besonders ertragreiche Kombination, waren doch Filme wie Red Planet, Mission to Mars oder John Carter nicht nur kolossale Flops an den Kinokassen, sondern auch einfach nicht wirklich gut umgesetzt oder gar katastrophale Reinfälle. Ridley Scott wagt sich allerdings dennoch erneut an dieses Thema und verfilmt den gleichnamigen Bestseller-Roman von Andy Weir trotz einer eventuellen thematischen Übersättigung durch Filme wie Gravity und Interstellar. Scott überrascht dann allerdings zunächst einmal durch eine erstaunlich lockere und unbeschwerte, stellenweise gar witzige Erzählweise, wodurch sich Der Marsianer angenehm von der Konkurrenz abhebt, die tonal oftmals deutlich dunkler ausfällt. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt nicht nur einzig und allein auf dem Überlebenskampf des Mark Watney, sondern versteht sich eben auch als das Portrait eines Mannes, dessen Wille zum Überleben trotz geringer Chancen ungebrochen ist, eines Mannes, der den sicheren Tod vor Augen hat und trotzdem nicht aufgibt. Tag für Tag stellt er sich allen möglichen Problemen, großen und kleinen, nebensächlichen und existenzbedrohenden, und löst eines nach dem anderen, Schritt für Schritt, besonnen und überlegt. Aufzugeben und sich seinem Schicksal zu fügen ist für Watney nie eine Option und so wird Der Marsianer auch zu einem Plädoyer dafür, wozu der menschliche Geist fähig sein kann, wenn er nicht der Verzweiflung nachgibt, zielgerichtet voran geht und niemals aufgibt.

 

 

 

„I don’t want to come off as arrogant here, but I’m the greatest botanist on this planet.“

 

 

 

Ridley Scott bedient sich zwar vollkommen konventioneller Erzählmuster und innovative Elemente sucht man in Der Marsianer vergeblich, aber obwohl er in diesem Punkt absolut auf Nummer sicher geht, ist sein Film dennoch durchaus spannend erzählt und dynamisch genug inszeniert, um den Zuschauer bei Laune zu halten. Das liegt zum größten Teil auch an dem für diese Form eines Katastrophenszenarios doch eher ungewöhnlich hohen Anteil an Humor, der überwiegend durch Watney´s Sarkasmus zum Vorschein kommt. Die Zwiegespräche mit sich selbst, aufgezeichnet in einer Art Videotagebuch, setzen oft wirklich witzige Highlights und geben Matt Damon zusätzlich noch die erzählerisch durchaus clevere Möglichkeit, seine Monologe auch gezielt an den Zuschauer zu richten, ohne diesen bewusst anzusprechen. Überhaupt wäre Der Marsianer ohne Matt Damon kaum denkbar und das ganze Konstrukt steht und fällt mit seiner schauspielerischen Leistung, denn er transportiert nahezu perfekt den Galgenhumor, den sich Watney als Schutzmechanismus angeeignet hat. Leider kann selbst Damon das große Manko in der Charakterzeichnung nicht ausgleichen, denn irgendwie will es Ridley Scott nicht so recht gelingen, den Zuschauer auch auf der Gefühlsebene mit ins Boot zu holen. Watney ist smart und witzig, keine Frage, und es ist immer faszinierend anzusehen, wie er Problem um Problem löst, aber darüber hinaus ist da recht wenig, das seinen Charakter umschreibt und wirklich emotional involviert ist man beinahe nie. Weil das Drehbuch von Drew Goddard seine Hauptfigur nur so unzureichend entwickelt, ist einem sein Schicksal seltsam egal, man fiebert nicht wirklich mit Watney und seinem Kampf ums Überleben in dieser so feindlichen Umgebung mit. Auch erfährt man so gut wie nichts über diesen Mann, er bleibt seltsam schwammig umschrieben und ist nicht wirklich greifbar. In diesem Kontext hätte dem Film auch ein wenig Verzweiflung gut zu Gesicht gestanden, denn auch diese sucht man vergeblich. Dadurch mangelt es an einer unmittelbaren, ganz konkreten Gefahr, die es zur Identifikation definitiv gebraucht hätte statt der allgegenwärtigen abstrakt intellektuellen Bedrohung. Ein im Grunde fataler und kaum zu verzeihender Fehler für einen Film dieser Art und Ausrichtung. Zudem ist der Der Marsianer nicht frei von teils unnötigen Längen, auch weil sich auf der erzählerischen Ebene gerade im Mittelteil einiges wiederholt und sich mit zunehmender Laufzeit abzunutzen beginnt.

 

Sicherlich ist Der Marsianer alles andere als frei von Fehlern, aber kurzweilig und unterhaltsam ist er durchaus geraten. Der angenehm überraschende und effektiv umgesetzte Humor, der den ganzen Film durchwebt, gleicht erzählerische Mängel wieder aus und es ist ungemein sympathisch, dass der Film im Grunde auch gar nichts anderes will als unterhalten und daraus überhaupt keinen Hehl macht. Zuweilen etwas zu lang geraten und nicht immer sauber inszeniert, zeichnet sich Der Marsianer dennoch durch 144 unterhaltsame Minuten aus. Wissenschaft kann eben doch Spaß machen.

 

7 von 10 auf dem Mars angebauten Kartoffeln