Suburbicon (2017)

8. Juni 2018 at 19:06

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

„What do you think you know, big man? Hmm? Because I know a lot of things. That’s the case with being a grownup. You have to make decisions. Decisions like what’s best for the family.“

 

 

 

Willkommen in Suburbicon, einem Vorort aus dem Bilderbuch der späten 50er Jahre. Doch Ruhe und Frieden dort werden von einem grausamen Verbrechen überschattet, als die Familie Lodge eines abends in ihrem Haus brutal überfallen wird. Die Mutter Rose überlebt diese Nacht nicht, ihr Mann Gardner, der gemeinsame Sohn Nicky und ihre Zwillingsschwester Margaret hingegen schon. Quasi zeitgleich zieht die erste farbige Familie in Suburbicon ein und bringt schnell die Einwohner gegen sich auf. Es dauert nicht lange, da wütet schon der aufgebrachte Mob vor den weißen Gartenzäunen.

 

Nach What Happened to Monday? bekam ich nun mit Suburbicon zum zweiten Mal in relativ kurzer Zeit einen Film zu sehen, der deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück bleibt und sein Potential nicht wirklich voll zu entfalten vermag. Das Drehbuch stammt von den Coen-Brüdern, die Regie hingegen von George Clooney, und beides spürt der aufmerksame Betrachter deutlich. Suburbicon etabliert zwei separate Handlungsstränge, welche nie wirklich zueinander finden. Schlimmer noch: der Teil des Rassismus-Dramas ist nie mehr als ein bloßes Plot-Vehikel, hat keine Tiefe, entwickelt keine Relevanz und der Film macht buchstäblich nichts damit. NICHTS! Außer dem Krimi-Plot an einem bestimmten Punkt ein Hintertürchen zu öffnen. 

 

Letztlich sagt mir Suburbicon kaum mehr als: guck mal, hinter den gepflegten wie spießigen Fassaden der Vorstadt, hinter den akkuraten Vorgärten und weißen Gartenzäunen, da lauert auch das Grauen in Form menschlicher Abgründe. Danke, aber das ist mir keineswegs neu und wurde in anderen Filmen schon deutlich besser umgesetzt. Coen-Brüder light ist das, was mich sogar ein wenig ärgert, sehe ich doch das Potential dahinter, aber irgendwie fehlt es an Stringenz und vor allem an Bissigkeit, um wirklich eine Aussage zu treffen. Darstellerisch ist das zwar solide, aber gerade Matt Damon und Julianne Moore sind schon sehr gefangen in der Eindimensionalität ihrer Figuren. Einzig Oscar Isaac ragt hier heraus: zwar ist seine screen time sehr begrenzt, aber seine wenigen Szenen sind das beste am ganzen Film. Mit Abstand.

 

5 von 10 Tüchern getränkt mit Chloroform

 

 

 

 

 

 

Der Marsianer

17. Januar 2016 at 16:57

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„In the face of overwhelming odds, I’m left with only one option, I’m gonna have to science the shit out of this.“

 

 

 

Mark Watney ist als Botaniker und Ingenieur Mitglied der Ares-III-Mission auf dem Mars. Als ein gewaltiger Sandsturm die sechsköpfige Crew aus Astronauten unterschiedlichster Nationalitäten zum Rückzug zwingt, wird Watney von umherfliegenden Trümmerstücken getroffen und von der Gruppe getrennt. In der Annahme, ihr Kollege sei tot, tritt die Ares-III dem Heimweg an ohne zu ahnen, dass Watney noch lebt. Allein und in dem Wissen, dass er mindestens vier Jahre ausharren muss, bis Ares-IV auf dem Mars landen soll, muss er sich auf seinen Einfallsreichtum und seine wissenschaftlichen Fähigkeiten besinnen…

 

Große Hollywood-Produktionen und der Mars, das war bisher keine besonders ertragreiche Kombination, waren doch Filme wie Red Planet, Mission to Mars oder John Carter nicht nur kolossale Flops an den Kinokassen, sondern auch einfach nicht wirklich gut umgesetzt oder gar katastrophale Reinfälle. Ridley Scott wagt sich allerdings dennoch erneut an dieses Thema und verfilmt den gleichnamigen Bestseller-Roman von Andy Weir trotz einer eventuellen thematischen Übersättigung durch Filme wie Gravity und Interstellar. Scott überrascht dann allerdings zunächst einmal durch eine erstaunlich lockere und unbeschwerte, stellenweise gar witzige Erzählweise, wodurch sich Der Marsianer angenehm von der Konkurrenz abhebt, die tonal oftmals deutlich dunkler ausfällt. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt nicht nur einzig und allein auf dem Überlebenskampf des Mark Watney, sondern versteht sich eben auch als das Portrait eines Mannes, dessen Wille zum Überleben trotz geringer Chancen ungebrochen ist, eines Mannes, der den sicheren Tod vor Augen hat und trotzdem nicht aufgibt. Tag für Tag stellt er sich allen möglichen Problemen, großen und kleinen, nebensächlichen und existenzbedrohenden, und löst eines nach dem anderen, Schritt für Schritt, besonnen und überlegt. Aufzugeben und sich seinem Schicksal zu fügen ist für Watney nie eine Option und so wird Der Marsianer auch zu einem Plädoyer dafür, wozu der menschliche Geist fähig sein kann, wenn er nicht der Verzweiflung nachgibt, zielgerichtet voran geht und niemals aufgibt.

 

 

 

„I don’t want to come off as arrogant here, but I’m the greatest botanist on this planet.“

 

 

 

Ridley Scott bedient sich zwar vollkommen konventioneller Erzählmuster und innovative Elemente sucht man in Der Marsianer vergeblich, aber obwohl er in diesem Punkt absolut auf Nummer sicher geht, ist sein Film dennoch durchaus spannend erzählt und dynamisch genug inszeniert, um den Zuschauer bei Laune zu halten. Das liegt zum größten Teil auch an dem für diese Form eines Katastrophenszenarios doch eher ungewöhnlich hohen Anteil an Humor, der überwiegend durch Watney´s Sarkasmus zum Vorschein kommt. Die Zwiegespräche mit sich selbst, aufgezeichnet in einer Art Videotagebuch, setzen oft wirklich witzige Highlights und geben Matt Damon zusätzlich noch die erzählerisch durchaus clevere Möglichkeit, seine Monologe auch gezielt an den Zuschauer zu richten, ohne diesen bewusst anzusprechen. Überhaupt wäre Der Marsianer ohne Matt Damon kaum denkbar und das ganze Konstrukt steht und fällt mit seiner schauspielerischen Leistung, denn er transportiert nahezu perfekt den Galgenhumor, den sich Watney als Schutzmechanismus angeeignet hat. Leider kann selbst Damon das große Manko in der Charakterzeichnung nicht ausgleichen, denn irgendwie will es Ridley Scott nicht so recht gelingen, den Zuschauer auch auf der Gefühlsebene mit ins Boot zu holen. Watney ist smart und witzig, keine Frage, und es ist immer faszinierend anzusehen, wie er Problem um Problem löst, aber darüber hinaus ist da recht wenig, das seinen Charakter umschreibt und wirklich emotional involviert ist man beinahe nie. Weil das Drehbuch von Drew Goddard seine Hauptfigur nur so unzureichend entwickelt, ist einem sein Schicksal seltsam egal, man fiebert nicht wirklich mit Watney und seinem Kampf ums Überleben in dieser so feindlichen Umgebung mit. Auch erfährt man so gut wie nichts über diesen Mann, er bleibt seltsam schwammig umschrieben und ist nicht wirklich greifbar. In diesem Kontext hätte dem Film auch ein wenig Verzweiflung gut zu Gesicht gestanden, denn auch diese sucht man vergeblich. Dadurch mangelt es an einer unmittelbaren, ganz konkreten Gefahr, die es zur Identifikation definitiv gebraucht hätte statt der allgegenwärtigen abstrakt intellektuellen Bedrohung. Ein im Grunde fataler und kaum zu verzeihender Fehler für einen Film dieser Art und Ausrichtung. Zudem ist der Der Marsianer nicht frei von teils unnötigen Längen, auch weil sich auf der erzählerischen Ebene gerade im Mittelteil einiges wiederholt und sich mit zunehmender Laufzeit abzunutzen beginnt.

 

Sicherlich ist Der Marsianer alles andere als frei von Fehlern, aber kurzweilig und unterhaltsam ist er durchaus geraten. Der angenehm überraschende und effektiv umgesetzte Humor, der den ganzen Film durchwebt, gleicht erzählerische Mängel wieder aus und es ist ungemein sympathisch, dass der Film im Grunde auch gar nichts anderes will als unterhalten und daraus überhaupt keinen Hehl macht. Zuweilen etwas zu lang geraten und nicht immer sauber inszeniert, zeichnet sich Der Marsianer dennoch durch 144 unterhaltsame Minuten aus. Wissenschaft kann eben doch Spaß machen.

 

7 von 10 auf dem Mars angebauten Kartoffeln