Knives Out (2019)

5. August 2020 at 18:33

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

It’s a weird case from the start. A case with a hole in the center. A doughnut.“

 

 

 

Der reiche Krimiautor Harlan Thrombey wird am Morgen nach seinem 85. Geburtstag in seinem Arbeitszimmer tot aufgefunden. Nicht nur die Polizei, sondern vor allem auch der renommierte Privatdetektiv Benoit Blanc ermitteln in dem Fall und versuchen, die Wahrheit zu enthüllen.

 

Mit Knives Out beweist Rian Johnson eindrucksvoll, dass sein Ausflug in das Star Wars-Universum mit Episode VIII (2017) nach seinem hervorragendem Debüt Brick (2005), dem tollen Nachfolger Brothers Bloom (2008) und dem zumindest gelungenem Looper (2012) kaum mehr als ein Ausrutscher im Schaffen eines interessanten und spannenden Regisseurs war. Einem Befreiungsschlag gleichkommend widmet sich Johnson nun wieder einem originären Stoff aus seiner Feder und liefert zugleich die beste Antwort auf all den Unmut, der ihm einst aus der Star Wars-Fanbase entgegen schlug.

 

Sicherlich sind die Vorbilder für Knives Out mehr als nur offensichtlich, und doch gelingt es ihm mit seinem Drehbuch, immer wieder eigenständige und frische Ansätze zu finden. Was sich anfangs noch als eher klassisch gehaltenes Whodunnit gestaltet, das wird schon bald mit seiner ersten Enthüllung eine erzählerische Vollbremsung hinlegen und völlig andere Richtungen einschlagen. Johnson gelingt das Kunststück, dem Zuschauer geschickt Wissen vorzugaukeln, wo eigentlich gar keines ist, und ihn so glauben zu lassen, vordergründig Erwartungshaltungen zu erfüllen, obwohl er diese im Grunde immer wieder bricht. Dazu entwirft er ein komplexes Netz aus Personen, Beziehungen, Nöten, Bedürfnissen, Motiven, Eitelkeiten und ganz viel verletztem Stolz. Jeder hier hat irgendein Geheimnis im Gepäck, irgendeine Leiche im Keller, ein mögliches Motiv, überall lauern Schein und Sein, Lug und Betrug und alle sind immer nur Versionen von Versionen von Versionen. Knives Out ist bei weitem nicht nur sein vermeintlicher Krimiplot, sondern auch das Abbild einer zutiefst dysfunktionalen Familie und zugleich eine Art Querschnitt der modernen Gesellschaft. Allein das allerletzte Bild spricht da Bände, wenn bestehende Verhältnisse kurzer Hand umgekehrt werden.

 

Überhaupt ist das Drehbuch wahnsinnig gut geschrieben, enorm detailversessen, es sprüht nur so vor Charme und Witz und glänzt mit seiner elegant ausformulierten Sprache voller messerscharfer, pointierter Dialoge. Es ist oftmals eine helle Freude, den flinken Wortwechseln zu lauschen. Vor allem aber auch, weil ein exzellenter Cast mit ihnen arbeiten darf. Daniel Craig, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Toni Colette, Don Johnson, Christopher Plummer, Chris Evans, Ana de Armas, LaKeith Stanfield oder Rian Johnson-Langzeitwegbegleiter Noah Segan, ja, sogar Joseph Gordon-Levitt in einer winzigen Sprechrolle und M. Emmet Walsh hat auch eine kleine Szene… ein grandioses Ensemble, das zweifellos und ohne Ausnahme aufzeigt, wozu jeder einzelne von ihnen fähig ist. Mein einziger Kritikpunkt an der Stelle wäre auch bloß, dass ich mir von so mancher tollen Figur etwas mehr Screen time gewünscht hätte. Ansonsten ein Genuss. Und erst die Inszenierung. Allein, wie Rian Johnson die ersten Verhörszenen durch Detektiv Benoit Blanc ausgestaltet, das ist wirklich toll. Wenn Schnitt und Montage virtuos verschmelzen, bloß um immer wieder den Blickwinkel zu verschieben und so quasi im Schnelldurchlauf Konflikte innerhalb der Familie aufzuzeigen. Oder das Familienanwesen selbst, mit seinen Gängen, Winkeln und Hallen, vollgestopft mit lauter kruder Memorabilia wie ein schräges Museum und ein Geheimnis für sich selbst.

 

Rian Johnson vermag abermals seine Fähigkeiten als Regisseur und als Autor unter Beweis zu stellen und knüpft mit seiner krimihaften Ausrichtung nicht nur inhaltlich an sein Regiedebüt Brick an. Knives Out ist klug, durchdacht, stilsicher, witzig und vor allem gerade keine Parodie auf sein Genre, kennt er doch seine Vorbilder, ohne diese blind zu kopieren. Johnson nimmt seinen Stoff und die Figuren ernst, vergisst aber nie den Spaß dabei, das hübsche, kleine Augenzwinkern, den Spaß am Fabulieren, die ausgeschmückte Erzählung, das bewusst ausgestellte Drama.

 

8,5 von 10 Mal Mord ist ihr Hobby auf Spanisch schauen.

 

 

Avengers: Infinity War (2018)

25. November 2018 at 18:26

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

So this is it? It’s all been leading to this.“

 

 

 

Der Weltenzerstörer Thanos schickt sich an seinen Masterplan endgültig in die Tat umzusetzen und entsendet seine Handlanger auf die Suche den ihm noch fehlen Infinity Stones. Die Avengers sind immer noch über das Universum verteilt und alte Konflikte müssen überwunden werden, denn Thanos kann nur unter Aufbringung aller gemeinsamen Kräfte bezwungen werden. Doch die Zeit drängt, denn Thanos wird mit jedem weiteren Stein, der ihm in die Hände fällt, zusehends mächtiger.

 

Vorab: ich bin weder glühender Verehrer des MCU, noch bin ich voller Ablehnung diesem gegenüber, sondern eher neutral positioniert. Im besten Fall bekomme ich einen unterhaltsamen Film zu sehen, im schlimmsten Fall einen meist egalen und beinahe nie ärgerlichen. Nun also kommt es mit Avengers: Infinity War nach bisher achtzehn Filmen in zehn Jahren zum vorerst großen Höhepunkt und erneut sitzen nach Captain America: The Winter Soldier und Captain America: Civil War die Russo-Brüder auf den Regiestühlen. Abermals nach Civil War jonglieren sie mit einer verblüffenden Leichtigkeit mit einer Vielzahl an Helden und zähmen gekonnt das beinahe schon megalomanische Figuren-Setup. Fast jeder bekommt mit mal mehr, mal etwas weniger Screen Time versehen seinen verdienten Moment. Trotz des gigantischen Ensembles und obwohl nun unzählige erzählerische Pfade aus den letzten zehn Jahren zusammengeführt werden, fühlt sich Infinity War erstaunlich homogen an, statt überladen oder überfrachtet zu wirken. Bereits die Exposition gibt die tonale Ausrichtung vor und die Atmosphäre ist durchgehend düster, oftmals hoffnungslos und selbst der immer wieder aufblitzende Humor funktioniert meist und steht keinesfalls im Kontrast zur Ernsthaftigkeit, sondern lädt als willkommene Pause immer mal wieder zum Durchatmen ein.

 

Thanos ist dann das Herzstück des Filmes, der vielleicht ambivalenteste und interessanteste Schurke des MCU bisher und sowohl erzählerische Konstante als auch emotionaler Ankerpunkt. Ein wirklich großartig geschriebener Bösewicht, der eigentlich gar nicht so böse ist, und dessen Agenda weder von abgrundtiefer Bösartigkeit oder größenwahnsinnigen Allmachtsphantasien angetrieben wird, sondern auf der rein rationalen Ebene absolut nachvollziehbar ist. Sicher sind seine gewählten Mittel und Methoden äußerst radikal und mögen grausam anmuten, doch tief in seinem Innern ist seine Motivation beinahe schon human. Die erzählerische Struktur gerät zwar manchmal ein wenig ins Wackeln, wirkt gelegentlich etwas ungelenk episodenhaft und ist vor allem durch und durch der seit nun mehr zehn Jahren perfektionierten Formelhaftigkeit des MCU unterworfen (warum auch nicht, großartig nennenswerte Innovationen erwarte ich ohnehin an anderer Stelle), unterm Strich jedoch wurde ich als weder Fanboy noch Hater dieses filmischen Universums von Infinity War überraschend gut unterhalten. Die durchgehend düstere Ernsthaftigkeit steht dem Film wirklich gut, wäre zumindest für mich allerdings ohne die nun nötige wie konsequente Standhaftigkeit rückblickend wertlos.

 

7,5 von 10 Infinity Stones in falschen Händen

 

 

Scott Pilgrim vs. the World

28. September 2017 at 23:43

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„An epic of epic epicness.“

 

 

 

Scott Pilgrim ist ein mustergültiger Slacker. Anfang 20, ohne Job, gammelt er sich Tag für Tag durch sein Leben in Toronto, datet ein Schulmädchen und probt immerzu mit seiner Band Sex Bob-omb für den großen Durchbruch, als plötzlich die geheimnisvolle Schönheit Ramona Flowers in sein Leben platzt. Sie ist buchstäblich das Mädchen seiner Träume, doch bevor er mit ihr zusammen sein kann, muss er sich noch mit ihren sieben teuflischen Ex-Lovern rumschlagen.

 

Ich platze mit meiner Meinung gleich einfach mal so heraus: Edgar Wright ist ein meisterhafter Regisseur, Scott Pilgrim vs. the World ist der Beweis und dieser Text eine Liebeserklärung an sein zweifellos stärkstes Werk. Seine Verfilmung des sechsteiligen Comics von Bryan Lee O´Malley ist ein permanent Popkultur referenzierendes Monster, ein visuell einzigartiges Feuerwerk der Ideen, ein Wanderer zwischen den unterschiedlichsten medialen Kunstformen, dem es mühelos gelingt all seine Einflüsse zu bündeln und ein vollkommen für sich stehendes Gesamtkunstwerk zu erschaffen. Und wie Wright die Geschichte erzählt, wie er die Gedanken – und Gefühlswelt seines Protagonisten direkt und ungefiltert auf die Leinwand überträgt und den Zuschauer daran teilhaben lässt, das zeugt von unglaublich profunder Kenntnis der letzten vierzig Jahre Popkultur – von Pac Man über Mangas bis hin zu zeitgenössischem Indierock – sowie einer schier immensen Lust daran, mit dieser Kenntnis zu spielen und einem unglaublich guten Gespür für Tempo und Timing. Visuell ist das alles unfassbar eindrucksvoll und geradezu überbordend kreativ umgesetzt, wenn sich die verschiedensten Erzählformen munter vermischen, wenn 80er Jahre Videospiel-Ästhetik auf Comicwelten trifft, wenn sich der Film frech und schamlos Dinge erlaubt, vor denen auf Filmhochschulen stets gewarnt wird, dann bricht Scott Pilgrim vs. the World buchstäblich den filmischen Horizont auf. Was mich aber abseits all dieser audiovisuellen Pracht, all der wundervollen Ideen und Einfällen auf der erzählerischen Ebene und all dieser nerdigen Detailverliebtheit noch am allermeisten fasziniert und begeistert, das ist der so schlichte wie zu gleich schöne Kern der Geschichte. Wenn man nämlich all diesen Popkultur-Wahnsinn, die inszenatorischen Tricks und Kniffe und den visuellen Budenzauber einfach mal außen vor lässt und beiseite wischt, dann offenbart sich tief im Innern von Scott Pilgrim vs. the World ein roter Faden, welcher zu keiner Sekunde aus den Augen gelassen wird. Denn letztlich erzählt Edgar Wright mit seinem Film nicht mehr und nicht weniger als die vielleicht älteste Geschichte der Menschheit: Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen. So einfach, so universell. Und bei all dem kreativen Feuerwerk, welches er nahezu permanent entfacht, verliert er nie das Gespür für seine Figuren und drosselt gezielt das erzählerische Tempo um der Romanze zwischen Scott und Ramona genügend Freiraum und Luft zum atmen zu geben. Der Cast erledigt dann den Rest und füllt den Film mit Leben und lässt seine Liebesgeschichte erst richtig glaubwürdig erscheinen. Und auch bis in kleinere Nebenrollen ist der Film wahnsinnig gut besetzt und kann mit Namen wie Chris Evans, Anna Kendrick, Brie Larson, Jason Schwartman, Brandon Routh oder Kieran Culkin um sich werfen. Sogar Thomas Jane und Clifton Collins, jr. dürfen kurz für einen ausgesprochen witzigen Cameo-Auftritt vorbeischauen. Aber das Herz von Scott Pilgrim vs. the World sind Michael Cera und die wundervolle Mary Elizabeth Winstead. Und seien wir doch mal ehrlich: wie könnte man sich nicht in Ramona Flowers verlieben?

 

Natürlich ist sich Edgar Wright vollkommen im klaren darüber, dass er allein aufgrund der Art und Weise, wie er seine Geschichte erzählt, große Teile des Publikums nicht erreichen wird. Dafür ist vieles an Scott Pilgrim vs. the World einfach zu weit weg vom Mainstream, vieles einfach zu sehr auf bestimmte Nischen der Popkultur fixiert. Das schöne aber ist: es ist ihm egal. Wright zelebriert das alles so voller Enthusiasmus, dass man das Gefühl bekommt, er hätte den Film auch nur für sich allein gemacht. Schon die Cornetto-Trilogie (Shaun of the Dead, Hot Fuzz, The World´s End) war sehr gut und zeugte vom scheinbar grenzenlosen Genre-Wissen ihres Regisseurs, aber Scott Pilgrim vs. the World treibt das alles frech wie versiert auf die Spitze und katapultiert den Film damit tief in mein Nerd-Herz. Baby Driver habe ich leider noch nicht sehen können, bin aber sehr, sehr gespannt darauf, was sich Mr. Wright hier wieder alles hat einfallen lassen. Seine Vision von Ant-Man hätte ich übrigens auch nur allzu gern gesehen.

 

9 von 10 Extraleben

 

 

Captain America: Civil War

5. Mai 2016 at 15:54

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„Captain, while a great many people see you as a hero, there are some who prefer the word vigilante. You’ve operated with unlimited power and no supervision. That’s something the world can no longer tolerate.“

 

 

 

Zweifellos wurden durch die Einsätze der Avengers in New York und Sokovia und auch durch Captain Americas Kampf gegen HYDRA in Washington unzählige Menschenleben gerettet, aber dennoch gab es zivile Verluste. Durch die Unterwanderung und Auflösung von S.H.I.E.L.D. fehlt nun den autonom agierenden Helden jegliche Rechtsgrundlage und Legitimation, wodurch sie deutlich schärfer als zuvor in den Fokus öffentlicher und politischer Kritik rücken. Als es bei einem Einsatz zur Zerstörung versprengter Einheiten von HYDRA in Afrika zu einem tragischen Zwischenfall kommt, ist die Welt nicht länger gewillt, einfach nur zu zusehen wie ein Haufen Kostümierter mit Superkräften Recht und Gesetz nach ihren Vorstellungen durchsetzt. Entsprechend einer von 117 Nationen unterzeichneten Übereinkunft sollen die Avengers unter die Kontrolle der UN gestellt werden, die fortan entscheiden soll, wann, wo und wie sie eingesetzt werden sollen. Der schwer von Gewissensbissen geplagte Tony Stark erweist sich als starker Befürworter dieses sogenannten Sokovia-Abkommens, doch Steve Rodgers hingegen hegt vor allem nach der erst kürzlich aufgedeckten Unterwanderung der Regierung durch HYDRA begründete Zweifel. Die Ereignisse spitzen sich weiterhin zu, als Steve´s alter Freund Bucky Barnes plötzlich wieder auf der Bildfläche erscheint und für einen schweren Terrorangriff verantwortlich gemacht wird…

 

Den folgenden Vergleich bringe ich gleich zu Beginn und werde ihn auch danach nicht wieder erwähnen: Captain America: Civil War weist in Struktur, Konzept und Thematik deutliche Parallelen zu Batman v Superman: Dawn of Justice auf. Allerdings, soviel kann ich schon einmal verraten, macht der neueste Streich aus dem Hause Marvel beinahe alles richtig, was DC mit seinem jüngsten Werk in den Sand gesetzt hat. Nachdem das also nun geklärt wäre, wenden wir uns Captain America zu. Erneut führen nach dem schon mehr als gelungenem Captain America: The Winter Soldier die beiden Brüder Anthony und Joe Russo Regie und Marvel/Disney und Kevin Feige (Executive Producer des MCU) sind offenbar so sehr von den Fähigkeiten der beiden überzeugt, dass sie bereits offiziell bestätigt wurden als Regisseure für die beiden noch folgenden Filme Avengers: Infinity War I und II. Und auch ihr neuestes Werk beweist, dass die beiden vermutlich die richtigen für dieses Projekt sein werden, gelang ihnen doch bisher sehr gekonnt die Verlagerung der zuweilen recht bunten und poppigen Marvelwelt hin zu ein wenig mehr Ernsthaftigkeit und Aktualität. Lag der Fokus im Winter Soldier, einem mit Paranoia und Angst vor Regierungsüberwachung gefüllten Thriller im Superheldenfilm-Gewand, noch auf der Frage, wieviel Freiheit auf Kosten von Sicherheit verloren gehen mag, befasst sich Civil War mit grundlegenden moralischen Standpunkten wie der Verantwortung und den Konsequenzen des Handelns seiner Protagonisten und übertrifft in seiner Ambivalenz den Vorgänger nochmal deutlich. Der verantwortliche Umgang mit großer Macht ist ja meist grundsätzlich ein latentes Thema für Superhelden jeglicher Art, Civil War aber lässt darüber hinaus seine Charaktere hinterfragen, wie sie am besten mit dieser Bürde umgehen sollen und erforscht die Balance zwischen individueller Freiheit und staatlicher Kontrolle. So gelingt dem Drehbuch aus der Feder von Christopher Marcus und Stephen McFeely auch der ausgesprochen heikle Spagat, beide verhärteten Standpunkte, Tony Stark/Iron Man auf der einen Seite, Steve Rodgers/Captain America auf der anderen, plausibel aufzuzeigen und die jeweilige Motivation dahinter auch vollkommen stimmig und nachvollziehbar darzulegen. Dadurch ergibt sich ein durchaus verständlicher Konflikt und Civil War skizziert im Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit ein sogar sehr zeitgemäßes Dilemma, das nicht nur die Helden auseinandertreibt, sondern auch für den Zuschauer nicht ganz einfach zu entwirren ist. Zudem erlaubt sich der Film den Luxus, seinen Konflikt nicht final aufzulösen, bis zum Schluss bleibt er angenehm moralisch ambivalent, so dass der Zuschauer letztlich gefordert ist, selbst Stellung zu beziehen und sich seine eigene Meinung zu bilden. Auch findet sich kaum plumpe Schwarz/Weiß-Malerei und Civil War bedient sich nicht der meist üblichen und viel zu kurz greifenden Schablonen von Gut und Böse, sondern stellt vielmehr zwei Gruppen gegenüber, die beide Gutes tun wollen, aber grundlegend unterschiedliche Überzeugungen haben, wie sich dieses Ziel erreichen lässt.

 

 

 

„This job… we try to save as many people as we can. Sometimes that doesn’t mean everybody, but you don’t give up.“

 

 

 

Betrachtet man die Geschichte der einzelnen Charaktere durch ihre Filme hindurch und innerhalb des MCU, dann fällt in Civil War auf, dass sich Iron Man und Captain America geradezu diametral zu ihren Wurzeln entwickelt haben, so dass letztlich die Fronten vertauscht sind. Eigentlich sollte man annehmen, dass eher Captain America derjenige ist, der sich auf die Seite der staatlichen Kontrolle schlägt und Iron Man den rebellischen Gegenpart einnimmt. Captain America ist zu allererst das Produkt einer Nation im Krieg, ein militärisches Experiment, eine Waffe, die daran glaubt, wofür sie einsteht, ein Symbol für Freiheit, Stärke und Zuversicht (nicht ohne Grund ist Steve Rodgers nicht der einzige, der das Kostüm tragen wird). Aber gerade die Ereignisse im Winter Soldier, allen voran S.H.I.E.L.D. unterwandert von HYDRA und enttarnt als von innen heraus gelenkte Schattenarmee des ureigenen Feindes, lassen ihn in eine tiefe Glaubenskrise fallen. Für Rodgers bricht dadurch seine Welt zusammen und alles, woran er bisher glaubte, zerfällt zu Staub. Ihm werden die Fundamente all seiner Überzeugung entrissen und folglich wächst sein Misstrauen gegenüber staatlicher Autorität immer weiter. Eine seiner größten Ängste ist es, erneut als Marionette zu enden, manipuliert von einer staatlichen Obrigkeit in bequemen Ledersesseln mit undurchschaubarer Agenda. Zudem ist Rodgers letztlich ein Produkt des Krieges, erschaffen als Lösung für einen unmenschlichen Konflikt, aber in Friedenszeiten ist er ein Held ohne Legitimation und ohne Krieg hat seine Existenz keinen Sinn. Zu seiner Glaubenskrise gesellt sich also zusätzlich noch eine umfassende Sinnkrise. Keine Frage, Civil War verliert nie den Fokus auf seine Titelfigur, deren Desillusion über die Regierung im scharfen Kontrast zu seinem Ruf als Amerikas strahlender Held steht. Tony Stark hingegen ist auch nicht mehr der smarte Milliardär von einst und von seinen flotten Sprüchen und seiner charmant-arroganten Überheblichkeit ist nur noch wenig zu spüren. Vielmehr wird er nun mit den Folgen seiner eigenen Hybris konfrontiert, dem Auslöser der katastrophalen Ereignisse in Age of Ultron, und fühlt sich alles andere als heldenhaft. Folglich tritt er ein für die staatliche Legitimation und Regulierung  der Avengers, ist bereit, Verantwortung in fremde Hände zu geben, auch wenn das letztlich bedeutet, Freiheit aufzugeben. Zu sehr ist er geplagt von Gewissensbissen und den zahllosen zivilen Verlusten auch durch sein Eingreifen in den letzten Jahren.

 

 

 

„I know we’re not perfect, but the safest hands are still our own.“

 

 

 

Obwohl Captain America: Civil War mit einer Vielzahl an Figuren aufwartet, altbekannte Charaktere weiterentwickelt, neue einführt, verschiedene Handlungsstränge fortführt und für eine handvoll demnächst anstehender Filme im MCU den Weg bereitet, wirkt er in seiner Struktur erstaunlich homogen und nie überladen oder überfrachtet. Das liegt zum einen daran, dass jede, aber wirklich auch jede Figur genügend Raum bekommt, um nicht zum eindimensionalen Abziehbild zu verkommen und allen ihr ganz eigener Moment zugestanden wird, um sich entfalten zu können. Kein Charakter wirkt deplatziert oder in seinen Aktionen sinnbefreit, alles hat seinen Platz und seine Bewandtnis innerhalb des Handlungsbogens und bringt immer auch die Story voran, so dass nie erzählerischer Leerlauf entstehen kann. Auch die neuen Helden im MCU wie Black Panther und nun auch Spider Man, aber auch der ja bereits eingeführte Ant Man, kommen keineswegs zu kurz und machen definitiv Lust auf ihre demnächst folgenden Soloausflüge. Zudem zeichnet sich Civil War durch einen für sein Genre etwas ungewöhnlichen Rhythmus aus, platziert der Film doch seine größte und spektakulärste Actionszene, nämlich die Konfrontation beider Lager auf dem Leipziger Flughafen, relativ mittig in seinem Verlauf und bricht so mit der sonst üblichen Erzählstruktur solcher großen Comic-Blockbuster, die sich ihre größte Schlacht doch meist für den letzten Akt aufbewahren. Das tatsächliche Finale in Civil War versteht es dann auch deutlich intimere Akzente zu setzen als man vielleicht erwarten würde und durch die geschickte Verlagerung der Höhepunkte und die sehr fokussierte Erzählweise, die immer wieder mit guten Charaktermomenten oder kleineren Actioneinlagen überzeugt und deren grundlegend ernster Ton auch mit einigen witzigen Szenen aufgelockert wird, fühlt sich Marvels mit einer Laufzeit von rund 146 Minuten längster Film an wie ihr kürzester. Zudem sind die Actionszenen durchgängig die wohl bisher besten, welche ein Marvelfilm aufzubieten hatte. Sie setzen Maßstäbe und loten das Machbare aus, halten aber gleichzeitig auch Maß. Trotz der enormen Fülle an Superhelden, die vor allem im inszenatorischen Höhepunkt am Leipziger Flughafen aufeinander treffen, ist es erfrischend, dass die Regisseure keine zerstörten Straßenzüge oder emporsteigende Landmassen brauchen, um die Gewichtigkeit des Konfliktes deutlich zu machen. Die Kampfszenen sind überraschend einfallsreich und kreativ und durch die Zusammenarbeit mit Chad Stahelski und David Leitch als Second Unit Directors deutlich intensiver und körperlicher als jemals zuvor im MCU. Kein Wunder, haben die beiden doch jahrelange Erfahrung als Stuntkoordinatoren und mit ihrem Regiebedüt John Wick einen schnörkellosen, temporeichen und spektakulär inszenierten Actionfilm in ihrem Portfolio. Natürlich erreicht die Action in Civil War nicht solche Dimensionen wie in John Wick, der einen unfassbar hohen Bodycount zu verzeichnen hat, aber sie ist deutlich spürbar direkter und druckvoller, rauer und sehr präzise auf den Punkt umgesetzt, was dem Tempo des Filmes unglaublich zu gute kommt und hervorragend mit dem eher ernsten Grundton harmoniert.

 

Zweifellos ist Captain America: Civil War der bisher gelungenste und beste, aber auch der erzählerisch stringenteste und reifste Film des MCU (Guardians of the Galaxy lasse ich da jetzt einmal bewusst außen vor, stößt der Film doch noch in völlig andere Dimensionen vor). Es ist faszinierend zu beobachten, wie die in Captain America: The Winter Soldier ausgelegte Saat nun vollkommen aufgeht und lose Handlungsstränge jetzt zusammengeführt werden. Die Russo-Brüder jonglieren mit einer geradezu verblüffenden Leichtigkeit mit der Vielzahl an Figuren und Helden, ohne je den Fokus auf ihre Geschichte zu verlieren und ohne dass jemals das Gefühl der Überfrachtung aufkommt, denn jeder Charakter bekommt seinen tragenden Moment. Zudem halten sich der ernste Grundton, die rasante und sehr präzise Action und auch humorvolle Elemente gekonnt in einer stimmigen Balance, so dass Civil War trotz seiner Laufzeit nie langweilig wird und erstaunlich kurzweilig wirkt. Was den Film letztlich aber für mich ganz besonders gelungen erscheinen lässt, ist der konsequente Mut, seinen grundlegenden Konflikt eben nicht zu Gunsten einer billigen Wendung im Drehbuch einfach aufzulösen und man dem Zuschauer zutraut, sehr wohl für sich selbst entscheiden zu können.

 

7,5 von 10 moralischen Zwickmühlen