Rogue One: A Star Wars Story

18. Dezember 2016 at 17:49

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„They call it the Death Star. There’s no better name. And the days coming soon, when it will be unleashed.“

 

 

 

Das Imperium baut seine Schreckensherrschaft immer weiter aus, doch in den Reihen der ehemaligen Allianz machen Gerüchte den Umlauf, der Imperator hätte den Bau einer gewaltigen Waffe veranlasst, deren Konstruktion bereits weit fortgeschritten sein soll. Durch ein Netz aus Spionen und Kollaborateuren gelingt es der Rebellion schließlich, an entscheidende Informationen zu gelangen und irgendwie scheint das alles mit der Vergangenheit von Jyn Erso  zusammen zu hängen, die sich jedoch in imperialer Gefangenschaft befindet.

 

Das wichtigste vorweg: dieser Text ist aus offensichtlichen Gründen vollkommen frei von Spoilern, denn ich möchte niemanden um sein Vergnügen im Kino bringen. Ihr könnt also ganz beruhigt meinen Gedanken zum Film folgen ohne Angst haben zu müssen, danach Dinge zu wissen, die ihr vielleicht gar nicht wissen wolltet. Also gut, dann wollen wir mal. Plötzlich ist schon wieder ein Jahr vorbei und da ist er nun, der erste von drei Ablegern aus dem Star Wars-Universum, der sich nur am Rande mit der großen Rahmenhandlung befasst und stattdessen eine eher kleine Geschichte rund um eine Gruppe Rebellen in den Fokus rückt, deren Bedeutung im großen Kontext aber kaum wichtiger sein könnte. Rogue One: A Star Wars Story fungiert als eine Art Bindeglied zwischen neu und alt, ist er inhaltlich doch angesiedelt zwischen Episode III und IV und erzählt, wie es der Rebellion gelungen ist an die Baupläne des Todessterns zu gelangen, eine bisher allenfalls sehr vage und schwammig gehaltene Geschichte, die höchstens mit einem Nebensatz abgekanzelt wurde. Nun hat sich also Gareth Edwards nach Monsters und Godzilla eben jener Geschichte angenommen und sich vorgenommen, sie mehr in den Vordergrund zu rücken. Was kursierte nicht wieder alles an Meldungen seit der Bekanntgabe von Rogue One. Massive Nachdrehs hätte es gegeben, weil Disney der Film zu düster und humorlos sei. Aber trotz aller Unkenrufe, Panikmache und Franchise-Pessimisten im Vorfeld, die den Tod der Reihe gefühlt alle zehn Minuten prophezeiten: Rogue One ist letzten Endes verdammt gut geworden. Und das trotz der immensen Bürde, als Brückenfilm eine spannende und packende Geschichte erzählen zu müssen, deren Ausgang altbekannt ist. Edwards meistert diesen Spagat nicht nur ganz hervorragend, er schließt sogar buchstäblich sehr schlüssig und sinnvoll eine erzählerische Lücke im Konstrukt, die seit 1977 Star Wars-Fans dieser Welt beschäftigt.

 

Der Einstieg in das neueste Star Wars-Abenteuer gestaltet sich allerdings zunächst erzählerisch etwas holprig und unübersichtlich, wenn in kurzer Zeit relativ viele neue Figuren und Namen eingeführt werden und zahlreiche Ortswechsel ein wenig Verwirrung stiften. Das gibt sich aber schnell und nimmt die Geschichte erst einmal an Tempo auf, dann gewinnt Rogue One auch erzählerisch deutlich an Qualität dazu, nimmt immer weiter Fahrt auf und mündet schließlich in einem wahrlich phänomenalen letzten Drittel, welches mit zu dem Besten gehört, was ich dieses Jahr sehen durfte. Atmosphärisch ist Edwards Film sehr dicht geraten und besticht durch eine gerade für Star Wars überraschend düstere und martialische Grundstimmung. Rogue One platziert sich dabei erstaunlich weit weg vom gewohnt allgegenwärtigen Mystizismus der Hauptfilme und ist deutlich mehr Kriegsfilm als Fantasy (denn nichts anderes ist Star Wars, waren die Science Fiction-Elemente doch immer schon nicht viel mehr als Beiwerk). Sicher, Krieg herrschte in Star Wars immer schon (steht ja so auch im Namen), aber noch nie zuvor wurde das so greifbar dargestellt wie in Rogue One. Wir sehen eine von Sturmtruppen besetzte Stadt, militärische Hardliner auf Seiten des Imperiums und der Rebellen, Terrorismus und Guerilla-Taktiken. Edwards zeigt unnötiges Leid, Kollateralschäden, Attentate, Folter, Sprengstofffallen, Graben- und Häuserkämpfe, schmerzhafte Opfer und vor allem eine Gruppe von Rebellen, die für ihr Ziel auch vor schmutzigen Methoden nicht zurückschreckt, denn auch die Freiheit hat ihren Preis und will blutig erkämpft werden. Es ist keine klassische Abenteuerreise mehr, auch wenn deren Essenz durchaus noch rudimentär vorhanden ist. Wenn jedoch das erste Gefecht zwischen Rebellen und Sturmtruppen ausbricht, dann breitet sich recht schnell ein ganz anderes Gefühl aus. Das ist Krieg. Gerade im letzten Szenario auf dem Planeten Scarif wird das deutlich wie nie zuvor und so manche Szene erinnert durchaus auch an den einen oder anderen Vietnam-Kriegsfilm, wenn sich versprengte Rebellen ihren Weg durch dschungelartiges Unterholz bahnen, immer den Tod als ständigen Begleiter im Gepäck. Es gibt auch keine strahlenden Helden, die alleine das Imperium besiegen, und jeder noch so kleine Erfolg ist mit Aufopferung und Verlust verbunden und teuer erkauft. Man könnte zwar argumentieren, dass einige der Charaktere allenfalls nur schwach ausgearbeitet sind, sehr schablonenhaft wirken und austauschbar sind, aber in meinen Augen funktionieren sie gerade deswegen besonders gut. Sie sind eben keine mächtigen Jedi mit vorher bestimmtem Schicksal, sie verfügen auch über keine besonderen Kräfte, sondern sind einfach nur durchschnittliche Typen, die für eine Sache einstehen, an die sie bedingungslos glauben, und das um jeden Preis. Damit verweigert sich Rogue One angenehm dem Trend der Superhelden, Zauberer und Übermenschen, die zuletzt die Kinokassen beherrschten, und bietet eine deutlich stärkere Projektionsfläche.

 

Natürlich bietet der Film neben all der drückenden Düsternis auch wieder spektakuläre Schauwerte im Minutentakt, ist visuell eine regelrechte Offenbarung und zeigt sich technisch bis auf zwei leider völlig unnötige und überflüssige digitale Verjüngungen, die doch sehr deplatziert und störend wirken (und vor allem auch viel eleganter hätten gelöst werden können), auf aller höchstem Niveau. Eine wahre Pracht sind einige der Schauplätze und wunderschön anzusehen. Zudem hält sich Edwards zu Gunsten seiner ganz eigenen Dramaturgie mit Anspielungen auf die alten Filme sowie übermäßigen Zitaten angenehm zurück. Natürlich gibt es einiges zu entdecken und immer mal wieder kleine Verbeugungen oder bekannte Motive und Kameraeinstellungen, auch die eine oder andere bekannte Figur darf mal durchs Bild laufen, aber von dem geradlinigen Fanservice aus Episode VII ist Rogue One meilenweit entfernt und verliert niemals seine kompakte und inhaltlich geschlossene Kernhandlung aus dem Blick. So sehr J.J. Abrams mit Episode VII auf Nummer sicher ging und den geneigten Fan nicht verprellen wollte, so sehr emanzipiert sich Gareth Edwards mit seiner erstaunlich selbstbewussten und stilsicheren Inszenierung vom bisherigen Kanon. Zudem legt der Mann erneut ein unglaublich präzises visuelles Gespür an den Tag und erschafft immer wieder fulminante Kampfszenen und teils epische Schlachten, ohne dabei jemals den Überblick zu verlieren oder gar in Hektik zu verfallen. Seine Bilder bleiben immer übersichtlich und für den Zuschauer geht im Kampfgetümmel nie die Orientierung verloren. Überhaupt beweist Edwards nach Monsters und Godzilla nun zum dritten Mal in Folge eindrucksvoll, wozu er fähig ist und dass er es wie kein anderer versteht, das Maximum aus seinen Budgets herauszuholen ohne abzudriften und sich in megalomanischen Ideen zu verirren.

 

Rogue One: A Star Wars Story ist atmosphärisch düster und dreckig geraten und packend wie mitreißend inszeniert. Gareth Edwards gelingt es ganz hervorragend, seinen Film bis zum Schluss spannend zu halten, obwohl der Ausgang der Geschichte nur allzu bekannt ist. Der Film unterscheidet sich sehr vom Stil der letztjährigen Episode VII, die für mich inzwischen nach der abgeebbten Euphorie ein wenig an Qualität eingebüßt hat und deren strukturellen Schwächen etwas in den Vordergrund rückten, und hebt sich bewusst vom bisherigen Star Wars-Universum ab, in dem er das Element Krieg deutlich in den Vordergrund rückt. Aus dem Bauch heraus gefällt mir Rogue One besser als Episode VII und ich vermute einfach mal, dass ich den Film mittel –bis langfristig als gehaltvoller und gewichtiger empfinden werde, hat er doch mehr Substanz zu bieten. Die Einordnung in den Kanon gestaltet sich noch als schwierig, direkte Vergleiche lassen sich nur schwerlich und allenfalls sehr oberflächlich ziehen und das inzwischen häufig vernommene Label „besser als Das Imperium schlägt zurück“ kann man in meinen Augen zu diesem Zeitpunkt unmöglich in den Mund nehmen. Da sollten wir vielleicht einfach 25 Jahre vergehen lassen und dann ein Urteil fällen, zumal die Faszination für Star Wars in meiner Generation ja ohnehin auch immer romantisch verklärt ist. Rogue One jedenfalls ist über weite Strecken trotz der anfänglichen Probleme ganz hervorragend geworden und auch wenn die eine oder andere kleine Kritik durchaus berechtigt und der Film nicht immer perfekt funktioniert, so ist er doch absolut sehenswert und sollte unbedingt im Kino erlebt werden.

 

8,5 von 10 umprogrammierten Kampfrobotern des Imperiums