Vice (2018)

15. Oktober 2019 at 11:33

 

 

© Annapurna Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

 

 

 

Vice beleuchtet Dick Cheneys Aufstieg zum zeitweise wohl mächtigsten und einflussreichsten Vizepräsidenten der amerikanischen Geschichte. Die Verbildlichung komplexer politischer Zusammenhänge ist ein zweifellos lohnenswertes Ansinnen, aber Vice macht sich das alles ein klein wenig zu einfach und zeichnet von Minute eins an ein ganz bestimmtes Bild und ist folgend nicht gewillt davon abzurücken. Der neue Film von Regisseur Adam McKay fällt erstaunlich wenig differenziert aus und zeigt sich inhaltlich als eher einseitige, zum Teil recht plakative und dazu noch unangenehm belehrende Abrechnung. McKay bleibt seinem Stil aus The Big Short treu und inszeniert Vice nicht als klassisches Biopic, sondern setzt lieber auf eine unkonventionelle Mischung aus Komik, Satire, Drama und wütender Anklage, vermag jedoch diesen schwierigen Tanz nicht immer zu meistern. Stattdessen wirkt Cheney nicht selten wie das ultimative Böse, eine Macht-Krake sondergleichen, ein dämonischer Puppenspieler im Hintergrund, der die Fäden zieht.

 

Zwar fühlte ich mich von The Big Short seiner Zeit besser unterhalten, doch auf der handwerklichen Ebene ist Vice zweifellos dennoch großes Kino, ist gefällig und schwungvoll inszeniert, vermag mit so manchem herrlich kreativen Moment zu glänzen und sogar der Schnitt von Hank Corwin ist exzellent geraten. Auch auf der darstellerischen Ebene vermag der Film einzuschlagen, wenn Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell und Sam Rockwell auf hohem Niveau abliefern. Auf der inhaltlichen Ebene jedoch ließ mich McKay irgendwie ratlos zurück, wenn Vice komplexe Zusammenhänge extrem versucht zu vereinfachen und zugleich das Publikum für zu limitiert hält um selbige zu begreifen.

 

6 von 10 Herzinfarkten als Running Gag

 

 

Nocturnal Animals

5. Juni 2017 at 16:22

                   © Universal Pictures

 

 

 

„When you love someone you have to be careful with it, you might never get it again.“

 

 

 

Susan Morrow ist zwar eine erfolgreiche Galeristin, hadert jedoch trotzdem mit ihrem Leben, ist unglücklich in ihrer Ehe und kann nicht richtig schlafen. Eines Tages wird ihr das Manuskript eines Romanes zugesandt, dessen Autor sich als ihr Ex-Mann Edward entpuppt, zu dem sie seit rund 20 Jahren keinen Kontakt mehr hat. Widerwillig beginnt sie das Manuskript zu lesen, wird aber nach und nach immer mehr in dessen Bann gezogen und im weiteren Verlauf mit dunklen Erinnerungen aus einem anderen Leben konfrontiert.

 

Acht Jahre ist es her, dass der Modedesigner Tom Ford mit A Single Man sein überraschendes Regiedebüt gab. Ein ungemein stilvoller und visuell sehr ansprechender Film über einen Mann, der sich nach dem Tod sehnt und dennoch das Leben feiert. Nun folgt nach langer Pause mit Nocturnal Animals sein zweiter Film und Ford bleibt seiner scharf umrissenen Stilistik ungemein treu, treibt sie stellenweise sogar in noch größere Höhen und schrieb auch das Drehbuch selbst. Der Style-over-substance-Vorwurf ist bei Filmemachern, welche die visuellen Aspekte ihrer Filme stark in den Vordergrund rücken, nie weit entfernt und immer schnell bei der Hand. Kommt ein Regisseur dann noch wie nun Tom Ford ursprünglich aus der Welt der Mode, dann ist es leicht, diese Form der Kritik heranzuziehen, doch beschäftigt man sich ein wenig eingehender mit seinen Filmen, dann erkennt man schnell, dass derartige Vorwürfe nicht haltbar sind, denn unter ihrer stilisierten Oberfläche verhandeln sie dann doch mehr. Dabei ist der eigenwillige wie groteske Auftakt der perfekte Einstieg in eine Welt voller klarer Bilder, harscher Kontraste und schwer lädierter Seelen. Dieses Mal vermischt Ford drei verschiedene Erzählebenen auf ausgesprochen elegante Art und Weise zu einem funkelnden Kleinod, bei dem die Abgrenzungen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Fiktion in der Fiktion vollkommen fließend sind. Nocturnal Animals ist ein komplexer Film – nicht auf der inhaltlichen Ebene, sehr wohl aber in seiner Struktur, in seiner verschachtelten Erzählweise, bei der die verschiedenen Stränge scheinbar wahllos durcheinander mäandern, mit fortschreitender Handlung jedoch durchaus ein Muster erkennen lassen. Drei erzählerische Ebenen entfaltet der Film nach und nach vor seinem Betrachter, jede in sich geschlossen und doch mit tiefer Verbindung untereinander. Dabei ist es ungemein faszinierend, wie sehr das moderne Drama der Rahmenhandlung und der beinahe schon klassische Racheplot der Romanhandlung miteinander harmonieren, ohne zunächst offensichtliche Bezugspunkte erkennen zu lassen und so sammeln sich zwischen der stark von Fords Stilistik geprägten Gegenwart mit Noir-artigen Zügen, den fragmentarischen Rückblenden aus einem beinahe schon anderen Leben, und dem irgendwie westernartigen Wüstensetting des Romanes mit der Zeit immer mehr Bruchstücke und Trümmer einer schrecklich gescheiterten Liebe an.

 

Bedenkt man die Herkunft von Tom Ford, dann sollte es kaum verwundern, dass wirklich jede einzelne Szene bis ins allerletzte und noch so winzige Detail geplant ist und vollkommen seinen Vorstellungen entspricht. Seine Bildsprache fällt mal mehr, mal weniger subtil aus, ist aber immer seinem sehr ästhetischem Anspruchsdenken unterworfen und stark geprägt von klaren Formen und Strukturen. Er bestimmt vollkommen was wir sehen und arbeitet hochgradig manipulativ, wenn er den Zuschauer allein durch seine Bilder geschickt in bestimmte Richtungen lenkt, aber er spielt auch immer mit offenen Karten und steht zu seiner Funktion als Manipulator. So zeichnet Ford die Welt rund um Susan als kaltes Gefängnis ihrer selbst. In dieser restlos stilisierten Welt der Reichen und Schönen bleibt kein Platz mehr für Gefühle, so dass die männliche Hauptfigur im Roman als emotionales Gegenstück funktioniert, wenn hier die tragische Figur des Familienvaters im Vordergrund steht, der über eine Emotionalität definiert wird, welche in Susans Welt als Schwäche gelten würde. An dieser Stelle muss man sich jedoch auch fragen, warum Ford Jake Gyllenhaal mit einer Doppelrolle als Susans Ex-Mann Edward Sheffield und der Romanfigur Tony Hastings besetzt und damit die Analogie des Gezeigten von Anfang an offenlegen muss. Traut er wohlmöglich seinem eigenen Publikum nicht zu, von sich aus eine Verbindung zwischen den verschiedenen Erzählebenen herzustellen? Letztlich beraubt er sich und seinem Publikum dadurch um einen nachhaltigen Moment der Erkenntnis, der Nocturnal Animals noch mehr Gewicht hätte verleihen können. Gyllenhaal macht auch hier abermals einen fantastischen Job in seiner Doppelrolle und gerade als Tony Hastings kann er die ganze Bandbreite seines Könnens abrufen, auch wenn er in der Vergangenheit bereits noch eindrücklichere Leistungen gezeigt hat. Amy Adams spielt ihre Susan auch gut und deutlich über dem Durchschnitt, aber auch sie ist zu mehr fähig. Dagegen ist Aaron-Taylor Johnson als Psychopath Ray Marcus erschreckend gut und verkörpert seine Figur eindringlich und beängstigend zwischen beklemmender Ruhe und brodelnden Ausbrüchen. Das wahre Glanzstück aber ist in diesem Cast Michael Shannon als krebskranker Cop Bobby Andes, der innerhalb der Romanhandlung die Ermittlungen leitet. Seine Performance ist herausragend als bereits dem Tode geweihter Erfüllungsgehilfe für Tonys Rache und treibende Kraft einer destruktiven Abwärtsspirale.

 

Gewohnt über alle Maßen stilsicher und sehr selbstbewusst hält Tom Ford alle Fäden seiner zweiten Regiearbeit Nocturnal Animals in den Händen und führt sein thrillerartiges Drama zielsicher auf ein Finale zu, dessen Abschluss in meinen Augen mehr beinhaltet als das aus meiner Sicht etwas zu kurz gegriffene Motiv der Rache. Eine zwar nicht immer allzu subtile, dafür aber in jeder Hinsicht formvollendete Bildsprache harmoniert ganz hervorragend mit den inhaltlichen Strukturen und den verschiedenen Erzählebenen, reflektiert über Farben und Formen immer wieder inhaltliche Motive und all das zusammen formt ein sehr langsam erzähltes und toll aufgebautes Drama, in dessen Inneren leise ein Thriller-Herz schlägt.

 

8 von 10 befremdlichen Kunstinstallationen

 

 

Arrival

28. März 2017 at 11:51

 

 

  © Paramount Pictures

 

 

 

„Language is the foundation of civilization. It is the glue that holds people together. It is the first weapon drawn in a conflict.“

 

 

 

Eines Tages landen urplötzlich zwölf riesige, außerirdische Raumschiffe an zwölf verschiedenen Orten überall auf der Erde, doch was sie wollen oder woher sie kommen, das ist vollkommen unklar. Nachdem erste Kontaktversuche scheitern, engagiert das US-Militär die renommierte Linguistin Dr. Louise Banks und den Physiker Dr. Ian Donnelly, um die Sprache der Außerirdischen zu entschlüsseln und somit auch ihre Absichten zu offenbaren. Da diese Wesen auf einer vollkommen anderen Grundlage kommunizieren als der Mensch, ist die sprachliche Annäherung ein ausgesprochen mühsames Unterfangen, welches nur sehr langsam vor sich geht. Doch da sich global die politische Lage mehr und mehr verschärft, läuft den beiden Wissenschaftlern zusehends die Zeit davon.

 

Ich werde nicht müde, immer und immer wieder zu betonen, was für ein talentierter wie spannender Regisseur Denis Villeneuve doch ist. Polytechnique, Incendies, Prisoners, Enemy und Sicario sprechen da in meinen Augen für sich und nun, nach Arrival, habe ich auch keine Angst mehr um seine Fortsetzung eines meiner absoluten Lieblingsfilme und sehe Blade Runner 2049 nun deutlich gelassener entgegen. Sein Arrival beruht auf der Kurzgeschichte Story of Your Life von Ted Chiang, welche sich der Frage widmet, was wirklich passieren würde, wenn plötzlich außerirdische Wesen unseren Planeten besuchen würden, und verknüpft diese Gedanken mit einem emotionalen Subplot. Arrival greift das auf und entwickelt diese Ideen weiter. Thematisch steht ganz eindeutig sogar in zweifacher Hinsicht Kommunikation im Vordergrund. Zunächst auf der eher kleineren Ebene um die Kontaktaufnahme selbst, das grundlegende Verstehen und das Verständnis zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Was ist Sprache? Welche Bedeutung hat sie? Wie wird kommuniziert? Wörtlich oder bildlich? Können elementare Konzepte des jeweils anderen überhaupt verstanden werden? Diesem weiten und auch spannendem Feld widmet sich die rund erste Hälfte von Arrival, ohne dabei zu trocken zu wirken, denn die Faszination der Fremdartigkeit überwiegt. Im weiteren Verlauf verlagert sich die Kommunikation dann auch auf eine weitere Ebene, wenn es um Diplomatie, um Vertrauen und Kompromisse sowie um Fähigkeit geht, die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten übergeordneter Ziele zurückstellen zu können. Betrachtet man die Geschichte des Science-Fiction-Filmes im allgemeinen und die des Invasions-Filmes im besonderen, dann überrascht es schon ein wenig, dass sich Villeneuve gerade eben nicht gleich in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Neuankömmlingen stürzt, sondern vor allem den Konflikt innerhalb der menschlichen Spezies befeuert, welche sich, unwissend ob Herkunft oder Intention der Außerirdischen, in Unruhen, Aufstände und Plünderungen immer weiter hinein steigert.

 

Arrival kommt erzählerisch ungemein langsam daher, ist sehr reduziert, nicht so sehr thrillerartig spannungsgeladen wie Prisoners oder Sicario, aber dennoch auf seine ganz eigene Art und Weise spannend und für seine Thematik erstaunlich intim inszeniert. Deswegen aber ist Arrival keineswegs weniger dramatisch oder gar langweilig, wirft der Film doch geradezu essentielle Fragen über die menschliche Existenz auf, ohne dabei allzu oberlehrerhaft zu wirken, und verknüpft gekonnt das Schicksal der Menschheit mit dem persönlichen Schicksal seiner Protagonistin. Villeneuve aber lässt seine Erzählstruktur immer wieder brüchig werden und streut losgelöst vom Geschehen mehrfach hineinragende Sequenzen ein, welche aus dem Inneren von Louise zu kommen scheinen – Flashbacks, Visionen, Einbildung oder Erinnerungsfetzen, die sich immer wieder um ein zu Beginn des Filmes in bester Terrence Malick-Manier etabliertes Motiv drehen: den frühen Tod ihrer Tochter. So erzählt Arrival auch nur vordergründig eine Geschichte über den Besuch von Außerirdischen auf der Erde, wendet sich zusehends anderen, viel intimeren Themen zu, zeigt sich in seiner Gesamtheit deutlich vielschichtiger als ursprünglich gedacht und offenbart eine klug durchdachte und zunehmend packende Geschichte innerhalb seiner Geschichte, die am Ende jede Menge Diskussionspotential bieten wird und aktueller kaum sein könnte, soviel ist gewiss. Arrival ist zwar überwiegend in vielen eher dunklen Grau – und Blautönen gehalten, dennoch aber visuell absolut umwerfend. Allein das Design der außerirdischen Raumschiffe zeigt, dass Villeneuve sein Thema doch grundlegend anders angeht als dies bisher so oft der Fall war. Sind doch oft sowohl die Außerirdischen als auch deren Technik nur unschwer als denkbare Variante des uns bereits Bekannten zu identifizieren, erscheinen hingegen die Raumschiffe in Arrival wie die Manifestation eines fundamental Anderem fernab jeglichen bekannten Designs und erinnert am ehesten noch an den schwarzen Monolithen aus Stanley Kubricks Film 2001. Konsequenter Weise verweigern sich diese Flugkörper dann zunächst auch jeder rationalen Ergründung, wenn sogar die uns bekannten Gesetze der Physik in deren Innern keine Anwendung mehr finden. In diesem Kontext müssen auch unbedingt noch der Soundtrack und das Sounddesign erwähnt werden, die beide zusammen mit dem Look des Filmes Hand in Hand gehen und eine überwältigende Symbiose hervorbringen, die große Teile der fremdartigen Atmosphäre bestimmt. Die Filmmusik stammt erneut aus der Feder des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson, der zuvor bereits Prisoners und Sicario mit seinen dröhnenden und wabernden Klängen zu veredeln wusste, und in Kombination mit dem Sounddesign von Sylvain Bellemare und seinem Team – insbesondere die Akustik der Außerirdischen ist beeindruckend –  ensteht eine unwirkliche, fremde und rätselhafte Stimmung, die nochmals sehr schön unterstreicht, wie sehr sich die Außerirdischen in allen Belangen von allem unterscheiden, was uns bekannt ist.

 

Insgesamt ist Denis Villeneuve mit Arrival erneut ein sehr guter Film gelungen und bietet dem geneigten wie aufgeschlossenem Zuschauer intelligentes wie gleichermaßen emotionales Science-Fiction-Kino der etwas besonderen Art. Nicht alles ist perfekt und gerade zum Ende hin tappt das Drehbuch in die eine oder andere Klischeefalle (Stichwort: ausgelutschte Feindbilder) und zieht vielleicht etwas zu sehr das Tempo in Richtung zugespitztem Konflikt an, aber das sind dann auch nur Abzüge in der B-Note, denn Arrival macht sehr viel anders als gewohnt und trotzdem richtig. Leider habe ich den Film (wie schon Sicario) nicht im Kino erleben können, doch da gehört er zweifellos hin, auf die große Leinwand, um seine Pracht vollends entfalten zu können. Arrival ist Kino für die Sinne, für den Kopf und für das Herz gleichermaßen, wirkt zwar bedrückend und düster, aber keineswegs hoffnungslos, und ist auch ein Plädoyer für Solidarität, Einigkeit und Zusammenhalt. Eine zwar sehr offensichtliche, in der heutigen Zeit aber kaum weniger wichtige Botschaft. Oder um Wittgenstein zu zitieren: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

 

9 von 10 Hektapoden

 

 

Batman v Superman: Dawn of Justice

28. März 2016 at 17:37

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„Black and blue. Fight night. The greatest gladiator match in the history of the world. God versus man. Day versus night! Son of Krypton versus Bat of Gotham!“

 

 

 

Achtzehn Monate sind vergangen seitdem Superman im Kampf gegen General Zod halb Metropolis in Schutt und Asche gelegt hat und die Welt von seiner Existenz und seiner außerirdischen Herkunft erfuhr. Dieser Kampf forderte die Leben zahlloser Zivilisten und die Welt und ihre Regierungen sind sich schon lange nicht mehr darüber einig, ob Superman eher als gottgleicher Heilsbringer oder übermenschliche Bedrohung für den gesamten Planeten zu betrachten ist. Batman hingegen hat diese Frage schon längst für sich entschieden, war er doch bei der Zerstörung von Metropolis hautnah dabei. In die Jahre gekommen, frustriert und verbittert vom langjährigen Kampf gegen das Verbrechen in Gotham, ist der Dunkle Ritter zunehmend desillusioniert und glaubt nun, den einzigen Weg in der Vernichtung Supermans gefunden zu haben…

 

Da ist es also, das neue große Zugpferd von DC Comics, das so viele Aufgaben gleichzeitig erfüllen muss, dass einem nur schwindelig werden kann. Batman v Superman: Dawn of Justice ist der verlängerte Arm von Men of Steel und dessen Fortsetzung, Teaser für Batmans neues Soloabenteuer, Grundstein für die Justice League und noch mehr Soloabenteuer von Wonder Woman und diversen anderen Figuren, vor allem aber ist der Film der Versuch, es Marvel mit seinem MCU gleich zutun. DC möchte nun auch endlich seinen Teil vom Kuchen haben, jedoch verfallen sie fälschlicherweise der Idee, mit dem MCU plötzlich mithalten oder gar konkurrieren zu können, indem sie quasi aus dem Nichts ihren eigenen Comic-Kosmos aus dem Boden stampfen, wohin gegen Marvel Jahre mühevoller Kleinarbeit in Form ihrer Stand Alones zu diversen Charakteren (Hulk, Iron Man, Thor, Captain America) investiert hat um dorthin zu kommen, wo sie nun stehen. DC hinkt da etliche Jahre hinterher und versucht nun auf Biegen und Brechen diese Kluft mit einem Sprung zu überwinden, möchte sich aber gleichzeitig auch absetzen von der bunten und verhältnismäßig harmlosen Marvel-Welt, seine Szenarien erden und mit dem nötigen Ernst und Bedeutungsschwere ausstatten. Dass ihnen das mit Batman v Superman: Dawn of Justice nicht einmal im Ansatz gelingt, das kann ich an dieser Stelle bereits verraten, und der Umstand, dass der Film zu viel auf einmal will und auch leisten muss, bricht ihm letztlich das Genick.

 

Aber von Anfang an. Der grundlegende Ansatz von Batman v Superman: Dawn of Justice ist sogar ein durchaus interessanter und spannende narrative Ideen gibt es auch. Menschliches Misstrauen gegen messianische Verehrung, Selbstjustiz gegen übermenschliche Aufopferung, Vigilantentum gegen falsche Götter, Angst gegen Größenwahn. Kann und darf man einen Außerirdischen blind verehren, der ebenso leicht unsere Welt zerstören kann wie Menschenleben retten oder muss sein Handeln und Tun konsequent hinterfragt werden? Aus dieser Frage entsteht ein interessantes Spannungsfeld, welches Zack Snyder zusammen mit seinem Drehbuchautor David S. Goyer zunächst zu Beginn des Filmes tatsächlich relativ glaubhaft umzusetzen versteht. Die Zerstörung Metropolis als 9/11 des DC-Universums mit seinem ganz eigenen Ground Zero inklusive Mahnmal für die Toten. Ein einschneidendes Ereignis, welches die Welt zum umdenken anregt und grundlegend verändert. Umso ärgerlicher ist dann die Tatsache, dass das Drehbuch diese komplexen und erzählerisch relevanten Themen letztlich allesamt nur nebenbei abhandelt, höchstens an ihrer Oberfläche kratzt und sich nie ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen versucht. Bereits an dieser Stelle vergibt der Film unglaublich viel Potential zu Gunsten von hohlen Phrasen und leeren Worten voller vermeintlich bedeutunsschwerer Inhalte, die im Nichts verpuffen, weil sie kein nennenswertes Gewicht haben. Überhaupt ist einfach alles in Batman v Superman: Dawn of Justice wahnsinnig wichtig, bedeutsam und unglaublich ernst. Der zwang – und krampfhafte Verzicht auf Humor ist nicht zu verwechseln mit Ernsthaftigkeit und der Film will so unbedingt verzweifelt gegenwartsrelevant sein, will erzählen von falschen Göttern und gefallenen Propheten, will demaskieren und aufzeigen, ist so sehr voller Zerrissenheit, voller quälender Dämonen und messianischen Erlöserkomplexen, das man als Zuschauer all das bald schon nicht mehr ernst nehmen kann.

 

 

 

„If God is all-powerful He can not be good, if God is good He can not be all-powerful!“

 

 

 

Batman gegen Superman. Mensch gegen Gott. Clash of the Titans. Der ultimative Gladiatorenkampf, wie es Lex Luthor nennt. Das große Aushängeschild nicht nur dieses Filmes, sondern auch für DC. Leider kann der Film nicht einmal die Erwartungen daran vollends erfüllen, sind doch weder Batmans noch Supermans Motive für den Hass und die Wut auf den jeweils anderen einwandfrei nachvollziehbar und werden auch nie ernsthaft ausformuliert, sondern höchstens angedeutet. Auch ist die Auflösung dieses Konfliktes in keinster Weise besonders gelungen, mehr noch, sie gehört zweifellos zu den größeren Witzen der jüngeren Filmgeschichte. Einen so groß und episch aufgebauten Zweikampf, der zudem noch den Großteil seines Filmes dominiert, derart billig und geradezu lächerlich aufzulösen, ist einfach viel zu wenig und kann nur noch Kopfschütteln auslösen. Der verschwörerische Überbau dahinter ist dann auch über alle Maßen konstruiert und sehr unglaubwürdig. Ähnlich erschreckend einfach, in wenigen Sekunden abgehandelt und in ihrem Aufbau unsagbar lieblos, schlampig und faul ist die Platzierung der zukünftigen Wettstreiter um das Gute und Mitglieder der Justice League, so dass Batman v Superman: Dawn of Justice auch in seiner Funktion als Teaser und Grundgerüst für zukünftige Abenteuer im DC-Universum versagt. Ein weiteres erzählerisches Problem des Filmes ist, dass er sehr viel comicbezogenes Insider-Wissen voraussetzt und etliche zum Teil wichtige Szenen einfach nicht erklärt werden, wo aber Bedarf dafür besteht. Dem DC-Fan mag es vorkommen wie ein feuchter Traum, beim durchschnittlichen Kinogänger hingegen dürften zahlreiche Fragezeichen zurückbleiben.

 

Zack Snyders Kopf sprudelt förmlich über vor Ideen, die er allesamt unbedingt und mit der Brechstange in seinem Film unterbringen will und muss. Das wirft die Erzählstruktur gehörig durcheinander und lässt Batman v Superman: Dawn of Justice phasenweise sehr wirr und fragmentarisch erscheinen. Da hagelt es dystopische (Alb)Traumsequenzen, Besuche aus der Zukunft, rätselhafte Erscheinungen, Warnungen und Hinweise (Darkseid und die Parademons), wirr zusammengewürfelte Szenenmontagen und Versatzstücke, die nicht zueinander passen wollen und auch nicht immer wirklich Sinn ergeben. Der Directors Cut ist ja bereits für den Heimkinomarkt angekündigt und wird dann mit einer Laufzeit von 180 Minuten eine gute halbe Stunde länger sein als die Kinofassung. An der Action dürfte kaum gekürzt worden sein, obwohl der Directors Cut eine höhere Altersfreigabe haben wird, sondern eher an der Handlung, was auch erklären würde, warum der Film oft so zerfasert, gehetzt und fragmentarisch wirkt. Grundsätzlich ist Zack Snyder als Regisseur ja bekannt dafür, dass ihm das szenische Erzählen nicht allzu sehr liegt und das rein visuelle Erzählen eher seine Stärke ist. So ist Batman v Superman: Dawn of Justice letztlich auch stilistisch überwiegend genau das, nämlich extrem visuell erzählt, beinahe wie ein Comic, viele Bilder erinnern in ihrem Aufbau tatsächlich an Panels und schnelle Ereignisfolgen dominieren das Geschehen. Ein guter Geschichtenerzähler war Snyder noch nie, obwohl seine Adaptionen von Frank Millers 300 und Alan Moores Watchmen funktioniert haben. Aber 300 stellt mit seinem absoluten Minimum an Handlung keine besonders große Herausforderung an den Stil von Snyder und Watchmen ist hauptsächlich wegen der schon exzellenten und reichhaltigen Vorlage und dem hervorragend ausgefeilten  Drehbuch so gelungen und weniger wegen seines Regisseurs. An Batman v Superman: Dawn of Justice scheitert er dann auch, weil er den Film gnadenlos seinem erzählerischen Stil unterwirft, gleichzeitig aber das Drehbuch nicht mehr als nur angedeutete Ansätze statt Inhalte zu generieren vermag. Ein paar Worte zu den schauspielerischen Leistungen sind noch nötig. Henry Cavill spielt ähnlich glatt und ausdruckslos wie Superman als Figur ist und viel mehr als eine permanente Stirnfalte vom vielen grimmig Gucken und schwere Gedanken haben bringt der Mann nicht zustande. Ben Affleck (was war das für ein Shitstorm damals….) macht zumindest als in die Jahre gekommener, frustrierter und desillusionierter Bruce Wayne eine ganz gute Figur, als Batman jedoch funktioniert er weniger, scheint er doch durch keine Tür mehr zu passen, wirkt sehr unbeweglich, geradezu langsam und agiert nur noch durch reine Kraft ganz ohne Flexibilität oder gar Finesse. Dass die Maxime des Nicht-Tötens hier über Bord geworfen wird, ist zwar eigentlich recht interessant, spielt aber höchstens eine untergeordnete Rolle. So sehr ich Jesse Eisenberg eigentlich schätze, so schnell beginnt seine Interpretation von Lex Luthor zu nerven, legt er die Figur doch irgendwo zwischen Internet-Millionär, Hipster und dem Joker aus The Dark Knight an und vermag seinem Charakter nichts eigenständiges abzugewinnen. Die von Amy Adams nicht mehr als routiniert gespielte Lois Lane, im Grunde ein enorm bedeutsamer und wichtiger Bezugspunkt für Superman, verkommt dank des Drehbuches zu einer simplen, Stichwort gebenden Dame in Not und darf fortwährend Journalistin spielen und seichte Liebesbekundungen hauchen, wenn sie nicht gerade von Superman gerettet werden muss. Gal Gadot hat als Diana Prince kaum nennenswerte Screentime und als Wonder Woman eigentlich auch nicht viel mehr, darf sie doch im megalomanisch-ermüdenden Finale gegen Doomsday (der aussieht wie ein übergroßer Bergtroll aus dem Herrn der Ringe) Fledermaus und Kryptonier beistehen. Der Rest des Cast ist eigentlich trotz einiger bekannter Namen keine besondere Erwähnung wert.

 

Kommen wir zum Schluss. Die wohl größte und wichtigste Erkenntnis am Ende von Batman v Superman: Dawn of Justice ist die, dass Zack Snyder aus seinen Fehlern bei Man of Steel nichts, aber auch rein gar nichts gelernt hat. Sein Film will ganz großes Superheldenkino sein, wichtig und bedeutsam, episches Kino voller symbolträchtiger Bilder, und hat am Ende nichts bis erschreckend wenig zu bieten. Sämtliche brauchbaren Ansätze verpuffen im erzählerischen nichts und im geradezu widerwärtig bombastischen Finale werden sämtliche Ambitionen und jeglicher Hauch von Anspruch in einem regelrechten Zerstörungsporno erstickt und begraben. Letztlich versagt Batman v Superman: Dawn of Justice in jeder einzelnen all der Aufgaben, die auf seinen Schultern lasten und funktioniert ebenso wenig als eigenständiger Film, noch als Fortsetzung von Men of Steel, noch als Wegbereiter für die Justice League und noch folgende Stand Alones oder sonst irgendwie in befriedigender Art und Weise. Die große Hoffnung auf Konkurrenz zum MCU fährt DC kräftig vor die Wand. Man kann ja über Marvel/Disney denken wie man möchte, aber diese Sphären wird DC nie erreichen. Zumindest nicht so.

 

3 von 10 abnormen Mutationen aus dem Hause Krypton