Vice (2018)

15. Oktober 2019 at 11:33

 

 

© Annapurna Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

 

 

 

Vice beleuchtet Dick Cheneys Aufstieg zum zeitweise wohl mächtigsten und einflussreichsten Vizepräsidenten der amerikanischen Geschichte. Die Verbildlichung komplexer politischer Zusammenhänge ist ein zweifellos lohnenswertes Ansinnen, aber Vice macht sich das alles ein klein wenig zu einfach und zeichnet von Minute eins an ein ganz bestimmtes Bild und ist folgend nicht gewillt davon abzurücken. Der neue Film von Regisseur Adam McKay fällt erstaunlich wenig differenziert aus und zeigt sich inhaltlich als eher einseitige, zum Teil recht plakative und dazu noch unangenehm belehrende Abrechnung. McKay bleibt seinem Stil aus The Big Short treu und inszeniert Vice nicht als klassisches Biopic, sondern setzt lieber auf eine unkonventionelle Mischung aus Komik, Satire, Drama und wütender Anklage, vermag jedoch diesen schwierigen Tanz nicht immer zu meistern. Stattdessen wirkt Cheney nicht selten wie das ultimative Böse, eine Macht-Krake sondergleichen, ein dämonischer Puppenspieler im Hintergrund, der die Fäden zieht.

 

Zwar fühlte ich mich von The Big Short seiner Zeit besser unterhalten, doch auf der handwerklichen Ebene ist Vice zweifellos dennoch großes Kino, ist gefällig und schwungvoll inszeniert, vermag mit so manchem herrlich kreativen Moment zu glänzen und sogar der Schnitt von Hank Corwin ist exzellent geraten. Auch auf der darstellerischen Ebene vermag der Film einzuschlagen, wenn Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell und Sam Rockwell auf hohem Niveau abliefern. Auf der inhaltlichen Ebene jedoch ließ mich McKay irgendwie ratlos zurück, wenn Vice komplexe Zusammenhänge extrem versucht zu vereinfachen und zugleich das Publikum für zu limitiert hält um selbige zu begreifen.

 

6 von 10 Herzinfarkten als Running Gag

 

 

Hostiles (2017)

16. Januar 2019 at 19:10

 

 

© Entertainment Studios Motion Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Sometimes I envy the finality of death. The certainty. And I have to drive those thoughts away when I’m weak.“

 

 

 

1892, Fort Berringer, New Mexico: der altgediente wie verbitterte Capt. Joseph Blocker steht kurz vor dem Ruhestand, als er einen allerletzten Auftrag übernehmen und den todkranken Gefangenen Yellow Hawk und dessen Familie nach Jahren der Gefangenschaft zurück in deren Heimat in Montana eskortieren soll. Eine beschwerliche wie gefährliche Reise, zumal Blocker den verhassten Indianern voller Abscheu gegenüber steht.

 

Puh. Mit seinem nun mehr vierten Film macht es mir Regisseur Scott Cooper gar nicht mal so einfach. Einerseits ist Hostiles auf der handwerklich formalen Ebene äußerst gelungen geraten, sieht toll aus und liefert fantastische Bilder. Auch der erzählerische Aufbau weiß in seiner reizvollen Langsamkeit zu faszinieren und trotz so mancher Gewaltspitze gibt sich der Film angenehm schweigsam, wenn nicht immer alles auch ausformuliert werden muss und Blicke und Gesten oftmals ausreichen dürfen. Der Cast ist stark besetzt und besonders Christian Bale spielt mal wieder groß auf, doch auch die Nebenrollen dürfen glänzen. Cooper ist spürbar bemüht um einen möglichst ungeschönten Blick auf eine raue Welt voller archaischer Regeln und den Verzicht auf unnötige Romantisierung. Dennoch hinterlässt Hostiles einen faden Beigeschmack bei mir, denn gerade auf der inhaltlichen Ebene empfinde ich so manches als zumindest fragwürdig.

 

Obwohl Cooper von Versöhnung erzählen will, lässt er erstaunlich wenig moralische Differenzierung zu und nähert sich der Thematik recht einseitig, so dass der letztliche Bruderschluss nur noch zur blanken Augenwischerei verkommt. Auch kann ich so manche Figurenentwicklung kaum nachvollziehen: besonders die Wandlungen von Blocker und Rosalee wollen sich mir nicht so recht erschließen. Dazu gesellen sich zahlreiche Klischees und Stereotypen wie die rohen, rot bemalten Wilden, der verbitterte Soldat oder die traumatisierte Witwe – eben noch schwer gezeichnet und angewidert von Yellow Hawk und seiner Familie, dann der gemeinsame Abwasch am Fluss und schlussendlich gleich eine neue Familie. Überhaupt empfand ich den Schluss als zu aufgesetzt und wenig glaubwürdig. Romantisch hoffnungsvoll vielleicht, aber eben wenig glaubwürdig und seltsam unpassend zum zuvor beschworenen ungeschönten Blick. Letztlich ist Hostiles auf der handwerklichen Ebene tadellos, auf der inhaltlich emotionalen Ebene jedoch kann er mich nicht wirklich abholen und gibt sich zuweilen mindestens fragwürdig. Ich würde den Film gern lieber mögen, aber er lässt mich einfach nicht.

 

6 von 10 gesammelten Skalps

 

 

Exodus: Gods and Kings

7. September 2015 at 17:34

 

 

 

Exodus: Gods and Kings (2014)
Exodus: Gods and Kings poster Rating: 6.1/10 (97637 votes)
Director: Ridley Scott
Writer: Adam Cooper, Bill Collage, Jeffrey Caine, Steven Zaillian
Stars: Christian Bale, Joel Edgerton, John Turturro, Aaron Paul
Runtime: 150 min
Rated: PG-13
Genre: Action, Adventure, Drama
Released: 12 Dec 2014
Plot: The defiant leader Moses rises up against the Egyptian Pharaoh Ramses, setting 600,000 slaves on a monumental journey of escape from Egypt and its terrifying cycle of deadly plagues.

 

 

 

„Follow me and you will be free. Stay and you will perish.”

 

 

 

Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und setze die alttestamentarische Geschichte aus dem zweiten Buch Mose als zumindest halbwegs bekannt voraus. Die Versklavung der Israeliten in Ägypten, den Konflikt und schließlich den Bruch zwischen Moses und Ramses, Moses Visionen von Gott und die zehn Plagen, die über die Ägypter hereinbrechen und letztlich im Exodus münden, also der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft, hier en detail aufzudröseln würde nämlich etwas zu weit führen. Ihr wisst schon… Let my people go und so….

 

Zur Bibel und ihren Büchern kann man ja stehen wie man will und über historische Korrektheit will ich gar nicht erst anfangen zu schreiben, zumal nach dem heutigen Stand der Forschung große Teile der Exoduserzählung nicht mehr als Legenden und historisch nicht belegbar sind. Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass die Bibel reichlich Stoffe für epische Erzählungen bietet, ein Fundus, in dem sich Hollywood gerne immer mal wieder nach Gutdünken bedient. So auch Ridley Scott mit seinem jüngsten Werk Exodus: Gods and Kings, ein Regisseur, der bekanntlich schon so manch großartiges Historienepos auf die Leinwand gebracht hat. Gute Voraussetzungen sind also vorhanden, die Geschichte um den Exodus der Israeliten und Moses und Ramses bietet genügend Stoff für einen fesselnden Monumentalfilm und Ridley Scott ist die Materie alles andere als fremd. Allerdings sollte dieses Potential, das der Überlieferung durchaus innewohnt, letztlich auch genutzt werden, und genau das gelingt Exodus: Gods and Kings zu keiner Sekunde. Zweifellos beweist Ridley Scott mit seinem Film weiterhin eindrucksvoll, dass er immer noch ein opulenter Geschichtenerzähler ist, der es geradezu meisterhaft versteht, moderne Effektarbeit kongenial dem Erschaffen eindrucksvoller und gewaltiger Bilder zu unterwerfen, aber auf der inhaltlichen Ebene versagt Exodus: Gods and Kings zu großen Teilen, kommt selten über reizvolle Ansätze hinaus und schafft es nie mehr zu sein als pures Spektakel. Am Ende versäumt es Scott, seiner Geschichte Leben einzuhauchen. Der Zuschauer wird nie wirklich in die Ereignisse hineingezogen, bleibt immer seltsam außen vor und der Film vermag einfach nicht zu fesseln. Da ist kein bisschen Fleisch auf den Rippen des Drehbuchs, darüber können auch die enormen Schauwerte des modernen Blockbusterkinos nicht hinweg täuschen. Auf den ersten Blick sieht zwar alles sehr opulent aus, aber unter der glänzenden Oberfläche wird ausschließlich erzählerische Magerkost geboten. Scott schwelgt regelrecht in seinen tollen Aufnahmen der Landschaft, der Städte, der Schlachten, der Plagen, all das beherrscht er im Schlaf, aber über diese ganze Bildgewalt vergisst er seine Figuren und deren Geschichte.

 

 

 

„What kind of God says to a man to leave his family?”

 

 

 

Egal ob Moses oder Ramses, die Figuren bleiben alle erschreckend blaß und eindimensional, geradezu schablonenhaft, was sehr schade ist, den gerade der Konflikt zwischen den beiden hätte wunderbar ausgearbeitet werden können. So bietet Exodus: Gods and Kings nahezu kein Identifikationspotential für den Zuschauer, weder sind es die Figuren und deren Motivationen, die ausreichend zur Geltung kommen, noch werden Leid und Elend der versklavten Ägypter auch nur annähernd so dargestellt, dass man mit den Unterdrückten mitfiebern könnte, wodurch ihrem Kampf für die Freiheit jegliche Kraft und Spannung genommen werden. Zudem setzt Ridley Scott jedesmal, wenn es sich anbietet, in die Tiefe zu gehen und die Figuren und deren Konstellation eingehender zu beleuchten, viel lieber auf Action und Spektakel, was ein wenig befremdlich anmutet, hat Scott doch 2005 mit Königreich der Himmel eindrucksvoll bewiesen, dass er eben jenen Spagat zwischen schwelgerischer Inszenierung und epischer Geschichtenerzählung beherrscht, und auch der fünf Jahre früher erschienene Gladiator leistet nicht nur in diesem Punkt exzellente Arbeit. Vielleicht bedarf es irgendwann auch eines Directors Cut für Exodus: Gods and Kings, das lässt sich jetzt noch nicht absehen.

 

Auf dem Papier liest sich die Besetzung des Films fantastisch, Christian Bale als Moses, Joel Edgerton als Ramses, dazu John Turturro, Ben Mendelsohn, Ben Kingsley und Sigourney Weaver in kleineren Rollen. Das funktioniert leider auch nur auf dem Papier, denn wirklich keiner der Darsteller wird ernsthaft gefordert, so dass er sein Talent beweisen könnte. Zwar wirkt Bale phasenweise durchaus charismatisch, aber auch wie ein Abziehbild früherer Rollen, und den inneren Konflikt seiner Figur vermag er keinerlei Ausdruck zu verleihen. Joel Edgerton als Ramses hat da den einen oder anderen stärkeren Moment, gerade dann, wenn sein kindlicher Trotz und seine Bockigkeit zum Vorschein kommen, wirkt als ägyptischer Pharao dennoch fehlbesetzt und stellenweise unglaubwürdig. Sigourney Weaver und Ben Kingsley haben kaum screen time und keine wirkliche Gelegenheit sich einzubringen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, sie werden regelrecht verschleudert und verkommen zu teuren Statisten. Auch John Turturro´s Spiel als Ramses Vater Seti bietet leider mehr unfreiwillige Komik als ernsthafte Ansätze von Glaubwürdigkeit. Überhaupt führte die Entscheidung, tragende Figuren mit weißen Darstellern und lediglich die Sklaven authentisch zu besetzten, im Nachhinein zu einer großen Diskussion. Da darf man jetzt zu stehen wie man will, ich für meinen Teil empfand das nicht unbedingt als so dramatisch. Da hat Exodus: Gods and Kings deutlich größere und offensichtlichere Schwächen.

 

Unterm Strich kommt Ridley Scotts neuester Film zweifellos enorm bildgewaltig daher, aber leider auch ebenso inhaltslos. Es wird schlicht und ergreifend versäumt, eine packende Geschichte zu erzählen und den Figuren Tiefe zu geben. Das zugrundeliegende Potential wird nicht annähernd ausgeschöpft und jeder Ansatz einer gehaltvollen Story wird umgehend im Effektspektakel erstickt. Die Schauspieler bleiben blass und deutlich hinter ihren Fähigkeiten zurück oder werden einfach nicht richtig in Position gebracht um sich entfalten zu können. Sicherlich auch aufgrund seiner gelungenen Schauwerte einen Blick wert, einen neuen Gladiator oder gar Königreich der Himmel darf man aber nicht erwarten. Nicht einmal annähernd.

 

6 von 10 biblischen Plagen