Hostiles (2017)

16. Januar 2019 at 19:10

 

 

© Entertainment Studios Motion Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Sometimes I envy the finality of death. The certainty. And I have to drive those thoughts away when I’m weak.“

 

 

 

1892, Fort Berringer, New Mexico: der altgediente wie verbitterte Capt. Joseph Blocker steht kurz vor dem Ruhestand, als er einen allerletzten Auftrag übernehmen und den todkranken Gefangenen Yellow Hawk und dessen Familie nach Jahren der Gefangenschaft zurück in deren Heimat in Montana eskortieren soll. Eine beschwerliche wie gefährliche Reise, zumal Blocker den verhassten Indianern voller Abscheu gegenüber steht.

 

Puh. Mit seinem nun mehr vierten Film macht es mir Regisseur Scott Cooper gar nicht mal so einfach. Einerseits ist Hostiles auf der handwerklich formalen Ebene äußerst gelungen geraten, sieht toll aus und liefert fantastische Bilder. Auch der erzählerische Aufbau weiß in seiner reizvollen Langsamkeit zu faszinieren und trotz so mancher Gewaltspitze gibt sich der Film angenehm schweigsam, wenn nicht immer alles auch ausformuliert werden muss und Blicke und Gesten oftmals ausreichen dürfen. Der Cast ist stark besetzt und besonders Christian Bale spielt mal wieder groß auf, doch auch die Nebenrollen dürfen glänzen. Cooper ist spürbar bemüht um einen möglichst ungeschönten Blick auf eine raue Welt voller archaischer Regeln und den Verzicht auf unnötige Romantisierung. Dennoch hinterlässt Hostiles einen faden Beigeschmack bei mir, denn gerade auf der inhaltlichen Ebene empfinde ich so manches als zumindest fragwürdig.

 

Obwohl Cooper von Versöhnung erzählen will, lässt er erstaunlich wenig moralische Differenzierung zu und nähert sich der Thematik recht einseitig, so dass der letztliche Bruderschluss nur noch zur blanken Augenwischerei verkommt. Auch kann ich so manche Figurenentwicklung kaum nachvollziehen: besonders die Wandlungen von Blocker und Rosalee wollen sich mir nicht so recht erschließen. Dazu gesellen sich zahlreiche Klischees und Stereotypen wie die rohen, rot bemalten Wilden, der verbitterte Soldat oder die traumatisierte Witwe – eben noch schwer gezeichnet und angewidert von Yellow Hawk und seiner Familie, dann der gemeinsame Abwasch am Fluss und schlussendlich gleich eine neue Familie. Überhaupt empfand ich den Schluss als zu aufgesetzt und wenig glaubwürdig. Romantisch hoffnungsvoll vielleicht, aber eben wenig glaubwürdig und seltsam unpassend zum zuvor beschworenen ungeschönten Blick. Letztlich ist Hostiles auf der handwerklichen Ebene tadellos, auf der inhaltlich emotionalen Ebene jedoch kann er mich nicht wirklich abholen und gibt sich zuweilen mindestens fragwürdig. Ich würde den Film gern lieber mögen, aber er lässt mich einfach nicht.

 

6 von 10 gesammelten Skalps

 

 

Hell or High Water

26. November 2017 at 20:00

 

 

© CBS Films/Lionsgate

 

 

 

„I’ve been poor my whole life, like a disease passing from generation to generation. But not my boys, not anymore.“

 

 

 

Die beiden Brüder Toby und Tanner Howard begehen in Texas eine Reihe von Banküberfällen, um die hoch verschuldete Farm ihrer verstorbenen Mutter bei der Bank auslösen zu können. Das sie dabei nur Filialen eben jener Bank ausrauben, die nun mit dem Zwangsverkauf droht, bringt schnell den alten US-Marshall Marcus Hamilton auf die Spur der Howard-Brüder. Als einer der Überfälle eskaliert, spitzt sich die Lage für die beiden immer weiter zu.

 

Es gibt eine Szene in Hell or High Water, die sehr schön zeigt, welche Themen der Film von Regisseur David Mackenzie unter seiner Oberfläche aus Neo-Western und Heist-Movie noch verhandelt. Dort, wo das scheinbar endlose Land grenzenlos wirkt, brennt ein gewaltiges Steppenfeuer und die letzten Cowboys dieser Region treiben ihre Viehherde vor dem Feuer her. „21st century, I’m racing a fire to the river with a herd of cattle. And I wonder why my kids won’t do this shit for a living“ wird einer dieser Cowboys sagen und er trifft damit den Nagel auf den Kopf. Die gute alte Zeit ist vorbei und die amerikanische Arbeiterklasse ist zum Auslaufmodell verkommen. Und auch wenn Hollywood nur zu gern diese Working Class rein zweckdienlich immer genau dort als Platzhalter verwendet wo es gerade nötig ist und sie als stereotypes Milieu benutzt werden kann, erliegt David Mackenzie dieser allzu simplen wie durchschaubaren Denkweise nicht. Stattdessen wirft er einen eher empathischen Blick sowohl auf die Howard-Brüder als auch auf ihre Verfolger und positioniert sie spiegelbildartig zueinander. Auch Marshall Hamilton ist genauso ein Relikt dieser guten alten Zeit wie die beiden Brüder Toby und Tanner. Die Methoden dieses Archetypen des texanischen Gesetzeshüters sind in der modernen Gesellschaft schon längst ebenso aus der Mode gekommen wie sein rassistischer Humor. Er wirkt deplatziert und aus der Zeit gefallen, ein wandelnder Anachronismus, den der rasante Wandel der Welt schon längst überholt und hinter sich gelassen hat. Und so erzählt Hell or High Water neben seiner eigentlichen Geschichte auch vom Niedergang eines einst sehr produktiven Landstriches und vom Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Abgehängten schlagen zurück. Insofern weist der Film durchaus auch Parallelen zu Werken wie Killing Them Softly, The Place Beyond the Pines, Killer Joe und ähnlichen White Trash-Crime/Dramen auf, verschleiert sie nur ein wenig durch den Staub und Dreck unter der brennenden Sonne in Texas.

 

© CBS Films/Lionsgate

 

Das Drehbuch von Taylor Sheridan, der als Autor bereits für Sicario von Denis Villeneuve verantwortlich war, erzählt seinen Plot sehr langsam vor sich hin köchelnd, steigert seine Spannung aber stetig und treibt seine Handlungsstränge und Figuren auf ein dramatisches Finale zu. Bald schon wird deutlich, dass nicht für jeden diese Geschichte gut wird ausgehen können und dennoch machen alle Beteiligten weiter, weil sie gar nicht mehr anders können und weil sie nichts anderes kennen. Atmosphärisch ist das alles ungemein dicht inszeniert, drückend wie die staubige Hitze von Texas, und Kameramann Giles Nuttgens fasst das alles in wunderbare Bilder dieser scheinbar endlosen Weite der texanischen Landschaft. Und die darstellerischen Leistungen von Chris Pine als eher introvertierte Toby (der mich hier sehr überrascht hat mit seiner Performance), Ben Foster als immer nah am Tobsuchtsanfall vorbei schrammender und unberechenbarer Tanner und vor allem Jeff Bridges als US-Marshall Marcus Hamilton sind allesamt fantastisch. Auch der tolle Score aus der Feder von Nick Cave und Warren Ellis ist ganz hervorragend und unterstreicht gekonnt die brütende Atmosphäre ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Bei Hell or High Water ist das Gesamtpaket in sich stimmig und beschert uns einen toll erzählten, geradlinig, aber dennoch wunderschön inszenierten Film voller authentischer Figuren, angetrieben durch nachvollziehbare Motivationen und versehen mit sinnvollen Handlungen. David Mackenzie gelingt es tatsächlich, diesen vordergründig eher kleinen Thriller zwischen Neo-Western und Heist-Movie mit einer zärtlichen Melancholie aufzuladen und unterschwellig noch viel komplexere Themen anzusprechen und so größer werden zu lassen, als man es anfänglich vermuten würde.

 

8 von 10 kalten Bieren auf der kargen Veranda