Coen-Retrospektive #8: O Brother, Where Art Thou? (2000)

11. März 2018 at 15:43

 

 

© Buena Vista Pictures Distribution

 

 

 

„Well, as soon as we get ourselves cleaned up and we get a little smellum in our hair, why, we’re gonna feel 100% better about ourselves and about life in general.“

 

 

 

Mississippi in den 30er Jahren zur Zeit der Weltwirtschaftskrise: den drei Sträflingen Ulysses Everett McGill, Pete Hogwallop und Delmar O´Donnell gelingt erfolgreich die Flucht. Ihr Plan sieht vor einen Goldschatz zu bergen, welchen McGill einst versteckt haben will. Doch die Zeit drängt, denn der Ort an dem der Schatz liegt soll in wenigen Tagen überflutet werden und einem Stausee weichen. So machen sich die drei auf den Weg und ihre Reise durch den ländlichen Süden Amerikas entwickelt sich schon bald zu einer regelrechten Odyssee voller allerhand absurden, grotesken und komischen Ereignissen.

 

Der nun mehr achte Film der Coen-Brüder setzt einen unfassbaren Lauf einfach weiter fort: seit dem Debüt Blood Simple durchgängig nur gute bis sehr gute Filme, das ist bemerkenswert. Aber kann das ewig so weiter gehen? Wir werden sehen, O Brother Where Art Thou? jedoch führt diese Erfolgsgeschichte des amerikanischen Genrekinos einfach frech weiter. Wie schon oft zuvor wird auch dieses Mal dem Setting eine nicht unbedeutende Rolle in ihrem Film eingeräumt – das Arizona aus Raising Arizona, der Mittlere Westen aus Fargo oder das Texas aus No Country For Old Men sind für die jeweiligen Erzählungen bedeutsam und mit dem Mississippi zur Zeit der Weltwirtschaftskrise verhält es sich da nicht anders. Natürlich ist O Brother eine lose Adaption der Odyssee von Homer und handelt einzelne Stationen dieses Epos, aber den Film nur darauf zu reduzieren, das wäre eindeutig zu kurz gegriffen. Zwar funktioniert die Odyssee hier als rahmengebend, aber die Coens bedienen sich darüber hinaus noch sehr kunstvoll und ganz tief im Fundus amerikanischer Mythen und Erzählungen. O Brother erzählt die Reise von Ulysses, Pete und Delmare angelegt als ein Märchen und schlägt wieder eine Brücke zurück zum cartoonartig überdrehten Humor aus Raising Arizona und The Hudsucker Proxy, vermischt aber zugleich historisch belegte Daten mit Legenden und webt so nicht bloß einfach ein dichtes Netz aus Zitaten, Verweisen und Bezügen, sondern knüpft gleich lieber einen opulenten Wandteppich, welcher die reiche Motivwelt des kollektiven mythologischen Gedächtnisses der USA abbildet. All diese Bilder und Motive, alle Schauplätze des Films, viele Figuren und ihre Ausstattung, die Musik, die Fahrzeuge – das alles ist unverkennbar eben jenem kollektiven Gedächtnis vom Süden und den 30er Jahren Amerikas entnommen.

 

Vor allem der fabelhaften Musikuntermalung wird hier ausgesprochen viel Raum gegeben und T Bone Burnett entwirft zusammen mit Carter Burwell einen wirklich fantastischen Soundtrack aus Folk, Blues, Country, Gospel und zutiefst traditionellem Liedgut der Südstaaten. George Clooney singt hier zwar nicht selbst, liefert aber dennoch eine starke Performance ab in seinen Gesangspassagen und auch die Slapstick-Elemente versteht er gekonnt umzusetzen ohne das es arg zu albern wird. Überhaupt ist sein exaltiertes Schauspiel hier ein Highlight und mit seinen weit aufgerissenen Augen, dem spitzbübischem Lächeln, mit seiner Dapper Dan gestärkten Pomadenfrisur und den Haarnetzen könnte er so auch einem Cartoon entsprungen sein und drückt O Brother eindeutig seinen Stempel auf. Zwar sein erster Auftritt in einem Film der Coen-Brüder, aber keineswegs sein letzter. Dazu tauchen immer wieder alte Bekannte wie John Goodman, Holly Hunter, Charles Durning und natürlich John Turturro auf, mit denen die Coens immer wieder zusammen arbeiten.

 

O Brother Where Art Thou? kommt für einen Coen-Film erstaunlich leicht und locker daher, unterhält fantastisch ohne allzu grimmig und düster zu geraten und verwebt auf märchenhafte Art und Weise bestimmte Eckpunkte der Odyssee von Homer mit zahlreichen Anleihen an amerikanische Mythen und Erzählungen. Wahrlich bis hierher eine unglaubliche Leistung der beiden Brüder, deren Filme bisher alle deutlich erkennbar ihre Handschrift tragen, aber immer auch vollkommen eigenständig für sich stehen ohne repetitiv zu werden.

 

8,5 von 10 Dosen Dapper Dan

 

 

Coen-Retrospektive #7: The Big Lebowski (1998)

10. März 2018 at 15:06

 

 

© Gramercy Pictures/PolyGram Filmed Entertainment

 

 

 

„Let me explain something to you. Um, I am not „Mr. Lebowski“. You’re Mr. Lebowski. I’m the Dude. So that’s what you call me. You know, that or, uh, His Dudeness, or uh, Duder, or El Duderino if you’re not into the whole brevity thing.“

 

 

 

Alles beginnt mit einer Verwechslung, wenn zwei Schlägertypen dem Dude die Tür eintreten und nach irgendwelchem Geld fragen. Nur: dieser Lebowski ist eben nicht DER Lebowski und so endet dieser Gewaltakt mit einem bepinkelten Teppich. Das ist der Auftakt zu einer nur schwerlich zu beschreibenden Odyssee, die hier vielleicht auch gar nicht unbedingt groß umrissen werden muss, ist sie doch schön längst ein fester Bestandteil der Popkultur geworden.

 

Eigentlich mag ich das Wörtchen „Kult“ nicht sonderlich, wird es doch nur allzu oft leidlich bemüht wie inflationär gebraucht, allem halbwegs „kultverdächtigem“ vorschnell wie ein vermeintlich bedeutsamer Stempel aufgedrückt und ist letztlich kaum mehr als eine leere Phrase. Aber ob nun Kult hin oder her, zweifellos ist der Dude inzwischen zu einer Ikone der Popkultur geworden, die Film gewordene Alternative für all diejenigen, welche sich den Anforderungen des modernen Lebens nur bedingt gewachsen fühlen. Oder sich ihnen einfach nicht anpassen wollen. Dem Dude jedoch wäre diese Form der Verehrung und Anerkennung wohl eher unangenehm, denn er macht ja nichts, ist einfach so wie er ist, lebt sein kleines Leben so vor sich hin… Bowling, White Russians, ein bisschen Gras, ein heißes Bad und Walgesänge. Und doch: vielleicht sollte jeder von uns hin und wieder mal den ganz persönlichen Dude in sich entdecken. Wir können nämlich viel von ihm lernen. Nach ihrem Debüt Blood Simple ist The Big Lebowski wieder so sehr ein Film Noir, wie es die Coens eben können und einzig The Man Who Wasn´t There wird das später nochmal toppen, aber dazu dann mehr, wenn es soweit ist. The Big Lebowski jedenfalls ist durch und durch Noir, aber dennoch nicht wirklich dunkel und fühlt sich insgesamt viel leichter an als ihr bisheriges Schaffen, episodischer, bunter, musikalischer.

 

Die Geschichte rund um die Scheinentführung einer untreuen Ehefrau und dem nicht weniger vorgetäuschten Versuch des Ehemannes, sie mit Hilfe eines scheinbar völlig Ahnungslosen aus den Fängen ihrer Entführer wieder zu befreien, ist letztlich eigentlich (wie oft im Film Noir) kaum mehr als Nebensache und weniger von Bedeutung, wird aber dennoch von den Coens kunstvoll ausufernd, mit zahlreichen Wendungen und einem kaum zu überschauenden Figureninventar erzählt, nur um sich am Ende einfach in Luft aufzulösen. Es erfordert großes erzählerisches Können, eine solch komplexe Story zu entwickeln, dabei aber zugleich etwas völlig anderes zu erzählen und am Ende den Zuschauer trotz eines geradezu aufreizend kurzen wie knappen Finales nicht zu verlieren. Und als würde das nicht schon reichen, schöpfen die Coens aus ihrem scheinbar unendlich großen Fundus an Ideen und reichern all das mit musicalartigen Traumsequenzen an, etablieren mit Sam Elliot (ganz wunderbar!) einen Cowboy als geisterhaften Erzähler und zelebrieren ganz viel Bowlingromantik. Überhaupt ist die Bowlingbahn ein ganz zentraler Ort für The Big Lebowski und wie die Coens das ganze dortige Treiben einfangen, wie Roger Deakins und seine Kamera all diese großen kleinen Leute einfangen, sie beinahe schon stilisiert, wie sie an ihren Gesichtern vorbei fährt, das ist ganz großes Kino und in der Winzigkeit all dieser Details annähernd perfekt. Hier kommen dann auch wieder die Faszination und Liebe der Coens für den amerikanischen Durchschnittstypen zum Tragen, welche sich als Motiv immer wieder durch ihre Filme zieht, aber nie zu einem zynischen Herabblicken verkommt. Und dann sind da noch all diese wundervollen, erinnerungswürdigen und sich immer wieder im Kreis drehenden und dennoch nicht weniger brillanten Dialoge: zum Niederknien. Beinahe jeder Satz ist zitierfähig und in der Popkultur aufgegangen. Das liest jetzt vielleicht nicht jeder gern, aber ich frage mich schon länger, warum ein Quentin Tarantino immerzu für seine Dialoge so verehrt wird, wo doch die Coens diese Disziplin perfektioniert haben. 

 

Der Dude, Walter und Donny sind die drei vielleicht schönsten Figuren, welche die Coens jemals entwickelt haben. Jeff Bridges hält als ruhender Pol alles zusammen und John Goodman poltert von einem Ausbruch zum nächsten, wirkt aber dennoch mehr wie liebenswerter Elefant, der seine Kraft nicht einzuschätzen weiß.Und dann ist da noch Donny: wir wissen so gut wie nichts über ihn – wo er herkommt, was ihn antreibt, woher er den Dude und Walter kennt und was ihn bei ihnen bleiben lässt – und dennoch gelingt es Steve Buscemi mit lauter Kleinigkeiten und ganz wenigen Blicken und Gesten in seinem Schauspiel diese tragische Figur mit Leben zu füllen. Ein seltsam eigenschaftsloser Mitläufer, der dennoch ein wichtiger Teil dieses schrägen Trios ist, obwohl niemand so recht weiß, warum eigentlich. Er wirkt etwa dümmlich, hat nicht wirklich etwas zu erzählen oder gar beizutragen, gibt insgesamt eine eher traurige Gestalt ab und schaut oft etwas ziellos ins Nichts, als könne er dem Geschehen gerade nicht so recht folgen. Gewalt und deren Ausübung sind oftmals integrale Bestandteile ihrer Filme, doch in The Big Lebowski gibt es oft nur die bloße Androhung von Gewalt und tatsächlich nicht einen einzigen Mord. Dennoch gibt es einen Tod, einen besonders unglücklichen wie tragischen, auf einem Parkplatz vor einem Bowlingcenter, ohne Fremdeinwirkung durch einen Herzanfall. Donny ist weg, einfach so. Das ist bitter und macht einem bewusst, dass es Menschen gibt, die nicht so viel Glück im Leben haben wie manch andere, Menschen die einfach nur da sind, auch wenn sich nicht immer ganz erschließt, warum. All die Donnies dieser Welt: erst, wenn sie nicht mehr da sind, dann fällt auf, dass sie da waren, wenn sie plötzlich schmerzhaft fehlen.

 

10 von 10 White Russians in der Badewanne

 

 

Coen-Retrospektive #4: Barton Fink (1991)

1. März 2018 at 19:23

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„I gotta tell you, the life of the mind… There’s no roadmap for that territory… And exploring it can be painful.“

 

 

 

New York in den frühen 40er Jahren: der aufstrebende Drehbuchautor Barton Fink hat so eben ein sehr gefeiertes Theaterstück geschrieben und wird von den Kritikern als das Wunderkind eines neuen, wahren Theaters gefeiert, als Hollywood an seine Tür klopft. Einen Wrestling-Film soll er schreiben, veredelt mit dem Barton Fink-Touch, obwohl er von der Materie absolut keine Ahnung hat. Dennoch willigt er ein und macht sich auf den Weg nach L.A. Jedoch will es ihm nicht gelingen auch nur irgendetwas brauchbares aufs Papier zu bringen und seine zunehmende Isolation und Einsamkeit lässt ihn Kontakt zu dem schwer versoffenen Autor W.P. Mayhew suchen. Erst spät wird ihm klar, welch bittere Abwärtsspirale er damit in Gang setzen sollte.

 

Die Angst vor einem weißen Blatt Papier und der immerzu währende Kampf gegen die ganz eigenen inneren Dämonen. Auf Schreibmaschinen eindreschende Finger und der hämmernde Klang der Anschläge. Die Schutzwälle, welcher jeder für sich um sich herum erbaut. Das Warten auf die eine Idee, welche den Einstieg erleichtern wird. Dann ist er plötzlich da, der treibende Gedanke, der platzende Knoten, die Initialzündung, ein durchdringendes und befreiendes Gefühl, doch um welchen Preis? Barton Fink ist der vermutlich am stärksten autobiografische Film der Coen-Brüder, nach eigenen Angaben in kürzester Zeit geschrieben als Antwort auf eine Schreibblockade während ihrer Arbeit an Miller´s Crossing. Wieviel von Barton Fink letztlich in ihnen steckt, das wissen nur sie allein, doch auf seinen kleinsten Kern reduziert ist ihr Film ein beinahe gleichnisartiges Bild und zeigt den ambitionierten Autor, der während der quälenden Arbeit an seinem neuesten Werk in seinem eigenen Hirn eingesperrt ist ohne Hoffnung auf baldige Flucht. Natürlich geht es auch um den Prozess des Schreibens selbst: ein geheimnisvoller Prozess, der sich im Rückblick nur schwer rekonstruieren lässt. Und die Ironie dabei ist: Barton Fink schreibt seine größte Arbeit, sein wichtigstes Werk, als er mit seinem vermeintlich unbedeutendsten Auftrag kämpft. Darüber hinaus thematisiert der Film auch das Schreiben von Drehbüchern für größere Filmstudios, den Konflikt zwischen hoher und niederer Kunst sowie der Grenze zwischen Realität und Fiktion und selbst auferlegte Isolation.

 

Immer, wenn ich Barton Fink schaue, dann kommt mir Naked Lunch von David Cronenberg ebenso in den Sinn wie Franz Kafka. Manchmal auch mit Abstrichen Der Mieter von Roman Polanski oder Eraserhead von David Lynch. Barton Fink vereint vieles in seinen knapp zwei Stunden Laufzeit und ist zu gleichen Teilen schwarze Komödie, Film Noir, Horror-Thriller und Künstlerdrama, aber vor allem ist der vierte Film der Coen-Brüder für ihre Verhältnisse ausgesprochen surreal in seiner Inszenierung geraten. Allein Finks Absteige – das schmuddelige Hotel Earle mit seinem Slogan „A day or a lifetime“ – bietet eine ganze Reihe herrlich merkwürdiger und schräger Szenarien: etwa gleich zu Beginn die scheinbar nicht enden wollende Klingel auf dem Hoteltresen oder der aus einer Luke im Boden unvermittelt empor steigende Hotelpage Chet. Überhaupt das Hotel mit seinen immerzu gleich aussehenden leeren Fluren und den unzähligen Paar Schuhen vor den Türen, mit den schwitzenden Wänden und den sich ablösenden Tapeten, mit der plagenden Mücke und den Nachbarn, die man nie zu Gesicht bekommt, sondern immer nur hört. Die Isolation, die Versagensangst und die immer tiefer gehende Abkehr in sein Innerstes beginnen Finks Wahrnehmung zu trügen und das immer alptraumhafter werdende Hotel verschärft diesen Prozess nur noch mehr: schon bald lassen sich Realität und Fiktion, Wahrheit und Wahn kaum noch von einander trennen. Und Barton Fink schlurft durch all diese merkwürdigen Szenarien mit einer bizarren Mischung aus Arroganz, Naivität und Idealismus und wirkt dabei gleichsam unbeholfen wie verschroben. John Turturro geht total auf in der Figur und scheint wie für sie geschaffen. Sein Spiel wird jedoch vor allem durch die enorm einnehmende Performance von John Goodman überschattet, der dem Versicherungsvertreter und Zimmernachbarn Charlie Meadows eine geradezu infernalische Präsenz verleiht, die selbst in harmlosen Momenten furchteinflößend wirken kann. Als Randbemerkung sei noch erwähnt, dass hier erstmals nicht mehr Barry Sonnenfeld hinter der Kamera die Fäden zieht, sondern nun erstmals ein gewisser Roger Deakins, der fortan bei beinahe jedem weiteren Film der Coens mit an Bord war, diese visuell auch immer prägen konnte und zuletzt durch exzellente Arbeiten für Denis Villeneuve glänzen konnte.

 

Mit Barton Fink erschaffen die Coen-Brüder ein dichtes Netz aus Symbolen, Andeutungen und Metaphern, welches mit zunehmender Laufzeit immer surrealer anmutet und gegen Ende ins rätselhaft Absurde driftet. Wie sehr letztlich Realität und Fiktion verteilt sind, das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Ihr vierter Film ist düster, komisch, bizarr, manchmal verwirrend und nicht alle Fragen werden auch vollständig beantwortet. Barton Fink haftet etwas Rätselhaftes an, das ich sehr mag.

 

8,5 von 10 idyllischen Strandimpressionen an der Wand

 

 

Coen-Retrospektive #3: Miller´s Crossing (1990)

27. Februar 2018 at 16:37

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„Nothing is more foolish than a man chasin´ his hat.“

 

 

 

Eine namenlose wie gesichtslose amerikanische Stadt zu Zeiten der Prohibition: der irische Gangsterboss Leo herrscht dort und geht sowohl beim Bürgermeister als auch beim Polizeichef nach Belieben ein und aus und verfügt über eine stattliche Zahl ihm treu ergebener Männer. Der wichtigste für ihn aber ist seine rechte Hand Tom Reagan. Er weiß jedoch nicht, dass Tom eine Affäre mit seiner angehenden Frau Verna hat, und so gerät die Situation außer Kontrolle, als der italienische Gangster Johnny Casper den Kopf von Vernas hinterhältigem Bruder Bernie einfordert. Tom findet sich plötzlich zwischen allen Fronten wieder und versucht irgendwie die Situation zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

 

Miller´s Crossing ist die dritte Regiearbeit der Coen-Brüder und bildet ihren endgültigen Durchbruch in der Traumfabrik. Es ist auch ihr bisher komplexester Film und erfordert durchaus ein wenig Aufmerksamkeit. Es ist ein Film über Hüte. Oder vielmehr: ein Film über Männer mit Hüten. Es ist auch ein Film wie ein besonders rätselhafter Traum, welchen man zu deuten versucht, seltsam diffus und schwer zu greifen und dennoch ungemein handfest und zupackend. Lange lässt Miller´s Crossing den Zuschauer über die wahren Motive seiner Figuren im Unklaren und manche werden sogar gar nicht offenbart. Wer hier denn nun wirklich auf wessen Seite steht, das ist die große Fragen, die permanent mitschwingt. „Nobody knows anybody. Not that well.“ sagt Tom Reagan an einer Stelle und das trifft den Nagel auf den Kopf. In Blood Simple merkt der Privatdetektiv Loren Visser an, man könne nur sich selbst trauen, und das bestätigt sich so auch in Miller´s Crossing: selbst ein so gerissener und undurchschaubarer Fädenzieher wie Reagan stößt irgendwann an seine Grenzen und muss feststellen, dass sich Menschen nicht nach Belieben wie Schachfiguren bewegen lassen. Jeder kämpft hier ganz allein und nur für sich. Dinge wie Zusammenhalt, Familie, Loyalität oder gar einen Ehrenkodex, die sucht man in Miller´s Crossing vergeblich, auch wenn Johnny Caspar immerzu genau darauf pocht und es nie müde wird zu betonen: „I’m talkin‘ about friendship. I’m talkin‘ about character. I’m talkin‘ about ethics.“ Alles wohlklingende Plattitüden, gut gemeint, halbherzig befolgt. Letztlich ist sich hier jeder selbst der Nächste.

 

Auf der erzählerischen Ebene ist Miller´s Crossing eine kleine Besonderheit: der Plot ist labyrinthartig aufgebaut und bewegt sich schneller als die linear strukturierte Narrative. Was uns erzählt wird ist oft dem, was wir sehen voraus. Dazu passt, dass nicht wenige Figuren öfter in Dialogen erwähnt werden, als dass sie tatsächlich im Film auftauchen. Das gilt beispielsweise für den Buchhalter Mink oder Rug, ein Handlanger von Leo, der bereits tot ist, als wir ihm zum ersten Mal begegnen. Doch die Umstände dieses Todes sollen noch von tragender Bedeutung sein. Das Drehbuch der Coens ist nahezu perfekt ausgeklügelt und lässt den Zuschauer sehr lange im Dunkeln stehen ohne dabei zu frustrieren. Hier kommt nun erstmals alles zusammen, was Blood Simple und Raising Arizona bereits versprachen: die Traditionen des Film Noir treffen auf eigenwillige Situationskomik und rabenschwarzen Humor und halten sich gegenseitig in annähernd perfekter Balance. Und auch hier sind abermals die schauspielerischen Leistungen die Kirsche auf der Torte. Gabriel Byrne als Tom Reagan war wohl nie besser und präsentiert eine hervorragende Maske aus Zynismus, Coolness und unterdrückter Verletzlichkeit. Unvergesslich und absolut Gold wert ist der Ausdruck grimmiger Entschlossenheit im Gesicht von Albert Finney, wenn sein Leo eigenhändig zu den Klängen von Oh Danny Boy den Mordanschlag auf sein Leben vereitelt. John Polito reißt große Teile von Miller´s Crossing mit seiner Interpretation eines lauten und vulgären Mobsters an sich, der immer auch darum bemüht ist klüger und besonnener zu wirken als er letztlich ist. Seine impulsiven Ausbrüche jedenfalls stellen so manches Highlight.

 

Nach dem beeindruckenden Debüt Blood Simple ist den Coens nach Raising Arizona mit ihrem dritten Film Miller´s Crossing der erste richtig große Wurf geglückt. Eine bitterböse und tief schwarze Reflexion über den vermeintlichen Wert von Loyalität und Freundschaft in einer Welt voller Falschspieler, Opportunisten und Lügner. Handwerklich ist das alles großartig: Inszenierung, Ausstattung, Kamera und Schauspiel wissen zu beeindrucken und das Drehbuch mit seinen messerscharfen Dialogen erledigt den Rest. Auch der wundervolle Score abermals aus der Feder von Carter Burwell ist erhaben wie unaufdringlich zugleich. Tatsächlich kann ich Miller´s Crossing nur sehr wenig bis gar nichts ankreiden und das, obwohl es ein Film über Männer mit Hüten ist.

 

9 von 10 Hüten vom Winde verweht