Nocturnal Animals

5. Juni 2017 at 16:22

                   © Universal Pictures

 

 

 

„When you love someone you have to be careful with it, you might never get it again.“

 

 

 

Susan Morrow ist zwar eine erfolgreiche Galeristin, hadert jedoch trotzdem mit ihrem Leben, ist unglücklich in ihrer Ehe und kann nicht richtig schlafen. Eines Tages wird ihr das Manuskript eines Romanes zugesandt, dessen Autor sich als ihr Ex-Mann Edward entpuppt, zu dem sie seit rund 20 Jahren keinen Kontakt mehr hat. Widerwillig beginnt sie das Manuskript zu lesen, wird aber nach und nach immer mehr in dessen Bann gezogen und im weiteren Verlauf mit dunklen Erinnerungen aus einem anderen Leben konfrontiert.

 

Acht Jahre ist es her, dass der Modedesigner Tom Ford mit A Single Man sein überraschendes Regiedebüt gab. Ein ungemein stilvoller und visuell sehr ansprechender Film über einen Mann, der sich nach dem Tod sehnt und dennoch das Leben feiert. Nun folgt nach langer Pause mit Nocturnal Animals sein zweiter Film und Ford bleibt seiner scharf umrissenen Stilistik ungemein treu, treibt sie stellenweise sogar in noch größere Höhen und schrieb auch das Drehbuch selbst. Der Style-over-substance-Vorwurf ist bei Filmemachern, welche die visuellen Aspekte ihrer Filme stark in den Vordergrund rücken, nie weit entfernt und immer schnell bei der Hand. Kommt ein Regisseur dann noch wie nun Tom Ford ursprünglich aus der Welt der Mode, dann ist es leicht, diese Form der Kritik heranzuziehen, doch beschäftigt man sich ein wenig eingehender mit seinen Filmen, dann erkennt man schnell, dass derartige Vorwürfe nicht haltbar sind, denn unter ihrer stilisierten Oberfläche verhandeln sie dann doch mehr. Dabei ist der eigenwillige wie groteske Auftakt der perfekte Einstieg in eine Welt voller klarer Bilder, harscher Kontraste und schwer lädierter Seelen. Dieses Mal vermischt Ford drei verschiedene Erzählebenen auf ausgesprochen elegante Art und Weise zu einem funkelnden Kleinod, bei dem die Abgrenzungen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Fiktion in der Fiktion vollkommen fließend sind. Nocturnal Animals ist ein komplexer Film – nicht auf der inhaltlichen Ebene, sehr wohl aber in seiner Struktur, in seiner verschachtelten Erzählweise, bei der die verschiedenen Stränge scheinbar wahllos durcheinander mäandern, mit fortschreitender Handlung jedoch durchaus ein Muster erkennen lassen. Drei erzählerische Ebenen entfaltet der Film nach und nach vor seinem Betrachter, jede in sich geschlossen und doch mit tiefer Verbindung untereinander. Dabei ist es ungemein faszinierend, wie sehr das moderne Drama der Rahmenhandlung und der beinahe schon klassische Racheplot der Romanhandlung miteinander harmonieren, ohne zunächst offensichtliche Bezugspunkte erkennen zu lassen und so sammeln sich zwischen der stark von Fords Stilistik geprägten Gegenwart mit Noir-artigen Zügen, den fragmentarischen Rückblenden aus einem beinahe schon anderen Leben, und dem irgendwie westernartigen Wüstensetting des Romanes mit der Zeit immer mehr Bruchstücke und Trümmer einer schrecklich gescheiterten Liebe an.

 

Bedenkt man die Herkunft von Tom Ford, dann sollte es kaum verwundern, dass wirklich jede einzelne Szene bis ins allerletzte und noch so winzige Detail geplant ist und vollkommen seinen Vorstellungen entspricht. Seine Bildsprache fällt mal mehr, mal weniger subtil aus, ist aber immer seinem sehr ästhetischem Anspruchsdenken unterworfen und stark geprägt von klaren Formen und Strukturen. Er bestimmt vollkommen was wir sehen und arbeitet hochgradig manipulativ, wenn er den Zuschauer allein durch seine Bilder geschickt in bestimmte Richtungen lenkt, aber er spielt auch immer mit offenen Karten und steht zu seiner Funktion als Manipulator. So zeichnet Ford die Welt rund um Susan als kaltes Gefängnis ihrer selbst. In dieser restlos stilisierten Welt der Reichen und Schönen bleibt kein Platz mehr für Gefühle, so dass die männliche Hauptfigur im Roman als emotionales Gegenstück funktioniert, wenn hier die tragische Figur des Familienvaters im Vordergrund steht, der über eine Emotionalität definiert wird, welche in Susans Welt als Schwäche gelten würde. An dieser Stelle muss man sich jedoch auch fragen, warum Ford Jake Gyllenhaal mit einer Doppelrolle als Susans Ex-Mann Edward Sheffield und der Romanfigur Tony Hastings besetzt und damit die Analogie des Gezeigten von Anfang an offenlegen muss. Traut er wohlmöglich seinem eigenen Publikum nicht zu, von sich aus eine Verbindung zwischen den verschiedenen Erzählebenen herzustellen? Letztlich beraubt er sich und seinem Publikum dadurch um einen nachhaltigen Moment der Erkenntnis, der Nocturnal Animals noch mehr Gewicht hätte verleihen können. Gyllenhaal macht auch hier abermals einen fantastischen Job in seiner Doppelrolle und gerade als Tony Hastings kann er die ganze Bandbreite seines Könnens abrufen, auch wenn er in der Vergangenheit bereits noch eindrücklichere Leistungen gezeigt hat. Amy Adams spielt ihre Susan auch gut und deutlich über dem Durchschnitt, aber auch sie ist zu mehr fähig. Dagegen ist Aaron-Taylor Johnson als Psychopath Ray Marcus erschreckend gut und verkörpert seine Figur eindringlich und beängstigend zwischen beklemmender Ruhe und brodelnden Ausbrüchen. Das wahre Glanzstück aber ist in diesem Cast Michael Shannon als krebskranker Cop Bobby Andes, der innerhalb der Romanhandlung die Ermittlungen leitet. Seine Performance ist herausragend als bereits dem Tode geweihter Erfüllungsgehilfe für Tonys Rache und treibende Kraft einer destruktiven Abwärtsspirale.

 

Gewohnt über alle Maßen stilsicher und sehr selbstbewusst hält Tom Ford alle Fäden seiner zweiten Regiearbeit Nocturnal Animals in den Händen und führt sein thrillerartiges Drama zielsicher auf ein Finale zu, dessen Abschluss in meinen Augen mehr beinhaltet als das aus meiner Sicht etwas zu kurz gegriffene Motiv der Rache. Eine zwar nicht immer allzu subtile, dafür aber in jeder Hinsicht formvollendete Bildsprache harmoniert ganz hervorragend mit den inhaltlichen Strukturen und den verschiedenen Erzählebenen, reflektiert über Farben und Formen immer wieder inhaltliche Motive und all das zusammen formt ein sehr langsam erzähltes und toll aufgebautes Drama, in dessen Inneren leise ein Thriller-Herz schlägt.

 

8 von 10 befremdlichen Kunstinstallationen