The Empty Man (2020)

12. April 2021 at 18:26

 

© 20th Century Studios/Boom Studios

 

 

Manchmal gibt es Filme, die laufen irgendwie unter dem Radar, obwohl sie mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Das Spielfilmdebüt von David Prior ist zweifellos ein solcher Fall. Mit einer abenteuerlichen Produktionsgeschichte im Rücken und von einer zweifelhaften Veröffentlichungspolitik gestraft, landete The Empty Man nun mehr oder weniger still und leise bei Amazon.

 

Beginnend mit einem etwas über 20 minütigen Prolog lässt sich Prior reichlich Zeit, um seine zunehmend verschachtelte Geschichte zu erzählen und die handelnden Figuren aufzubauen. Zwar erfindet The Empty Man das Genre-Rad keineswegs neu, bedient er sich doch zahlreicher bekannter Motive und Wendungen, vermag diesem Mix diverser Horror-Themen darüber hinaus jedoch ausreichend Eigenständigkeit mit auf den Weg zu geben.

 

Und gerade weil sich Prior so viel Zeit für seine Geschichte nimmt, kann sie ihre soghafte Wirkung auch entfalten. Dabei setzt er vielmehr auf eine dichte und rätselhaft beklemmende Atmosphäre als auf Effekthascherei. Längere Sequenzen der Anspannung werden dabei auch gerne mal ungewöhnlich oder einfach gar nicht aufgelöst. Das bedeutet nun nicht, dass The Empty Man keine Jump Scares bieten würde, diese sind jedoch eher rar gesät und ausgewogen verteilt.

 

Prior ist sich den Funktionsweisen bestimmter Genre-Mechanismen vollkommen bewusst und nutzt diese nur zu gern, um den Zuschauer gezielt auf falsche Fährten zu führen und ins Leere laufen zu lassen. The Empty Man erweist sich mit zunehmender Laufzeit als deutlich komplexer und ambitionierter, als der Einstieg in den Film noch vermuten lässt. Nach und nach greifen mehr und mehr Elemente der Story ineinander und machen ein immer größeres Bild auf, welches dennoch ganz bewusst so manche Leerstelle lässt, damit der Zuschauer diese selbst füllen kann.

 

James Badge Dale gibt den ermittelnden Ex-Cop mit gescheiterter Existenz angenehm bodenständig und glaubwürdig, wenn die Figurenzeichnung aus dem Drehbuch von Prior auf übersteigerte Dramatisierung verzichtet. Überwiegend handelt er besonnen und erstaunlich rational in Anbetracht des Genre, und seine Reaktionen auf so manches Ereignis fallen ähnlich aus wie die des Zuschauers, wodurch eine reizvolle Bindung geschaffen wird.

 

Wer intelligente Horror/Mystery-Filme mag, dem sein The Empty Man durchaus empfohlen. Die zunächst klischeehaft anmutende Ausgangslage der Story ist bloß der Aufhänger für etwas viel Größeres und bietet schließlich deutlich mehr Substanz, als man erwarten würde. Eine Reise in finstere Abgründe voller Überraschungen und düsteren Offenbarungen, bis man am Ende selbst kaum einzuordnen vermag, was unserem Protagonisten letztlich widerfahren ist.

 

8 von 10 Reisen nach Bhutan

 

 

Only the Brave (No Way Out, 2017)

19. April 2019 at 16:04

 

 

© Colombia Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

It’s not easy sharing your man with a fire.“

 

 

 

Der erfahrene Feuerwehrmann Eric Marsh lebt für seine Arbeit und setzt alles daran, sein Team zu Hotshots auszubilden. Diese Eliteeinheiten arbeiten bei Waldbränden an aller vorderster Front im Kampf gegen das Feuer und riskieren mehrfach ihre Leben. Als sich schließlich all das harte Training auszahlt und die Männer das begehrte Zertifikat erhalten, ist die Freude zunächst groß. Doch dann rücken Marsh und seine Männer Ende Juni 2013 zu einem Brand auf Yarnell Hill aus, der letztlich ungeahnte Ausmaße annehmen wird.

 

Nachdem Regisseur Joseph Kosinski zuvor mit Tron: Legacy (2010) und Oblivion (2013) zwei Science-Fiction-Filme gedreht hat, nimmt er sich nun einer wahren Begebenheit an, wenn er das Yarnell Hill Fire in den Fokus rückt, welches im Sommer 2013 neunzehn Feuerwehrmänner das Leben kostete. Was eigentlich der ideale Aufhänger für einen actiongeladenen Katastrophenfilm abgegeben könnte, das schlachtet Kosinski gar nicht so sehr aus, wie man vielleicht vermuten würde, und setzt statt auf Spektakel viel lieber auf seine Figuren und findet gerade in den ruhigen Momenten zu seiner wahren Stärke.

 

Only the Brave nimmt sich Zeit, lässt sich auf seine Figuren ein und interessiert sich spürbar mehr für deren Leben als für das Feuer, welches sie beendet hat. Sicherlich erzählt der Film von Heldentum, bleibt dabei aber angenehm bodenständig und bietet viel aufrichtiges Drama statt überspitztem Kitsch. Hier werden dem Zuschauer nicht stumpf unangenehme Heldenverehrung und klebriger Pathos aufgezwungen, sondern mit viel Sinn für Authentizität und Feingefühl die Menschen unter der Uniform gezeichnet. Diese erzählerische Zurückhaltung macht Only the Brave zu einem sehenswerten, manchmal gar bildgewaltigen Drama, und einem interessanten wie spannendem Gegenentwurf zu vielen anderen modernen Werken ähnlicher Art etwa aus dem Hause Bay oder Berg.

 

7 von 10 Mal hundert Liegestütze machen müssen

 

 

Hold the Dark (2018)

30. September 2018 at 16:46

 

 

© Netflix/Quelle:IMDb

 

 

The natural order doesn´t warrant revenge.“

 

 

 

Der Buchautor und Wolfexperte Russell Core wird von der jungen Mutter Medora Sloane per Brief um Hilfe gebeten, weil ein Wolf ihren kleinen Sohn Bailey getötet hat. Medora will Rache und Core soll das Tier ausfindig machen. Also begibt er sich auf den weiten Weg ins nördlichste Alaska und auf die Suche nach besagtem Wolf, doch schon bald findet er Anzeichen dafür, dass das Tier möglicherweise gar nicht verantwortlich ist. Doch bevor er diese Erkenntnis teilen kann, überschlagen sich die Ereignisse.

 

Regisseur Jeremy Saulnier ist mit seinen Filmen Blue Ruin und Green Room längst zu einem der größten Hoffnungsträger des amerikanischen Genre-Kinos avanciert und auch sein neuestes Werk Hold the Dark weiß sich hervorragend in seinen bisherigen Output einzufügen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von William Giraldi bereitet uns das entschlackte Drehbuch von Macon Blair einen faszinierenden wie gleichermaßen schrecklichen Weg in die Dunkelheit. Erneut bleibt Saulnier seinem Hang zur filmischen Kompromisslosigkeit treu und erzählt eine düstere wie atmosphärisch sehr dichte Geschichte in bedächtigem Tempo, die manchmal in geradezu rätselhafte Gefilde abgleitet und immer wieder von blutigen Gewaltspitzen aufgebrochen wird. Hold the Dark sieht sich auch nicht als Survival-Drama/Thriller oder gar als Tier-Horror, schreibt sich lieber ganz andere Themen auf die Agenda und erforscht stattdessen die finsteren Untiefen und Abgründe menschlicher Existenz.

 

Keelut – dieser Ort abseits der Zivilisation funktioniert nach seinen ganz eigenen Regeln und Gesetzen und seine Bewohner haben nichts übrig für den Staat und dessen Wertesystem, wenn sie viel eher allein die Gesetzmäßigkeiten der Natur um sie herum befolgen und außerhalb der Gesellschaft existieren. Um ein Bild dieser archaischen Welt zu zeichnen, dafür braucht Saulnier nur wenig Worte und kaum Dialog, denn was Giraldi in seinem Roman auf eben jene Weise transportiert, das presst er lieber in die kalten Bilder von kargen Schneelandschaften und improvisierten Hütten, in Blicke, Gesten und Gesichtsausdrücke. Sperrig gestaltet sich das zuweilen und Saulnier macht es dem Zuschauer nicht gerade leicht, wenn er ihn mit dem Geschehen vollkommen allein lässt und eben keine Antworten liefert auf Fragen, die jeder für sich selbst beantworten muss. Er lässt uns allein zurück in dunkler Kälte statt uns in trügerischer Sicherheit an die Hand zu nehmen. In seinen besten Momenten ist Hold the Dark Genre-Kino irgendwo zwischen Exploitation und überhöhtem Mystizismus, oft an der Grenze zum existenziellen Bösen kratzend und in unvorstellbare Abgründe blickend. Was der Zuschauer letztlich daraus für sich zu ziehen vermag, das bleibt allein ihm selbst überlassen. Hold the Dark ist vielleicht nicht das stimmigste Werk im Schaffen von Saulnier, aber dennoch durch und durch geprägt von dessen feinen Gespür für Stimmungen und Atmosphäre.

 

7 von 10 mal Wolfsgeheul in bitter kalter Nacht

 

 

13 Hours – The Secret Soldiers of Benghazi

31. Januar 2017 at 12:12

 

 

  © Paramount Pictures

 

 

 

„Payback’s a bitch and her stripper name is Karma.“

 

 

 

Der Ex-Elitesoldat Jack Silva reist nach Bengasi, um dort seinem alten Freund und Kameraden Tyrone „Rone“ Woods bei einem Job zu helfen. Die Geschäfte zu Hause laufen schlecht, man hat eh nichts anderes gelernt und in Lybien, diesem Pulverfass, lässt sich als private contractor für das US-Militär wenigstens noch gutes Geld verdienen, eine Familie daheim will schließlich ernährt werden. Als der US-Botschafter Chris Stevens einen außerplanmäßigen Besuch in Bengasi einlegt, weisen Woods und seine Männer zwar auf die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen und die mangelnde Bewaffnung hin, werden aber nicht sonderlich ernst genommen. Es kommt, wie es kommen muss, und die Botschaft wird von aufständischen Einheimischen angegriffen und belagert. Allein die sechs private contractors rund um Woods und Silva stehen noch zwischen dem tobenden Mob und der schutzlosen US-Botschaft. Eine sehr lange Nacht steht den Männern bevor, denn Hilfe von außerhalb ist nicht zu erwarten.

 

When everything went wrong six men had the courage to do what was right verkündet das Plakat zu 13 Hours – The Secret Soldiers of Benghazi, dem neuesten Film von Michael Bay. Einem historisch realen Vorfall nimmt sich Hollywoods Mann fürs Grobe nun an, wenn er die Ereignisse rund um den Angriff einheimischer Milizen auf einen diplomatischen US-Außenposten im von Unruhen aufgewühlten Bengasi aufzuarbeiten versucht. Bay würde offenkundig nur zu gern seinen Sandkasten voller Plastik-Actionfiguren verlassen, kommt allerdings nicht sonderlich weit und verfällt nach einem noch Hoffnung machenden Beginn viel zu schnell doch nur wieder in seine altbekannten Mechanismen. Scheinbar kann der Mann einfach nicht anders. Zumindest in seiner Ästhetik löst er sich inzwischen vom idyllischen Postkarten-Look eines Pearl Harbor und zeichnet Bengasi als schwer umkämpften und entsprechend naturalistisch aussehenden, infernalischen Moloch voller Bedrohungen an jeder Ecke. Und auch die ersten 30-40 Minuten des Filmes vermitteln noch einen bedrohlichen Unterton und das vage Gefühl von Gefahr durch eine bisher unbekannte Bedrohung. Es brodelt in der Stadt und die Sicherheitslage ist mehr als unzulänglich. Weder der diplomatische Außenposten noch der in unmittelbarer Nähe gelegene CIA-Komplex sind ausreichend bewacht und gesichert. Doch dann legt Michael Bay sehr schnell ganz offen und unverhohlen seine Karten auf den Tisch und 13 Hours offenbart sein eigentliches Gesicht: die hasserfüllte Fratze einer absolut widerwärtigen Ideologie voller reaktionärem wie faschistoidem Gedankengut, gepaart mit einem ausgeprägten Waffenfetisch. Ein Lobgesang auf den heroischen Patriotismus der tapferen Amerikaner in Krisengebieten, erfüllt von Stolz darüber, ihre Nation verteidigen zu dürfen. Im Vorfeld des Kinostarts war der Verleih stets darum bemüht, geradezu gebetsmühlenartig immer wieder zu betonen, der Film sei doch gar nicht politisch motiviert. Dass das Quatsch ist, ist nur allzu offensichtlich. Nicht ohne Grund feierte 13 Hours seine Premiere bei einer Open Air-Vorführung in einem texanischen Footballstadion und die Einnahmen dieser Veranstaltung kamen dem sogenannten Shadow Warriors Project zu Gute, welches sich Privatpersonen im Dienste der US-Armee widmet. Von solch zweifelhaften Fußnoten mal abgesehen, sind die Umstände der damaligen Ereignisse bis heute ein nicht unbedeutendes Politikum in den USA, mit dem sich nach wie vor diverse Untersuchungsausschüsse befassen und das ein gefundenes Fressen für Trump im Wahlkampf gegen Clinton war.

 

Wo Pain & Gain noch als Satire auf ein übertriebenes Männlichkeitsbild durchging, meint es Michael Bay nun in 13 Hours vollkommen ernst mit eben jenem Bild und zelebriert es mit geschwellter Brust. Seine sechs private contractors in Bengazi befeuern ein faschistoides Muskelkino voller Testosteron, Machotum, vorgetäuschter Brüderlichkeit und Ego-Shootern auf Flatscreens in der Kommandozentrale. Bier, Vollbärte und Hantelbänke inklusive. Zwischendurch wird dann auch mal brav mit der Familie daheim geskyped und sich ständig zärtlich-mannhaft „Bro“ gerufen. Emotionale Tiefe soll das suggerieren, sind ja doch eigentlich alles ganz nette Kerle. Dazu gesellt sich immer wenn es irgend geht eine gehörige Portion von klebrig-künstlichem Pathos in genau den richtigen Momenten, unfassbar manipulativ wie einfältig zu gleich. Und zu den gewohnten, in 13 Hours besonders gefährlich einseitig bedienten Feindbildern (Islam und Terrorismus sind hier nicht nur eng miteinander verknüpft, nein, sie sind gleich und vollkommen identisch), fest zementiert in den Köpfen der Zielgruppe, gesellt sich dank Bay nun noch ein weiteres, nämlich das des Bürokraten. Sein Film ist voller Intellektuellenfeindlichkeit. Jeder, der keine Waffe in der Hand hat, disqualifiziert sich zugleich selbst, ist ein Waschlappen und hat eh keine Ahnung. Da ensteht ein schwelender Konflikt zwischen den Strategen und Spezialisten der CIA und ihren Bewachern, den ehemaligen Elitesoldaten. Die Bürokratie ist der neue Feind, wegen ihr und ihrer Zögerlichkeit sterben tapfere Amerikaner. Das alles hat man in den letzten Wochen und Monaten vielerorts doch viel zu oft gehört. Irgendwann im Film gibt es eine Szene, da werden in einer nächtlichen Scharfschützen-Sequenz in aller bester Call of Duty-Manier reihenweise Gegner per Kopfschuss ausgeschaltet wie in einem Egoshooter und noch Witze darüber gerissen. In genau solchen Momenten stellt sich 13 Hours breitbeinig auf und sagt: Na komm, leg doch deinen Playstation-Controller zur Seite und schreib dich ein. Join the Team! Ist in echt doch eh alles viel cooler hier und es sterben doch sowieso nur ein paar Araber, die es ohnehin nicht anders verdient haben. Das reinste Werbevideo für den Nachwuchs des US-Militärs und dazu noch eine Masturbationvorlage für Waffenfetischisten, denn aus Ermangelung an Frauenbildern – welche ja auch immer ausgesprochen heikel sind in Filmen von Michael Bay – muss dann halt das Gewehr als love interest herhalten.

 

Ich bin wirklich wütend. Wütend darüber, dass ein solch reaktionärer wie propagandistischer Müll wie 13 Hours milde lächelnd unter dem Deckmantel eines typischen Hollywood-Blockbusters einfach durchgewunken wird. Ist doch nur ein Film. Sicher, aber einer, der bei einer unreflektierten Betrachtungsweise nicht gerade ungefährlich ist. Letztlich lässt 13 Hours nur zwei Lesarten zu: entweder ist sich Michael Bay sehr bewusst, was für ein widerlich manipulatives Machwerk er da geschaffen hat, oder aber er ist zu dumm, um das zu erkennen. Und ganz ehrlich: ich weiß nicht, was von beidem ich nun schlimmer finden soll. Donald Trump würde den Film vermutlich gefallen. Ich für meinen Teil bin jetzt erst einmal durch mit dem faschistoiden Kino des Michael Bay.

 

Eine Bewertung entfällt an dieser Stelle, da hier die Ideologie ohnehin alles übertönt. Da fallen diverse positive Punkte in der Inszenierung nicht mehr ins Gewicht und sind eigentlich auch egal.