Hold the Dark (2018)

30. September 2018 at 16:46

 

 

© Netflix/Quelle:IMDb

 

 

The natural order doesn´t warrant revenge.“

 

 

 

Der Buchautor und Wolfexperte Russell Core wird von der jungen Mutter Medora Sloane per Brief um Hilfe gebeten, weil ein Wolf ihren kleinen Sohn Bailey getötet hat. Medora will Rache und Core soll das Tier ausfindig machen. Also begibt er sich auf den weiten Weg ins nördlichste Alaska und auf die Suche nach besagtem Wolf, doch schon bald findet er Anzeichen dafür, dass das Tier möglicherweise gar nicht verantwortlich ist. Doch bevor er diese Erkenntnis teilen kann, überschlagen sich die Ereignisse.

 

Regisseur Jeremy Saulnier ist mit seinen Filmen Blue Ruin und Green Room längst zu einem der größten Hoffnungsträger des amerikanischen Genre-Kinos avanciert und auch sein neuestes Werk Hold the Dark weiß sich hervorragend in seinen bisherigen Output einzufügen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von William Giraldi bereitet uns das entschlackte Drehbuch von Macon Blair einen faszinierenden wie gleichermaßen schrecklichen Weg in die Dunkelheit. Erneut bleibt Saulnier seinem Hang zur filmischen Kompromisslosigkeit treu und erzählt eine düstere wie atmosphärisch sehr dichte Geschichte in bedächtigem Tempo, die manchmal in geradezu rätselhafte Gefilde abgleitet und immer wieder von blutigen Gewaltspitzen aufgebrochen wird. Hold the Dark sieht sich auch nicht als Survival-Drama/Thriller oder gar als Tier-Horror, schreibt sich lieber ganz andere Themen auf die Agenda und erforscht stattdessen die finsteren Untiefen und Abgründe menschlicher Existenz.

 

Keelut – dieser Ort abseits der Zivilisation funktioniert nach seinen ganz eigenen Regeln und Gesetzen und seine Bewohner haben nichts übrig für den Staat und dessen Wertesystem, wenn sie viel eher allein die Gesetzmäßigkeiten der Natur um sie herum befolgen und außerhalb der Gesellschaft existieren. Um ein Bild dieser archaischen Welt zu zeichnen, dafür braucht Saulnier nur wenig Worte und kaum Dialog, denn was Giraldi in seinem Roman auf eben jene Weise transportiert, das presst er lieber in die kalten Bilder von kargen Schneelandschaften und improvisierten Hütten, in Blicke, Gesten und Gesichtsausdrücke. Sperrig gestaltet sich das zuweilen und Saulnier macht es dem Zuschauer nicht gerade leicht, wenn er ihn mit dem Geschehen vollkommen allein lässt und eben keine Antworten liefert auf Fragen, die jeder für sich selbst beantworten muss. Er lässt uns allein zurück in dunkler Kälte statt uns in trügerischer Sicherheit an die Hand zu nehmen. In seinen besten Momenten ist Hold the Dark Genre-Kino irgendwo zwischen Exploitation und überhöhtem Mystizismus, oft an der Grenze zum existenziellen Bösen kratzend und in unvorstellbare Abgründe blickend. Was der Zuschauer letztlich daraus für sich zu ziehen vermag, das bleibt allein ihm selbst überlassen. Hold the Dark ist vielleicht nicht das stimmigste Werk im Schaffen von Saulnier, aber dennoch durch und durch geprägt von dessen feinen Gespür für Stimmungen und Atmosphäre.

 

7 von 10 mal Wolfsgeheul in bitter kalter Nacht

 

 

Mute (2018)

24. Februar 2018 at 14:48

 

 

© Netflix

 

 

 

Im Berlin des Jahres 2052 macht sich der seit seiner Kindheit stumme Barkeeper Leo auf die Suche nach seiner großen Liebe Naadirah, die plötzlich verschwunden ist. Auf seiner Reise durch das nächtliche Treiben trifft er auf allerhand skurriler Figuren, darunter auch die beiden amerikanischen Militär-Chirurgen Cactus Bill und Duck, die vielleicht etwas mit dem verschwinden von Naadirah zu tun haben könnten.

 

Ich war wirklich gespannt auf diesen Film: Duncan Jones als Regisseur eines Cyber Punk-Thrillers im Berlin der Zukunft, der sich mit diesem Stoff eine lang gehegte Herzensangelegenheit erfüllen durfte. Herzblut allerdings kann ich hier keines entdecken. Zu unausgegoren ist die Dramaturgie, zu orientierungslos holpert der Plot durch ein Berlin der Zukunft, dem Duncan Jones leider nichts Eigenständiges mitzugeben vermag. Dafür verlässt er sich nämlich blindlings viel zu sehr auf eine seit Blade Runner bewährte retro-futuristische Bildsprache, die er allenfalls eher schlecht einfach nur kopiert und auch technisch nur sehr mäßig umzusetzen weiß. Wo Blade Runner jedoch in manchen Szenen vor Leben gerade so vibriert, da wirkt dieses vermeintlich zukünftige Berlin in Mute seltsam leblos und dumpf. Wenn dann zu Leo noch ein zweiter Handlungsstrang rund um die beiden amerikanischen Militär-Chirurgen Cactus Bill und Duck Teddington hinzukommt, dann fasert die ohnehin schon brüchige Narrative vollends aus, verliert den Fokus und damit auch Leo aus den Augen. Plötzlich wird der vermeintliche rote Faden – Leo auf der Suche nach seiner großen Liebe – beinahe schon zu einer Nebenfigur in einem Dickicht aus im Grunde völlig egalen Nebensträngen degradiert. Das ist schade, weil in der Figur des stummen Barkeepers in seinem anachronistischen Ansatz durchaus Potential liegt, welches Mute jedoch nie wirklich zu gebrauchen weiß. Und wie der Film auf ausgesprochen seltsame Art und Weise ein Thema wie Pädophilie abhandelt, das ist schon ein wenig beschämend und ärgerlich.

 

Vielmehr ist dann letztlich auch nicht mehr zu sagen zu Mute: bezeichnend, dass selbst Duncan Jones Ausflug ins Blockbusterkino mit Warcraft eine größere Strahlkraft aufweisen kann. Was mit Moon und Source Code noch vielversprechend begann, das droht nun zum Erliegen zu kommen. Eine herbe Enttäuschung.

 

3 von 10 Gläsern Wasser auf ex

 

 

War on Everyone (Dirty Cops)

9. April 2017 at 14:50

 

 

 

  © Saban Films

 

 

 

I always wondered: If you hit a mime, does he make a sound?

 

 

 

Terry Monroe und Bob Bolaño sind korrupte Cops, die sich quer durch Albuquerque, New Mexico, saufen und koksen. Sie ziehen Kleinkriminelle ab, rauben, betrügen, bedrohen, erpressen und verprügeln Verdächtige wann immer es ihnen hilft und sie davon profitieren können. Kompliziert wird es erst, als sich an einem für sie etwas zu großen Coup versuchen und damit die Aufmerksamkeit des britischen Gangsters Lord James Mangan auf sich ziehen, welcher fortan gnadenlos gegen die beiden vorgeht.

 

Die beiden Brüder Martin und John Michael McDonagh sind so etwas wie die Speerspitze des schwarzen Humors unter irischen Regisseuren. Während Martin mit Brügge sehen… und sterben? sein Debüt gab und dann mit 7 Psychos nach legte, da konnte auch sein Bruder John Michael mit The Guard und Calvary zwei Schwergewichte in puncto typisch britischem, tief schwarzem Humor für sich verzeichnen und liefert nun mit War on Everyone seinen dritten Film ohne dabei auch nur die geringsten Anzeichen erkennen zu lassen, mit seiner bisherigen Tradition zu brechen. So ist sein neuester Film dann auch vollkommen überdreht und geprägt von einem sehr gewöhnungsbedürftigen und eigenwilligen Humor, welcher sich überwiegend daraus speist, dass War on Everyone hemmungslos politisch unkorrekt daher kommt und nahezu alles und jeden zur Zielscheibe macht. Das ist grenzwertig, das kann man mögen, aber auch ablehnen. Wirklich zynisch ist der Film dann letztlich aber nicht, nimmt er sich doch über seine gesamte Laufzeit nicht wirklich ernst und auf einen sinnstiftenden Handlungsbogen, einen einheitlichen roten Faden, verzichtet McDonagh dann auch gleich völlig und legt die Erzählweise vielmehr episodenhaft an, beginnt irgendwo mittendrin im Geschehen und legt auffallend wenig Wert auf Struktur. Visuell ist War on Everyone durchaus hübsch anzusehen mit seinem sanften 70er Look. Dadurch, dass der Film zwar in der Gegenwart spielt, sämtliche Figuren aber gekleidet sind als wären sie direkt aus den 70ern entsprungen, und auch entsprechende Autos fahren, wirkt all das angenehm zeitlos und leicht entrückt. Überhaupt erinnert vieles oft an das Video zu dem Song Sabotage von den Beastie Boys, eine herrlich spaßige und wunderbar überspitzte Parodie der 70er/80er Copthriller. Was aber dort im kleinen Rahmen hervorragend funktioniert, nutzt sich hier schnell ab und langweilt irgendwann. Dann fällt auch schnell auf, dass die Figuren durch die Bank weg eindimensional sowie schrecklich klischeehaft gezeichnet sind, keinerlei Entwicklung durchmachen und gerade Monroe und Bolaño absolute Unsympathen sind. Natürlich soll das so sein, aber ohne einen entsprechenden Gegenpart oder zumindest eine wie auch immer geartete Form der erkennbaren Weiterentwicklung wird auch das schnell langweilig.

 

War on Everyone ist letztlich einfach vollkommen überdreht, hetzt ohne ersichtlichen roten Faden in der Story von Szene zu Szene und ballert dem Zuschauer seine popkulturellen Anspielungen und Referenzen im Minutentakt um die Ohren. Der Humor ist grenzwertig und politisch unkorrekt wo es nur passt. Einige Gags zünden und sind ziemlich gut (zum Beispiel die Diskussion über Rassismus innerhalb der Polizei zwischen den Protagonisten und ihrem Vorgesetzten), aber mindestens genauso viele enden als Rohrkrepierer oder sind hoffnungslos übertrieben. Dennoch hat War on Everyone durchaus seine Momente, einige Szenen, Sätze oder Dialoge sitzen wie die Faust aufs Auge und gerade Michael Peña und Alexander Skarsgård haben sichtlich Spaß daran, einfach mal so richtig die Sau rauszulassen. Alles in allem sicherlich kein Vergleich zu den bisherigen Filmen von John Michael McDonagh und vielleicht auch so etwas wie ein bisheriger Tiefpunkt in seinem Schaffen, aber zumindest kurzweilig genug, um War on Everyone mal zu schauen. Auch, wenn der Film danach schnell wieder vergessen sein dürfte.

 

6 von 10 Bieren zum Frühstück