Under the Silver Lake (2018)

3. Oktober 2019 at 16:30

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

Where’s the mystery that makes everything worthwhile? We crave mystery, ‚cause there’s none left.“

 

 

 

Sam lässt sich treiben: ohne Job oder Geld, aber dafür mit reichlich Zeit ausgestattet, beobachtet er lieber seine Nachbarn, als sie um die fällige Miete zu kümmern. Als ihm die junge Sarah begegnet, ist es um ihn geschehen. Sie verbringen einen gemeinsamen Abend, doch als er sie am nächsten Tag besuchen will, ist die Wohnung leer geräumt und Sarah spurlos verschwunden. Also begibt sich Sam auf eine detektivische Spurensuche quer durch Los Angeles.

 

Inhaltlich wie visuell könnte David Robert Mitchells dritter Film Under the Silver Lake von dessen Vorgänger It Follows kaum weiter weg sein, wenn nun der paranoide Horror der Vorstadt einem entrückten Los Angeles voller Geheimnissen weichen muss. Oberflächlich betrachtet breitet sich ein wilder Flickenteppich aus Versatzstücken der Popkultur, Anspielungen und Referenzen vor dem Zuschauer aus und Under the Silver Lake treibt lakonisch irgendwo zwischen den Eckpunkten Hitchcock, Polanski, Lynch und Anderson. Sam – dessen Namen wir erst durch den Abspann erfahren – begibt sich geradezu traumwandlerisch auf eine versponnene Odyssee durch eine Stadt voller Sackgassen, doppelten Böden und falschen Fährten. Ein sanfter wie gleichermaßen angenehm zielloser Trip ins Absurde ist das, eine geheimnisvolle Schnitzeljagd voller schräger Gestalten, Geheimcodes, Verschwörungstheorien, Rätsel, Mysterien und Paranoia, bei der Sam hilflos von einer kruden Episode in die nächste stolpert. Ein wenig wie Alice im Wunderland, nur folgen wir keinem Hasen, sondern einem Coyoten, und Alice verirrt sich in dessen Bau.

 

Alles bleibt seltsam nebulös, wenn sich die Texturen der Jahrzehnte beginnen zu überlagern, und sinnhaft ist hier wenig zwischen Pizzakartons, Stinktier-Plagen, Comics, Super Mario, Frühstücksflocken, Stummfilm-Diven und Jalousien. Das alles ist großartig bebildertes Atmosphären-Kino mit einem grandiosen Score (abermals aus der Feder von Rich Vreeland), erhebt aber keinen allzu großen Anspruch auf Deutungshoheit, denn Under the Silver Lake will gar nicht erst dechiffriert werden und führt viel lieber ganz bewusst in die Irre. Vielleicht ist auch nichts davon real, vielleicht eine Art Wahn, wer weiß das schon so genau, doch für Sam wird die Suche nach dem Engel, der die Stadt der Engel scheinbar verlassen hat, zum einzigen Antrieb. Nur die finale Auflösung, welche es eigentlich gar nicht gebraucht hätte, die ist leider wenig gelungen und wird in ihrer Einfachheit dem ganzen Aufwand zuvor kaum gerecht. Das ist zwar schade, trübt für mich aber das Gesamtwerk Under the Silver Lake letzten Endes kaum: ein verspulter (Neo?) Noir, auf dessen seltsam verschlungenen Pfade ich mich sicherlich nicht zuletzt begeben habe.

 

7,5 von 10 aggressiven Stinktieren

 

 

It Comes at Night (2017)

4. Oktober 2018 at 23:24

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

You can’t trust anyone but family.“

 

 

 

Ein rätselhaftes Virus scheint die Welt ins Chaos zu stürzen. Paul hat sich mit seiner Frau Sarah und dem gemeinsamen Sohn Travis tief in die Wälder in ein abgelegenes Haus zurückgezogen. Es gibt feste Regeln, welche das Überleben sichern sollen. Als eines Nachts ein Fremder versucht dort einzubrechen, wird er von Paul zwar überwältigt, er entpuppt sich jedoch ebenfalls als Familienvater mit Frau und kleinem Sohn. Sie beschließen, die drei zu ihnen ins Haus zu holen, und anfangs scheinen sie auch harmonisch miteinander leben zu können. Doch allerletzte Zweifel vergiften immer wieder den Alltag.

 

Schon mit seinem Regiedebüt Krisha (2015) wusste Trey Edward Shults Eindruck zu hinterlassen und vermag nun mit It Comes at Night in Geheimtipp-Kreise vorzustoßen. Leider muss man festhalten, dass der Film ein klassischer Fall von fehlgeleiteter Vermarktung ist, wurde er doch lauthals als Horrorfilm angepriesen und konnte so nur bei weiten Teilen des Publikums scheitern, denn Shults zielt weit weniger auf den offensichtlich oberflächlichen Schrecken, sondern interessiert sich viel mehr für das Grauen, welches von innen kommt und in uns allen schlummert. Beinahe schon Kammerspiel-artig entfaltet It Comes at Night eine bedrückende Mischung aus Paranoia, Misstrauen, Zwietracht und Angst und Shults bedient sich hier für einer streng reduzierten Art der Inszenierung. In ruhigen und klaren Bildern schildert er nach und nach den Zusammenbruch eines ohnehin schon äußerst fragilen sozialen Gefüges, welches zwar notdürftig funktioniert, aber immer auf der Kippe steht. Gemeinsame Rituale sind letztlich auch kaum mehr als der verzweifelte Versuch den letzten Rest an Normalität und damit auch Menschlichkeit zu bewahren, doch die allgegenwärtige Bedrohung lässt sich nicht dauerhaft ausblenden und so sickern immer wieder Misstrauen und Zwietracht durch die Risse vermeintlicher Harmonie.

 

Auf der inszenatorischen Ebene ist It Comes at Night ruhig gehalten, aber durchaus hübsch verdichtet und packend. Shults geht hier sehr zielstrebig und fokussiert zur Sache und offenbart ein erstaunliches Selbstbewusstsein. Stetig zieht er die Spannungskurve an, erlaubt sich keinen Leerlauf und lässt alle Konflikte in einem konsequent gegen erzählerische Konventionen gebürsteten und erschütternden Finale den annähernd perfekten Schlusspunkt finden. It Comes at Night ist ganz bewusst kein Horrorfilm voller oberflächlicher Schockmomente, sondern eher eine zwar leise, geradezu intime, aber dennoch enorm spannende Auseinandersetzung mit Paranoia und Angst und spielt mit zutiefst menschlichen Urängsten.

 

7,5 von 10 Feuerbestattungen im Wald

 

 

Hold the Dark (2018)

30. September 2018 at 16:46

 

 

© Netflix/Quelle:IMDb

 

 

The natural order doesn´t warrant revenge.“

 

 

 

Der Buchautor und Wolfexperte Russell Core wird von der jungen Mutter Medora Sloane per Brief um Hilfe gebeten, weil ein Wolf ihren kleinen Sohn Bailey getötet hat. Medora will Rache und Core soll das Tier ausfindig machen. Also begibt er sich auf den weiten Weg ins nördlichste Alaska und auf die Suche nach besagtem Wolf, doch schon bald findet er Anzeichen dafür, dass das Tier möglicherweise gar nicht verantwortlich ist. Doch bevor er diese Erkenntnis teilen kann, überschlagen sich die Ereignisse.

 

Regisseur Jeremy Saulnier ist mit seinen Filmen Blue Ruin und Green Room längst zu einem der größten Hoffnungsträger des amerikanischen Genre-Kinos avanciert und auch sein neuestes Werk Hold the Dark weiß sich hervorragend in seinen bisherigen Output einzufügen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von William Giraldi bereitet uns das entschlackte Drehbuch von Macon Blair einen faszinierenden wie gleichermaßen schrecklichen Weg in die Dunkelheit. Erneut bleibt Saulnier seinem Hang zur filmischen Kompromisslosigkeit treu und erzählt eine düstere wie atmosphärisch sehr dichte Geschichte in bedächtigem Tempo, die manchmal in geradezu rätselhafte Gefilde abgleitet und immer wieder von blutigen Gewaltspitzen aufgebrochen wird. Hold the Dark sieht sich auch nicht als Survival-Drama/Thriller oder gar als Tier-Horror, schreibt sich lieber ganz andere Themen auf die Agenda und erforscht stattdessen die finsteren Untiefen und Abgründe menschlicher Existenz.

 

Keelut – dieser Ort abseits der Zivilisation funktioniert nach seinen ganz eigenen Regeln und Gesetzen und seine Bewohner haben nichts übrig für den Staat und dessen Wertesystem, wenn sie viel eher allein die Gesetzmäßigkeiten der Natur um sie herum befolgen und außerhalb der Gesellschaft existieren. Um ein Bild dieser archaischen Welt zu zeichnen, dafür braucht Saulnier nur wenig Worte und kaum Dialog, denn was Giraldi in seinem Roman auf eben jene Weise transportiert, das presst er lieber in die kalten Bilder von kargen Schneelandschaften und improvisierten Hütten, in Blicke, Gesten und Gesichtsausdrücke. Sperrig gestaltet sich das zuweilen und Saulnier macht es dem Zuschauer nicht gerade leicht, wenn er ihn mit dem Geschehen vollkommen allein lässt und eben keine Antworten liefert auf Fragen, die jeder für sich selbst beantworten muss. Er lässt uns allein zurück in dunkler Kälte statt uns in trügerischer Sicherheit an die Hand zu nehmen. In seinen besten Momenten ist Hold the Dark Genre-Kino irgendwo zwischen Exploitation und überhöhtem Mystizismus, oft an der Grenze zum existenziellen Bösen kratzend und in unvorstellbare Abgründe blickend. Was der Zuschauer letztlich daraus für sich zu ziehen vermag, das bleibt allein ihm selbst überlassen. Hold the Dark ist vielleicht nicht das stimmigste Werk im Schaffen von Saulnier, aber dennoch durch und durch geprägt von dessen feinen Gespür für Stimmungen und Atmosphäre.

 

7 von 10 mal Wolfsgeheul in bitter kalter Nacht