Too Old to Die Young (2019)

20. Juni 2019 at 12:49

 

 

© Amazon Studios/Quelle: IMDb

 

 

Der junge Cop Martin gerät in einen Strudel aus Gewalt, Sex und Verbrechen, wenn er sich mit jamaikanischen Gangstern einlässt und ein mexikanisches Kartell gegen sich aufbringt.

 

Vielmehr lässt sich zur Handlung auch kaum sagen. Nicolas Winding Refn spaltet ja ohnehin schon die Gemüter und seine Serie Too Old to Die Young wird daran wohl kaum etwas ändern, sondern den Istzustand allenfalls weiter zementieren. NWR hat eine bestimmte künstlerische Vision und der wird alles andere gnadenlos untergeordnet. Handlungsorientiertes Erzählen interessiert ihn eher wenig bis gar nicht, und so könnte man den Plot von Too Old to Die Young wirklich mühelos in sechs bis acht Episoden mit herkömmlicher Laufzeit abhandeln. Sein Fokus liegt überwiegend auf der unglaublich sorgfältig und enorm präzise komponierten Bildgestaltung, bei der wirklich gar nichts dem Zufall überlassen ist. Nicht selten scheint die statische Kamera geradezu still zu stehen, Bilder beinahe einzufrieren, wenn die Zeit gedehnt wird und das erzählerische Tempo oft fast zum Erliegen kommt. Das alles ist von solch unglaublich visuell ästhetischer Brillanz, dass ich mir nahezu jedes Bild, jede Einstellung liebend gern an die Wand hängen würde. Dazu ergänzt und verstärkt der treibende und pulsierende, flächig sphärische Electro-Score aus der Feder von Cliff Martinez (natürlich – wer auch sonst!) in Kombination mit einem grandiosen Sounddesign die soghaft hypnotische Wirkung der Bilder nur noch weiter, in denen man sich regelrecht verlieren kann.

 

Auch liefert Too Old to Die Young so manche grotesk bizarre Szene, eine krude Theater-Performance etwa, oder die coolste uncoole Autoverfolgungsjagd, die ich mir nur vorstellen kann, die mich manchmal in ihrer Absurdität an Twin Peaks denken ließen, wo einige Momente eine ähnliche Wirkung auf mich erzeugen konnten. Viele werden das alles wohl langweilig oder gar selbstverliebt nennen, ich nenne es selbstbewusst: NWR weiß ganz genau, was er will, und setzt das ohne Rücksicht auf wie auch immer geartete Befindlichkeiten von außen zielstrebig durch. Wer seine bisherigen Arbeiten mag und seinem extravaganten Stil etwas abgewinnen kann, der bekommt mit Too Old to Die Young sein ganzes Fetischkino geboten, quasi NWR in XXL, rund 900 Minuten in zehn Episoden, mit all seinen Stilmitteln und Motiven von Augen oder deren Fehlen über Mummy/Daddy-Issues und ödipalen Komplexen, ambivalenter Sexualität, explosiver Gewalt bis hin zu seinem merkwürdigen Hang zum übernatürlich spirituell Mythischen und den tiefen Abgründen hinter der verlogenen Fassade, eingefasst in kaltem Neonlicht und sphärischen Klängen. Wer das alles nicht mag, für den könnte Too Old to Die Young zur absoluten Geduldsprobe werden. Ich jedenfalls liebe es.

 

10 von 10 Massenhinrichtungen in der Wüste

 

 

Only the Brave (No Way Out, 2017)

19. April 2019 at 16:04

 

 

© Colombia Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

It’s not easy sharing your man with a fire.“

 

 

 

Der erfahrene Feuerwehrmann Eric Marsh lebt für seine Arbeit und setzt alles daran, sein Team zu Hotshots auszubilden. Diese Eliteeinheiten arbeiten bei Waldbränden an aller vorderster Front im Kampf gegen das Feuer und riskieren mehrfach ihre Leben. Als sich schließlich all das harte Training auszahlt und die Männer das begehrte Zertifikat erhalten, ist die Freude zunächst groß. Doch dann rücken Marsh und seine Männer Ende Juni 2013 zu einem Brand auf Yarnell Hill aus, der letztlich ungeahnte Ausmaße annehmen wird.

 

Nachdem Regisseur Joseph Kosinski zuvor mit Tron: Legacy (2010) und Oblivion (2013) zwei Science-Fiction-Filme gedreht hat, nimmt er sich nun einer wahren Begebenheit an, wenn er das Yarnell Hill Fire in den Fokus rückt, welches im Sommer 2013 neunzehn Feuerwehrmänner das Leben kostete. Was eigentlich der ideale Aufhänger für einen actiongeladenen Katastrophenfilm abgegeben könnte, das schlachtet Kosinski gar nicht so sehr aus, wie man vielleicht vermuten würde, und setzt statt auf Spektakel viel lieber auf seine Figuren und findet gerade in den ruhigen Momenten zu seiner wahren Stärke.

 

Only the Brave nimmt sich Zeit, lässt sich auf seine Figuren ein und interessiert sich spürbar mehr für deren Leben als für das Feuer, welches sie beendet hat. Sicherlich erzählt der Film von Heldentum, bleibt dabei aber angenehm bodenständig und bietet viel aufrichtiges Drama statt überspitztem Kitsch. Hier werden dem Zuschauer nicht stumpf unangenehme Heldenverehrung und klebriger Pathos aufgezwungen, sondern mit viel Sinn für Authentizität und Feingefühl die Menschen unter der Uniform gezeichnet. Diese erzählerische Zurückhaltung macht Only the Brave zu einem sehenswerten, manchmal gar bildgewaltigen Drama, und einem interessanten wie spannendem Gegenentwurf zu vielen anderen modernen Werken ähnlicher Art etwa aus dem Hause Bay oder Berg.

 

7 von 10 Mal hundert Liegestütze machen müssen