Wenn der Kinobesuch zur Qual wird

3. April 2017 at 19:14

 

 

 

Es ist mal an der Zeit, sich ein oder zwei Dinge von der Seele zu reden. Mittlerweile hasse ich Kino. Harter Satz, ich weiß, und vielleicht missverständlich dazu. Nur um das klar zustellen: damit meine ich den Akt des Kinoganges selbst, nicht, wofür es steht, was es bedeutet, oder gar die Filme, die ich so sehr liebe. Aber es widert mich mehr und mehr an, was daraus geworden ist, aus diesem Ort des Staunens und des Eskapismus. Der konkrete Anlass für diese Worte war ein erneuter, katastrophaler und nur schwer zu ertragender Kinobesuch von Logan, der lediglich einer in einer ganzen Kette von überwiegend unerfreulichen Abenden war. Gemeinsam mit einem guten Freund, den ich zuletzt sehr lange nicht gesehen habe, in der samstäglichen Spätvorstellung eines kaum erwähnenswerten Multiplex-Kinos einer eigentlich noch viel weniger erwähnenswerten Kette. Ich versuche schon seit geraumer Zeit derartige Kinos zu meiden, wo ich nur kann, aber manchmal führen bestimmte Gründe eben dazu, dass ein dortiger Besuch unvermeidlich wird. Zu meinem Glück gibt es hier in gut zu erreichender Nähe zwei kleinere Kinos, aber auch dort kann man unter diversen Aspekten ganz viel Pech haben und einige davon gilt es nun in diesem Text kurz aufzuarbeiten.

 

 

1.  Die Preise

Zu Schulzeiten und mit Abstrichen auch noch im Studium war ich annähernd jede Woche zweimal im Kino, denn die günstigen Kinotage Dienstag und Donnerstag machten es möglich. Heute bin ich aufgrund diverser Verpflichtungen sowohl beruflicher wie auch privater Natur schon froh, wenn ich es zehn Mal im Jahr ins Kino schaffe. Das ist dann nämlich sehr viel. Was wiederum meinen Geldbeutel schont. Wie eingangs erwähnt gibt es hier in der Nähe zwei kleinere Kinos, die glücklicherweise stabil niedrige Preise haben, aber wenn es dann aus welchen Gründen auch immer doch ein Besuch in einem Multiplex-Kino wird, dann verdoppeln sich die Preise gern mal. Wenn ich dann mal nach Düsseldorf schaue, weil dort ein sehr guter Freund von mir lebt, dann kann einem an der Ticketkasse schon mal schwindelig werden. Und da sind Anfahrt und Parkgebühren noch nicht mit eingerechnet. Die Frage stellt sich mir eigentlich nicht, aber einen Kinobesuch mit der ganzen Familie an einem Sonntag, vielleicht inklusive Popcorn und Getränke? Mit dem Geld könnte ich einen Besuch auf der Filmbörse bestreiten. Und wenn ich mir dann überlege, dass ich mir für das Geld des Kinotickets vier, fünf Monate später den Film auch auf Bluray kaufen und in Ruhe daheim anschauen kann (was uns dann direkt zu Punkt 2 führen wird)? Da werden die Filme, für die ein Besuch im Kino in Frage kommt, sehr sorgsam ausgewählt.

 

 

2. Andere Menschen

In meiner nun rund 25 Jahre andauernden Kino-Historie habe ich schon so manchen Störenfried erlebt und vielleicht täuscht mich ja meine Wahrnehmung, aber gefühlt sind Verrohung und Respektlosigkeit im Kinosaal neuerdings stark angestiegen. Alle nur erdenklichen Essgeräusche sind ja nun schon sehr lange etabliert, auch wenn ich das Prinzip an sich nie so ganz verstanden habe, wenn ich viel Geld für schlechtes Essen ausgebe und mich dann noch weniger auf den Film konzentrieren kann. Und wer kennt ihn nicht, den Typ Mensch, der einfach alles, was er sieht, lautstark kommentieren muss, weil ja niemand außer ihm all die komplexen Zusammenhänge auf der Leinwand verstehen kann. Oder die Generation Smartphone, deren Existenz sich einfach aufzulösen scheint, wenn sie nicht alle zehn Minuten auf ihr Display starren, sind sie doch der zumindest gefühlte Nabel der Welt und dürfen nichts verpassen. Oder einfach Menschen, die 15 – 20 Euro für eine Kinokarte ausgeben nur um  sich dann zwei Stunden lang zu unterhalten. Über Telefonate im Kino fange ich gar nicht erst an. Oder betrunkene Kinobesucher inklusive Kontrollverlust. Höfliche Nachfragen enden nicht selten persönlich und unter der Gürtellinie. Was stimmt da eigentlich nicht, dass die Menschen nicht mehr dazu in der Lage sind, mal für nur zwei lumpige Stunden die Klappe zu halten und sich wirklich auf etwas einzulassen? Unterhalten kann ich mich daheim, gemütlich auf der Couch, vielleicht bei Pizza und Bier, und das deutlich günstiger als im Kinosaal.

 

 

3. Die Werbung

Ich frage mich mittlerweile allen ernstes, wann der Zeitpunkt erreicht sein wird, an dem der Werbeblock vor dem Film länger sein wird als der Film selbst. Mein diesbezügliches Highlight durfte ich beim Kinobesuch von Rogue One: A Star Wars Story erleben. Natürlich ein Multiplex-Kino, natürlich überteuert und mit zweifelhaften Preisaufschlägen (empfinde nur ich die Grenzen für Überlängen als ausgesprochen willkürlich?) versehen, musste ich geschlagene 45 Minuten Werbung überstehen, bevor es endlich losging. Hätte ich den Film nicht so unbedingt sehen wollen und so viel Geld dafür ausgegeben, dann wäre ich vermutlich einfach gegangen. Und dann die Trailer für andere Filme. Ich habe kein Problem mit Trailern und sehe sie sogar gern, vorausgesetzt, ich kann selektieren. Wenn mich etwas nicht interessiert, dann schaue ich auch nicht den Trailer an. Ganz einfach. Im Kino aber werde ich scheinbar willkürlich bombardiert mit generischen Bildern zu Filmen, die sich immer ähnlicher werden, sich zu einem faden Brei vermischen und in meinem Kopf zu einem ausdruckslosen wie austauschbarem Etwas verschwimmen. Und dann die berühmte Eispause vor dem Hauptfilm, die schlichtere Geister gern nutzen, um dumme Bemerkungen über den Eisverkäufer zu machen, die auch beim x-ten Mal einfach nicht lustiger oder gar geistreich werden wollen. Dieser Mensch macht auch nur seinen Job und kann sich sicher angenehmeres Vorstellen, als jeden Abend wer weiß wie oft die gleichen dummen Sprüche hören zu müssen.

 

 

4. Ich schränke mich selbst ein

Im Zeitalter von Netflix und Co. habe ich einen deutlich größeren Zugriff auf Inhalte, die mich interessieren. Früher gab es das Kino, später die Videothek, heute habe ich viel mehr Möglichkeiten, mir einen schönen Abend zu gestalten. Daheim auf der Couch, was ich will, wie ich will, wann ich will. Streamingdiensten und einer umfangreichen, recht abwechslungsreichen und vor allem stetig wachsenden Filmsammlung sei Dank. Meine diversen Watchlisten abzuarbeiten würde wohl vier Wochen Urlaub beanspruchen und es wird eher mehr als weniger, was sich dort anhäuft. Warum also sollte ich Zeit damit verbringen, den Weg ins Kino auf mich zu nehmen, nur um mich dort dann mit den immer gleichen Nervensägen herum zu ärgern und all die Werbung für Dinge, die mich ohnehin nicht interessieren, über mich ergehen zu lassen? Wenn doch allein mein Netflix-Abo weniger kostet als ein Kinoticket? Zudem dauert es inzwischen kein halbes Jahr mehr, bis ein Film in die Phase der Zweitverwertung eintritt und ich ihn für oftmals weniger Geld auch kaufen kann. Glück oder Pech kann ich daheim mit einem Blindkauf ebenso wie im Kino haben.

 

 

 

5. Und nun?

Bevor das alles falsch verstanden wird, als bittere Tirade eines in die Jahre gekommenen Kulturpessimisten, muss ich nach wie vor festhalten: ICH LIEBE KINO! Nur die Umstände, mit denen es sich wohl oder übel zu arrangieren gilt, das ganze Drumherum, das wird mir mehr und mehr zuwider und führt dazu, dass ich mir dreimal überlege, ob ich einen Film wirklich so dringend sehen will. Und der Rahmen will geplant sein: kleines Kino, gerne spät, wenn möglich, dann in 2D und nicht in 3D. Für mich als Brillenträger gleich ein doppeltes Ärgernis, muss ich doch eine schlecht sitzende 3D-Brille über meiner eigentlichen Brille tragen, den Film dunkler und verschwommener sehen als in 2D und zu allem Überfluß hat dieses leidliche Gimmick noch keinen Film ernsthaft aufgewertet. Insgesamt sind meine Kinobesuche aus all diesen Gründen deutlich weniger geworden, auch wenn dieses Jahr überproportional viel Filme laufen, die ich auch gern auf der großen Leinwand sehen würde. Und so mancher davon wurde mir schon verleidet. Dennoch werde ich den Kinobesuch nicht aufgeben, denn er bedeutet für mich auch, einen Film zu zelebrieren und mich dem Eskapismus hinzugeben. Wenn man mich denn lässt. Auch wenn mich das scheinbar zu einer aussterbenden Art macht.

 

 

 

Der deutsche Genrefilm oder Trivialkultur vs. Hochkultur – eine unnötige Differenzierung

12. Februar 2017 at 15:31

 

 

 

Der deutsche Film taugt nichts. Der deutsche Film ist langweilig. Deutsche Filme schaue ich aus Prinzip nicht. Der deutsche Film schmort nur im eigenen Saft. Der deutsche Film lässt keine neuen Einflüsse mehr zu und zeigt weder den Willen, noch den Mut zur Entwicklung. Der deutsche Film besteht nur aus Tatort, Til Schweiger und Fack Ju Göhte, aus seichter Romantik, hohlem Witz und verbissen umgesetzten Stoffen der ureigenen Historie, Spießertum und Vorabendserie. Bis vor gar nicht so langer Zeit dachte ich in ähnlichen Bahnen, aber gerade im letzten Jahr begann sich diesbezüglich meine Wahrnehmung ein wenig zu verändern. Plötzlich waren da Filme wie Victoria von Sebastian Schipper, Der Nachtmahr von Achim Bornhak – vielleicht eher bekannt unter seinem Künstlernamen Akiz – oder Der Bunker von Nikias Chryssos, die neue Wege aufzeigen, ein junges, wildes, unverbrauchtes deutsches Kino, welches unter Beweis stellt, dass es sie sehr wohl gibt dort draußen, die kreativen Filmemacher voller Ideen, dass sie aber auch kaum bis gar nicht die Möglichkeiten haben, ihre Ideen auszuarbeiten, umzusetzen und zu verwirklichen. Leute wie Adolfo Kolmerer, Krystof Zlatnik, Felix Koch oder Dennis Gansel sind leise auf dem Vormarsch und zeigen: Es gibt ihn, den deutschen Genrefilm, aber er fristet ein trauriges Nischendasein ohne ernstzunehmende Plattform, ohne nennenswerte Unterstützung und ohne zugkräftige Förderer. Die Ideen und die Leidenschaft der Filmschaffenden gibt es zwar, aber sie können sich kaum Gehör verschaffen, geschweige denn Projekte realisieren. Der Drang und Hunger nach mehr als nur Melodram, Krimi oder romantische Komödie ist also zweifellos vorhanden, aber Science Fiction, Horror, Fantasy, Action und  Themenbereiche wie Zeitreisen, Blut und Gewalt, Monster oder Raumschiffe genießen in der deutschen Filmlandschaft einfach keinen besonderen Stellenwert oder stoßen gar auf unverhohlene Ablehnung. Im Ausland ist oftmals der Genrefilm, also im Sinne des Unterhaltungsfilms, tonangebend und der Kunstfilm muss sich daran ausrichten und um seine Berechtigung kämpfen, nur in Deutschland ist das anders. Warum eigentlich?

 

Das verlangt der Markt nicht und was der Markt nicht verlangt, damit verdienen wir kein Geld, argumentiert die Industrie. Aber dass dieses Thema nicht ganz so einfach ist, dass soll dieser Text ein wenig versuchen aufzudröseln. Die strukturellen Probleme beginnen schon ganz am Anfang, im Kleinen, nämlich in den Vorlesungen und Seminaren der Filmhochschulen. Natürlich lehren und lernen dort fähige wie talentierte Leute, das steht außer Frage. Aber stilistisch ist man dort relativ altmodisch orientiert und ebenso wie die deutsche Filmkultur an sich nur sehr bedingt experimentierfreudig, was letztlich auch Sinn ergibt, wenn auch dort nur die Dramen, Komödien und historischen Stoffe im Vordergrund stehen. Im Umkehrschluss zu eben: was der Markt verlangt, damit verdienen wir Geld, und womit wir Geld verdienen – was also etabliert ist und erwiesenermaßen funktioniert – das fördern wir auch bereitwillig. Inklusive Scheuklappen und herzlich wenig Blicke nach rechts oder links oder gar über den Tellerrand hinaus. So kompetent die Dozenten auch sein mögen, oftmals mangelt es ihnen schon am Verständnis dafür, wie grundlegend Spannung in einem Film erzeugt werden kann, weil sie sich viel zu selten damit haben befassen müssen. Zudem lassen an den Filmhochschulen die meist doch stark verfestigten Strukturen generell kaum zu, dass Einflüsse von außen in die inneren Kreise vordringen könnten. Insofern dreht man sich dann schnell im Kreis und produziert nur immer und immer wieder die gleichen oder sehr ähnliche Inhalte, Ideen und Methoden verbreiten sich gewissermaßen beinahe inzestuös. Bereits hier, quasi an der Wurzel der Elite, sollte angesetzt und festgefahrene Strukturen aufgebrochen werden, um einfach neue Einflüsse von außen, eben auch aus anderen Bereichen, aus Horror, Thriller, Science Fiction, Fantasy oder was auch immer, zulassen zu können. Zu Beginn dieser augenscheinlich nur schwer zu durchdringenden Kette steht also die Industrie mit dem Ziel, den Markt zu bedienen, und an ihrem Ende stehen reihenweise junge Filmhochschul-Absolventen, mit den Werkzeugen ausgestattet, den Markt zwar zu erweitern, aber nicht immer auch zu bereichern.

 

Zudem ist das deutsche Publikum quasi seit Jahrzehnten darauf konditioniert, dass der Genrefilm in Deutschland nicht funktioniert und allenfalls müde belächelt wird, aber keinesfalls ernstgenommen. Zu sehr sitzt immer noch die Trennung von Anspruch und Unterhaltung in den Köpfen fest, zu sehr pocht die deutsche Filmlandschaft ebenso wie ihr Publikum immer noch auf die ganz klare Unterscheidung zwischen Trivial – und Hochkultur. Was letzten Endes Quatsch ist, denn Unterhaltung und Anspruch müssen sich doch nicht immer zwangsläufig widersprechen und sich gegenseitig ausschließen, aber man gefällt sich in Deutschland doch sehr in seinem kulturell elitären Anspruchsdenken. Der deutsche Film besticht leider immer noch sehr stark durch seine realistische Art, fernab jeglicher Fantasie und filmischer Überhöhung, und Begriffe wie realistisch werden immer noch viel zu oft mit Begriffen wie anspruchsvoll verwechselt. In Deutschland wird Film meist nur noch verwaltet und nach engen, stark abgesteckten Regeln produziert. Filmkultur ist eigentlich ein von unzähligen individuellen künstlerischen Leistungen bestimmter Prozess, in dem eben gerade nicht über Verordnungen, Satzungen, Paragrafen und politischen wie religiösen Übereinkünften Filme entstehen, sondern vielmehr über den Wunsch sich auszudrücken, dem Sprengen von Grenzen und künstlerischer Reflektion. So gesehen Leben wir in einem Land ohne eigene Filmkultur und mit einem seltsamen Mangel an einer eigenen filmischen Identität, einer Art Geschmacksinstanz. Selbst ein international gefeierter und viel bepreister Genrefilme wie zuletzt beispielsweise Der Nachtmahr wurde in Deutschland erst dann entsprechend wahrgenommen und gewürdigt, nachdem das Ausland sein Lob ausgesprochen und Preise verliehen hatte. Da mangelt es ganz offensichtlich an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und an die jungen, wilden Filmemacher da draußen, die Genrefilm machen wollen und können und geradezu darauf warten, gefördert zu werden. Natürlich können wir mit Hollywood und seinen riesigen Budgets nicht mithalten, aber das können die Briten, die Franzosen, die Spanier oder die Skandinavier auch nicht, was sie trotzdem nicht davon abhält, spannendes und unterhaltsames Genrekino abzuliefern und voranzutreiben.

 

Aber nach und nach entsteht eine Szene, die mehr und mehr zusammen wächst, die Netzwerke und Plattformen bildet und Programme zur Förderung junger deutscher Regisseure auf die Beine stellt. Und ein ganz wunderbares Ergebnis eben solcher Netzwerke ist die Genrenale, ein kleines Festival rund um den deutschen Genrefilm, welches dieser Tage nun schon sein fünftes Jahr hinter sich haben wird und immer weiter wächst und größer wird. Jedes Jahr parallel zur Berlinale von Paul Andexel und Krystof Zlatnik veranstaltet, versteht sich die Genrenale keineswegs als Gegenbewegung zu Deutschlands größtem und etabliertestem Filmfestival. Im Gegenteil, den Machern geht es vielmehr um Diversität, um Vielfalt und stilistische Ausweitung statt um Abgrenzung und vor allem um die Erweiterung des filmischen Horizonts. Die Genrenale versteht sich als aktiver Teil einer langsam aufkeimenden Bewegung, die Filme marktorientierter, publikumsorientierter und mit möglichst großer kreativer und inszenatorischer Freiheit möglich machen will. Die die Wahrnehmung beim Publikum für solche Filme aus Deutschland steigern will, denn der deutsche Film hat den Kampf um das Publikum bereits vor Jahrzehnten aufgegeben. Das Ziel ist, dem Publikum den Unterhaltungsfilm wieder nahe und auf die große Leinwand zu bringen und in kreativen Austausch zu treten. Filme, für die man ins Kino gehen will, und eben nicht Filme für Kulturhistoriker und Analysten. Es wird vermutlich keinen sofortigen Effekt haben, aber Nährboden ist da, wird mehr und mehr beackert und die Saat beginnt, langsam aufzugehen. Und wer weiß, vielleicht wird sich die deutsche Filmlandschaft in den kommenden Jahrzehnten nach und nach verändern. Zu wünschen wäre es ihr wie uns.

 

 

Das große Videothekensterben oder ein Gefühl, das schleichend verloren ging

13. Dezember 2016 at 22:07

 

 

Eigentlich gibt es keinen konkreten Anlass für diese Worte, eher nur ein sehr vages Gefühl. Ein Vermissen, das sich sehr schleichend begann zu manifestieren. Ich will auf keinen Fall in die üblichen Parolen abgleiten, die der durchschnittlich frustrierte Kulturpessimist nur allzu gern absondert, aber mir ist in den letzten Jahren etwas Stück für Stück verloren gegangen. Ich bin nur bedingt ein Kind der 80er, obwohl 1980 geboren. Aber ohne einen vierzehn Jahre älteren Bruder, der mir sehr früh Dinge zugänglich machte, die ich sonst nie hätte erfahren können, hätten wohl eher die 90er mein bewusstes Erleben geprägt. So aber kam ich schon früh in den Genuss von so ziemlich allem, was die 80er filmisch so hergaben. Sicher überforderte mich das meiste, auch wirklich verstehen konnte ich wohl nur das wenigste, aber es faszinierte mich. Diese Magie hinter Filmen, die war mir vielleicht kein Begriff, aber spüren konnte ich sie zweifellos. Es war immer ein Highlight, wenn mein Bruder freitags oder samstags die Videothek aufsuchte und mitbrachte, was immer gerade auch neu war oder aus meist sehr offensichtlichen Gründen ins Auge stach. Vollkommen egal, was er war, es wurde immer zelebriert. Es konnten die obskursten Sachen sein, es spielte keine Rolle. Eskapismus in Reinkultur. Das war eine prägende Phase für mich. Und die damalige Videothekenkultur war da sicherlich von großer Bedeutung, auch weil das Informationszeitalter ein völlig anderes war. Heute ist beinahe jede Info über annähernd jeden Film quasi per Mausklick verfügbar und zwei Mausklicks später ist der Film online geordert oder per Stream sofort ansehbar. Und das ist toll, keine Frage, es macht das Leben eines Sammlers wie ich es bin einfacher. Aber auch weniger abenteuerlich. In meiner Jugend bedurfte es manchmal eines gewissen Aufwandes, an einen Film von Interesse zu kommen. Filme konnten und durften noch ein Mysterium sein. Manchmal wurden VHS-Kasetten auf Schulhöfen getauscht und ein Raunen ging durch die Reihen: hast du von Film XY schon gehört? Der soll doch so abgefahren sein? Dann wurde er heimlich zu Hause angesehen. Oder man ging in die Videothek, ließ sich ein wenig treiben und ergatterte mit Glück einen Film, der einem nichts sagte, dessen Cover oder Klappentext aber vielleicht interessant genug klang, um mitgenommen zu werden. Spannend war das, wenn man seinen vermeintlichen Schatz nach Hause trug, um ihn sofort anzusehen und keinen Schimmer hatte, was einen erwarten würde. Zunächst wurde auch nicht in gut oder schlecht unterteilt, man schaute einfach so ziemlich alles, was man irgendwie ergattern und in die Finger bekommen konnte. Dieses spannende Überraschungsmoment fehlt mir heute ein wenig. Es war schön, mal nicht alles sofort oder innerhalb von Sekunden und Minuten über einen Film zu wissen. Natürlich habe ich mir einen Teil dieses heutigen Wissens über die Jahre angeeignet, aber es ist heute eben auch permanent und rund um die Uhr per Knopfdruck verfüg- und abrufbar. Videotheken werden immer weniger, sie sterben langsam aber sicher aus. Und ja, ich profitiere auch davon, wenn der Leichnam gefleddert wird und mir der Räumungsverkauf dutzende Filme zu absurd niedrigen Preisen in die Arme treibt. Heute ist das alles permanent für jeden verfügbar und das ist schön. Aber die Kehrseite der Medaille: der ideelle Wert eines Filmes verliert zunehmend an Bedeutung. Sicher ist das nicht der Untergang des Abendlandes und Gott weiß, wieviele Filme, die ich inzwischen wertschätze, ich vielleicht nie durch Zugang zum Internet kennengelernt hätte, aber manchmal, hin und wieder, da vermisse ich es, einfach in eine Videothek zu gehen und einen Film auszuleihen, vom dem ich wirklich gar nichts weiß.

 

 

Die digitale Revolution oder: Lösen moderne Serienformate das Kino ab?

25. November 2015 at 14:35

 

 

 

Probieren wir doch einmal etwas neues aus, es müssen ja nicht immer nur Rezensionen zu Filmen sein, kann man sich doch den verschiedensten Themen auf unterschiedlichste Weise nähern. Heute möchte ich mal ein Phänomen etwas näher betrachten, dass schon seit geraumer Zeit, erst schleichend, inzwischen doch eindeutig offensiv, alltägliche Lebensumstände zu ändern beginnt. Die digitale Revolution der Fernseh – und Serienwelt, angeführt von amerikanischen Kabelsendern wie HBO und Streamingdiensten wie Netflix, nur um mal zwei Giganten des Business zu nennen. Binge watching klingt schon längst nicht mehr nach bizarrer Sexpraktik oder neumodischer Essstörung und ist inzwischen in Millionen von Haushalten Alltag. Dank moderner Technologie sind wir befreit vom engen Korsett der hiesigen Fernsehlandschaft, wir können jetzt schauen was wir wollen, wann wir wollen, wie wir wollen, wo wir wollen. Keine Gängelung und Bevormundung mehr durch Fernsehsender, die ohnehin meist nur Inhalte produzieren, die niemand wirklich sehen möchte. Im Zeitalter von Netflix und Co. lassen sich Serien so viel einfacher in unseren schnelllebigen Alltag integrieren, hier mal eine Folge Breaking Bad, dort mal eine Folge Sons of Anarchy, vielleicht eine Folge The Walking Dead in der Mittagspause oder gleich ganze Staffeln am Stück, alles kein Problem mehr. Ich für meinen Teil sehe schon lange so gut wie kein normales Fernsehen mehr, wozu auch, es gibt unzählige Alternativen zu all dem Stumpfsinn, und ganz ehrlich? Man gewinnt an Lebensqualität. Nun aber zur eigentlichen Frage: ist diese digitale Revolution die Zukunft oder nur ein Strohfeuer? Etabliert ist sie ja inzwischen, aber wird sie wirklich endgültig alte Gewohnheiten ablösen, vielleicht sogar langfristig das Kino ablösen? Oder wird beides in friedlicher Koexistenz unsere Möglichkeiten erweitern? Vielleicht können beide ja sogar von einander profitieren?

 

Der Markt ist groß, scheint täglich größer zu werden und die Gunst des Zuschauers wird hart umkämpft. Da ist HBO, amerikanischer Kabelsender-Gigant und mit am längsten im Geschäft der hochwertig produzierten Fernsehserien, dessen Portfolio Schwergewichte wie The Sopranos, The Wire, Six Feet Under, Game of Thrones, Boardwalk Empire und True Detective aufzuweisen hat. Daneben tummeln sich weitere Sender wie Fx Network mit American Horror Story, Fargo, Sons of Anarchy oder Justified, AMC mit Mad Men, Breaking Bad, The Walking Dead und dessen Ableger Fear the Walking Dead oder Showtime mit Homeland, Ray Donovan, Dexter, Penny Dreadful oder Californication. Zum ärgsten Konkurrenten jedoch entwickelte sich in den letzten Jahren der Streamingdienst Netflix mit seinen zahlreichen und meist hochwertigen Produktionen wie dem Zugpferd House of Cards, Orange is the New Black, Sense8 oder Narcos. Neuerdings unterfüttert Netflix fleißig das MCU (Marvel Cinematic Universe) mit Ablegern wie zuletzt Daredevil, aktuell Jessica Jones und in Zukunft Luke Cage und Iron Fist, die dann alle vier im Crossover The Defenders kulminieren werden. Daredevil und Jessica Jones zeichnen sich durch einen düsteren, urbanen Realismus aus, der einen angenehmen Kontrast zur sonst vergleichsweise doch eher grellbunten Marvelwelt darstellt. Nicht umsonst wurde für die zweite Staffel Daredevil kürzlich der Punisher offiziell bestätigt, eine Figur aus dem Marveluniversum, die ambivalenter und düsterer kaum sein könnte. Dazu gesellen sich die oben bereits erwähnten Eigenproduktionen ergänzt um zu Serien umfunktionierte Filme wie Scream oder From Dusk Till Dawn (übrigens ein Phänomen, dem ich mich bei Gelegenheit auch noch widmen möchte, der Trend aus bestehenden Filmen Serien zu produzieren) und zahlreichen starken Lizenzen, die eingekauft wurden. Die größte Neuerung jedoch ist Beasts of No Nation, der erste von Netflix produzierte Spielfilm, mit dem jetzt nach dem Fernsehen auch das Kino ins Visier genommen werden soll. Der Konzernriese Amazon hat den Streamingtrend zwar ein wenig verschlafen, rüstet im Moment aber ganz stark auf, um nicht den Anschluss zu verlieren, und stürzt sich mit zahlreichen Eigenproduktionen wie Bosch, Transparent, Hand of God und The Man in the High Castle ins Getümmel. Entscheidend dort ist die gelungene Interaktion mit den Usern, denn Amazon erstellt aktuell immer eine handvoll Pilotfolgen für potentielle Serien, stellt diese zur Verfügung und lässt den Kunden dann abstimmen, welche davon schließlich produziert werden soll. Ein guter Zug in puncto Kundenbindung. Sogar die britische BBC hat Hochkaräter wie Sherlock, Luther oder Ripper Street im Programm, die Franzosen von Canal+ die düstere und harte Polizeiserie Braquo, nur wir in Deutschland machen in dem Bereich kaum Fortschritte. Auch ein schwerwiegender Grund dafür, warum die traditionelle Fernsehlanschaft hier zu Lande immer mehr an Boden verliert. Kein Wunder, wenn man immerzu am Publikum vorbei produziert.

 

Zur Zeit lässt sich eine gewisse, leicht kulturpessimistische These beobachten, die davon ausgeht, das Format der Serie im heutigen Gewand wäre das neue Kino. Dass das so nicht stimmt, das sehen wir noch im Verlauf dieses Textes. Zunächst einmal muss man feststellen, dass das Phänomen Serie so, wie wir es heute wahrnehmen, gar nicht so neu ist wie manch einer vielleicht denken könnte, denn bereits 1999 gab HBO mit der grandiosen Mafiaserie The Sopranos den Startschuss zu dem bis heute andauernden Wetteifern zwischen Fernseh – und Kabelsendern und neuerdings eben auch Streamingdiensten. Dem Gedanken, das Kino würde abgelöst werden, liegt die Annahme zu Grunde, dass der Kinofilm als Erzählform analog zur Kurzgeschichte funktioniert und das Format der Serie im Umkehrschluss analog zum epischen Roman. Tatsache ist, dass das Erfolgsrezept der Serie das literarische Erzählen ist, und bedingt durch die längere Laufzeit haben die Schreiber natürlich ganz andere dramaturgische Möglichkeiten und es lassen sich deutlich größere Handlungsbögen entwerfen als im Medium Film. Aber genau das ist auch der große Unterschied zwischen beiden Kunstformen: bedingt durch die Möglichkeiten und auch durch die unterschiedlichen Arbeitsweisen bei Serien haben die Autoren meist deutlich mehr Einfluss auf tragende Elemente wie Dramaturgie, Entwicklung der Charaktere, Schnitt und sogar Besetzung als die Regisseure, die so vielmehr einfache Erfüllungsgehilfen sind als im Film. Dadurch wird letztlich aber nur das dramaturgische Erzählen kultiviert und weiterentwickelt, wohingegen das Kino Erzählen mit Bildern ist. Das war es schon immer, seit seinem Beginn in den frühen 20er Jahren, das ist es heute und das wird es auch in Zukunft sein. Kino ist Abenteuer, Geschichten in großen Bildern und ein Gesamterlebnis, es gibt eine Sehnsucht danach in uns, die dafür Sorge tragen wird, dass dieses Medium nicht aussterben oder abgelöst werden wird.

 

Aber beide Welten, Kino und Serie, können voneinander lernen. Was passiert, wenn sich die erzählerischen Mechanismen der Serie mit den großen Bildern des Kinos verbinden, das konnte man zuletzt erleben als True Detective auf der Bildfläche erschien. Hier werden beide Welten perfekt miteinander verwoben und führen zu einem wahrlich grandiosen Erlebnis, zehn zusammenhängende Episoden, geschrieben von Nic Pizzolatto als einzigem Autor und gedreht von Cary Fukunaga als einzigem Regisseur. True Detective ist unter anderem auch genau deswegen so spannend, weil die Macher das Erzählen durch Bilder ebenso gekonnt nutzen wie die literarische Dramaturgie, beides existiert gleichberechtigt und geht Hand in Hand. Eine völlig neue Spielart des Fernsehens und möglicherweise ein Konzept mit großer Zukunft, das sicherlich Nachahmer finden wird und beide Welten miteinander versöhnen könnte. Am Ende aber lohnt alles Spekulieren nichts, wir werden sehen, was die Zukunft bringt, aber ich für meinen Teil bin mir ziemlich sicher, dass das Kino nicht abgelöst werden wird. Die Sehgewohnheiten haben sich durch den technischen Fortschritt gewandelt und werden das vermutlich auch weiterhin tun, aber beide Erzählformen werden parallel zueinander friedlich koexistieren, und wenn sie sich gar vermischen und voneinander lernen, dann kann Großartiges entstehen. Das schöne ist: wir Zuschauer profitieren in jedem Fall davon, denn egal, ob True Detective, Breaking Bad, The Walking Dead, True Blood, Vampire Diaries, Orange is the New Black, Downton Abbey, The Wire, Sherlock, Gossip Girl, American Horror Story, Homeland oder Game of Thrones, in der weiten und bunten Welt der Serien ist für beinahe jeden Geschmack etwas dabei und die Vielfalt kann nur größer werden. Konkurrenz belebt das Geschäft. Und ich schaue jetzt mal Sons of Anarchy weiter… 😉