Die digitale Revolution oder: Lösen moderne Serienformate das Kino ab?

25. November 2015 at 14:35

 

 

 

Probieren wir doch einmal etwas neues aus, es müssen ja nicht immer nur Rezensionen zu Filmen sein, kann man sich doch den verschiedensten Themen auf unterschiedlichste Weise nähern. Heute möchte ich mal ein Phänomen etwas näher betrachten, dass schon seit geraumer Zeit, erst schleichend, inzwischen doch eindeutig offensiv, alltägliche Lebensumstände zu ändern beginnt. Die digitale Revolution der Fernseh – und Serienwelt, angeführt von amerikanischen Kabelsendern wie HBO und Streamingdiensten wie Netflix, nur um mal zwei Giganten des Business zu nennen. Binge watching klingt schon längst nicht mehr nach bizarrer Sexpraktik oder neumodischer Essstörung und ist inzwischen in Millionen von Haushalten Alltag. Dank moderner Technologie sind wir befreit vom engen Korsett der hiesigen Fernsehlandschaft, wir können jetzt schauen was wir wollen, wann wir wollen, wie wir wollen, wo wir wollen. Keine Gängelung und Bevormundung mehr durch Fernsehsender, die ohnehin meist nur Inhalte produzieren, die niemand wirklich sehen möchte. Im Zeitalter von Netflix und Co. lassen sich Serien so viel einfacher in unseren schnelllebigen Alltag integrieren, hier mal eine Folge Breaking Bad, dort mal eine Folge Sons of Anarchy, vielleicht eine Folge The Walking Dead in der Mittagspause oder gleich ganze Staffeln am Stück, alles kein Problem mehr. Ich für meinen Teil sehe schon lange so gut wie kein normales Fernsehen mehr, wozu auch, es gibt unzählige Alternativen zu all dem Stumpfsinn, und ganz ehrlich? Man gewinnt an Lebensqualität. Nun aber zur eigentlichen Frage: ist diese digitale Revolution die Zukunft oder nur ein Strohfeuer? Etabliert ist sie ja inzwischen, aber wird sie wirklich endgültig alte Gewohnheiten ablösen, vielleicht sogar langfristig das Kino ablösen? Oder wird beides in friedlicher Koexistenz unsere Möglichkeiten erweitern? Vielleicht können beide ja sogar von einander profitieren?

 

Der Markt ist groß, scheint täglich größer zu werden und die Gunst des Zuschauers wird hart umkämpft. Da ist HBO, amerikanischer Kabelsender-Gigant und mit am längsten im Geschäft der hochwertig produzierten Fernsehserien, dessen Portfolio Schwergewichte wie The Sopranos, The Wire, Six Feet Under, Game of Thrones, Boardwalk Empire und True Detective aufzuweisen hat. Daneben tummeln sich weitere Sender wie Fx Network mit American Horror Story, Fargo, Sons of Anarchy oder Justified, AMC mit Mad Men, Breaking Bad, The Walking Dead und dessen Ableger Fear the Walking Dead oder Showtime mit Homeland, Ray Donovan, Dexter, Penny Dreadful oder Californication. Zum ärgsten Konkurrenten jedoch entwickelte sich in den letzten Jahren der Streamingdienst Netflix mit seinen zahlreichen und meist hochwertigen Produktionen wie dem Zugpferd House of Cards, Orange is the New Black, Sense8 oder Narcos. Neuerdings unterfüttert Netflix fleißig das MCU (Marvel Cinematic Universe) mit Ablegern wie zuletzt Daredevil, aktuell Jessica Jones und in Zukunft Luke Cage und Iron Fist, die dann alle vier im Crossover The Defenders kulminieren werden. Daredevil und Jessica Jones zeichnen sich durch einen düsteren, urbanen Realismus aus, der einen angenehmen Kontrast zur sonst vergleichsweise doch eher grellbunten Marvelwelt darstellt. Nicht umsonst wurde für die zweite Staffel Daredevil kürzlich der Punisher offiziell bestätigt, eine Figur aus dem Marveluniversum, die ambivalenter und düsterer kaum sein könnte. Dazu gesellen sich die oben bereits erwähnten Eigenproduktionen ergänzt um zu Serien umfunktionierte Filme wie Scream oder From Dusk Till Dawn (übrigens ein Phänomen, dem ich mich bei Gelegenheit auch noch widmen möchte, der Trend aus bestehenden Filmen Serien zu produzieren) und zahlreichen starken Lizenzen, die eingekauft wurden. Die größte Neuerung jedoch ist Beasts of No Nation, der erste von Netflix produzierte Spielfilm, mit dem jetzt nach dem Fernsehen auch das Kino ins Visier genommen werden soll. Der Konzernriese Amazon hat den Streamingtrend zwar ein wenig verschlafen, rüstet im Moment aber ganz stark auf, um nicht den Anschluss zu verlieren, und stürzt sich mit zahlreichen Eigenproduktionen wie Bosch, Transparent, Hand of God und The Man in the High Castle ins Getümmel. Entscheidend dort ist die gelungene Interaktion mit den Usern, denn Amazon erstellt aktuell immer eine handvoll Pilotfolgen für potentielle Serien, stellt diese zur Verfügung und lässt den Kunden dann abstimmen, welche davon schließlich produziert werden soll. Ein guter Zug in puncto Kundenbindung. Sogar die britische BBC hat Hochkaräter wie Sherlock, Luther oder Ripper Street im Programm, die Franzosen von Canal+ die düstere und harte Polizeiserie Braquo, nur wir in Deutschland machen in dem Bereich kaum Fortschritte. Auch ein schwerwiegender Grund dafür, warum die traditionelle Fernsehlanschaft hier zu Lande immer mehr an Boden verliert. Kein Wunder, wenn man immerzu am Publikum vorbei produziert.

 

Zur Zeit lässt sich eine gewisse, leicht kulturpessimistische These beobachten, die davon ausgeht, das Format der Serie im heutigen Gewand wäre das neue Kino. Dass das so nicht stimmt, das sehen wir noch im Verlauf dieses Textes. Zunächst einmal muss man feststellen, dass das Phänomen Serie so, wie wir es heute wahrnehmen, gar nicht so neu ist wie manch einer vielleicht denken könnte, denn bereits 1999 gab HBO mit der grandiosen Mafiaserie The Sopranos den Startschuss zu dem bis heute andauernden Wetteifern zwischen Fernseh – und Kabelsendern und neuerdings eben auch Streamingdiensten. Dem Gedanken, das Kino würde abgelöst werden, liegt die Annahme zu Grunde, dass der Kinofilm als Erzählform analog zur Kurzgeschichte funktioniert und das Format der Serie im Umkehrschluss analog zum epischen Roman. Tatsache ist, dass das Erfolgsrezept der Serie das literarische Erzählen ist, und bedingt durch die längere Laufzeit haben die Schreiber natürlich ganz andere dramaturgische Möglichkeiten und es lassen sich deutlich größere Handlungsbögen entwerfen als im Medium Film. Aber genau das ist auch der große Unterschied zwischen beiden Kunstformen: bedingt durch die Möglichkeiten und auch durch die unterschiedlichen Arbeitsweisen bei Serien haben die Autoren meist deutlich mehr Einfluss auf tragende Elemente wie Dramaturgie, Entwicklung der Charaktere, Schnitt und sogar Besetzung als die Regisseure, die so vielmehr einfache Erfüllungsgehilfen sind als im Film. Dadurch wird letztlich aber nur das dramaturgische Erzählen kultiviert und weiterentwickelt, wohingegen das Kino Erzählen mit Bildern ist. Das war es schon immer, seit seinem Beginn in den frühen 20er Jahren, das ist es heute und das wird es auch in Zukunft sein. Kino ist Abenteuer, Geschichten in großen Bildern und ein Gesamterlebnis, es gibt eine Sehnsucht danach in uns, die dafür Sorge tragen wird, dass dieses Medium nicht aussterben oder abgelöst werden wird.

 

Aber beide Welten, Kino und Serie, können voneinander lernen. Was passiert, wenn sich die erzählerischen Mechanismen der Serie mit den großen Bildern des Kinos verbinden, das konnte man zuletzt erleben als True Detective auf der Bildfläche erschien. Hier werden beide Welten perfekt miteinander verwoben und führen zu einem wahrlich grandiosen Erlebnis, zehn zusammenhängende Episoden, geschrieben von Nic Pizzolatto als einzigem Autor und gedreht von Cary Fukunaga als einzigem Regisseur. True Detective ist unter anderem auch genau deswegen so spannend, weil die Macher das Erzählen durch Bilder ebenso gekonnt nutzen wie die literarische Dramaturgie, beides existiert gleichberechtigt und geht Hand in Hand. Eine völlig neue Spielart des Fernsehens und möglicherweise ein Konzept mit großer Zukunft, das sicherlich Nachahmer finden wird und beide Welten miteinander versöhnen könnte. Am Ende aber lohnt alles Spekulieren nichts, wir werden sehen, was die Zukunft bringt, aber ich für meinen Teil bin mir ziemlich sicher, dass das Kino nicht abgelöst werden wird. Die Sehgewohnheiten haben sich durch den technischen Fortschritt gewandelt und werden das vermutlich auch weiterhin tun, aber beide Erzählformen werden parallel zueinander friedlich koexistieren, und wenn sie sich gar vermischen und voneinander lernen, dann kann Großartiges entstehen. Das schöne ist: wir Zuschauer profitieren in jedem Fall davon, denn egal, ob True Detective, Breaking Bad, The Walking Dead, True Blood, Vampire Diaries, Orange is the New Black, Downton Abbey, The Wire, Sherlock, Gossip Girl, American Horror Story, Homeland oder Game of Thrones, in der weiten und bunten Welt der Serien ist für beinahe jeden Geschmack etwas dabei und die Vielfalt kann nur größer werden. Konkurrenz belebt das Geschäft. Und ich schaue jetzt mal Sons of Anarchy weiter… 😉