Das große Videothekensterben oder ein Gefühl, das schleichend verloren ging

13. Dezember 2016 at 22:07

 

 

Eigentlich gibt es keinen konkreten Anlass für diese Worte, eher nur ein sehr vages Gefühl. Ein Vermissen, das sich sehr schleichend begann zu manifestieren. Ich will auf keinen Fall in die üblichen Parolen abgleiten, die der durchschnittlich frustrierte Kulturpessimist nur allzu gern absondert, aber mir ist in den letzten Jahren etwas Stück für Stück verloren gegangen. Ich bin nur bedingt ein Kind der 80er, obwohl 1980 geboren. Aber ohne einen vierzehn Jahre älteren Bruder, der mir sehr früh Dinge zugänglich machte, die ich sonst nie hätte erfahren können, hätten wohl eher die 90er mein bewusstes Erleben geprägt. So aber kam ich schon früh in den Genuss von so ziemlich allem, was die 80er filmisch so hergaben. Sicher überforderte mich das meiste, auch wirklich verstehen konnte ich wohl nur das wenigste, aber es faszinierte mich. Diese Magie hinter Filmen, die war mir vielleicht kein Begriff, aber spüren konnte ich sie zweifellos. Es war immer ein Highlight, wenn mein Bruder freitags oder samstags die Videothek aufsuchte und mitbrachte, was immer gerade auch neu war oder aus meist sehr offensichtlichen Gründen ins Auge stach. Vollkommen egal, was er war, es wurde immer zelebriert. Es konnten die obskursten Sachen sein, es spielte keine Rolle. Eskapismus in Reinkultur. Das war eine prägende Phase für mich. Und die damalige Videothekenkultur war da sicherlich von großer Bedeutung, auch weil das Informationszeitalter ein völlig anderes war. Heute ist beinahe jede Info über annähernd jeden Film quasi per Mausklick verfügbar und zwei Mausklicks später ist der Film online geordert oder per Stream sofort ansehbar. Und das ist toll, keine Frage, es macht das Leben eines Sammlers wie ich es bin einfacher. Aber auch weniger abenteuerlich. In meiner Jugend bedurfte es manchmal eines gewissen Aufwandes, an einen Film von Interesse zu kommen. Filme konnten und durften noch ein Mysterium sein. Manchmal wurden VHS-Kasetten auf Schulhöfen getauscht und ein Raunen ging durch die Reihen: hast du von Film XY schon gehört? Der soll doch so abgefahren sein? Dann wurde er heimlich zu Hause angesehen. Oder man ging in die Videothek, ließ sich ein wenig treiben und ergatterte mit Glück einen Film, der einem nichts sagte, dessen Cover oder Klappentext aber vielleicht interessant genug klang, um mitgenommen zu werden. Spannend war das, wenn man seinen vermeintlichen Schatz nach Hause trug, um ihn sofort anzusehen und keinen Schimmer hatte, was einen erwarten würde. Zunächst wurde auch nicht in gut oder schlecht unterteilt, man schaute einfach so ziemlich alles, was man irgendwie ergattern und in die Finger bekommen konnte. Dieses spannende Überraschungsmoment fehlt mir heute ein wenig. Es war schön, mal nicht alles sofort oder innerhalb von Sekunden und Minuten über einen Film zu wissen. Natürlich habe ich mir einen Teil dieses heutigen Wissens über die Jahre angeeignet, aber es ist heute eben auch permanent und rund um die Uhr per Knopfdruck verfüg- und abrufbar. Videotheken werden immer weniger, sie sterben langsam aber sicher aus. Und ja, ich profitiere auch davon, wenn der Leichnam gefleddert wird und mir der Räumungsverkauf dutzende Filme zu absurd niedrigen Preisen in die Arme treibt. Heute ist das alles permanent für jeden verfügbar und das ist schön. Aber die Kehrseite der Medaille: der ideelle Wert eines Filmes verliert zunehmend an Bedeutung. Sicher ist das nicht der Untergang des Abendlandes und Gott weiß, wieviele Filme, die ich inzwischen wertschätze, ich vielleicht nie durch Zugang zum Internet kennengelernt hätte, aber manchmal, hin und wieder, da vermisse ich es, einfach in eine Videothek zu gehen und einen Film auszuleihen, vom dem ich wirklich gar nichts weiß.