Too Late

11. Dezember 2016 at 17:26

 

 

© Foe Killer Films

 

 

 

„A movie about a missing woman… and a lost man.“

 

 

 

Privatdetektiv Mel Sampson erhält einen Anruf von einer alten Freundin, die ihn nach Jahren plötzlich um Hilfe und ein sofortiges Treffen bittet. Mel macht sich gleich auf den Weg, erreicht den vereinbarten Treffpunkt jedoch und kann Dororthy nur noch tot auffinden. Also macht er es sich zur Aufgabe, den Mörder zu finden und den Fall aufzuklären. Eine erste Spur führt in ein Strip-Lokal in Los Angeles.

 

Jean-Luc Godard sagte einmal sinngemäß: all you need to make a movie is a gun and a girl. Beides hat Too Late zu bieten und noch so einiges mehr als das. Ich bin eher zufällig bei Netflix über diese kleine Perle gestolpert, war neugierig und durfte schließlich einen der für mich besten Filme des Jahres entdecken. Das Regiedebüt des mir bisher gänzlich unbekannten Dennis Hauck ist tief im Genre des Film Noir verwurzelt und die Hauptfigur des Mel Sampson vereint viele Merkmale der klassischen Hard Boilded Private Eyes wie Philip Marlowe, Sam Spade oder Jack Gittes, versehen mit einem Spritzer Jeff Lebowski. Geradezu archetypisch für sein Genre, eher durchschnittlich, nicht besonders gut aussehend, rauchend und trinkend. Zwar trägt er einen Revolver mit sich, zieht aber eine Schlägerei jederzeit vor. Too Late ist einer sehr kleine Independent-Produktion mit wahnsinnig schmalem Budget und es ist umso erstaunlicher, was für ein fiebrig treibendes Kleinod da erstanden ist. Gefilmt hat Hauck seinen ersten Langfilm vollständig auf 35mm Techniscope Filmmaterial, was den Film seltsam zeitlos und gleichzeitig irgendwo tief in einem Los Angeles der 70er Jahren verortet wirken lässt. Besonders reizvoll wird Too Late letztlich vor allem dadurch, dass der Film in fünf jeweils 22 minütigen Abschnitten gedreht wurde, von denen jeder für sich ein einziger Longtake ist, vollkommen ohne offensichtliche oder versteckte Schnitte oder ähnliche technische Tricks und Kniffe. Um das ganze dann erzählerisch auf die Spitze zu treiben, sind diese fünf Abschnitte auch nicht chronologisch angeordnet, sondern Too Late springt viel lieber auf seiner eigenen Zeitlinie immer wieder hin und her, vor und zurück. Der dadurch unweigerlich entstehende episodenhafte Charakter des Filmes wird aber zu keiner Sekunde konfus oder verwirrend, auch wenn die Sprünge anfangs etwas eigenartig anmuten. Dem einen oder anderen mag da vielleicht Tarantino in den Sinn kommen, aber das Regiedebüt von Dennis Hauck ist von einer Klarheit und Präzision, die ihres gleichen sucht und lässt ihn mit einem Low Budget-Film weit billiger als damals Reservoir Dogs ganz schön alt aussehen. So sind auch die Dialoge makellos geschrieben, überhaupt ist das ganze Drehbuch von einer beeindruckend schlichten Eleganz, einfach gehalten, aber unglaublich effektiv und fantastisch umgesetzt. Sehr viel von dieser grazilen Würde, welche der ganze Film ausstrahlt, fällt auf John Hawkes zurück, der seinen Mel Sampson mit so viel zärtlicher Melancholie versieht, dass es eine wahre Freude ist, ihn in jeder seiner Szenen zu beobachten. Er macht aus einem, wenn auch persönlichen, aber doch eher gewöhnlichen Vermisstenfall, die intime Reise eines Mannes auf der Suche nach Wiedergutmachung vergangener Fehler und Taten. Wenn Mel Dorothys Leiche findet, dann braucht es keinen Gegenschuss, denn Hawkes Gesicht allein reicht völlig aus um einfach alles nötige auszudrücken. So ist Too Late letztlich auch ein Film über Menschen, die es nicht immer leicht haben, die sich so durchschlagen, Ausgestoßene und Außenseiter, gesellschaftliche Randerscheinungen, mit denen das Leben es nicht immer gut meint. Menschen, die manchmal auch einfach vom Leben verschluckt werden so wie Dorothy, Verlierer vielleicht, ja, aber in Würde und mit einem guten Herzen. Oder zumindest dem Versuch, sich beides irgendwie zu bewahren.

 

Too Late gehört für mich zweifellos zu den ganz großen Überraschungen des Filmjahres 2016. Ein sehr kleiner Film, dafür aber mit umso größerer Wirkung auf mich, die auch nachhaltig zu bestehen weiß. Soweit ich das überblicken kann, gibt es dieses beeindruckende Kleinod bisher lediglich in digitaler Form bei diversen Streaming-Portalen, eine physische Veröffentlichung konnte ich bisher nicht erblicken. Das ist schade, denn ich würde mir Too Late nur allzu gern ins heimische Filmregal stellen.

 

8,5 von 10 Filmabenden im Drive-In-Kino