Der goldene Handschuh (2019)

26. Januar 2020 at 18:45

 

 

© Warner Bros/Pathé/Quelle: IMDb

 

 

 

Ich liebe dich, jetzt will ich dich ficken.“

 

 

 

Hamburg in den frühen 70er Jahren. Der Hilfsarbeiter Fritz Honka verbringt die meiste Zeit in der Kiezkneipe Der goldene Handschuh. 24 Stunden, sieben Tage die Woche geöffnet, trifft sich hier der Bodensatz der Gesellschaft zum exzessivem Suff. Was jedoch keiner seiner Saufkumpanen ahnt ist, dass Honka immer wieder Frauen, meist Gelegenheitsprostituierte, ermordet und zum Teil deren Leichen in seiner Dachgeschosswohnung aufbewahrt.

 

Manchmal gibt es Filme, die machen es einem wirklich nicht leicht. Der goldene Handschuh von Fatih Akin ist so einer. Irgendwo zwischen Milieustudie, Heimatfilm, Horror und grotesker Komödie, irgendwo zwischen Suff, Absturz, Kontrollverlust und schmalzigem Schlager, irgendwo hinter all diesem Elend, der Verzweiflung, den überfüllten Aschenbechern und leeren Kornpullen, dem Gestank von kaltem Rauch, Pisse und Kotze, da steckt eine lohnenswerte Grenzerfahrung. Akin zeigt dem geneigten Betrachter eine Welt, welche man so meist nur vom schnellen Vorbeigehen und verschämten Blicken kennt, in den seltensten Fällen wohl aus der eigenen Erfahrungswelt. Der goldene Handschuh ist bewusst nicht als Charakterstudie angelegt, versteht sich nicht als Kommentar und versucht gar nicht erst zu erklären oder gar zu psychologisieren, wenn Akin lediglich distanzlos abbildet.

 

Sein Blick auf diese schäbige Welt voller Alkoholiker, exzessivem Suff und gescheiterten Existenzen schickt den Betrachter durch ein Wechselbad der Gefühle. Vermögen die Ausflüge in die titelgebende Kneipe – ein Hort der Einsamen, Verlorenen, Desillusionierten, Vergessenen, eine Insel der Gestrandeten mitten auf dem Hamburger Kiez – mitunter so manchen verschämten Lacher auszulösen, der einem dann doch nur wieder im Halse stecken bleibt, so sind es vor allem die Mordszenen, die den Zuschauer in eine unbeteiligte Beobachterrolle zwingen. Dabei ist Akin nie übermäßig explizit und lässt viel abseits des Szenenbildes passieren, doch gerade die Selbstverständlichkeit, mit welcher Honka die Frauen attackiert und ermordet, ist mitunter schwer zu ertragen. Zwar geizt Der goldenene Handschuh nicht mit garstigen Bildern und vermag auch zu schockieren, die Gewalt selbst hingegen überlässt Akin lieber der Vorstellungskraft der Zuschauer. Und Jonas Dassler verkörpert Fritz Honka enorm einnehmend auf gleichermaßen faszinierende wie abstoßende Art und Weise.

 

Der goldene Handschuh ist wirklich nur schwer zu schlucken, wenn Akin nüchtern abbildet und zugleich Grauenhaftes zeigt, ohne allzu ausgetretene Genre-Pfade zu beschreiten. Milieu, Drama, Heimat, schonungslos und voller Details in Szene gesetzt. Extrem forderndes, rohes, authentisches deutsches Kino, nachdem man duschen möchte, und dennoch ein Film, den man unbedingt mal gesehen haben sollte.

 

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