Marathon Man (1976)

3. Juli 2019 at 18:57

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Oh, please don’t worry. I’m not going into that cavity. That nerve’s already dying. A live, freshly-cut nerve is infinitely more sensitive. So I’ll just drill into a healthy tooth until I reach the pulp.“

 

 

 

Als eines Abends vor der Tür des Studenten Thomas Levy dessen schwer verletzter Bruder steht und letztlich stirbt, beginnt seine behütete Welt zu bröckeln. Nicht nur, dass sein Bruder tot ist, er scheint auch nicht der gewesen zu sein, für den Thomas ihn immer gehalten hat. Als er dann überfallen, entführt und brutal gefoltert wird, beginnt für ihn ein Kampf ums nackte Überleben.

 

Sieben Jahre nach Asphalt Cowboy arbeiten Dustin Hoffman und Regisseur John Schlesinger für Marathon Man erneut zusammen. Nach einem Drehbuch von William Goldman, welcher damit seinen eigenen Roman adaptierte, schickt der Plot den Studenten Thomas „Babe“ Levy in eine Tour de Force aus Angst, Paranoia und Schmerz rund um einen berüchtigten ehemaligen KZ-Arzt und den von ihm gestohlenen Diamanten. Zunächst aufgeteilt in drei Subplots bleibt Marathon Man auf der Handlungsebene lange Zeit relativ diffus, undurchsichtig und geheimnisvoll und offenbart seine größeren Zusammenhänge erst später, wenn sich nach und nach mit jedem weiteren Mosaiksteinchen ein Bild aus Gier, Verrat, Lügen und Misstrauen ergibt. Ein perfides Netz, in dem sich der ahnungslose Babe hier unverschuldet wiederfindet, der schon bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht. Nicht nur sein Bruder Doc ist nicht der Mann, für den er ihn immer gehalten hat, sondern sämtliche Beziehungen und Bekanntschaften stehen urplötzlich auf dem Prüfstein. Was ist wahr, was gelogen, wem kann er überhaupt noch trauen? Sein ganzes Leben gerät in nur einer einzigen Nacht vollkommen aus den Fugen.

 

Is it safe? Diese vom KZ-Arzt Szell beinahe wie ein Mantra immerzu wiederholten drei Worte hinterlassen beim Zuschauer ebenso viel Verwirrung wie bei Babe selbst, wissen wir in der berühmt berüchtigten Folterszene doch genauso wenig wie er, was einen ganz wunderbar verstörenden Effekt hat. Zwar finde ich es immer etwas schade, dass Marathon Man oft auf diese Szene reduziert wird obwohl er darüber hinaus noch viel mehr zu bieten hat, doch ist sie von Schlesinger überaus klug umgesetzt, wenn sie maximal unangenehm ausfällt ohne explizit sein zu müssen. Das bloße Geräusch eines Zahnarztbohrers und Babes markerschütternde Schreie reichen vollkommen aus und Schlesinger setzt voll auf die Vorstellungskraft des Zuschauers, immer in dem Wissen, dass dieser blanke Horror in jedem Kopf Nahrung findet.

 

Marathon Man ist meisterhaft inszeniertes Spannungskino, ein raffinierter Thriller mit kluger Erzählstruktur und exzellentem Tempo, atmosphärisch dicht, voller politischem Subtext und dazu noch herausragend gespielt. Wie Schlesinger den Konflikt letztlich auflöst, das kommt unerwartet und wirkt nach. Auch aufgrund der Banalität der Motive. Zurück bleibt Babe, seelisch wie körperlich zerstört, für immer gezeichnet.

 

8,5 von 10 Marathonläufen in Schlafanzughosen