31 – A Rob Zombie Film

4. November 2016 at 15:42

 

 

© Saban Films

 

 

 

„In Hell, everybody loves popcorn.“

 

 

 

Halloween 1976. Eine Gruppe von Schaustellern befindet sich mit ihrem Kleinbus auf dem Weg durch das amerikanische Hinterland zu ihrem nächsten Auftrittsort, als plötzlich mehrere Vogelscheuchen die Straße blockieren. Ehe sie begreifen können, was überhaupt los ist, werden sie von Clowns überfallen, teilweise getötet und fünf von ihnen werden verschleppt. Wieder bei Bewusstsein finden sie sich als Teil eines makaberen Spiels namens 31 wieder. Das Ziel: in einem labyrinthartigen, verfallenen Fabrikgebäude zwölf Stunden überleben, während eine ganze Reihe schwer gestörter Psychopathen Jagd auf sie macht.

 

What the fuck is going on?! Oh Mann… für gewöhnlich kann ich nach einem Film schnell sehr gut zumindest eine Tendenz in mir ausmachen, ob ich gesehenes nun mochte oder nicht. Das neueste Werk von Rob Zombie macht mir das letztlich sehr, sehr schwer. Ich bin verwirrt und kann das alles noch nur schwer einordnen. Was für ein räudiger, schmieriger, versiffter, vulgärer, nihilistischer, sadistischer, wahnsinniger Brocken von Film. Nach seiner Hommage an den Okkultismus-Horror der 60er und 70er in Gestalt des von mir inzwischen sehr lieb gewonnenen Lords of Salem und der teils doch sehr harschen Kritik an diesem Film, wollte Rob Zombie sich eigentlich erstmal zurückziehen aus dem Filmgeschäft. Nun jedoch ist er mit 31 zurück, seiner durch Crowdfunding finanzierten Rückkehr zu seinen Wurzeln in Gestalt des Grindhouse/Horror/Bahnhofskino der 70er und 80er Jahre, und liefert dem geneigten Zuschauer purstes Affektkino. Inhalt, Handlung und auch Figuren sind weitestgehend egal und dienen im Grunde nur dazu, um zunehmend eskalierende Gewaltakte und immer neue Erniedrigungen aneinanderzureihen. Zombie entfesselt ein Kino der Körperlichkeit, eines in dem schon längst keine Bedeutung mehr unter der Oberfläche versteckt liegt, welche man noch zu Tage fördern könnte, sondern eines, das alles vollkommen offen und auf rein fleischlicher Ebene verhandelt. Gewalt um ihrer selbst willen ist das rohe wie geschmacklose Leitmotiv von 31 und Zombie unternimmt recht wenig dafür, all das nicht zu glorifizieren oder gar umzudeuten. Gruselig im klassischen Sinn eines Horrorfilmes ist hier gar nichts, denn schon bald, wenn die vermeintlichen Leidtragenden beginnen sich zu wehren und beide Seiten aufeinander losgehen, verschwimmen die Grenzen zwischen Täter und Opfer und der Film setzt nur noch auf die reine Kraft der Schaulust und entwaffnend offensiven Terror, der sich entweder in brutaler Langsamkeit ergeht oder in hysterischem Wahnsinn explodiert. So ist das tödliche Spiel ums nackte Überleben für Rob Zombie lediglich ein fadenscheiniger Vorwand, um Szene für Szene ikonische Momentaufnahmen der letzten rund 90 Jahre Horrorfilm zu zitieren. Von F.W. Murnau´s Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922) über Tobe Hoopers Klassiker The Texas Chainsaw Massacre (1974) bis hin zu Paul Michael Glasers Running Man (1987) lassen sich sehr viele mehr oder weniger offensichtliche Referenzen entdecken. Wenn als erster Gegenspieler der kleinwüchsige Hitler-Verschnitt Sick-Head (überhaupt die Namen: Sick-Head, Schizo-Head, Psycho-Head, Death-Head, Sex-Head und Doom-Head!!!) in SS-Uniform, mit Hakenkreuz auf der Brust und passendem Bart wie Haarschnitt auf der Bildfläche erscheint und auf die fünf noch eher ahnungslosen Opfer losgelassen wird, sie hysterisch schreiend und lachend, meist auf Spanisch übelst beschimpfend durch die engen und verwinkelten Gänge jagt und ihnen nach dem Leben trachtet, da fragt man sich schon kurz, was hier eigentlich los ist. Oder wenn sich der als vollkommen entfesselte Naturgewalt von Richard Brake voller Inbrunst gespielte Doom-Head quälend viel Zeit lässt und mit seinen Opfern spielt, ellenlange Monologe über das Töten hält, sich zu eben erwähnten Nosferatu die Seele aus dem Leib fickt und eine wahrlich befremdliche Performance hinlegt, die Heath Ledgers Joker zu einem drittklassigen Kindergarten-Clown degradiert, dann zählt für Rob Zombie einzig und allein der möglichst irrwitzige Moment, dann geht Stimmung ganz eindeutig vor Inhalt. Alleiniger Dreh – und Angelpunkt in 31 sind schlicht und ergreifend Gewalt und Erniedrigung. Das größte Problem des Filmes liegt dann auch genau an diesem Punkt in seiner Inszenierung, denn letzten Endes ist diese nämlich immer genau dann, wenn die drastische Gewalt explodiert, zu zahm. Der Schnitt ist hektisch und konfus, die Kamera oft arg verwackelt in dem Irrglauben, so mehr Dynamik zu erzeugen, und blendet oft ab. Sicher, es fließt literweise Blut in 31, aber was wirklich auf der Leinwand passiert, das sieht man nur allzu selten. Das passt dann nur bedingt zu dem ursprünglichen Ansatz von Rob Zombie, eine Art extrem verdichtetes Terrorkino zu inszenieren, dem Inhalt, Figuren und Story egal sind, und das nur über seine brachiale Körperlichkeit wirken will.

 

So richtig weiß ich immer noch nicht, was ich mit Rob Zombies neuestem Werk anfangen soll. Noch kriege ich keinen richtigen Zugriff auf den Film und es werden mit Sicherheit noch eine zweite und dritte Sichtung erfolgen (vor allem auf Englisch, denn die deutsche Synchronisation ist ziemlich mies). Nicht alles ist schlecht in 31, vieles allerdings schon, manchmal bewusst, manchmal wohl eher unfreiwillig. Auf jeden Fall zieht Rob Zombie geradlinig sein Ding durch, ungeachtet von Geschmack, dem Zuschauer oder Moral. Stattdessen wirft er uns dieses Monster von Film vor die Füße und lässt uns damit kommentarlos vollkommen allein. What the fuck is going on?!

 

4,5 von 10 Türen in Form einer Vagina