Blue Velvet (1986)

22. Juli 2019 at 11:31

 

 

© De Laurentiis Entertainment Group

 

 

 

I’m seeing something that was always hidden. I’m in the middle of a mystery and it’s all secret.“

 

 

 

It´s a strange world, isn´t it? Der Misserfolg von Dune (1984) klang noch nach, da warf sich David Lynch mit Blue Velvet in sein nächstes Projekt und nahm sich hierfür einem seiner Lieblingsthemen an: die brodelnden Abgründe hinter der kleinbürgerlichen Fassade aus akkurat gepflegten Rasenflächen, Rosenbüschen und weißen Gartenzäunen. Blue Velvet nimmt bereits viel von dem vorweg, was Lynchs spätere Arbeiten ausmachen sollte, gibt sich in seiner ganzen Inszenierung jedoch noch deutlich zugänglicher und weit weniger sperrig als beispielsweise Lost Highway (1997) oder Mulholland Drive (2001). Das Surreale wird zwar zweifellos angedeutet und findet auch hier seinen Platz, bleibt aber eher losgelöst von der geradlinigen und in sich schlüssigen Detektiv-Geschichte innerhalb des Plots. Lynch zeichnet hier einen düsteren und geradezu verstörenden Albtraum, bevölkert von zahlreichen Archetypen des klassischen Film Noir, und spielt immerzu mit dem Verhältnis zwischen Beobachter und Objekt der Beobachtung, verschiebt permanent Perspektiven, und lotet mit scharfem wie klugen Blick vor allem Machtverhältnisse aus.

 

Blue Velvet ist ein Film über das Sehen, der den Zuschauer zu seinem Komplizen macht. Obsession, Lust, Begierde, Schmerz, Sex, Gewalt und Kontrolle oder deren Verlust werden hier verhandelt, wenn aus der Konfrontation zwischen Kleinstadt-Idylle und pervertierter Unterwelt eine enorme innere Spannung entsteht. Es ist der Reiz des Verbotenem, der Jeffrey antreibt und immer tiefer in diesen mörderischen Strudel reißt, das Gefühl, einen Blick auf eine Welt zu erhaschen, welche so niemals seine wird sein können, auch nie für seine Augen bestimmt war und ihn dennoch so ungemein fasziniert. Eine Welt hinter der Welt. Nach und nach zerstört Lynch die trügerische Idylle, nach und nach bröckelt die Fassade und offenbart immer größere Abgründe. Dabei sind Jeffrey und Sandy naiv, beinahe schon kindlich in ihrem Detektiv-Spiel, und vollkommen ahnungslos, wem oder was sie da auf der Spur sind. Die Ereignisse sind in eine ganz wunderbare erzählerische Klammer eingebettet, wenn alles mehr oder weniger endet wie es begonnen hat, doch etwas ist anders. Jeffrey bekam Einblick in eine verstörende Welt und weiß nun um die Ambivalenz der Dinge und Menschen um ihn herum. Lynch wäre nicht Lynch, wenn er nicht doch noch einen Widerhaken einbauen würde und entlarvt so die Falschheit dieser vermeintlichen Idylle am Ende gnadenlos.

 

Grundsätzlich ist Blue Velvet voller hochgradig ambivalenter wie vielschichtiger Figuren, die zwar wenig über sich persönlich preisgeben und doch allein über ihre Handlungen tiefe Einblicke in ihr Innenleben gewähren. Der Cast ist herausragend gut besetzt bis in die kleinste Nebenrolle: Dennis Hopper, Kyle MacLachlan, Isabella Rossellini, Laura Dern, Dean Stockwell, Brad Dourif und Jack Nance spielen zum Teil geradezu beängstigend gut. Vor allem Hopper als Frank Booth liefert eine absolute Meisterleistung, welche man so schnell nicht wird vergessen können, aber auch Rossellini als Dorothy Vallens stellt sich mit einer hinreißenden Komplexität Gefühlen, an die sich sonst wohl kaum jemand heranwagen würde. Seiner Zeit war Blue Velvet mehr als nur umstritten, wurde abgestraft und von den Kritikern gnadenlos verrissen, doch heute ist er einer der vielleicht wichtigsten amerikanischen Filme der 80er Jahre. Eine unbequeme Herausforderung, die vordergründig wenig bis keine Freude beim Zuschauer auszulösen vermag, eine schäbige Welt ohne Reiz oder gar Schönheit, und doch kann man sich nur sehr schwer von ihr lösen. Weder die Figuren in ihr, noch der Zuschauer selbst. Lynch hält uns allen den Spiegel vor. Now it´s dark.

 

10 von 10 ausgestopften Rotkehlchen