Hardcore (Henry)

29. Dezember 2016 at 16:22

 

 

© STX Entertainment

 

 

 

„Like my father always said, a grenade a day keeps the enemy at bay.“

 

 

 

Henry erwacht in einem Labor aus dem Koma und bekommt von einer jungen Frau erzählt, er wäre knapp dem Tode entronnen und nun eine Art Cyborg. Kaum gibt diese sich als seine Frau Estelle zu erkennen und will seine Sprach-Software justieren, wird das Labor von Akan und seinen Soldaten überfallen. Ihr Ziel ist die Technologie in Henry, doch diesem gelingt die Flucht. Fortan entbrennt eine geradezu irrsinnige Hetzjagd quer durch Moskau, bei der Akan alles aufbietet, was seine Ressourcen zulassen, um Henry in die Finger zu bekommen.

 

Was sich kurz und knapp wie der Plot eines Ego-Shooters liest, entpuppt sich letzten Endes dann auch kaum als mehr. Formal ist Hardcore durchaus interessant und auch lobenswert, hat der junge russische Nachwuchsregisseur Ilya Naishuller seinen Film unter der Führung von Timur Bekmambetov als Produzent doch fast vollständig aus der Ego-Perspektive seines Protagonisten mit GoPro Hero3 Black Edition-Kameras gedreht. Es ist als mutig zu bezeichnen, wenn Naishuller herkömmliche Sehgewohnheiten aufbricht und sich einer visuellen Ästhetik bedient, die wir sonst nur aus Videospielen kennen. So nimmt sich Hardcore auch kaum drei Minuten Zeit und stürzt sich sofort und unmittelbar kopfüber in rund 96 vollkommen halsbrecherische Minuten, die dem Zuschauer buchstäblich keine Ruhepause mehr gönnen werden und eine brutale Szene an die nächste Reihen. Es braucht auch einen durchaus festen Magen, wenn man dem Film eine Chance geben will, und das in doppelter Hinsicht: sowohl die rasante Optik mit ihrer stark gewöhnungsbedürftigen Perspektive und den schnellen, hektischen Schnitten sowie der sicher nicht unerhebliche Grad der Gewalt könnten für den einen oder anderen zu Belastungsprobe werden. Naishuller nutzt die Ego-Perspektive um Grenzen auszuloten und versucht, das Genre des Actionfilms in eine neue Dimension zu überführen, doch so löblich dieser Ansatz auch sein mag, gelingt es ihm mit Hardcore nur zu Teilen. Die ungewöhnliche Perspektive bricht zwar tatsächlich den konventionellen Horizont der Wahrnehmung des Zuschauers auf und versetzt diesen gleich zu Beginn direkt in die Lage des Protagonisten, doch beginnt sich dieses Gimmick – und mehr als das ist dieser Perspektivwechsel letzten Endes nämlich nicht – relativ schnell abzunutzen. Zwar versteht Hardcore es durchaus, mit so mancher neuen und auch coolen Idee zu begeistern, aber sind erst einmal die ersten zwei oder drei atemlosen Actionszenen überstanden, dann stellt sich ein Übersättigungseffekt ein, und es entsteht der Eindruck, Zeuge von einem Lets Play irgendeines beliebigen Ego-Shooters zu sein. Ich selbst wollte mehr als nur einmal mitten im Film zum Controller greifen. Mit zunehmender Laufzeit wird Naishullers Film aufgrund seiner Inszenierung anstrengend zu gucken und die dauerhafte Over the top-Action beginnt zu langweilen und zeigt gewaltige Abnutzungserscheinungen. Auch in seiner ganzen narrativen Struktur ist Hardcore nicht mehr als ein solider Ego-Shooter voller Klischees aus Jahrzehnten der Videospiel-Historie, angefangen beim kurzen und knappen Exposé über die stetige Steigerung der Action und zielorientierten, levelbasierten Fortschritten in der Handlung bis zum Endgegner-Showdown aus dem Bilderbuch versucht Hardcore zwar, das Medium Videospiel in das Medium Film zu überführen, scheitert aber daran letztlich. Bemerkenswert ist noch der starke Soundtrack, welcher eine enorme Spannbreite aufweist und von Serj Tankian, The Stranglers oder der 60ies Garage und Proto-Punk Band The Sonics über Leo Sayer, Devendra Banhart und The Tempatations bis hin zu Sublime, Cole Porter und Queen einen wilden Stilmix kredenzt, seine Songs aber immer perfekt in Handlung und Kontext einzusetzen versteht.

 

Als Experiment an sich ist Hardcore durchaus lobenswert zu erwähnen, dennoch wird dem Film letztlich seine eigene Struktur zum Verhängnis, denn diese kann eine solche Laufzeit einfach nicht dauerhaft tragen. Die Ego-Perspektive bleibt nicht mehr als nur ein Gimmick, dessen Wirkung sich zu schnell abnutzt, um den Zuschauer dauerhaft bei der Stange halten zu können. Zudem sieht man dem Film immer wieder sein eher niedriges Budget von etwa 2.000.000 Dollar an. Dennoch beweist Regisseur Naishuller mit seiner russisch-amerikanischen Co-Produktion, dass er ein Gespür für Action hat. Zwar erzeugt er mit Hardcore ein vollkommen entfesseltes, rasend schnelles, zuweilen ultrabrutales Schnittgewitter, schafft es aber noch nicht in Gänze, die Begeisterung dafür auch aufrecht zu erhalten. Trotzdem ein Name, den man sich vielleicht merken sollte, denn mit einer etwas zurückgenommeneren Form der Inszenierung könnten seine Ideen durchaus mehr versprechen als nur ein einfaches Gimmick zu sein.

 

6 von 10 Kneifzangen an der Nase