I Saw the Devil

25. Oktober 2014 at 21:42
I Saw the Devil (2010)
I Saw the Devil poster Rating: 7.8/10 (53,704 votes)
Director: Kim Jee-woon
Writer: Hoon-jung Park (screenplay)
Stars: Byung-hun Lee, Min-sik Choi, In-seo Kim, Seung-ah Yoon
Runtime: 141 min
Rated: Not Rated
Genre: Crime, Drama, Horror
Released: 12 Aug 2010
Plot: When his pregnant fiancee becomes the latest victim of a serial killer, a secret agent blurs the line between good and evil in his pursuit of revenge.

 

 

 

“You’re nightmares only getting worse.”

 

 

 

Werfen wir mal einen Blick nach Asien, nach Korea, um genau zu sein. Wer sich ein bisschen mit Filmen auskennt und auch mal über den Tellerrand Hollywoods hinaus blickt, der weiß, dass das asiatische Kino oft sehr viel zu bieten hat und sich keineswegs verstecken muss. Man denke da nur an Filme wie Oldboy, Infernal Affairs oder The Raid, um mal ein paar Vertreter neueren Zeitalters zu nennen, von zahlreichen älteren Klassikern ganz zu schweigen. Das asiatische Kino ist weniger zimperlich als das amerikanische zum Beispiel, blutige Gewaltexzesse und surreale Schönheit sind hier nicht unvereinbar, sie gehen Hand in Hand. Diese Bildästhetik wird im Westen oft zitiert und kopiert, gerade Quentin Tarantino bedient sich gerne mal solcher Elemente.

 

In den letzten Jahren hat Korea wie kaum ein anderes Land derart konsequent das Motiv Rache mit mal mehr, mal weniger durchdachten, aber stets hochwertig produzierten und aufwendig inszenierten Filmen bedient. I Saw the Devil scheint auf den ersten Blick auch nur ein weiterer, zugegeben, sehr harter, Vertreter dieses Genre zu sein, aber bei genauerer Betrachtung offenbart der Film doch noch viel mehr.

 

Ein paar Worte zur Schnittfassung müssen noch verloren werden, so ist die unzensierte Version des Films hier zu Lande weder durch die FSK gekommen, was zu erwarten war angesichts zahlreicher kritischer Inhalte, noch, und das ist deutlich überraschender, konnte die SPIO eine Freigabe erteilen. Eine weitere unabhängige Juristenkommission musste in Anspruch genommen werden, die den Film letztlich für strafrechtlich unbedenklich erklärte. Die in Deutschland veröffentlichte Fassung ist um 11 Minuten gekürzt, was dem Film durchaus seinen Sinn nimmt. Von dieser Version ist nur abzuraten, falls sich jemand mit dem Gedanken trägt, ihn sich anzusehen.

 

I Saw the Devil beginnt dort, wo der herkömmliche Serienkiller-Thriller für gewöhnlich sein Ende findet, nämlich bei der Enttarnung des Täters, aber dann legt er noch eine ganz gewaltige Schüppe drauf. Das letzte Opfer von Kyung-chul ist die Verlobte von Kim Soo-hyeon, ein sehr gut ausgebildeter Spezialagent der Regierung, der wahrlich kein Interesse daran hat, den Killer nach dessen Identifizierung den Behörden auszuliefern. Vielmehr will er ihn die Qualen seiner Opfer selbst spüren lassen. Und so verletzt er ihn schwer, bevor er plötzlich von ihm ablässt, ihm sogar Geld zusteckt und ihn wieder in die Welt hinaus schickt.

 

Das Katz und Maus Spiel, das nun zwischen den beiden entbrennt und erst dem einen und dann dem anderen außer Kontrolle gerät, steigert sich mit voran schreitender Handlung in allen Belangen. Angereichert wird der Handlungsverlauf mit interessanten Nebenfiguren, die seitens des Protagonisten erfüllen eher eine dramaturgische Pflicht, die seitens des Killers hingegen läuten eine Art filmische Vorhölle ein. Auch wenn die Psychologie hinter dem Geschehen ihr Potenzial nicht vollends ausschöpfen kann, die physische Komponente kommt buchstäblich gewaltig daher und übernimmt dabei gleich zwei Aufgaben – zum einen bereitet sie Schmerzen und gelegentlich sogar Verstörung, zum anderen beinhaltet sie manchmal einen schwarzen Humor, welcher den Film doch wie eine hinterhältige, pechschwarze Komödie wirken lässt, was er aber nicht eine Sekunde lang ist. Dafür sind die moralischen Fragen, die aufgeworfen werden, viel zu schwerwiegend.

 

Der Film ist ungeheuer physisch inszeniert, zahlreiche Stellen sind wirklich schmerzhaft anzuschauen, denn vieles wirkt erschreckend authentisch und nicht so überzogen, wie man es aus vielen Splatterfilmen gewohnt ist. Zwar verkommt die Gewalt nie zum reinen Selbstzweck, aber die Kamera verweilt immer lang genug auf dem Geschehen, um uns schonungslos jedes noch so grausame Detail zu präsentieren, jedoch nie länger als unbedingt nötig. Ein Gefühl von Voyeurismus kommt zu keiner Sekunde auf, das will der Film auch gar nicht, weswegen man ihn nicht zur Gattung des Torture Porn zählen sollte, das wird ihm keinesfalls gerecht.

 

 

„I will kill you when you are in the most pain. When you’re in the most pain, shivering out of fear, then I will kill you. That’s a real revenge. A real complete revenge.“

 

 

 

Der Clou ist, dass Regisseur Kim Jee-woon eine moralisch eindeutige Situation so lange und konsequent weiter denkt und -dreht, sie streckt und biegt, bis sie voller Ambivalenz und fragwürdiger Figuren steckt – er konstruiert hier ein Rachedrama von gnadenloser Konsequenz und Komplexität, von der ersten bis zur letzten Minute tiefrot gefärbt. Relativ schnell ist nicht mehr klar ersichtlich, wer der beiden Akteure jetzt eigentlich der namens gebende Teufel ist. Er lässt keinerlei Zweifel daran, worum es ihm geht, einen Rachethriller, der so pur und roh, schonungslos, selbstzerstörerisch und echt ist, dass es einem den Atem verschlägt. Gewalt nicht aus purem Selbstzweck, sondern als Stilmittel zur Darstellung des Verfalls der Seele. Aus Rache getrieben wird Soo-hyeon selbst zum Monster, was sich in der letzten Szene auf schockierende Art und Weise zeigt. Spätestens da ist er kein Held mehr, nur noch ein gebrochener Mann, der seinem eigenen Teufel ins Gesicht blickt.

 

Min-sik Choi (unter anderem bekannt aus Oldboy und Lady Vengeance) als Serienkiller überzeugt auf ganzer Länge. Sein Charme, wenn er die Opfer verführt, seine Brutalität, wenn er seine Opfer quält und tötet, und seine Angst, wenn er seinem eigenen Tod gegenübersteht: All diese Facetten beherrscht der Südkoreaner perfekt. Gerade die kaltblütige Art, wenn er zum verabscheuungswürdigen Schlächter wird, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. So beiläufig und nahezu emotionslos wie er seine Taten vollführt, das sieht man selten, und lässt Christian Bales American Psycho wie einen Waisenknaben aussehen. Er verkörpert tatsächlich ein absolut und bedenkenlos Böses, eine Person, die sich außerhalb aller geltenden moralischen Wertesysteme bewegt und für die Alltagsgeschehen ist, was uns unvorstellbar grausam erscheint. Byung-hun Lee verkörpert den von Schmerz und Rache getriebenen Regierungsagenten derart gut, dass man sein Martyrium sehr gut nachempfinden kann. Ich schätze den Mann und sein Talent sehr und sehe ihn gerne, da passt es ganz hervorragend, dass er den Sprung nach Hollywood geschafft hat und zuletzt in RED 2 zu sehen war. Hoffentlich ein ähnlich guter Einstand für ihn wie damals Lethal Weapon 4 für Jet Li.

 

I Saw the Devil ist ein Glanzstück, das den überwiegenden Teil aller Hollywood-Produktionen als bieder-routinierte Werke erscheinen lässt. Der Film ist gewaltig brutal inszeniert, stellenweise an der Grenze des Erträglichen, ein Rachethriller par excellence, der wirklich sehr, sehr tief in menschliche Abgründe blickt. Auf geradezu teuflische Art und Weise wird der Zuschauer gefangen genommen und dazu gezwungen, sich moralischen Fragen zu stellen, die sich kaum beantworten lassen. Am Ende ist die Wirkung verstörend, der Film hallt ungemein nach und bleibt noch lange im Gedächtnis eingebrannt. Es bleibt nur die Erkenntnis: es gibt keine Erlösung. Keine Genugtuung. Für niemanden von uns. Ein Meisterwerk des Schmerzes.