Nightcrawler

3. April 2015 at 16:08

 

 

 

Nightcrawler (2014)
Nightcrawler poster Rating: 8.0/10 (110,486 votes)
Director: Dan Gilroy
Writer: Dan Gilroy
Stars: Jake Gyllenhaal, Michael Papajohn, Marco Rodríguez, Bill Paxton
Runtime: 117 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama, Thriller
Released: 2014-10-31
Plot: When Lou Bloom, a driven man desperate for work, muscles into the world of L.A. crime journalism, he blurs the line between observer and participant to become the star of his own story. Aiding him in his effort is Nina, a TV-news veteran.

 

 

 

„That’s my job, that’s what I do, I’d like to think if you’re seeing me you’re having the worst day of your life.”

 

 

 

Lou Bloom hat keinen Job, lebt in einem heruntergekommenen Apartment und hält sich mit kleineren Gaunereien und Diebstählen mehr oder weniger über Wasser. Aber er ist von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt und glaubt, für Größeres bestimmt zu sein. Als er bei einem seiner vielen nächtlichen Streifzüge durch L.A. eher zufällig in einen Verkehrsunfall gerät und einem freiberuflich arbeitendem Kamerateam bei der Arbeit zusieht, ist er fasziniert und entdeckt er genau dort seine vermeintliche berufliche Zukunft…

 

Das Regiedebut von Drehbuchautor Dan Gilroy, Bruder von Tony Gilroy, dessen erster Film Michael Clayton ja schon ein beachtliches Erstlingswerk war, funktioniert auf vielen Ebenen: als Charakterstudie eines Soziopathen abseits jeglicher Empathie und Moral, als bitterböse und ausgesprochen zynische Abrechnung mit der Medienlandschaft, die den ganzen Zirkus als genau das entlarvt, was er ist, nämlich ein Sammelbecken qoutengeiler Aasgeier, und letztlich auch als ganz klassisch inszenierter Thriller in elektrisierenden Bildern der nächtlichen Straßenschluchten von L.A. Die Kritik an der Arbeitsweise moderner Medien ist dabei noch der offensichtlichste Part, gibt diese sich doch sehr angriffslustig und plakativ. Lou Bloom ist ein Wolf im Schafspelz, nicht wirklich sehr gebildet, aber doch absolut von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt, ebenso rücksichtslos wie durchtrieben, aber auch charmant und smart, wenn es erforderlich ist, der beängstigende Archetyp eines neuen, karriereorientierten Menschen, der zielstrebig auf dem Weg nach oben nur seine eigenen Interessen fest im Blick hat und ohne Rücksicht auf Verluste agiert, vollkommen und ausschließlich auf sich selbst fixiert. Also im Grunde genau so, wie die moderne Leistungsgesellschaft uns alle gerne hätte. Der völlige Mangel an Empathie als herausragendes Alleinstellungsmerkmal und elementarer Bestandteil auf einem steilen Weg die Karriereleiter nach oben, koste es, was es wolle. Lou Bloom ist eine Kreatur, eine moderne Variante von Frankensteins Monster, der fleischgewordene Traum der BILDzeitung, erschaffen durch Sensationsgier und Anspruchsdenken und so artikuliert er sich dann auch, bestimmend, gestochen scharf und überlegt, vermeintlich eloquent, aber eben doch nur mit all diesen leeren Phrasen und Floskeln aus Managementseminaren um sich werfend, irgendwo im Internet aufgeschnappt und angelesen, um über seine mangelnde Bildung hinwegzutäuschen.

 

 

„The best and clearest way that I can phrase it for you, to capture the spirit of what we air, is think of our news cast as a screaming woman running down the street with her throat cut.”

 

 

 

Das beste und schlagkräftigste Argument des Films: Jake Gyllenhaal. Der kleine Donnie Darko. Zusammen mit End of Watch, Enemy und Prisoners ist Nightcrawler der vierte Volltreffer in Folge, die drei erstgenannten allesamt zweifellos herausragende schauspielerische Leistungen, aber was er hier als Lou Bloom abliefert, ist dann nochmal deutlich intensiver. Er spielt den eiskalt kalkulierenden Soziopathen überragend, Blick, Mimik, Körperhaltung, alles völlig überzeugend glaubwürdig und sowohl atemberaubend faszinierend als auch beängstigend verabscheuungswürdig zu gleich. Folglich ist Nightcrawler eine reine One Man Show, Rene Russo als Chefin der Nachrichtenabteilung eines eher kleinen Fernsehsenders, Bill Paxton als konkurrierender Freelancer und Riz Ahmed als Blooms Assistent und Erfüllungsgehilfe bleiben erstaunlich blaß, was aber kaum verwundern kann angesichts der erdrückenden Leistung von Gyllenhaal, neben seiner enorm einnehmenden Performance bleibt einfach kein Platz mehr. Mit Nightcrawler etabliert er sich endgültig und unwiderruflich unter den besten Schauspielern seiner Generation, vielleicht sogar darüber hinaus, daran besteht überhaupt kein Zweifel mehr.

 

Dem im Vorfeld übrigens oft bemühten Vergleich mit Taxi Driver, diesem monolithischen Abbild einer ganzen verstörten Generation, gegossen in ein Einzelschicksal, kann Nightcrawler dann aber doch nicht standhalten. Zwar sind sowohl Lou Bloom als auch Travis Bickle mehr oder weniger Produkte der Gesellschaft, in der sie leben, überhaupt erst geschaffen durch ihre Umwelt, und beide Filme fangen faszinierende Bilder nächtlicher Großstädte ein, das moderne L.A. hier und das New York der 70er dort, aber das war es dann auch mit den Gemeinsamkeiten. Vor allem erreicht Nightcrawler nie die Tiefe von Taxi Driver, trotz ähnlich beeindruckender schauspielerischer Leistungen der Hauptdarsteller. Es dürfte allerdings spannend sein zu beobachten, wie sich Nightcrawler im Laufe der Jahre in der Wahrnehmung der Konsumenten verändern wird. Vielmehr sehe ich Parallelen zu einem anderen Film als Taxi Driver, nämlich dem in meinen Augen sträflich unterbewerteten und völlig zu Unrecht missachteten Killing Them Softly. Beide zeigen eine ausgesprochen unangenehme Seite des amerikanischen Traums, eine düstere und hässliche Variante des American Way of Life, die nur allzu gern übersehen und ignoriert wird. Der Unterschied besteht nur darin, dass Nightcrawler sich dem medialen Umfeld und der damit eng verknüpften Sensationsgier widmet und Killing Them Softly die wirtschaftliche Seite dieser riesigen Seifenblase ausgiebig beleuchtet und letztlich zum Platzen bringt, in beiden Fällen jedoch ist die Triebfeder die Gier.

 

Zwar weist Nightcrawler kleinere Plotschwächen auf, aber das ist angesichts Gyllenhaals beeindruckender Performance und der wirklich toll eingefangen nächtlichen Atmosphäre zu verschmerzen. So erscheint zum Beispiel das Beziehungsgeflecht um die Nachrichtenchefin Nina in seiner letzten Konsequenz doch arg konstruiert und wenig plausibel, aber letztlich zeigt auch das nur eine weitere Facette des eiskalten Lou Bloom, insofern fügt es sich vielleicht nicht nahtlos ins Gesamtbild ein, es hakelt ein wenig, aber das tut der Stimmung kaum einen Abbruch. Am Ende ist Nightcrawler zweifellos ein sehr guter Film, hauptsächlich ausgestattet mit einem überragend agierenden Jake Gyllenhaal, aber sicher nicht das Meisterwerk, das mancher vielleicht in ihm sehen mag, und ganz sicher kein moderner Taxi Driver.

 

8 von 10 nächtlichen Streifzügen durch L.A.