Jacob´s Ladder (1990)

19. Oktober 2020 at 18:52

 

 

©Carolco/ Quelle: IMDb

 

 

 

If you’re frightened of dying and… and you’re holding on, you’ll see devils tearing your life away. But if you’ve made your peace, then the devils are really angels, freeing you from the earth…“

 

 

 

Nach den beiden Erotikthrillern Nine 1/2 Weeks (1986) und Fatal Attraction (1987) liefert der britische Regisseur Adrian Lyne mit seinem Mystery-Drama Jacob´s Ladder zwar einen handfesten Flop an den Kinokassen ab, zugleich aber auch einen der wohl faszinierendsten und außergewöhnlichsten Genrefilme der 90er Jahre. Einen kunstvoll ausgestalteten Albtraum in unheimlichen, verstörenden, teils geradezu surrealen Bildern schnürrt Lyne mit seiner extrem raffinierten Inszenierung zu einem eindrucksvollen Gesamtpaket. Visuell ist das alles ohne jeden Zweifel seiner Zeit weit voraus und rückblickend haben Lynes Bilder tiefe Spuren in der Popkultur hinterlassen.

 

Ausgehend vom schweren Kriegstrauma des Protagonisten entwickelt Jacob´s Ladder schnell erste paranoide Züge, nur um bald in einen Mahlstrom aus Angst, mentalem Verfall, sexueller Spannung und Wahnsinn zu kippen. Geschickt spielt Lyne immer wieder mit Motiven, Symbolen und Andeutungen unterschiedlichster Natur, nährt zunehmend die Unsicherheit des Zuschauers und erschafft eine ungemein einnehmende wie gleichermaßen furchterregende Atmosphäre. Nie kann man sich so ganz sicher sein, was hier Traum ist, was paranoider Schub, was Realität, was Erinnerung. Die Ebenen von Zeit und Bewusstsein verschmelzen zunehmend, verschachteln sich immer mehr ineinander zu einem wütenden Chaos im Innenleben von Jacob und nichts scheint mehr vertrauenswürdig.

 

So begleitet der Zuschauer permanent auch bloß Jacob, erlebt immerzu nur dessen unsichere Perspektive und kämpft ebenso wie er selbst damit, Realität und Fiktion auseinander zuhalten. Dabei will Lyne all das gar nicht deutlich ausformulieren, sondern lässt bewusst Lücken, welche es selbst zu füllen gilt, und porträtiert viel lieber einen hochgradig fragilen Geisteszustand sowie dessen Prozess der Zersetzung. Und doch geht es unter all dem Grauen, welches Jacob´s Ladder entstehen lässt, viel mehr darum, seinen Frieden mit dem Leben zu machen. Und eben diese spirituelle Reise verankert Lyne geschickt in der realen Welt und rückt dadurch viel näher unsere Erfahrungen heran.

 

9 von 10 dämonischen Penetrationen auf der Tanzfläche

 

 

Léon (1994)

19. Oktober 2019 at 14:43

 

 

© Gaumont Buena Vista International/Quelle: IMDb

 

 

 

 

I finished growing up, Léon. I just get older.“ – „For me it’s the opposite. I’m old enough. I need time to grow up.“

 

 

 

Als die gesamte Familie der zwölfjährigen Mathilda von korrupten Cops ausgelöscht wird, weiß sie sich in ihrer Not nicht anders zu helfen und flüchtet zu ihrem Nachbarn Léon. Der lässt sie in seine Wohnung und rettet so ihr Leben. Als Mathilda erfährt, dass er Profikiller ist, der gegen Geld Leute umbringt, will sie ihn beauftragen um ihre Familie zu rächen.

 

Was soll man zu diesem Film noch groß sagen? Luc Besson sollte nie wieder eine solche filmische Qualität und Strahlkraft entwickeln können wie mit Léon. Unglaublich einfühlsam und von großer zärtlicher Melancholie beseelt erzählt sein nächster Film nach La Femme Nikita von zwei Außenseitern, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und sich doch gegenseitig ergänzen. Da ist der Profikiller Léon auf der einen Seite, ein beinahe schon kindlicher Charakter ohne Wurzeln und zugleich Meister seines Fachs. Und da ist die zwölfjährige Mathilda auf der anderen Seite, im Grunde schon viel zu erwachsen für ihr Alter und ihrer Wurzeln beraubt.

 

Besson unterläuft seiner Zeit die bisherigen Eckpfeiler des Genre, wenn sich Léon zwar Anonymität und Einsamkeit bewahren muss und auf ritualisierte Tagesabläufe angewiesen ist um seinen Job ausführen zu können, aber dennoch Mathilda schließlich nicht nur in seine Wohnung, sondern auch in sein Leben lässt. Eine emotionale Öffnung bedeutet in seiner Welt Verwundbarkeit und doch lässt er sie zögerlich an sich ran. Fortan lernen beide voneinander und geben sich, was dem jeweils anderen fehlt. Léon gewöhnt Mathilda das Rauchen und Fluchen ab, verordnet ihr Milch und gibt ihr Schießunterricht; Mathilda bringt Léon das Lesen und das Schreiben und das Leben bei.

 

Handwerklich über jeden Zweifel erhaben stimmt bei Léon einfach alles: Besson inszeniert enorm präzise und mit dem richtigen Auge für Details, das erzählerische Tempo ist zwischen stillen Momenten und krachender Action exzellent ausbalanciert, Bessons Stamm-Kameramann Thierry Arbogast fängt teils wunderschöne Bilder ein und über all dem schwebt ein Jahrhundert-Score aus der Feder von Èric Serra. Das Herzstück jedoch bildet das magische Dreiergespann aus Jean Reno, Natalie Portman und Gary Oldman. Doch so wunderbar Reno den empfindsamen Killer auch gibt und Oldman sein Spiel als skrupelloser Cop gnadenlos beinahe bis zur Karikatur überzieht, so sehr stellt Portman beide mühelos in den Schatten mit ihrer nuancierten Darstellung zwischen Trauer, Wut und aufkeimender Hoffnung, zwischen geraubter Kindheit und dem brennendem Wunsch nach Rache. Eine Elfjährige in ihrer aller ersten Filmproduktion überstrahlt hier zwei mehr als nur gestandene Schauspieler, das muss man sich mal vorstellen.

 

All das funktioniert für mich auch nach über 20 Jahren immer noch hervorragend. Ich betone immer gern, nicht den einen Lieblingsfilm zu haben, dafür aber viele Filme, die ich liebe. Léon gehört ganz sicher dazu. Manchmal frage ich mich am Ende des Filmes im Stillen, was wohl aus Mathilda geworden sein mag. Es wäre schön, wenn sie ihren Frieden doch noch hätte finden können, eine Chance auf ein neues, ein anderes Leben.

 

10 von 10 zärtlich gepflegten Topfpflanzen