The Wicker Man (1973)

8. November 2018 at 12:40

 

 

© British Lion Films/Quelle: IMDb

 

 

 

I think I could turn and live with animals. They are so placid and self-contained. They do not lie awake in the dark and weep for their sins. They do not make me sick discussing their duty to God. Not one of them kneels to another or to his own kind that lived thousands of years ago. Not one of them is respectable or unhappy, all over the earth.“

 

 

 

Auf der Suche nach einem verschwundenen Mädchen begibt sich der Polizist Neil Howie auf die abgelegene schottische Insel Summerisle. Die Inselbewohner jedoch wollen noch nie von dem Kind gehört haben und leugnen hartnäckig dessen Existenz. Schon bald muss Howie feststellen, dass die Gemeinde angeführt von dem seltsamen Lord Summerisle einem alten, heidnischen Glauben folgt, welcher seine eigenen Wertevorstellungen vollkommen auf den Kopf stellt.

 

The Wicker Man war schon zum Zeitpunkt seiner Entstehung Anfang der 1970er Jahre kein typischer Gruselfilm (das Wörtchen Horror vermeide ich hier ganz bewusst), sah sich eher als Abgrenzung und Gegenentwurf zu den Produktionen des berühmten Studios Hammer Films und ist zweifellos in seiner ganzen unnachahmlichen Machart einer der originellsten Vertreter seiner Zunft. Der Film von Regisseur Robin Hardy – der erste und lediglich einer von insgesamt dreien in rund 40 Jahren – lässt sich in seiner schillernden Andersartigkeit kaum etikettieren, so sehr streift er durch diverse Genres vom Krimi über Mystery bis hin zum okkulten Thriller und noch vielem anderen in einem pittoresken wie ruralen Setting. Umschmeichelt wird das Ganze von leichten, melodiösen und flockigen Folksongs und folkloristischen Tanzeinlagen in sonniger Umgebung und den unverstellten Bewohnern von Summerisle.

 

The Wicker Man glänzt durch eine seltsam entrückte, geradezu verwunschene und über alle Maßen eigenwillige Atmosphäre, ist zuweilen gar bizarr, aber niemals ernsthaft schockierend und vor allem stark geprägt von Sergeant Howies puritanisch verzerrter Perspektive. Den Kern des Filmes bildet ein uraltes wie handfestes Problem, wenn Regisseur Hardy sich dem Konflikt zwischen Prüderie und Offenheit, zwischen alten Strukturen und neuen Ideen, zwischen Tradition und Moderne annimmt. Grundsätzlich behandelt er das Unvermögen, Andersartigkeit verstehen zu können oder gar verstehen zu wollen, stehen sich hier doch zwei vollkommen unterschiedliche Glaubenskonzepte gegenüber, unfähig, sich zu erklären oder zu begreifen. Howie steht sinnbildlich für das geradezu arrogant selbstbewusste, christlich geprägte Festland mit all seinen unumstößlichen Glaubens-Dogmen, die Bewohner von Summerisle und ihr Lord hingegen für eine alternative, naturverbundene und sexuell befreite Lebensweise.

 

In diesem Zuge ist es spannend zu beobachten, wie sich im Laufe der Story langsam, aber sicher die Sympathien des Zuschauers vom aufrechten wie strebsamen Polizisten hin zu den anders denkenden und glaubenden Inselbewohnern verschieben, wenn Sergeant Howie zunehmend seinen aus seiner Sicht heraus geradezu absoluten Autoritätsanspruch versucht zu untermauern. Natürlich ist The Wicker Man auch ganz deutlich ein Kind seiner Zeit, das heute kaum noch Seltsamkeiten bereitzuhalten vermag und in unserer Moderne vielleicht ein wenig an Wirkung eingebüßt haben könnte. Was ihn allerdings zu einem kaum weniger faszinierenden wie einnehmenden Film macht, dessen formvollendete Bildsprache Hand in Hand geht mit dem entspannt folkigen Score von Paul Giovanni und abgerundet wird durch einen enorm charismatischen Christopher Lee, bei dem man zu jeder Sekunde seine unbändige Spielfreude spürt und der vermutlich nicht ganz ohne Grund Zeit seines Lebens immer wieder betont hat, wie sehr The Wicker Man doch seine liebste Arbeit gewesen sei.

 

8,5 von 10 Märzhasen