Train to Busan (Busanhaeng)

24. Juni 2017 at 12:15

 

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Nur ausgesprochen widerwillig erklärt sich der egoistische Fondsmanager Seok-wu dazu bereit, seine kleine Tochter Soo-an mit dem Zug von Seoul nach Busan zu bringen. Dort lebt die Mutter des Mädchens und mit ihr möchte es seinen Geburtstag verbringen. Doch kaum früh morgens losgefahren, wird der Zug bald zur Todesfalle, als eine Zombie-Epidemie rapide um sich greift und auch Passagiere infiziert werden. Die übrigen Fahrgäste müssen nun zusammenhalten, wenn sie die immer größer werdenden Angriffe überleben wollen.

 

Ich höre sie schon alle schreien, die Gore-Aficionados und Zombiefilm-Connoisseure, ein Beitrag zum Genre mit einer Altersfreigabe von 16? Das geht ja gar nicht! Dass das sehr wohl geht, beweist Train to Busan vom koreanischen Regisseur Yeon Sang-ho, der sich zuvor mit finsteren und sozialkritischen Animationsfilmen wie The King of Pigs (Dwae-ji-ui wang) und Saibi einen Namen machen konnte. Warum kam eigentlich vorher noch niemand auf die Idee, eine Zombieapokalypse im ganz kleinen Rahmen mehr oder weniger innerhalb eines Zuges spielen zu lassen? Warum nicht Zombies im ICE von München nach Hamburg… Ach, ich vergaß ganz kurz, dass der Genrefilm als solcher dem deutschen Anspruchsdenken nicht gut genug ist. Anderes Thema, lassen wir diese Exkursion lieber sein. Angst und Schrecken auf begrenztem Raum ist ja ein bewährtes und inzwischen fest etabliertes Konzept in den Annalen des Horrorgenre und auch Train to Busan bemächtigt sich dieser Rezeptur, verfeinert sie jedoch durchaus mit dem einen oder anderen Moment und ist trotz ausgetretener Pfade immer noch eigenständig genug, um für sich selbst stehen zu können. Yeon Sang-ho ist sich der Tradition des Genres durchaus bewusst, mehr noch, er respektiert sie auch, kleidet sie jedoch an den richtigen Stellen in ein etwas anderes Gewand. Bemerkenswert empfand ich zum Beispiel den Verzicht auf Schuss – und Stichwaffen jeglicher Art, wodurch die Figuren vor eine Herausforderung gestellt werden, welche es mit Einfallsreichtum zu überwinden gilt, bleiben ihnen für ihren Kampf ums Überleben doch nur die Dinge, die sich auch im Zug finden lassen. Ein nicht zu verachtender Vorteil ist da wohl das mitreisende Baseballteam samt seiner Ausrüstung, eine wirkliche Hilfe letztlich aber kaum. Grundsätzlich nutzt Yeon Sang-ho alle sich ihm bietenden Gelegenheiten des begrenzten Settings, wenn etwa Tunnel die Zombies kurzfristig ablenken oder Zugtoiletten als kleine Inseln der Sicherheit dienen, und überrascht, wie gekonnt er die inszenatorischen Zwischentöne des Genre nicht nur beherrscht, sondern gern auch kombiniert. Zwar verhältnismäßig harmlose, aber dennoch blutige Action bedient er ebenso gekonnt wie Szenen voller sorgfältig durchdachter Überlebensstrategien, bei denen der Film die Spannungsschraube ordentlich anzieht. Eine beinahe schon videospielartige Struktur entsteht auf diese Art und Weise, wenn immer neue Abschnitte mit neuen Aufgaben und Herausforderungen auf die wenigen Überlebenden warten und gemeistert werden wollen.

 

Allerdings ist es auch nicht sonderlich verwunderlich, wenn zwischen solchem Spektakel die Zombies immer mal wieder in den Hintergrund rücken, weil der Ausnahmezustand mitunter die hässlichsten menschlichen Charakterzüge zum Vorschein treten lassen. Sicherlich auch nichts neues innerhalb des Genres, aber auch hier gibt Train to Busan eine gute Figur ab. Wenn einige der Passagiere unter Angst und Schrecken ihre guten Manieren vergessen, dann verläuft das zwar nach einem bekannten wie simplen sozialen Schema und ist relativ deutlich, manchmal sogar durchaus plakativ, inszeniert, funktioniert aber trotzdem gut. Auch dass die Hintergründe der Epidemie eher Nebensache sind und allenfalls in wenigen Sätzen abgehandelt werden, wird dem  Film nicht zum Verhängnis, sind sie doch verhältnismäßig irrelevant, weil Train to Busan seine Handlung überwiegend auf sein begrenztes Setting konzentriert und den Kampf der Passagiere ums Überleben in den Fokus rückt. Zwar schielt Yeon Sang-ho manchmal vielleicht etwas zu sehr in Richtung polierter Hochglanzoptik und Train to Busan hätte vielleicht auch ein wenig ruppiger ausfallen können, letztlich tut das aber Stimmung und Atmosphäre keinen Abbruch. Der Film ist stringent, schnörkellos und zielstrebig erzählt und weiß durch die eine oder andere wirklich gelungene Idee zu glänzen. Er erfindet das Genre zweifellos nicht neu, bietet aber gute Unterhaltung und bleibt zu jeder Sekunde unterhaltsam und sehenswert. Etwas, dass ich über so manche westliche Produktion nun wirklich nicht behaupten kann.

 

7,5 von 10 Zombies in der Zugtoilette