A Most Wanted Man

22. Mai 2015 at 20:02

 

 

 

A Most Wanted Man (2014)
A Most Wanted Man poster Rating: 6.9/10 (43163 votes)
Director: Anton Corbijn
Writer: Andrew Bovell (screenplay), John le Carré (novel), Stephen Cornwell (additional writing)
Stars: Grigoriy Dobrygin, Philip Seymour Hoffman, Homayoun Ershadi, Mehdi Dehbi
Runtime: 122 min
Rated: R
Genre: Thriller
Released: 1 Aug 2014
Plot: A Chechen Muslim illegally immigrates to Hamburg, where he gets caught in the international war on terror.

 

 

 

„And all that damage we leave behind….all those lives….all those empty rooms… what would they have been for? You ever asked yourself that question? Why we do what we do?”

 

 

 

Ein rätselhafter Flüchtling wandert illegal in Hamburg ein und innerhalb kürzester Zeit läuten sowohl beim deutschen als auch beim amerikanischen Geheimdienst die Alarmglocken. Issa Karpov, halb Russe und halb Tschetschene, wirkt verwahrlost und ist schwer gezeichnet von Haft und Folter in russischen und türkischen Gefängnissen. Als er Kontakt zur islamischen Gemeinde in Hamburg aufnimmt und unterzutauchen droht, wird jeder seiner Schritte fortan von Günther Bachmann und seinem kleinen Team, einer geheimen Abteilung innerhalb des deutschen Geheimdienstes, überwacht. Wer ist dieser Mann? Was will er in Hamburg? Woher kommt er? Ist er Opfer? Täter? Betrüger? Oder gar Extremist? Geht von ihm ein Terrorverdacht aus? Bachmann und seinen Leuten bleibt nicht viel Zeit dieses Rätsel zu lösen, denn der amerikanische Geheimdienst und der Verfassungsschutz üben Druck aus, um Karpov möglichst schnell aus dem Verkehr ziehen zu können….

 

Das ist also der letzte Film des großartigen Philip Seymour Hoffman, einem der wohl besten Schauspieler unserer Zeit, vielleicht sogar aller Zeiten, dessen tragischer Tod im Februar 2014 auch heute noch eine enorme und nicht zu füllende Lücke in der Filmwelt hinterlässt. Ein Charakterkopf mit einer unglaublichen Präsenz auf der Leinwand, extrem wandlungsfähig und mit dem geradezu magischen Talent gesegnet den Zuschauer nahezu völlig zu vereinnahmen mit seinen differenzierten Darbietungen, und seien es nur Nebenrollen. Ein Mann, der buchstäblich alles spielen konnte, ein Meister seines Fachs. Leider ist A Most Wanted Man nicht ganz der würdige letzte Akt, den man sich vielleicht für sein Abtreten gewünscht hätte, ein solider Film, ja, sogar ein guter in seinem Genre, und Hoffman ist auch hier herausragend, aber es ist sicher nicht seine beste Arbeit, es ist kein Capote, kein The Master, kein Magnolia, kein Synecdoche, New York, kein 25th Hour.

 

 

 

„Have you ever seen blood on the street?”

 

 

 

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von John le Carré durch den niederländischen Regisseur Anton Corbijn ist bestimmt von sprödem Realismus anstatt von dramatischem Effektkino. Die Geschichte wird extrem reduziert und bedächtig erzählt, beinahe schon schwerfällig, und über subtile Spannung kommt der Film selten hinaus. Die Inszenierung ist nicht allzu dynamisch geraten, dafür aber sehr präzise. A Most Wanted Man ist keine actionreiche Agentenhatz der Marke Hollywood, er ist mehr Dame, König, Ass, Spion als Mission: Impossible, mehr Der ewige Gärtner als die Jason Bourne-Reihe, mehr Der Ghostwriter als James Bond. Die Spionage wird hier als Alltag und wenig abenteuerlich und schon gar nicht romantisch geschildert, sie ist langweilig und mühsam, kostet viel Zeit und Geduld, ist zermürbend, vereinnahmt die Privatleben aller Beteiligten und ist nicht selten einfach nur von Glück und Zufall bestimmt. Entsprechend angelegt ist dann auch die von Philip Seymour Hoffman verkörperte Figur des Günther Bachmann als Mann an der Schwelle vom enttäuschten, aber noch aufrechten Idealisten hin zum resignierten Zyniker, ein Gewohnheitstrinker, der zuviel raucht und nahezu völlig isoliert und nur für den Job lebt, soziale Kontakte außerhalb seiner Arbeit gibt es keine.

 

A Most Wanted Man wurde in Hamburg gedreht, teilweise auch in Deutschland produziert und finanziert und mit zahlreichen deutschen Schauspielern wie Daniel Brühl, Nina Hoss, Kostja Ullmann, Martin Wuttke oder Rainer Bock besetzt. Corbijn fängt Hamburg in tristen und kühlen Bildern ein, was ganz wunderbar zur restlichen Atmosphäre des Films passt und das Geschehen auf der Leinwand eine realitätsnahe Wirkung haben lässt. Zudem achtet Corbijn sehr akribisch auf Details, verliert sich manchmal vielleicht sogar etwas zu viel in ihnen und der Bedeutung, die er ihnen beimisst. Allerdings lässt er Philip Seymour Hoffman genügend Raum, damit dieser sich entfalten kann, gerade in den Szenen mit Bachmann verweilt die Kamera oft auf ihm, und letztlich ist es auch allein Hoffman, der den Film trägt. Im Übrigen kann ich das häufig herangezogene Argument, die Schauspieler würden lustlos agieren, nicht teilen. Vieles ist einfach dem Umfeld geschuldet in dem der Film spielt, seine Figuren sind ausgebrannt, desillusioniert, leer und ausgelaugt von ihrer Arbeit, sie haben keine anderen sozialen Kontakte als den Job, kein eigenes Leben mehr, wirken also auch matt und verbraucht. Gerade Willem Dafoe und Rachel McAdams allerdings bleiben dann doch hinter den Erwartungen zurück, da wäre mehr drin gewesen, aber Robin Wright gibt als intrigante Beobachterin der CIA eine gute Figur ab. Nina Hoss hat auch einen starken Part und Daniel Brühl vielleicht etwas zu wenig Screetime um glänzen zu können. Der von Herbert Grönemeyer, der auch eine kleine Rolle im Film hat, beigesteuerte Soundtrack ist stimmungsvoll und nicht zu aufdringlich. Also eigentlich alles gut. Am Ende stolpert A Most Wanted Man dann aber doch über seinen Regisseur. Corbijn kommt ursprünglich aus dem Bereich der Fotografie und später dann dem der Musikvideos und seine vorigen Regiearbeiten Control und The American tragen deutlich seine Handschrift. Das Visuelle ist ganz eindeutig seine Kernkompetenz und auch sein neuester Film ist seiner ganz eigenen Ästhetik unterworfen, gerade als Fotograf ist ihm die Bildkomposition deutlich wichtiger als die Inhalte und das Erzählen einer Geschichte. Allerdings kann ein Spionagefilm so nur bedingt funktionieren, liegt doch in dem Genre der Schwerpunkt eher auf der Story und dem Drehbuch, nur über Bilder ist es schwierig, einen solchen Stoff umzusetzen. Eine Verlagerung von Ästhetik hin zu mehr Inhalt hätte dem Film sehr gut getan.

 

Am Ende ist A Most Wanted Man ein solider Film, innerhalb seines Genre sogar ein guter, mit handwerklichen Schwächen in der Inszenierung, zurückhaltend und subtil erzählt und einem guten Gespür für Details. Einen actionreichen Reißer a la James Bond und seinen zahlreichen Epigonen sollte man daher nicht erwarten. Die Leistung von Philip Seymour Hoffman gehört sicher nicht zu seinen besten, ist aber immer noch um Längen besser als die der meisten anderen Schauspieler da draußen und kann am Ende den Film nochmal in der Wertung ordentlich nach oben drücken und einige Schwächen vergessen lassen. Besonders erwähnenswert ist die allerletzte Szene, sie ist die vielleicht stärkste im ganzen Film und setzt einen unglaublich guten Schlusspunkt, letztlich auch irgendwie unter das Leben und den Tod von Philip Seymour Hoffman und zurück bleibt ein ganz eigenartiges Gefühl, eine seltsame Stimmung, die noch eine Weile nach klingt.

 

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