Calvaire

17. Juni 2017 at 12:27

 

 

© Mars Distribution

 

 

Der drittklassige Sänger und Entertainer Marc Stevens tingelt mit seinem Kleinbus durch das französische Hinterland auf dem Weg Richtung Süden zu einer großen Weihnachtsgala, als sein Wagen während einer regnerischen Nacht mitten im Wald den Geist aufgibt. Nach einiger Zeit und dank der Hilfe des seinen ausgerissenen Hund suchenden Boris erreicht er den Gasthof von Bartel, der ihn freundlich und zuvorkommend empfängt, ihm ein Zimmer gibt, Essen macht und sogar anbietet, sein Auto zu reparieren. Doch je länger Marcs Aufenthalt an diesem seltsamen Ort dauert, desto bewusster wird ihm, dass irgendetwas  nicht stimmt.

 

A singer’s car breaks down deep in the woods. So fasst IMDb den Plot von Calvaire zusammen…. Das Cover der DVD spricht von der Speerspitze des modernen europäischen Horrorfilms… Kann man beides machen, es trifft aber nicht mal ansatzweise auch nur den gröberen Rahmen des Filmes und nichts könnte ferner seines wahren Kernes sein. Alle paar Jahre kommt mal ein Film um die Ecke und streift meinen Horizont, von dessen Existenz und Nischendasein ich nichts wusste, der mich aber tief ins Mark trifft und wahrlich erschüttert. Zuletzt war Kill List von Ben Wheatley so ein Film, und nun ist es Calvaire vom belgischen Regisseur Fabrice Du Welz. Ein Film, dessen eigenwillige, seltsam spröde wie sperrige und bedrückende Atmosphäre mich schon gleich von Beginn an zu packen wusste, nicht ahnend, was da noch alles auf mich zukommen sollte. Und am Ende dieser bizarren Tour de Force blieb bei mir nur eine Frage: was, zum Teufel, hab ich da gerade eben gesehen? Einen Horrorfilm, Backwood-Slasher oder gar Torture Porn, wie man mancherorts lesen kann, jedenfalls nicht, denn über deren arg limitierte Genregrenzen geht Calvaire weit hinaus. Zwar bedient sich der Film bekannter Bilder und Motive, doch auf der inhaltlichen Ebene hat er wenig bis gar nichts mit konventionellen Vertretern des Genres zu tun. Zugegeben, die Prämisse und die fortschreitende Handlung erinnern zumindest oberflächlich betrachtet an bekannte Klassiker und Du Welz zitiert bewusst Filme wie Deliverance, Texas Chainsaw Massacre oder Straw Dogs, es wird jedoch schnell offensichtlich, dass er sich keineswegs an alten und etablierten Mustern und Zutaten abarbeiten will. Die Dorfbewohner im Film sind keine Hinterwäldler, keine tumbe, inzestgeschädigte Bande von mordenden Psychos wie wir es heute geradezu gewohnt sind, sondern verirrte Seelen, einsam, voller Frust, zerfressen von Erniedrigung und Zurückweisung, gequält von Verlusten. Das sind zugleich die zentralen Themen des Filmes, denn Marc ist letztlich kaum mehr als eine leere Leinwand, eine Projektionsfläche für beinahe jeden, dem er begegnet, für dessen Sehnsüchte, Wünsche, Träume, Begierden.

 

Die Figur des Bartel, verlassen von seiner Frau Gloria und daran verzweifelt, ist da vielleicht das beste Beispiel, bei weitem aber nicht das einzige. Eine ständige Variation des immer gleichen Motives: Marc, der für jemanden gehalten wird, der er nicht ist und auch niemals sein könnte. Frustration und Selbsthass zwingen Bartel in einen Wahn und seine Frau, die ihn vermutlich auch mit anderen Dorfbewohnern betrogen hat, soll nun für immer bei ihm bleiben. Marc als Erlöser, als Heilsbringer, ja, als eine krude Jesus-Variante im tiefsten winterlichen Hinterland. Letztlich ist Calvaire auch genau das, eine Allegorie auf den Leidensweg Jesus Christus (der Titel ist diesbezüglich nicht zufällig gewählt und an die zahlreichen Kalvarienberge angelehnt, die den Katholiken als religiöse Andachtsstätten dienen), versteckt unter dem Deckmantel der 70er und 80er Backwood-Streifen, festgehalten in einer grobkörnigen 16mm-Ästhetik und von bedrückender, unbehaglicher Atmosphäre, ausgekleidet mit düsteren und trostlosen Bildern, die im Zuge der fortschreitenden Handlung jedoch immer surrealer werden und in Irrsinn und Albtraum abgleiten. Mir fällt es zugegebenermaßen ein wenig schwierig, all meine Empfindungen in Bezug auf Calvaire in Worte zu kleiden, ein Film, der mich gleichsam fasziniert wie abstößt, verstört und verwirrt, der mich irritiert, überrascht aufgrund seiner fundamentalen Andersartigkeit und tief in mir Unbehagen auslöst. Ein Film, bevölkert von skurrilen Figuren, die ausnahmslos den Verlust eines geliebten Wesens  beklagen – egal, ob Jugend, Gott, Mensch oder Tier. Ein Film, dessen Protagonist als Sänger nur Lieder zu kennen scheint, die von sehnsuchtsvoller, unerfüllter Liebe handeln. Ein Film, der absolut sehenswert, aber auch schwer zu verdauen ist, einer, nachdem man sich schmutzig fühlt. Calvaire ist eine Reise ganz tief in menschliche Abgründe und in die finstersten Winkel unserer Wünsche, Sehnsüchte und Träume.

 

8 von 10 quiekenden Säuen