Shortcut Vol. IV: Message from the King

10. September 2017 at 12:45

 

 

© Netflix

 

 

 

Jacob King fliegt von Südafrika nach Los Angeles, um das Verschwinden seiner Schwester Bianca aufzuklären. Mit nur ein paar Hundert Dollar in der Tasche und einem Rückflugticket in wenigen Tagen ausgestattet, macht er sich völlig ohne Anhaltspunkte außer ihrem Wohnort oder sich in L.A. auszukennen auf die Suche nach ihr, nur um schon bald in einen Strudel aus Drogen und Gewalt zu geraten.

 

Regisseur Fabrice Du Welz hat 2004 mit Calvaire einen Film gedreht, welchen ich zwar erst sehr viel später für mich entdecken sollte, der mich aber dafür auch nachhaltig verstören sollte. Umso größer war dann meine Vorfreude als bekannt wurde, dass Netflix ihn für den Actionthriller Message from the King gewinnen konnte. Zwar fällt sein neuester Film deutlich konventioneller aus als Calvaire, ist wie für das Genre des Rachethrillers oftmals üblich schnörkellos, trocken und auf den Punkt inszeniert und nutzt etablierte Formeln der Handlung für sich, kann aber dennoch durch die eine oder andere kleinere Wendung eher ungewöhnlicher Natur glänzen und offenbart im letzten Drittel durchaus unangenehme Bilder. Lange bewegt sich Message from the King in ganz klassischen Strukturen seines Genres, wenn Jacob King mit seinen Nachforschungen ganz unten anfängt, sich Stück für Stück in der Hierarchie der hiesigen Unterwelt nach oben arbeitet und mir fortschreitender Handlung eine Spirale der Gewalt entfesselt. Auch das erzählerische Tempo zieht nach und nach immer weiter an, nur um im finalen Akt zu eskalieren, wenn sämtliche Dramaturgie des Filmes auf einen einzigen Punkt hin zusteuert und sich die verschiedenen  Handlungsstränge in einem finsteren Schlussakkord plötzlich zusammenfügen. So ist Message from the King eigentlich sogar ziemlich clever konstruiert, wenn Du Welz den Zuschauer recht lange an der Nase herumführt und seinen Film lediglich oberflächlich als konventionell erscheinen lässt, nur um in letzten Akt Erwartungshaltungen zu unterlaufen und dann doch noch den von ihm gewohnten Irrsinn aufblitzen zu lassen. Das ist ein hübscher Balanceakt, den Du Welz da vollführt, welchem ich auch auf den Leim gegangen bin, nur um dann im Finale tatsächlich überrascht worden zu sein. Somit ist Message from the King zwar über weite Strecken nach den konventionellen Erzählmustern seines Genre des Rachethrillers gestrickt, variiert aber doch zumindest Nuancen so fein, dass man es zunächst kaum bemerkt, bis Du Welz im letzten Akt die Tür aufreißt und den Wahnsinn doch noch Einzug halten lässt.

 

7 von 10 zweckentfremdeten Fahrradketten

 

 

Calvaire

17. Juni 2017 at 12:27

 

 

© Mars Distribution

 

 

Der drittklassige Sänger und Entertainer Marc Stevens tingelt mit seinem Kleinbus durch das französische Hinterland auf dem Weg Richtung Süden zu einer großen Weihnachtsgala, als sein Wagen während einer regnerischen Nacht mitten im Wald den Geist aufgibt. Nach einiger Zeit und dank der Hilfe des seinen ausgerissenen Hund suchenden Boris erreicht er den Gasthof von Bartel, der ihn freundlich und zuvorkommend empfängt, ihm ein Zimmer gibt, Essen macht und sogar anbietet, sein Auto zu reparieren. Doch je länger Marcs Aufenthalt an diesem seltsamen Ort dauert, desto bewusster wird ihm, dass irgendetwas  nicht stimmt.

 

A singer’s car breaks down deep in the woods. So fasst IMDb den Plot von Calvaire zusammen…. Das Cover der DVD spricht von der Speerspitze des modernen europäischen Horrorfilms… Kann man beides machen, es trifft aber nicht mal ansatzweise auch nur den gröberen Rahmen des Filmes und nichts könnte ferner seines wahren Kernes sein. Alle paar Jahre kommt mal ein Film um die Ecke und streift meinen Horizont, von dessen Existenz und Nischendasein ich nichts wusste, der mich aber tief ins Mark trifft und wahrlich erschüttert. Zuletzt war Kill List von Ben Wheatley so ein Film, und nun ist es Calvaire vom belgischen Regisseur Fabrice Du Welz. Ein Film, dessen eigenwillige, seltsam spröde wie sperrige und bedrückende Atmosphäre mich schon gleich von Beginn an zu packen wusste, nicht ahnend, was da noch alles auf mich zukommen sollte. Und am Ende dieser bizarren Tour de Force blieb bei mir nur eine Frage: was, zum Teufel, hab ich da gerade eben gesehen? Einen Horrorfilm, Backwood-Slasher oder gar Torture Porn, wie man mancherorts lesen kann, jedenfalls nicht, denn über deren arg limitierte Genregrenzen geht Calvaire weit hinaus. Zwar bedient sich der Film bekannter Bilder und Motive, doch auf der inhaltlichen Ebene hat er wenig bis gar nichts mit konventionellen Vertretern des Genres zu tun. Zugegeben, die Prämisse und die fortschreitende Handlung erinnern zumindest oberflächlich betrachtet an bekannte Klassiker und Du Welz zitiert bewusst Filme wie Deliverance, Texas Chainsaw Massacre oder Straw Dogs, es wird jedoch schnell offensichtlich, dass er sich keineswegs an alten und etablierten Mustern und Zutaten abarbeiten will. Die Dorfbewohner im Film sind keine Hinterwäldler, keine tumbe, inzestgeschädigte Bande von mordenden Psychos wie wir es heute geradezu gewohnt sind, sondern verirrte Seelen, einsam, voller Frust, zerfressen von Erniedrigung und Zurückweisung, gequält von Verlusten. Das sind zugleich die zentralen Themen des Filmes, denn Marc ist letztlich kaum mehr als eine leere Leinwand, eine Projektionsfläche für beinahe jeden, dem er begegnet, für dessen Sehnsüchte, Wünsche, Träume, Begierden.

 

Die Figur des Bartel, verlassen von seiner Frau Gloria und daran verzweifelt, ist da vielleicht das beste Beispiel, bei weitem aber nicht das einzige. Eine ständige Variation des immer gleichen Motives: Marc, der für jemanden gehalten wird, der er nicht ist und auch niemals sein könnte. Frustration und Selbsthass zwingen Bartel in einen Wahn und seine Frau, die ihn vermutlich auch mit anderen Dorfbewohnern betrogen hat, soll nun für immer bei ihm bleiben. Marc als Erlöser, als Heilsbringer, ja, als eine krude Jesus-Variante im tiefsten winterlichen Hinterland. Letztlich ist Calvaire auch genau das, eine Allegorie auf den Leidensweg Jesus Christus (der Titel ist diesbezüglich nicht zufällig gewählt und an die zahlreichen Kalvarienberge angelehnt, die den Katholiken als religiöse Andachtsstätten dienen), versteckt unter dem Deckmantel der 70er und 80er Backwood-Streifen, festgehalten in einer grobkörnigen 16mm-Ästhetik und von bedrückender, unbehaglicher Atmosphäre, ausgekleidet mit düsteren und trostlosen Bildern, die im Zuge der fortschreitenden Handlung jedoch immer surrealer werden und in Irrsinn und Albtraum abgleiten. Mir fällt es zugegebenermaßen ein wenig schwierig, all meine Empfindungen in Bezug auf Calvaire in Worte zu kleiden, ein Film, der mich gleichsam fasziniert wie abstößt, verstört und verwirrt, der mich irritiert, überrascht aufgrund seiner fundamentalen Andersartigkeit und tief in mir Unbehagen auslöst. Ein Film, bevölkert von skurrilen Figuren, die ausnahmslos den Verlust eines geliebten Wesens  beklagen – egal, ob Jugend, Gott, Mensch oder Tier. Ein Film, dessen Protagonist als Sänger nur Lieder zu kennen scheint, die von sehnsuchtsvoller, unerfüllter Liebe handeln. Ein Film, der absolut sehenswert, aber auch schwer zu verdauen ist, einer, nachdem man sich schmutzig fühlt. Calvaire ist eine Reise ganz tief in menschliche Abgründe und in die finstersten Winkel unserer Wünsche, Sehnsüchte und Träume.

 

8 von 10 quiekenden Säuen