Cruising

21. März 2015 at 16:27

 

 

Cruising (1980)
Cruising poster Rating: 6.3/10 (11,235 votes)
Director: William Friedkin
Writer: William Friedkin, Gerald Walker (novel)
Stars: Al Pacino, Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox
Runtime: 102 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama, Mystery
Released: 1980-02-15
Plot: A police detective goes undercover in the underground S&M gay subculture of New York City to catch a serial killer who is preying on gay men.

 

 

 

„What I’m doing is affecting me.”

 

 

 

Ein Serienmörder geht in der Homosexuellenszene des New York der 80er Jahre um, immer wieder werden Leichen oder Leichenteile gefunden. Der Polizist Steve Burns wird als Undercover – Cop in die Szene eingeschleust, weil er äußerlich in das offensichtliche Beuteschema des Killers passt und den Opfern sehr ähnlich sieht. Einmal tief genug in diese ihm so fremde Welt vorgedrungen, verliert er sich mehr und mehr in ihr und wird letztlich mit seinen ganz eigenen Dämonen konfrontiert, während seine Beziehung daran zu zerbrechen droht…

 

William Friedkin war noch nie ein Regisseur, der auf Nummer sicher ging, Filme wie French Connection, Der Exorzist, Leben und Sterben in L.A. oder zuletzt Killer Joe sind provokant und innovativ, sie polarisieren und verstören zum Teil sogar. Cruising bildet da absolut keine Ausnahme, ist er doch vielleicht sogar sein gewagtester Film. Sowohl die Dreharbeiten selbst, die sogar sabotiert werden sollten und auch wurden, als auch die Veröffentlichung von Cruising wurden überschattet von Protesten aus allen möglichen Lagern, von der homosexuellen Community, die sich falsch dargestellt sah und dem Film Homophobie unterstellte, von der Politik, von den Kritikern und vom Publikum, die sich vor den Kopf gestoßen fühlten, von rückwärts gewandten Hardlinern. Zudem musste Friedkin seinen fertigen Film mehrfach umschneiden und nicht gerade wenige Minuten des Materials fielen der Schere zum Opfer, anderenfalls wäre Cruising nicht veröffentlicht worden. Was auch erklärt, warum der Film stellenweise oft so fragmentarisch und zerrissen wirkt und die Deutungsebenen zahlreich sind.

 

Cruising hinterlässt sehr ambivalente Gefühle bei mir, denn das Drehbuch pendelt zwischen Thriller und Milieustudie hin und her. Als Thriller ist der Film jedoch erstaunlich konventionell und mittelmäßig geraten, die Story vom Undercover – Cop, der sich zusehends mehr und mehr in der von ihm infiltrierten Welt verliert, ist auch 1980 keine neue Idee und schon vielfach in den unterschiedlichsten Facetten da gewesen. Diese Story dann einzubetten in eine sehr spezielle Szene, die damals sicherlich fremd und schockierend, möglicherweise gar verstörend wirkte, macht das Ganze auch nicht innovativer. Zudem gerät die eigentliche Jagd nach dem Killer immer mehr in den Hintergrund, ab ungefähr der Hälfte der Laufzeit spielt sie kaum noch eine Rolle und der Film konzentriert sich mehr auf Pacino und das Milieu, in welchem er sich bewegt, wie es beginnt, ihn immer stärker anzuziehen, ihn zu verändern. Zum Ende hin wirkt Cruising zunehmend wirr und konfus und verliert immer mehr seinen roten Faden. Hier merkt man dann doch sehr stark, dass der Film mehrfach umgeschnitten werden musste, um eine Freigabe zu bekommen, und in seiner ursprünglichen Fassung deutlich länger war. Als Milieustudie und Abbild einer pulsierenden und schillernden Szene jedoch ist Cruising seltsam faszinierend und ausgesprochen gelungen. Friedkins Blick auf diese Subkultur ist auffällig düster und fatalistisch, dennoch wirkt der Vorwurf der Homophobie heute fehl am Platze. Seine Inszenierung ist oft sehr explizit, detailgetreu und angenehm differenziert und dadurch alles andere als homophob. Der Film zeigt eine verschworene Gemeinde mit all ihren Codes und Ausprägungen, eine Welt für Hartgesottene, voller Leder und SM, er schert sich wenig um bürgerlich lebende Homosexuelle, sondern wirft vielmehr ein Licht auf ein ausschweifendes Nachtleben abseits biederer Fassaden. Gerade in diesen Szenen, wenn die Kamera durch die New Yorker Nacht mit all ihren Clubs und Parties streift wie Pacinos Undercover – Cop durch diese ihm so fremde Welt, ist Cruising atmosphärisch ungemein dicht.

 

 

 

„There’s a lot you don’t know about me.”

 

 

 

Wie bereits erwähnt fällt Cruising als Thriller sehr konventionell und eher mittelmäßig aus, was gerade bei Friedkin doch sehr überrascht, ist man von ihm als Regisseur doch ganz andere Filme gewohnt. Die Handlung lebt größtenteils von der bizarr anmutenden Szenerie, in die sie eingebettet wurde, von den vermeintlichen Tabubrüchen, die sie 1980 sicherlich auch waren. Klammert man diese jedoch aus, und das muss man, nach 35 Jahren haben sich unsere Sehgewohnheiten deutlich verändert und in unserem heutigen Kontext schockiert die Thematik einfach nicht mehr so sehr, bleibt lediglich ein 08/15 – Thriller mit einer zu Grunde liegenden Story, die man so schon dutzend Mal gesehen hat. Immer dann, wenn Friedkin das gewohnte Thriller – Terrain verlässt, wenn die Jagd nach dem Killer in den Hintergrund und beinahe sogar in Vergessenheit gerät, wenn der Film wieder mehr in Richtung Milieustudie ausschlägt, dann wird Cruising richtig gut. Pacino ist wie beinahe immer zu der Zeit grandios, sein unterkühltes und zurückhaltendes Schauspiel passt perfekt in den Kontext des Films, die Identitätskrise seiner Figur lässt sich oft nur erahnen als offen erkennen, er wirkt sehr kontrolliert und nur ein oder zwei Mal hat man kurz das Gefühl, er könnte die Fassung verlieren, dass da doch mehr unter der Oberfläche brodelt. Interessant ist auch, dass Burns für diesen Auftrag nur aufgrund seiner Ähnlichkeiten mit den bisherigen Opfern ausgewählt wird und nicht wegen seiner Fähigkeiten als Polizist, vielleicht auch ein Fingerzeig auf eine Welt, die ausgesprochen oberflächlich ist. Die Zerrissenheit des Films lässt letztlich auch viele Deutungsebenen zu. Gibt es möglicherweise mehr als nur einen Killer? Sollte es vielleicht niemals nur ein Killer sein? Ist es sogar Burns selbst? Wenn ja, war er es schon immer, oder wurde er erst im Zuge seiner Ermittlungen dazu? Alles mögliche Lesarten des Subtexts, aber nichts davon wird konkret beantwortet.  Wer will kann sogar den scheinbar willkürlich mordenden Serienkiller innerhalb einer sexuell hemmungslos agierenden Welt als Vorboten von AIDS sehen. Friedkin schweigt sich im Nachhinein zu all den Theorien und Deutungsversuchen aus, der Zuschauer muss da schon selbst versuchen, sich ein Bild zu machen. Angeblich sollen die fehlenden Filmminuten mehr Licht ins Dunkel bringen, aber wer weiß das schon. Am Ende bleibt ein seltsam faszinierendes Filmerlebnis, das immer dann besonders stark ist, wenn die Thriller – Handlung in den Hintergrund rückt und sich die Story auf das Milieu selbst beschränkt.

 

7 von 10 Lederjacken auf nackter Haut