Eternal Sunshine of the Spotless Mind (Vergiss mein nicht!)

10. Mai 2015 at 15:40

 

 

 

Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004)
Eternal Sunshine of the Spotless Mind poster Rating: 8.4/10 (561,264 votes)
Director: Michel Gondry
Writer: Charlie Kaufman (story), Michel Gondry (story), Pierre Bismuth (story), Charlie Kaufman (screenplay)
Stars: Jim Carrey, Kate Winslet, Gerry Robert Byrne, Elijah Wood
Runtime: 108 min
Rated: R
Genre: Drama, Romance, Sci-Fi
Released: 19 Mar 2004
Plot: When their relationship turns sour, a couple undergoes a procedure to have each other erased from their memories. But it is only through the process of loss that they discover what they had to begin with.

 

 

 

“How happy is the blameless vestal’s lot!
The world forgetting, by the world forgot.
Eternal sunshine of the spotless mind!
Each pray’r accepted, and each wish resign’d.”

 

 

 

Obwohl Joel und Clementine kaum unterschiedlicher sein könnten, er schüchtern, introvertiert und eher rational veranlagt, sie impulsiv, spontan, ein bisschen verrückt und manchmal etwas launenhaft, sind sie seit zwei Jahren ein Paar mit allen Höhen und Tiefen. Bis Clementine Joel nach einem Streit verlässt, endgültig und mit aller Konsequenz, lässt sie sich doch von Dr.Mierzwiack durch dessen neuartige Methode sämtliche Erinnerungen an ihn aus dem Gedächtnis löschen. Als Joel davon erfährt, bricht seine Welt vollends zusammen, wollte er sie doch eigentlich noch um eine zweite Chance bitten, und jetzt erkennt sie ihn nicht einmal mehr. Erst ungläubig, dann verletzt und wütend, will er es ihr gleich tun und sucht seinerseits Dr. Mierzwiack auf, um Clementine ebenfalls für immer zu vergessen. Während dieser Prozedur der Löschung seiner Erinnerung an sie durchlebt er viele Momente ihrer gemeinsamen zwei Jahre erneut und muss erkennen, dass er sie eigentlich gar nicht vergessen will und dass er sie immer noch liebt, doch es ist ihm nicht möglich, sich bemerkbar zu machen und den Prozess aufzuhalten…

 

Eternal Sunhine of the Spotless Mind – welch wundervoller Titel, vor allem in Bezug auf das eingangs zitierte Gedicht Eloisa to Abelard von Alexander Pope, aus dem diese Zeilen stammen. Lässt der deutsche Titel dagegen – Vergiss mein nicht! – doch nur wieder eine weitere oberflächliche, dümmliche und kitschige Liebesgeschichte der Marke Hollywood erwarten, könnte man damit kaum weiter daneben liegen. Auch Jim Carrey in der Hauptrolle lässt nur falsche Vermutungen anstellen und führt in eine völlig verkehrte Richtung. Der Mann hat schon mehrfach bewiesen, dass er sehr viel mehr kann als nur Grimassen ziehen, man denke da nur an The Truman Show oder Man on the Moon, in denen er eindrucksvoll sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellt, es gerät nur allzu gern in Vergessenheit. Kate Winslet? Es hat vielleicht auch jetzt noch nicht jeder mitbekommen, dass sie sich inzwischen zu einer wirklich tollen Schauspielerin entwickelt hat, 2004 aber sicher kaum jemand. Viele Vorzeichen verweisen also in eine völlig falsche Richtung, könnten unter Umständen sogar abschreckend wirken, drängt sich doch ein bisschen der Verdacht auf, es hier nur mit einer weiteren geistlosen romantischen Komödie zutun zu haben. Stattdessen aber ist Eternal Sunshine of the Spotless Mind eine wunderschöne und zutiefst berührende Geschichte über Lieben und Entlieben, über Vergessen und Erinnern, darüber, was uns als Menschen ausmacht und was uns zu den Menschen gemacht hat, die wir sind.

 

 

 

„You look at a baby, and it’s so pure and so free and so clean. And adults are, like, this mess of sadness…and… phobias.”

 

 

 

Drehbuchautor Charlie Kaufmann und Regisseur Michel Gondry sind ein traumhaftes Team, wie sie Joel´s Innenleben zum Ausdruck bringen, seine Gedanken, Gefühle, Träume, Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Erinnerungen, so plastisch, so nachvollziehbar und so surreal zugleich, das ist ohne jeden Zweifel meisterhaft. Charlie Kaufman ist sowas wie der Drehbuchgott für Independent-Regisseure und nicht gerade bekannt dafür, Geschichten zu schreiben, welche die breite Masse der Kinogänger begeistern, dafür sind die von ihm verarbeiteten Ideen einfach zu verrückt. Drehbücher zu Filmen wie Being John Malkovich oder Adaption und eben auch Eternal Sunshine of the Spotless Mind sind skurril, abgedreht und verschachtelt, aber eben auch immer sehr präzise und mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Mittelwege oder Kompromisse gibt es bei Kaufman nicht, er biedert sich keinem Publikum an, das seine Ideen ohnehin nicht nachvollziehen könnte, dem ist er sich durchaus bewusst, auch dem, dass er aneckt, aber es ist ihm vollkommen gleichgültig. Geschichten für den Mainstream überlässt er bereitwillig anderen. In dem Franzosen Michel Gondry hat er für Eternal Sunshine of the Spotless Mind einen Regisseur an der Seite, der es ganz wunderbar versteht, wo Kaufman mit seinen Geschichten hin will und das dann auch noch in wunderschön berauschende Bilder zu übersetzen weiß. Die Zusammenarbeit der beiden war zwar nach einer Reihe von Musikvideos sein erster Spielfilm, aber bereits hier zeigt sich diese enorme Verspieltheit in der Inszenierung, die spätere Filme wie Science of Sleep, Be Kind Rewind oder Der Schaum der Tage auszeichnen.

 

Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist dann auch schlicht und ergreifend großartig inszeniert, mit wahnsinnig viel Gespür für Details und vor allem auch für Stimmungen. Obwohl die Story nicht chronologisch erzählt wird, hat man zu jeder Zeit in den einzelnen Szenen das Gefühl, nur anhand der jeweiligen Stimmung genau zu wissen, in welchem Stadium sich die Beziehung von Joel und Clementine gerade befindet. Ein großer Teil des Films spielt in Joel´s Kopf, in seiner Gedankenwelt, seinen Erinnerungen, aber eben nicht alles, ein kleiner Subplot wird parallel dazu in der Realität erzählt, aber immer wieder vermischen sich diese verschiedenen Erzählstränge. Das Gefüge der Bewusstseinsebenen ist chaotisch, Wirklichkeit, Träume, Erinnerungen und Rückblenden verwischen zu einem großen Ganzen, Personen werden scheinbar willkürlich hin und her teleportiert und tauchen plötzlich an Orten auf, an denen sie gar nicht sein können, Gesichter verblassen zusehends oder verschwinden gleich ganz, die Bild – und Tonspuren werden häufig voneinander abgekoppelt, man sieht das eine, hört aber etwas völlig anderes, Joel wechselt in seinem Kopf Raum und Zeit nach Belieben, er wandelt wie Alice durch das Wunderland seiner Erinnerungen. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der völlige Verzicht auf CGI, das heißt es gibt nicht einen einzigen computeranimierten Effekt in Eternal Sunshine of the Spotless Mind. Angesichts der ungewöhnlichen und enorm kreativen Inszenierung ist das absolut verblüffend, aber diese Flut von Bildern wird tatsächlich ganz altmodisch und von Hand zum Leben erweckt, was den Film dann auch seinen ganz eigenen, seltsam entrückten Charme haben lässt und einfach ganz wunderbar ins Gesamtbild passt.

 

 

 

„ What a loss to spend that much time with someone, only to find out that she’s a stranger.”

 

 

 

So wie die Chemie zwischen Charlie Kaufman und Michel Gondry hinter der Kamera absolut stimmig ist, so magisch ist sie vor der Kamera zwischen Jim Carrey und Kate Winslet. Sie verkörpern Joel und Clementine mit all ihren kleinen Macken und Fehlern so wunderbar authentisch, sie wirken herrlich echt und aus dem Leben gegriffen, sind menschlich durch und durch und man kann sich auch ein bisschen wiedererkennen in den beiden. Genau das macht Eternal Sunshine of the Spotless Mind erfrischend anders und gänzlich frei von Kitsch, so kann der Film überhaupt erst richtig funktionieren, denn das schafft großes Identifikationspotential. Joel und Clementine sind eben kein sonst so typisch und oberflächlich gezeichnetes Paar, wie man es doch oft aus Hollywood und seinen romantischen Komödien gewohnt ist. Sie sind nicht besonders interessant oder besonders schön, sie sind nicht reich, haben keine schicken Wohnungen und keine tollen Autos, sie sind absolut durchschnittlich mit all ihren Wünschen und Träumen, ihren Ängsten und Sorgen und ihrem Schmerz

 

Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist ein wirklich grandioser Film, wunderschön und berührend umgesetzt, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang kitschig zu sein. Er ist charmant, witzig, traurig, komplex, anspruchsvoll und befremdlich zugleich, sprudelt nur so über vor hemmungslos kreativen und verrückten Ideen und Einfällen und seine nicht chronologische Erzählstruktur zwingt den Zuschauer zu einem gewissen Maß an Aufmerksamkeit. Ein Plädoyer für das Erinnern, das bewusste Erinnern, und gegen das Vergessen, denn nichts ist nur gut oder nur schlecht, und all diese Dinge, all unsere Erlebnisse machen uns zu genau den Menschen, die wir heute sind. Sie sind ein Teil von uns, die guten und schlechten Erinnerungen, das werden sie immer sein und jede von ihnen hat ihre Berechtigung. Jeder halbwegs denkende und fühlende Mensch sollte Eternal Sunshine of the Spotless Mind mal gesehen haben.

 

10 von 10 gelöschten Erinnerungen