Howl

17. April 2016 at 17:12

 

 

© Starchild Picture/Pathé

 

 

 

„Bears don´t howl…“

 

 

 

Schaffner Joe freut sich nach einem langen Tag im Grunde schon auf seinen wohlverdienten Feierabend, als er unversehens doch noch für einen kranken Kollegen einspringen und den letzten Nachtzug begleiten muss. Als dieser dann auch noch plötzlich mit einer Notbremsung mitten in der Abgeschiedenheit der britischen Wälder zum Stehen kommt und der Zugführer unauffindbar ist, haben die wenigen Passagiere und auch Joe noch keinen Schimmer, was in der Dunkelheit dieser regnerischen Nacht auf sie lauert…

 

Howl (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film über den Dichter Allen Ginsberg und dessen Gedicht Howl und nicht mit The Howling von Regisseur Joe Dante, einem wichtigen und wegweisenden Beitrag zum Genre der Werwolf-Filme) ist nach The Seasoning House die zweite Regiearbeit des britischen Effekte – und Make-Up-Spezialisten Paul Hyett, dessen Arbeit man in Filmen wie Centurion, Doomsday oder Attack the Block bewundern kann. Nun, um es vorweg zu nehmen: Howl erfindet das Genre sicherlich nicht neu und erzählt uns auch nichts neues, aber einen solchen Anspruch hat der Film auch gar nicht. Auch wird man ihn vermutlich nicht als einen der besten Vertreter seines Genre bezeichnen, aber ein grundsolider Beitrag zu dem Thema, der auch unterhalten und Spannung generieren kann, ist der Film allemal. Dank der straffen Erzählweise und einem interessanten Setting kommt auch kaum Leerlauf oder Langeweile auf. Auch schon ohne die Bedrohung von außen ist das Szenario an sich alptraumhaft genug, mitten in der Nacht mit lauter Fremden in einem Zug festzusitzen ohne zu wissen, was überhaupt passiert ist. Zudem leistet sich Howl den Luxus, seinen Horror lange nur anzudeuten, was der Atmosphäre zu gute kommt, und konzentriert sich zunächst stark auf die Gruppe aus zusammengewürfelten Fremden, die sich nun der neuen Situation anpassen müssen. Die Angreifer bleiben lange eine eher abstrakte Bedrohung und Hyett gelingt es auf diesem Weg, Spannung und Neugier lange genug aufrecht zu halten ohne den Zuschauer mit Reizen zu bombardieren und seine stärksten Trümpfe in der Hand zu behalten statt sie, wie heute leider oft üblich, viel zu früh auszuspielen. So entpuppt sich dann letztlich auch das Monsterdesign als überraschend gelungen für einen eher kleinen Genrefilm und setzt auf ein kluges Zusammenspiel zwischen praktischen und digitalen Effekten. Hyett distanziert sich auch ganz bewusst vom sonst eher üblichen Design früherer Werwölfe der Filmgeschichte, indem er mehr menschliche Züge bei seinen Kreaturen mit einfließen lässt, die dann auch ungewöhnlich deutlich ausgeprägt sind. Das gefällt vielleicht nicht jedem, ist aber in jedem Fall mal etwas erfrischend anderes und hat durchaus auch seinen Reiz. Die Charakterzeichnung fällt da deutlich weniger ungewöhnlich aus und scheint direkt der Klischeehölle entsprungen zu sein. Die Figuren in Howl sind kaum weniger als einfache Schablonen, aber immerhin erfüllen diese ihre ihnen zu gedachten Funktionen, und Hyett gesteht ihnen wenigstens ein absolutes Minimum an (vorhersehbarer) Entwicklung zu und räumt jedem von ihnen einen eigenen Moment im Film ein. Dass das unterm Strich immer noch zu wenig ist, ist klar, so aber auch zu erwarten in einem kleinen Genrefilm. Natürlich ist all das formelhaft erzählt, Hyett versteht es aber durchaus auch Atmosphäre und Spannung zu generieren und baut genügend kleine Abwandlungen vom erzählerischen Korsett in seinem Film ein, damit es unterhaltsam bleibt. Schauspielerisch bietet Howl allenfalls Mittelmaß. Sean Pertwee ist zwar noch der bekannteste Darsteller im Cast, hat aber erstaunlich wenig screen time. Ed Speleers kennt man sonst wohl nur noch aus Eragon und vielleicht noch aus A Lonely Place to Die, das war es dann aber auch. Der Rest läuft eindeutig unter ferner liefen, erfüllt aber immerhin seinen Zweck und bietet keine drastischen Ausreißer nach unten hin. Was man vom Drehbuch nicht immer unbedingt behaupten kann, denn das eine oder andere, mal größere, mal kleinere Logikloch leistet es sich trotz des sehr begrenzten Settings dann doch. Allein schon die Prämisse selbst ist im Zeitalter von Smartphone und WLan doch arg konstruiert und unglaubwürdig, das muss man so erstmal schlucken. Glücklicherweise machen die Vorzüge von Howl solche Schnitzer relativ schnell wieder vergessen.

 

Auf den Punkt gebracht ist Howl am Ende ein grundsolider Film innerhalb seines Genre und will auch gar nicht mehr sein als genau das. Hyett macht ebenso viel richtig wie falsch und erschafft mit seinem Zweitling einen durchaus ansehnlichen Film, der Spannung und Atmosphäre erschaffen kann und kurzweilig zu unterhalten weiß. Die formelhafte Erzählstruktur und Logikfehler werden durch ein gelungenes Monsterdesign und einigen kleinen, eher ungewöhnlichen Einfällen wieder ausgeglichen. Sicherlich kein allzu großer Wurf, aber ein Reinfall ist Howl keineswegs und man darf sich durchaus auf den Film einlassen ohne Gefahr zu laufen, einen Rohrkrepierer zu sehen.

 

6 von 10 blutverschmierten Äxten