La isla mínima (Mörderland/Marshland)

22. Januar 2017 at 18:56

 

 

  © Warner Bros.

 

 

 

Das faschistische Regime Francos ist eben erst zu Ende gegangen und die Demokratie in Spanien noch neu, als 1980 der junge Polizist Pedro von Madrid ins andalusische Sumpfland strafversetzt wird, um dort das Verschwinden zweier Mädchen aufzuklären. Ihm zur Seite steht der erfahrene Kollege Juan, mit dessen Methoden und Ansichten Pedro jedoch so seine Probleme hat. Die Ermittlungen der beiden kommen jedoch nicht so recht voran, stoßen sie doch im Dorf Villafranco del Guadalquivir auf eine Mauer des Schweigens und offene Ablehnung. Schnell wird ihnen bewusst, dass ihre Anwesenheit dort alles andere als erwünscht ist.

 

Das spanische Kino hat in den vergangenen Jahren immer mal wieder kleine Perlen hervorgebracht. Werke wie Bosque de sombras (Backwoods), Los cronocrímenes (Timecrimes), Mientras duermes (Sleep Tight) oder Toro sind zwar allesamt reine Genrefilme, aber jeder einzelne ist auch absolut sehenswert und kann bedenkenlos empfohlen werden. Gleich vorweg: ja, es gibt sie, die Parallelen zwischen Alberto Rodríguez Film La isla mínima und dem düsteren Serien-Monolithen True Detective aus der Feder von Nic Pizzolatto, aber eine allzu große Rolle spielen sie zumindest in meinen Augen nicht, beschränken sie sich doch lediglich auf das ähnliche Setting und kleinerer inhaltlicher Gemeinsamkeiten. Schon die politische Dimension von La isla mínima unterscheidet den Film von Alberto Rodríguez von der ersten Staffel True Detective deutlich, denn er nutzt seinen relativ simplen und überraschungsarm gestalteten Krimiplot lediglich als Vehikel, um unter dessen Oberfläche tiefsitzende Traumata der spanischen Gesellschaft aufzuarbeiten. Nicht unähnlich den Arbeiten von Guillermo del Toro, welcher den Faschismus in Spanien unter Franco und den frühen Bürgerkrieg immer wieder in seine Filme einwebt – El laberinto del fauno (Pan´s Labyrinth) und El espinazo del diablo (The Devil´s Backbone) sind da noch die offensichtlichsten Beispiele – befasst sich auch Rodríguez mal mehr, mal weniger offensichtlich mit den tiefen Wunden dieser Zeit.

 

Die Uhren auf dem Land gehen etwas langsamer als in der Großstadt. Die Demokratie existiert zwar nun schon fünf Jahre in Spanien, aber in den Köpfen der Landbevölkerung hat sich bisher nur sehr wenig geändert. So stoßen Pedro und Juan schon bei ihrer Ankunft in Villafranco del Guadalquivir auf unverhohlene Ablehnung und eine eisige Mauer des Schweigens, während die Gesichter der Bewohner von Resignation, Angst und Verzweiflung geprägt sind. Das Dorf wie auch die Köpfe seiner Einwohner sind noch immer durchdrungen von Franco und seinem Regime, es ist allgegenwärtig, in den Häusern, an den Wänden, im Schweigen. Und auch Pedro und Juan selbst spiegeln diese gesellschaftlichen Gräben auf ihre Art und Weise wieder. Pedro ist jung, er repräsentiert den Fortschritt, auch politisch, sowie den unbedingten Willen zur Veränderung, zum Aufbrechen verkrusteter Strukturen. Mit Juan kommt er nur bedingt zu Recht, ist dieser doch der ältere, erfahrenere, aber auch abgebrühtere, der immer noch im Schatten der faschistischen Vergangenheit lebt und das Festhalten an eben jenen Strukturen symbolisiert, die Pedro so verabscheut. Auch dessen ruppige Methoden im Zuge der Ermittlungen, im Rahmen derer Juan auch nicht vor Gewalt zurückschreckt, liegen ihm nicht und sind ihm ebenso ein Dorn im Auge wie dessen übermäßiger Alkoholkonsum. So funktionieren die beiden auf beruflicher Ebene zwar zusammen, darüber hinaus besteht wenig Interesse daran, zumindest zu versuchen, den anderen zu verstehen. Insofern ist Pedro dann auch Sinnbild für die junge Demokratie in Spanien, welche die Schreckensherrschaft unter Franco lieber verdrängen als aufarbeiten möchte, um sich schnell einer besseren Zukunft zuwenden zu können.

 

Atmosphärisch ist das alles sehr dicht inszeniert in drückenden und brodelnden Bildern, welche die flirrende Hitze und feuchte Schwüle spürbar machen und immer wieder die Isolation der beiden Polizisten in diesem kleinen Dorf, in dieser geschlossenen und im Leid vereinten Gemeinschaft unterstreichen. Geschwiegen wird hier viel, gesprochen nur sehr wenig. Erzählerisch kommt La isla mínima unglaublich langsam daher, bedächtig, manchmal geradezu lethargisch. Immer wieder scheint der auf der inhaltlichen Ebene eher dünne Plot regelrecht zu verharren, still zu stehen, sich im Kreis zu drehen. Wie die Dorfbewohner auch erstarrt sind in ihrem Leben. Ein surreal anmutendes Element sind die immer wieder eingestreuten und gerade zu Beginn des Filmes oft verwendeten Luftaufnahmen der südspanischen Landschaft, eine Vogelperpektive, welche topografische Tableaus entwirft. Das Sumpfland rund um den Fluss Guadalquivir, seine feinen Verästelungen und wie er den Menschen ihren Lebensraum streitig macht und abtrotzt, das steht letztlich auch als Sinnbild für den Faschismus unter Franco, der nach wie vor ebenso tief verwurzelt in den Köpfen der Menschen steckt. Letztlich ist der leidliche Vergleich zu True Detective eben nicht viel mehr als genau das, nämlich leidlich bemüht und deutlich zu kurz gegriffen, und wird La isla mínima kaum gerecht, hat dieser doch eher weniger seinen Krimiplot im Fokus als vielmehr seine unter der Oberfläche schwelende Aufarbeitung politischer Narben in der geschundenen Seele einer noch jungen Demokratie.

 

8 von 10 Gläsern Gin