Midsommar (2019)

6. Oktober 2019 at 13:31

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

I’m sure it was just a miscommunication.“

 

 

 

Eigentlich will Christian die Beziehung zu seiner Freundin Dani schon lange beenden. Doch als sie mit einer schrecklichen Tragödie in ihrer Familie konfrontiert wird, da lädt er sie stattdessen zu einem Trip nach Schweden ein, wo er zusammen mit seinen Freunden Josh und Mark die Familie ihres Komilitonen Pelle besuchen will, denn diese ist Teil einer sehr abgeschieden lebenden Kommune, die zum Midsommar ihr ganz eigenes Fest feiert.

 

Nach seinem Debüt Hereditary (2018) legt Regisseur Ari Aster nun mit Midsommar zügig nach und vermag erneut unter Beweis zu stellen, warum er als großer Hoffnungsträger gehandelt wird. Wo sein Erstling noch visuell eher düster und räumlich begrenzt daherkam, da ist Midsommar nun geradezu von Licht durchflutet und sehr offen gehalten, was der unangenehmen Grundstimmung jedoch keinesfalls schadet. Eher im Gegenteil, geht dadurch jegliches Zeitgefühl verloren, wenn Stunden und Tage zerdehnt regelrecht ineinander zerfließen und zunehmend Drogen induzierte Orientierungslosigkeit um sich greift. Midsommar ist in allen Belangen unfassbar gut inszeniert und handwerklich makellos, wenn Aster neben den offensichtlichen Merkwürdigkeiten immer wieder kleine Verschiebungen im sozialen Miteinander einwebt, auf die es gefühlt keine angemessene Reaktion zu geben scheint. Mitunter wirkt das schreiend komisch, doch das Lachen ist hilflos distanziert und bleibt einem immer auch irgendwie im Halse stecken ohne jemals ins Alberne abzugleiten.

 

Die Ausgangslage ist schnell klar, die Handlung relativ offensichtlich und groß verheimlicht wird hier gar nicht erst, so dass es eher die Psychen der Figuren und ihre sozialen Dynamiken sind, welche Aster auszuloten und zu sezieren gedenkt. Überhaupt kommt der wahre Horror hier erneut von Innen heraus: toxische Beziehungen, zerstörte Familien, emotionale Schieflagen und die Unfähigkeit zur Kommunikation rückt Aster immer wieder in den Fokus. Ihr Alltag ist bereits heillos aus den Fugen geraten und die Gefühlswelt von Dani – überragend glaubwürdig gespielt von Florence Pugh – ist ein absoluter Ausnahmezustand, den er auch ohne Einflüsse von Außen nahezu perfekt zu übertragen versteht und erfahrbar macht. Obwohl aufreizend ausschweifend und ganz bewusst langsam erzählt, entwickelt Midsommar eine enorme, beinahe schon rauschhafte und unterschwellig immerzu unheimlich bedrohliche Sogkraft und ungemein fesselnde Bilder zwischen Ekstase, Mystizismus und lädierten Psychen. All das und allem voran die fabelhafte, bildgewaltige und ausgesprochen präzise Inszenierung von Ari Aster macht Midsommar wie bereits Hereditary zu einer regelrechten Wohltat zwischen all dem Konserven-Horror dieser Zeit.

 

8,5 von 10 schrägen Ritualen im tiefsten Schweden