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Birdman

1. Februar 2015 at 20:55

 

 

Birdman (2014)
Birdman poster Rating: 8.3/10 (65,738 votes)
Director: Alejandro González Iñárritu
Writer: Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Armando Bo
Stars: Michael Keaton, Emma Stone, Kenny Chin, Jamahl Garrison-Lowe
Runtime: 119 min
Rated: R
Genre: Comedy, Drama
Released: 14 Nov 2014
Plot: A washed up actor, who once played an iconic superhero, battles his ego and attempts to recover his family, his career and himself in the days leading up to the opening of a Broadway play.

 

 

 

„Popularity is the slutty little cousin of prestige.”

 

 

 

Riggan Thomson ist ein in die Jahre gekommener Schauspieler, der seinem Ruhm von einst hinterher läuft. Früher einmal, vor 20 Jahren, da war er ein gefragter Mann und spielte den Superhelden Birdman. Jetzt ist er zunehmend verzweifelt, trauert alten Zeiten nach und will eigentlich nur noch einmal etwas auf die Beine stellen, das wirklich Bedeutung hat, etwas großes, etwas, das die Menschen bewegt und nicht in Vergessenheit gerät. Also setzt er sich zum Ziel ein ambitioniertes Theaterstück zu inszenieren, eine Adaption von Raymond Carvers Kurzgeschichte What We Talk About When We Talk About Love. Hinter den Kulissen allerdings geht alles schief, was irgendwie nur schief gehen kann. Es fehlt an allen Ecken und Enden Geld für die Inszenierung, seine männliche Hauptbesetzung fällt aus, der Ersatz ist ein unerträglich arrogantes Arschloch sondergleichen, seine anderen Schauspieler machen ihm das Leben schwer, Egos wollen gestreichelt werden, seine drogensüchtige Tochter ist auch keine sonderlich große Hilfe als Produktionsassistentin und sein Manager macht zunehmend Druck, denn der Abend der Premiere rückt gnadenlos näher und näher…

 

Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit. Irgendwie umschreibt das ganz hervorragend den Film, auch wenn ich gar nicht genau sagen kann, warum. Oder was es bedeuten soll. Natürlich geht es hauptsächlich um die Gefühlswelt von Riggan Thomson, um dessen innere Zerrissenheit zwischen Anspruch und Realität, zwischen Größenwahn und Bedeutungslosigkeit, doch zunehmend wird der Film zu einem Bühnenstück in einem Bühnenstück, das ein äußerst zynisches und bitterböses Bild vom Haifischbecken Broadway zeichnet und schonungslos die Mechanismen dieses Zirkus der Eitelkeiten, dieser seelenlosen Welt voller Lügen offenlegt. Schnell wird klar, dass Riggan Thomson nur einer von vielen Irren ist, die, statt zusammen zu arbeiten, permanent damit beschäftigt sind, die Hackordnung hinter den Kulissen auszufechten, sich und andere zu demütigen und ihre geschundenen Egos gnadenlos aufzublasen.

 

 

 

„A thing is a thing, not what is said of that thing.”

 

 

 

Weitaus interessanter als die recht einfach gehaltene Story, die Birdman erzählt, ist seine Inszenierung. Hier ist Regisseur Alejandro González Iñárritu ein absolutes Meisterstück gelungen. Nahezu der ganze Film ist als eine einzige, zweistündige Plansequenz angelegt. Es ensteht der Eindruck nur einer Linse, durch die der Zuschauer blickt, nur einer Kamera, die geschmeidig von der einen Szene in die nächste wandert, einer Kamera, die den Zuschauer, mal wild, mal hektisch, mal entspannt, durch die Kulissen hinüber zu den Darstellern trägt, die immer ganz nah dran ist am Geschehen und der nichts entgeht. Das Bild ist immer in Bewegung, folgt den Charakteren, flüchtet vor ihnen, wechselt wild die Perspektive, so gut wie nie hält es inne und vermittelt dem Zuschauer auf diesem Weg gekonnt, ein Teil des Ganzen zu sein und versinnbildlicht gleichzeitig die innere Unruhe und Getriebenheit der Figuren im Film. Das bedeutet natürlich nicht, das es keine Schnitte gibt, allerdings sind diese so geschickt platziert und verpackt, das sie dem Zuschauer kaum bis gar nicht auffallen, und man so immer weiter in diese skurrile, mit sehr eigenen Moralvorstellungen ausgestattete Welt hinein gezogen wird. Dadurch wirkt Birdman unglaublich authentisch, man ist so nah an den Darstellern dran, wie man es selten erlebt, nichts bleibt einem verborgen, jedes Detail ist erkennbar, jede noch so kleine Regung, jede Emotion und jede Handlung kommen voll zur Geltung. Ein weiterer Geniestreich in diesem Kontext ist der Soundtrack, dominiert hier doch überwiegend ein meist sehr unruhiges und treibendes Jazz-Schlagzeug, welches immer wieder gekonnt Situationen unterstreicht und hervorhebt. Einige Male wird der Drummer sogar einfach in den Film und die Kulissen mit eingebaut, was das bunte Treiben letztlich nur noch bizarrer erscheinen lässt, als es ohnehin schon ist.

 

 

 

„People, they love blood. They love action. Not this talky, depressing, philosophical bullshit.”

 

 

 

Als absolut genial erweist sich die Besetzung der Hauptrolle mit Michael Keaton. Der Mann spielt hemmungslos und völlig entfesselt, er wirkt derart authentisch verzweifelt, man könnte glauben, er SEI Riggan Thomson, die Figur scheint wie für ihn erschaffen worden zu sein, und er erfüllt sie mühelos mit Leben. Vielleicht steckt ja auch einiges von Michael Keaton selbst in Riggan Thomson, spielte er doch 1989 und 1992 unter der Regie von Tim Burton den dunklen Ritter in Batman und Batman Returns und verschwand danach mehr oder weniger von der Bildfläche. Birdman liest sich unter diesem Gesichtspunkt dann als Keaton´s What We Talk About When We Talk About Love, als Versuch, wieder etwas Bedeutsames zu schaffen, im Grunde nicht anders als Riggan Thomson. Ob ihm das gelungen ist, das lässt sich jetzt schon kaum sagen, das wird wohl nur die Zeit allein beantworten können. Ebenfalls herausragend aus dem ohnehin schon sehr guten Ensemble ist Edward Norton. Er spielt Mike Shiner, den gefeierten und talentierten Broadway-Star, der als Ersatz für die ausgefallene Hauptrolle an Bord kommt und dessen Mitwirken einen enormen Publikumsandrang verspricht, der charakterlich und menschlich aber auch ausgesprochen schwierig ist. Ganz ehrlich, Norton war noch nie so gut wie in Birdman, und der Mann hat ja durchaus einige beeindruckende Leistungen in seinem Lebenslauf. Sein Mike Shiner ist arrogant, selbstverliebt und über alle Maßen eitel, gleichzeitig aber auch völlig unberechenbar und geradezu manisch, versucht er doch zum Beispiel seine Partnerin in einer Bettszene auf der Bühne zu richtigem Geschlechtsverkehr vor Publikum zu nötigen. Ständig verwechselt er Kunst und Leben, Bühne und Wirklichkeit, und kann schon lange nicht mehr dazwischen unterscheiden. Bei ihm liegen Genie und Wahnsinn nicht bloß dicht beieinander, er vereint sie in seiner gestörten Persönlichkeit. Aber auch der Rest des Cast mit Naomi Watts als Co-Star mit Minderwertigkeitskomplex, Emma Stone (die einen so wahnsinnig guten Moment mit einem kleinen Monolog hat, dass man den Mund nicht mehr zubekommt vor lauter Staunen) als drogensüchtige Tochter von Thomson und Zach Galifianakis (der hier sehr nuanciert spielt und endgültig beweist, dass er mehr kann als Hangover-Nonsens) als dessen Manager ist fantastisch und es ist eine wahre Freude ihnen allen zuzuschauen.

 

Birdman ist Drama, tiefschwarze und bitterböse Komödie und die Ausleuchtung einer zerrissenen Künstlerseele gleichzeitig und dabei zu jeder Sekunde enorm unterhaltsam, trifft doch kluger Humor auf messerscharfe Dialoge. Der Film rechnet voller galligem und ätzendem Zynismus mit Hollywood, mit dem Theater, dem Broadway, ja, mit dem ganzen Showbusiness ab, und es kriegt in diesen 120 Minuten so ziemlich jeder sein Fett weg, von Robert Downey,jr. bis zu Justin Bieber. Ein Film über mediale Eintagsfliegen und wahre Ikonen, über Huldigung und Abgesang. Humor und Ernst, Hysterie und Paranoia, tragische Momente und Slapstick wechseln sich hier ständig ab und trotzdem gerät Birdman nie aus der Balance. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, muss man sich doch auf den Film und vor allem seine Art der Inszenierung einlassen, geschieht das aber, dann wird man mit einem nahezu unvergesslichen Erlebnis belohnt.

 

8 von 10 herabstürzenden Scheinwerfern

 

 

 

 

Zitat des Tages

30. Januar 2015 at 18:44

 

 

 

„You’re doing this because you’re scared to death, like the rest of us, that you don’t matter. And you know what? You’re right. You don’t. It’s not important. You’re not important. Get used to it.“

 

 

 

 

Captain America: The Winter Soldier

26. Januar 2015 at 16:00

 

 

Captain America: The Winter Soldier (2014)
Captain America: The Winter Soldier poster Rating: 7.8/10 (311,106 votes)
Director: Anthony Russo, Joe Russo
Writer: Christopher Markus (screenplay), Stephen McFeely (screenplay), Ed Brubaker (concept and story), Joe Simon (comic book), Jack Kirby (comic book)
Stars: Chris Evans, Samuel L. Jackson, Scarlett Johansson, Robert Redford
Runtime: 136 min
Rated: PG-13
Genre: Action, Adventure, Sci-Fi
Released: 04 Apr 2014
Plot: As Steve Rogers struggles to embrace his role in the modern world, he teams up with another super soldier, the black widow, to battle a new threat from old history: an assassin known as the Winter Soldier.

 

 

 

„People will fight for their freedom if people try to take it from them. But if you cause enough trouble, people will willingly give up their freedom for a more secure world.”

 

 

 

Captain America ist zurück aus seinem Jahrzehnte langen Kälteschlaf und er hat sichtlich damit zu kämpfen, sich in dieser schönen, neuen Welt zu Recht zu finden, er sucht seinen Platz und muss auch die jüngsten Ereignisse in New York (Stichwort: erster Avengers-Film) mit sich vereinbaren. Ehe er sich allerdings versieht, findet sich der wackere Kämpfer für das Gute auf der Welt als Mittelpunkt in einer politischen Intrige wieder, die scheinbar bis in die allerhöchsten Kreise reicht. Fortan befindet er sich auf der Flucht und versucht die Verschwörung aufzudecken, ohne zu wissen, wem er vertrauen kann und wem nicht, wer Freund ist und wer Feind.

 

So weit, so gut. Die Macher haben wirklich versucht, sich von dem üblichen, meist seelenlosen (bis auf ganz wenige Ausnahmen) Marvel-Mumpitz abzuheben, versuchen, etwas annähernd eigenständiges zu erschaffen, und über weite Strecken des Films gelingt es ihnen tatsächlich auch. Die dezente, wenn auch etwas oberflächliche Verlagerung der Story in Richtung klassischer Politthriller der 70er und 80er Jahre (ja, ihr habt richtig gelesen) kommt dem bunten Treiben sehr zu Gute, wirkt das Ganze dadurch doch deutlich düsterer und ernster. Auch schafft es der Film, die zu Grunde liegende Story gekonnt an unser heutiges Zeitgeschehen anzupassen, so sind doch Themen wie ständiges Ängste schüren, radikale Aufrüstung, die totale Überwachung oder der Verlust der Freiheit aktueller denn je. In diesem Kontext ist auch die Besetzung von Robert Redford ein wirklich gelungener Schachzug. Nicht nur, dass der Mann sichtlich Spaß an seiner Rolle hat, er bereichert eigentlich immer jeden Film durch seine Präsenz, so ist es vor allem sein Mitwirken in einigen der größten klassischen Politthrillern wie Die drei Tage des Condor oder Die Unbestechlichen, was das Vorhaben des Films noch ein bisschen mehr unterfüttert.

 

 

„I can bring order to the lives of seven billion people, by sacrificing twenty million. It’s the next step. If you have the courage to take it.”

 

 

Als erfrischend angenehm empfand ich es, dass man nicht der Versuchung erlegen ist, Captain Americas Kampf mit unserer modernen Zeit, seine innere Zerrissenheit, schamlos und permanent auszuschlachten. Vielmehr sind es meist nur dezente und ausgesprochen charmante Anspielungen und Verweise auf Dinge, die es vermeintlich nachzuholen gibt. Das sorgt für den einen oder anderen Schmunzler, aber die platten Schenkelklopfer bleiben glücklicherweise aus.

 

Spektakuläre Schauwerte gibt es natürlich zu Hauf und an jeder Ecke, Action und Bombast auf höchstem Niveau, schließlich ist das hier immer noch eine Marvelverfilmung. Der Film macht einiges richtig in meinen Augen, auch wenn gerade der Mittelteil deutliche Längen hat. Vor allem der grundlegende Ansatz, so etwas wie eine klassische Spionagegeschichte erzählen zu wollen, weiß zu gefallen, da hebt sich Captain America: The Winter Soldier angenehm von seines Gleichen ab. Das größte Problem ist allerdings, das sich der Film nicht traut, diesen roten Faden auch konsequent bis zum Schluss durchzuziehen, denn zum großen und spektakulären Finale hin ergeht man sich dann doch wieder nur in Kitsch und Pathos und macht zielstrebig kaputt, was vorher so mühsam aufgebaut wurde. Immerhin bleibt einem die sonst fast immer zu erwartende Patriotimus-Keule halbwegs erspart.

 

Über den Cast gibt es nicht viel zu sagen. Chris Evans, der in Snowpiercer noch so differenziert spielte, ist als Captain America erstaunlich blaß, Samuel L. Jackson als Nick Fury macht gewohnt Spaß, wirkt aber auch sehr routiniert und wenig enthusiastisch. Scarlett Johansson als Natasha Romanoff/Black Widow ist auch hier völlig unterfordert und Sebastian Stan als Winter Soldier und Anthony Mackie als Sam Wilson/Falcon wirken auf mich doch sehr beliebig und austauschbar, da bleibt nichts bei mir hängen. Einzig Robert Redford vermag dem Film mit seinem Schauspiel zumindest einen Hauch von Größe zu verleihen.

 

Unterm Strich bleibt dann trotz des Versuches, andere Wege zu beschreiten, doch wieder nur ein weiterer, auf spektakuläre Optik getrimmter Vertreter aus dem Marvel-Universum, dem seine Schauwerte wichtiger sind als die Geschichte dahinter. Das ist schade, denn eigentlich hätte die Story deutlich mehr Potential gehabt, man hätte sich nur trauen müssen, das auch konsequent umzusetzen. Dass eine ernstere, düstere und etwas realistischere Ausrichtung funktionieren kann, haben andere Filme des Genres ja schon mehrfach bewiesen.

 

 

7,5 von 10 kugelsicheren Schilden

 

 

Snowpiercer

24. Januar 2015 at 19:44

 

 

Snowpiercer (2013)
Snowpiercer poster Rating: 7.0/10 (104,058 votes)
Director: Joon-ho Bong
Writer: Joon-ho Bong (screenplay), Kelly Masterson (screenplay), Joon-ho Bong (screen story), Jacques Lob (based on Le Transperceneige by), Benjamin Legrand (based on Le Transperceneige by), Jean-Marc Rochette (based on Le Transperceneige by)
Stars: Chris Evans, Kang-ho Song, Ed Harris, John Hurt
Runtime: 126 min
Rated: R
Genre: Action, Sci-Fi, Thriller
Released: 11 Jul 2014
Plot: Set in a future where a failed climate-change experiment kills all life on the planet except for a lucky few who boarded the Snowpiercer, a train that travels around the globe, where a class system emerges.

 

 

 

„Have you ever been alone on this train? When was the last time you were alone? You can’t remember, can you? So please do. Take your time.”

 

 

 

Schon wieder eine Dystopie. Schon wieder ein endzeitliches Szenario. Schon wieder eine neue Eiszeit. Auch diese ist selbst verschuldet. Im Jahre 2031 leben die letzten noch verbliebenen Menschen in einem Zug. In einem Zug, der perpetuum mobile-artig wie von Geisterhand immer und immer wieder seine einsamen Kreise über die nahezu völlig unbewohnbare Erde zieht. Innerhalb dieses Zuges herrscht eine feste hierarchische Struktur, die Armen, der Pöbel, sie vegetieren unter den denkbar schlimmsten Bedingungen in den hintersten Wagons nur so vor sich hin, wohingegen die besser gestellten weiter vorne im Zug ihr prächtiges Leben genießen können… eine Revolution ist im Grunde vorprogrammiert, angeführt von Curtis, einem eher ambivalenten als moralisch aufrechten Charakter und vielmehr Held wider Willen.

 

Der Film und ich, wir haben eine gemeinsame Geschichte. Ich habe ihn im letzten Frühjahr mit einem guten Freund zusammen im Kino gesehen, unsere Erwartungshaltung an den Film war enorm. Natürlich konnte diese nicht oder nur kaum erfüllt werden, weshalb wir relativ enttäuscht den Kinosaal verließen, einig darüber, zwar einen guten Film gesehen zu haben, aber keineswegs das von uns erwartete Meisterwerk. Jetzt, nach neuerlicher Sichtung, muss ich zugeben: ich habe mich geirrt. Snowpiercer scheiterte schlicht und ergreifend an meiner Erwartungshaltung, er konnte dem gar nicht gerecht werden.

 

 

„The train ist he world. We the humanity.“

 

 

Snowpiercer ist das amerikanische Debut des koreanischen Regisseurs Bong Joon-Ho. Seine Adaption der französischen Graphic Novel Schneekreuzer von Jacques Lob und Jean-Marc Rochette beginnt als (Klima-)Katastrophenfilm, wandelt sich dann relativ schnell zum Actionthriller mit Klassenkampf-Dynamik, streift die Gefilde der Gesellschaftssatire und des absurden Theaters ehe sie sich als bitterer, aber nicht hoffnungsloser Blick in die menschliche Seele entpuppt. Klingt erstmal, als wäre der Film furchtbar überladen mit all seinen sich überschneidenden Thematiken und Ansätzen, ist er aber erstaunlicher Weise nicht, es gelingt ausgesprochen gut, all das miteinander zu vermengen.

 

Die Grundidee der Geschichte, die Ausgangslage, finde ich einfach nur grandios und sie funktioniert perfekt als Metapher auf unsere Existenz. Der ganze Film spielt nahezu vollständig nur in diesem Zug und dennoch gelingt es Bong Joon-Ho enorm viel Abwechslung aufzubringen. Das Setting ist aufgrund seiner räumlichen Begrenzung denkbar einfach, aber was der Film daraus macht, was er dort herauszuholen vermag, das ist enorm komplex, er erschafft auf aller kleinstem Raum seine ganz eigene, schillernde und enorm detailverliebte Welt. In seinem überschäumenden Ideenreichtum und seiner geradezu unglaublichen Fülle an Absurdität kann Snowpiercer es durchaus mit Genreklassikern wie Brazil aufnehmen. Zudem beweist der Regisseur ein ganz feines Gespür für das Erzähltempo in seiner Parabel, sein Timing ist fantastisch, nimmt er doch gern Wechsel der Perspektive vor, wenn man sie nicht unbedingt erwarten würde. Selbst im heftigsten Kampfgefecht drosselt Bong plötzlich und unerwartet das Tempo, spielt mit Licht und Schatten oder verlegt eine Kampfszene komplett ins Dunkle. Ähnlich originell inszenierte Actionszenen bietet der Film häufig, da wird viel mit der Erwartungshaltung des Zuschauers gespielt, sie wird gerne mal gnadenlos unterlaufen und der Betrachter unvermittelt aus dem Geschehen gerissen. Und wenn der wortlose Koloss Franco, gespielt von dem durchaus eindrucksvollen Vlad Ivanov, im minutenlangen Zweikampf bezwungen werden soll, dann ist das nicht nur mitreißend und spannend in Szene gesetzt, sondern illustriert auch die menschliche Fähigkeit zur Grausamkeit, gerade dann, wenn sie durch widrige Umstände erzwungen wird. Bong nutzt das Vergrößerungsglas der Science-Fiction-Handlung zu einer gnadenlosen Satire auf Gehirnwäsche, Gleichschaltung und Größenwahn und von da aus zu einem skeptischen und ausgesprochen zynischen Blick auf die menschliche Natur, was sich auch in der Entwicklung von Curtis widerspiegelt. Motivation und Vergangenheit des schweigsam-widerwilligen Rebellenführers werden mit jeder schwierigen Entscheidung klarer und gewinnen zusehends an Bedeutung, werden aber erst nach und nach enthüllt.

 

 

„I belong to the front. You belong to the tail. When the foot seeks the place of the head, the sacred line is crossed. Know your place. Keep your place. Be a shoe.“

 

 

Ein ganz besonderer Augenmerk liegt auf den Kulissen und der Ausstattung des Films, hier wurde mit viel Liebe zum Detail gearbeitet. Jeder einzelne Wagon, der auf dem Weg an die Spitze durchquert wird, jedes Abteil, ist ein kleines Meisterwerk in puncto Design und Ausstattung, von der schäbigen und dreckigen Enge der Armenquartiere am Ende des Zuges über ein bunt-fröhliches und gerade deswegen völlig deplatziert und surreal wirkendes Klassenzimmer, ein wunderschönes und nicht weniger bizarres Aquarium mit integrierter Sushi-Bar(!), ein Gewächshaus, einen dekadenten Nachtclub bis hin zur Spitze des Zuges, dem Zuhause des allmächtigen Wilford, gottgleich verehrt von den Zugbewohnern und scheinbar über jeden Zweifel erhaben, all das sprudelt nur so über vor absurden Ideen und Details, manchmal nur winzig klein, aber dennoch vorhanden, und immer eine Bereicherung.

 

Der Cast liest sich mit Namen wie Tilda Swinton, John Hurt oder Ed Harris nicht nur toll, er ist es auch. Das schauspielerische Niveau ist ausgesprochen hoch, nicht nur bei den drei genannten. Sogar Chris Evans, der in Actionfilmen ja eigentlich ganz gut funktioniert, spielt hier völlig überzeugend seine Figur des unfreiwilligen Revolutionsführers Curtis mit all ihren Facetten, zerrissen zwischen Zukunft und Vergangenheit, charismatisch genug, um Identifikationspotential zu haben, aber auch zwiespältig genug, um ihn nicht als strahlenden Helden zu etablieren. Eine durchaus beeindruckende Leistung, die ich so im Vorfeld nicht unbedingt erwartet hätte. Jamie Bell als „Zugbaby“ Edgar macht seine Arbeit gut, zumal seiner Figur in Hinsicht auf die Entwicklung von Curtis eine wichtige Rolle zukommt. John Hurt als Gilliam (eine Anspielung auf den Regisseur Terry Gilliam?) ist fast ein wenig verschenkt, hat seine Figur doch recht wenig screen time. Tilda Swinton und Ed Harris aber überragen in diesem Ensemble schlichtweg alle, so zynisch und menschenverachtend, so arrogant und angewidert, wie sie ihre Charaktere anlegen, das ist kaum in Worte zufassen und spottet jeder Beschreibung, das muss man erleben.

 

Natürlich hat Snowpiercer auch seine Schattenseiten, geizt der Film doch nicht mit Logiklöchern, da ist das Drehbuch stellenweise doch recht holprig und zeigt Verbesserungsbedarf, aber davon darf man sich nicht abschrecken lassen. Die Gesellschaftskritik selbst kommt vielleicht ein wenig mit dem Holzhammer daher, aber das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden, wie er das empfindet und was er damit anfängt. Am Ende wird man doch mit einem Film entlohnt, dem es gelingt, den nicht immer ganz leichten Spagat zwischen virtuos inszenierter Action und einer anspruchsvollen Story mit Gesellschaftskritik und stellenweise geradezu philosophischem Tiefgang nicht nur elegant hinzubekommen, er verpackt ihn auch noch in oftmals sehr surreal anmutende Absurditäten und spendiert dem Ganzen gelegentlich von tiefschwarzem Humor geprägte Szenen, die den Zuschauer immer wieder aus dem Rhythmus des Films reißen.

 

 

8 von 10 durchgeknallten Grundschullehrerinnen