Slow West

23. Januar 2016 at 17:37

 

 

© A24/Lionsgate UK

 

 

 

„That kid was a wonder. He saw things differently. To him, we were in a land of hope and good will.“

 

 

 

Der 16jährige Jay Cavendish hat seine Heimat Schottland verlassen um in Amerika nach seiner großen Liebe Rose zu suchen. Als er zufällig auf den erfahrenen und rauen Silas trifft, bietet er ihm Geld, um ihn für den Rest seiner Reise zu leiten und zu beschützen. Was Jay nicht ahnt: beide haben das gleiche Ziel, wenn auch Silas eine andere Motivation hat, denn auf Rose und ihren Vater ist ein Kopfgeld von 2000 Dollar wegen Mordes ausgesetzt, welches er nur zu gerne einstreichen würde. So machen sich die beiden auf den beschwerlichen Weg Richtung Westen….

 

Viele gute Beiträge zum Thema Western kamen in den letzten Jahren nicht aus Amerika, dem traditionellen Ursprung und Heimatland dieses Genre, sondern oft aus dem Ausland. The Salvation kam aus Dänemark, The Proposition aus Australien und Das finstere Tal gar aus Österreich. So ist es auch wenig verwunderlich, dass Slow West das Spielfilmdebüt des Briten John Maclean ist, der zwar bereits zwei Kurzfilme gedreht hat, ansonsten aber eher als Mitglied der Indieband The Beta Band bekannt ist, und in Neuseeland gedreht wurde. Ich muss zugeben, einen sehr seltsamen Neo-Western hat er da abgeliefert, vielleicht sogar einen der seltsamsten Western, die ich je gesehen habe, und das meine ich nicht im negativen Sinne. Oberflächlich betrachtet bedient sich Maclean für Slow West bei geradezu klassischen Erzählstrukturen des Western, angefangen bei den archetypischen Charakteren und deren Entwicklung über die Reise von A nach B mit klarem Ziel und allerhand Begegnungen und Hindernissen bis hin zum bleihaltigen Shootout im Finale. Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings schnell auf, das Maclean vielmehr mit all diesen Motiven und Mechanismen spielt, sie unterwandert und hin und wieder sogar regelrecht torpediert, indem er vielen Szenen einen bewusst eigenartig entrückten Impuls verleiht. Meist sind es Kleinigkeiten, die zunächst kaum auffallen, aber ein Gefühl der Irritation hinterlassen, manchmal aber auch ganz offensichtlich deplatzierte Szenen, die schon beinahe slapstickartigen Charakter haben oder wirken, als wären sie direkt einem Road Runner-Cartoon entsprungen. Maclean nutzt viele solcher kleinen kreativen Einfälle und inszenatorischen Kniffe und dekonstruiert so letztlich sogar das sonst sehr starre und unflexible Erzählmuster des klassischen amerikanischen Western. Insgesamt wirkt der Film dadurch seltsam verschoben und kippt immer mal wieder in geradezu traumhafte und eigenartig mystisch überhöhte Momente, die das erzählerische Korsett aufbrechen. Allein der Drehort Neuseeland trägt erheblich dazu bei, liefert er doch wunderschöne und entrückte Landschaftsaufnahmen, die aber alle nicht so recht zu einem klassischen Western passen wollen, zu farbenfroh präsentiert sich dort alles. Auch die Charakterzeichnung schlägt in eine ähnliche Kerbe, denn Jay und Silas könnten kaum unterschiedlicher sein und sich trotzdem ähneln. Jay ist ein hoffnungsloser Romantiker, ein Träumer, der planlos seiner großen Liebe hinterher reist, unbedarft, unschuldig und voller Naivität. Man wundert sich regelrecht darüber, wie der Junge allein überhaupt so weit kommen konnte, ohne sein vorzeitiges Ende zu finden. Eine Rolle, die Kodi Smit-McPhee hervorragend auszufüllen weiß. Ihm gegenüber steht der vom abermals tollen Michael Fassbender verkörperte Silas, ein abgeklärtes und erfahrenes Raubein, wortkarg und einsilbig, ein klassischer Western-Antiheld voller Zynismus, der hinter jedem Stein den nächsten Banditen vermutet und erst schießt und dann Fragen stellt oder lieber gleich nur schießt und gar keine Fragen stellt.

 

Trotz einer Laufzeit von nur 84 Minuten ist Slow West ausgesprochen bedächtig, aber auch durchgängig spannend erzählt, und seine auf grausame Art und Weise poetische Geschichte wird zu einer faszinierenden bis skurrilen Odyssee durch den Wilden Westen, die mit einem wirklich hervorragenden Rhythmus glänzen kann und mit ihrem bitteren und sehr zynischen Schluss ein Ende findet, welches sich ganz hervorragend in den hoffnungslosen Grundton des Films einfügt. Slow West ist ein seltsam entrückter Western und mutet zuweilen etwas unwirklich an, aber genau das macht seine Stärke und Faszination aus, und hat man es erst einmal durchschaut, dann macht es viel Spaß Maclean dabei zuzusehen, wie er grundlegende Mechanismen eines der wohl klassischsten Filmgenre überhaupt dekonstruiert, mit anderen Elementen anreichert und so etwas eigenwillig neues erschafft.

 

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