Spartan

24. September 2017 at 11:54

 

 

© Warner Bros.

 

 

 

„You had your whole life to prepare for this moment. Why aren’t you ready?“

 

 

 

Robert Scott ist der Mann, den die amerikanische Regierung als Problemlöser hinzuzieht, wenn alle anderen Optionen scheitern. Er macht die Schmutzarbeit, auf sich gestellt und weit jenseits legaler Grenzen. Als die Tochter des Präsidenten verschwindet ist er es, der sie wiederfinden soll. Die Spur führt zu einem arabischen Ring von Mädchenhändlern, die scheinbar gar nicht wissen, wer genau ihnen da in Fänge geraten ist. Die Zeit Spiel gegen Scott, er muss schnell und kompromisslos handeln, doch bald wird ihm klar, dass irgendetwas nicht stimmen kann.

 

Über Spartan reden bedeutet auch unweigerlich über seinen Regisseur und Drehbuchautor David Mamet zu sprechen. Mamet ist ohne jeden Zweifel einer der genialsten Köpfe unter den gefühlt unendlich vielen Drehbuchautoren dort draußen und noch vielen mehr, die gern welche sein würden. Als Autor zahlreicher Theaterstücke (von denen American Buffalo und Glengarry Glen Ross später auch verfilmt wurden) und Drehbücher für Filme wie Wenn der Postmann zweimal klingelt, The Verdict, The Untouchables, Auf Messers Schneide, Ronin, Wag the Dog und eben auch Spartan ist er bekannt für einen ganz eigenen sprachlichen Stil voller schneller, kraftvoller Dialoge, die eher selten einfach nur Informationen geben, sondern vielmehr Figuren charakterisieren und Atmosphäre erschaffen. Ausufernde Beschreibungen und ausgedehnte Erklärungen sucht man bei ihm vergeblich, er schreibt wahnsinnig präzise und pointiert und wirft nur zu gern ins kalte Wasser ohne sich groß mit Expositionen aufzuhalten. So beginnt Spartan mehr oder weniger unvermittelt in der Handlung, wenn Robert Scott bereits als Problemlöser hinzugezogen wird, doch was genau zuvor geschah, das muss man sich anhand des weiteren Storyverlaufs schon selbst zusammen reimen. So verschwendet Mamet in seinem Drehbuch nicht eine Sekunde dafür zu erklären, wer genau die entführte Laura Newton eigentlich ist und lässt nie explizit darauf hinweisen, dass sie die Tochter des Präsidenten ist, aber allein die Art, wie andere Figuren agieren und über sie sprechen macht es nur überdeutlich. Das mag ein wenig eigenartig anmuten in Anbetracht des Genres, welchem sich Spartan widmet, spielt dort doch meist eher Bewegung die Hauptrolle und nicht das gesprochene Wort, doch dieser Ansatz funktioniert in seinem speziellen Kontext ganz hervorragend. Bei näherer Betrachtung kommt man dann auch zu dem Schluss, dass gerade Mamets eigenwilliger Stil dazu beiträgt, aus seinem Film einen der ungewöhnlichsten und interessantesten Genrebeiträge der letzten Jahre zu machen, der seinem Genre durchaus sogar neue Impulse verleihen und frische Ideen mit auf den Weg geben kann. Eine besonders große Leistung in seiner Inszenierung ist es, wie geschickt es Mamet versteht dem Zuschauer entscheidende Informationen vorzuenthalten und präzise dosiert im Unklaren zu lassen, ohne dass man sich betrogen fühlt. Im Gegenteil, Spartan ist seinem Zuschauer selbst dann noch immer einen Schritt voraus, wenn man schon längst glaubt, den Plot durchschaut zu haben. Zudem unterscheidet sich Mamets Film wohltuend von so vielen seiner Genre-Brüder, wenn zur Abwechslung mal nicht jedes noch so kleine Detail auserzählt werden muss, Dinge auch mal unausgesprochen in Grauzonen bleiben dürfen und moralische Schattierungen außerhalb der üblichen Klischees zugelassen werden, welche durchaus auch ein wenig Denkvermögen einfordern.

 

Keine Frage, allzu leicht macht es David Mamet mit Spartan seinen Zuschauern nicht. Auch die Action selbst im Film ist zwar zweifellos ungemein effizient, zugleich aber auch angenehm zurückhaltend und hübsch geerdet im Vergleich zu manch anderem Actionthriller, kompetent inszeniert, spürbar druckvoll und trotzdem bodenständig. Robert Scott ist durch und durch Profi auf seinem Gebiet, aber er ist kein großer Denker und Entscheider, der strategische Pläne entwirft, er ist vielmehr ein Macher, der dorthin geht, wohin man ihn schickt, kaum mehr als eine weitere Schachfigur im Spiel viel mächtigerer Männer im Hintergrund. Sich selbst bezeichnet er mehrfach im Film als working bee, er sieht sich als Drohne, die präzise ihre Aufträge erfüllt. Ein Job, auf den er nicht stolz ist, aber einer, der erledigt werden muss und in dem er verdammt gut ist. Scott ist kein Held und erst recht kein Sympathieträger: er tut was nötig ist, wendet Gewalt an um Geständnisse aus Kollegen zu pressen, einem Verdächtigen bricht er ohne mit der Wimper zu zucken erstmal den Arm und befragt ihn erst dann, einen Mord nimmt er eiskalt in Kauf, um sich das Vertrauen eines weiteren Verdächtigen zu erschleichen. Was er tut zu hinterfragen, das beginnt er erst, als er sich plötzlich inmitten eines Netzes aus Lügen und Intrigen wiederfindet und auf der falschen Seite steht. Spartan wirft einen durchaus unangenehmen Blick auf die Arbeit diverser Geheimdienste und deren Akteure, denn glorifiziert wird hier gar nichts und es wird auch mehr als nur deutlich, welchen Wert selbst die besten unter ihnen noch haben, wenn sie den Strippenziehern im Weg stehen.

 

Viel zu oft kommt Spartan einfach völlig zu Unrecht sehr schlecht weg, egal, ob auf Seiten der Kritiker oder des Publikums. Es ist wahnsinnig schade, dass David Mamets Film so sträflich unterbewertet wird, hat er doch so manches zu bieten, was ihn erfrischend abhebt vom sonst so oft üblichen Genre-Einerlei. Das Drehbuch ist intelligenter geschrieben, als man auf den ersten Blick vermuten würde und serviert dem Zuschauer nicht jedes kleine Fitzelchen mundgerecht auf dem Silbertablett, behält aber gleichzeitig wichtige Informationen so geschickt für sich, dass man sich nicht beleidigt fühlt, und platziert seine Wendungen im Storyverlauf sehr punktgenau. Spartan ist einer der vielleicht maßlos unterschätztesten und verkanntesten Filme überhaupt und das ist verdammt schade. Wenn man einen geradlinigen wie schnörkellosen Actionkracher sucht, dann ist man mit Spartan sicherlich falsch beraten, denn dem üblichen Genre-Größenwahn verweigert sich der Film und punktet lieber an anderen Stellen. Und Robert Scott würde mit Jack Reacher und Konsorten den Boden wischen.

 

8 von 10 bewusst in Kauf genommenen Kollateralschäden